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Andreas Kempf 03.11.2016

Die Erfolgsgeschichte der WG-Läufer

Seinen Anfang nahm alles 2010 mit einer Idee in einem Trainingslager in Südspanien. Und diese ging folgendermassen: Die Harmonie und der gute Spirit in diesem Lager, sowohl in den Laufschuhen als auch neben den Trainingseinheiten, wollten ein Berner, ein St. Galler und ein Freiburger unbedingt in den Alltag übertragen. Nur mit guten Trainingspartnern und einem High-Performance-Lifestyle würden Adrian Lehmann, Christopher Gmür und ich es schaffen, eines Tages in neue Dimensionen vorzudringen und auch international starten zu können. Ganz nach dem Motto: Auch wenn wir mit dem Fokus auf den Sport vermutlich nicht reich werden, so werden wir zumindest reich an Erfahrungen. 2012 setzten wir diese Idee in die Tat um und bezogen im Berner Liebefeld, gleich oberhalb des Stadions, eine 4,5-Zimmer-Wohnung. So wurden aus Teilzeit-Trainingspartnern Vollzeit-Kollegen und Mitbewohner.
Was seither geschah, ist schlicht fantastisch: Jeder von uns entwickelte sich sportlich enorm weiter. Bestzeiten purzelten und im Langstreckenlauf stiegen wir zu den besten des Landes auf. Seit dem Beginn der Wohngemeinschaft kamen ein Dutzend Medaillen an Schweizer Meisterschaften (Strasse/Bahn/Cross) zusammen. In der Schweizer Bestenliste 2013 über 5000 Meter belegten wir geschlossen die Ränge eins bis drei. Lokale und nationale Medien berichteten über die sogenannte «schnellste Läufer-WG der Schweiz». Auch international durften wir immer wieder an Wettkämpfen für die Nationalmannschaft oder die Schweizer Armee teilnehmen. Unbestrittenes Highlight ist jedoch die Team-Goldmedaille im Halbmarathon, die Adrian und ich an den Leichtathletik-Europameisterschaften dieses Jahres in Amsterdam gewannen. Auch der Dritte im Bunde, Chrigi, war als Teil des Medien- und Kommunikationsteams von Swiss Athletics in der niederländischen Hauptstadt hautnah dabei. Diese unvergesslichen Emotionen, die wir drei dort erleben durften, sind unbezahlbar und machen Lust auf noch mehr.
Es braucht im Sport sicherlich Glück und Talent, um Erfolge zu feiern. Aber mit professionellen Strukturen, genügend Unterstützung des Umfelds, der nötigen Disziplin sowie einem unabdingbaren Willen lässt sich so mancher Traum realisieren. Deshalb empfehle ich jedem motivierten Nachwuchssportler, den Schritt in Richtung Leistungssport zu wagen. Und habt Ideen sowie den Mut dazu, diese umzusetzen!

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf (27) hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat im Sommer an der Leichtathletik-EM in Amsterdam mit der Schweiz Team-Gold gewonnen.

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Martin Schick 20.10.2016

Ode an den Schwarzsee

Der nachfolgende Text ist eine freie Anpassung von Thomas Dylans «Unter dem Milchwald» an die lokalen Verhältnisse (gekürzt!)

Anfangen, da wo’s aufhört.

Und es wird Nacht im herbstigen schlummerigen Schlund, wo der von bunten Bäumen und Häusern umringt still stehende See immer dunkler bis endlich schwarz wird, wo die letzten noch nicht genug gemästeten Rinder auf ihren Kuhglocken spielen, wo das Wasser aus den hintersten Ritzen spritzt und der Kies fies den Bootssteg umrieselt. Letzte ungebremste Kinder rodeln jodelnd laut, passend zum Radio der vom Sommer mitgenommenen Bauern, die auf japanischen Motoren den heillosen Hang hoch noch ein letztes Mal ihre leeren Milchkannen karren.

Es wird Nacht im bald schwindenden, immer noch saftigen Grün, wo die letzten vierradgetriebenen Bierliebhaber illegal den steilen Weg herunter rollen. Die Sesselbahnbänke beeilen sich zum einseitigen Einreihen, so als teilten sie sich die Freude auf den Feierabend mit den unlängst am Knopf verweilenden Betreibern.

Nur das Luxushotel leistet sich Lichter, und der Nachtklub bleibt stumm wegen hellhörigen Hotelbesuchern oder den abwesenden Mädchen, was weiss man wieso, und so tropft der Hopfen vom Zapfhahn in Sehnsucht auf durstige Militärverweigerer, die stattdessen etwas benebelt den geteerten Weg entlang gehen oder in abgelegener Freinatur ihre Kleider ablegen, ganz gern gesehen im Fernglas vermeintlich verlassener Terrassen und deren Besitzerinnen.

Es wird Nacht im tourismusumworbenen Tal, wo auf seine eigene Art alles allen gehört, wo Gastarbeiterinnen aus ferneren Ländern in traditionellen Trachten der Nachbarnation ihre prallen Portemonnaies leeren und über die Reden der rüstigen Rentner sinnieren. Der Mond steigt hoch, und herunter rollen vierradgetriebene Bierliebhaber und stöckeln nun immer schneller die letzten naturhungrigen Städter und bringen ihre vom Trampeln auf afrikanischen Gesteinsplatten übersäuerten müden Muskeln ins saubere Auto oder in den für seine Leere scheinbar zu grossen Bus und fahren das gepflückte Alpenglück hinunter in ihre wohligen Wohnzimmer.

Nun ist es still auf dem an subventionierten Bänken entlang gehenden Weg, wo soeben noch die in nationalen Magazinen geworbenen Horden auf das erwartet Wilde starrten. Dabei ist alles geordnet und registriert, der Naturschutz kennt jeden Baum und Haufen aus Stein, was zu viel ist, schiessen die Jäger, wenn nicht darüber hinaus. Hier und da bimmelt noch ein weidendes wunderlich weises Wesen, Ausschau haltend, ob nicht doch irgendetwas dieses nächtliche Nichts durchbricht.

Derweil träumt Einer oder eine Andere von der Eisenbahn, dem Dampfbad, einem Tunnel in noch so ein Tal oder wälzt sich im Traum mit den Mühlen für Elektrizität, stellt das Licht nochmals an, kaum sichtbar von fern in dem nun nächtlichen und immer verlegener werdenden schon schläfrigen Schlund.

Ganz und gar leer steht nun der prächtige Parkplatz und wartet auf die wiederum Ersten, die ihre Senkel schnüren und ein für längere Zeit vielleicht letztes Mal mühelos losmarschieren, um sich das Eigene noch einmal in Klein von oben zu loben.

 

Martin Schick

ist Theater- und Filmschauspieler. Er wuchs in Tafers auf und lebt derzeit hauptsächlich in Berlin. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das regel mässig frei gewählte Themen bearbeitet.

 

«Der Nachtklub bleibt stumm wegen hellhörigen Hotelbesuchern oder abwesenden Mädchen.»

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Beat Brülhart 13.10.2016

Alles ist zu haben

Was man nicht alles kaufen kann. Auch Freiheit, Männlichkeit, Spontaneität, Coolness, Individualität? No Problem. Alles ist zu haben. Zwar nicht direkt, aber indirekt, grenzenlos. Nicht lang ist’s her, da kauften sich Massen ihre Freiheit mit Marlboros. Seit der Mainstream glaubt, dass es besser ist, ohne Raucherlunge zu sterben, ist fertig mit gekaufter Lagerfeuerromantik. Dafür boomt der Dauerbrenner Jeans weiter. Diese Arbeitshose mit einem Hauch von Abenteuer, blauem Dunst, Verruchtheit und Biederkeit hat es zum grössten Massenprodukt der Welt geschafft. Dabei glauben die Träger erst noch, mit Jeans am Hintern den unkonventionellen Individualisten zu markieren. Jahrelang forschten Chemiker mühsam nach einem Rezept, um die Indigo-Farbe sonnenresistent zumachen. Als sie endlich fündig wurden, war die vorfabrizierte Abnutzung bereits Kult. Stonewashed Jeans, der Renner. Hundertmal zusammen mit Steinen geschleudert für Käufer, die nur den Schongang kennen, veredeln sie den Allerwertesten der solariumgebräunten Träger und erwecken den Eindruck, als hätten diese nur unter Todesgefahr die Wüste Gobi überlebt. Aber plötzlich war auch das nicht mehr kultig genug, und unterbezahlte Asiaten mussten Risse in die Hosen machen, damit diese an Profijugendliche, Pseudoabenteurer und vollintegrierte Alternative verkauft werden können. Denn die kommen ja gar nicht mehr dazu, so zu leben, dass Jeans von selber reissen.

Von wegen Kleidung: Total «in» sind Anzüge mit zu kurzen Jacken und stummeligen, ofenrohrartigen Hosenbeinen. Bevorzugt von Jungbankern und Versicherungsleuten, in Dunkel getragen, sollen sie den Eindruck von Cleverness und Smartheit erwecken, derweil ihre Träger aussehen wie an einem unsichtbaren Bügel aufgehängte Musterschüler.

Zu trendigen Kleidern gehört natürlich auch die richtige Frisur. Strong Gels gibt’s schon eine Zeit lang. Dank High-Tech-Molekular-Technik kann man jetzt dauerhaft wahlweise aussehen, als käme man direkt aus dem Bett oder als hätte man morgens den Finger in den Stecker gesteckt. Man muss nur eine Stunde früher aufstehen, im Bad mit überrissen teuren Produkten hantieren, um den ganzen Tag so auszusehen wie man ausgesehen hat, als man aus dem Bett gekrochen kam. Coolness pur.

Und seit es SUVs gibt, gibt’s auch dreckigen Schlamm aus der Sprühdose. SUVs, Sport Utility Vehicles, das sind jene Geländewagenplagiate, die zwar wesentlich kleiner sind, aber mit ihrem hohen Kühler als Kinderkiller einen etwas schlechten Ruf geniessen. Bevorzugt benutzt werden sie von sicherheitsbedürftigen Eltern, um damit ihre Darlinge in die Schule zu karren oder die Einkäufe sicher nach Hause zu kutschieren. Das einzig Abenteuerliche, was diese Wagen erleben, ist die Fahrt auf dem kiesigen Zufahrtsweg zur Garage. Und damit der Göttergatte am Samstag wenigstens etwas Männlichkeit verbreiten kann, wird das Gefährt mit ein paar Spritzern Schlamm aus der Dose (Spray on mud) versehen, und schon ist die Männlichkeit und grosse Freiheit perfekt.

Nicht zu vergessen die Masse Flachlandalpinisten, die jeden Morgen und Abend die Bahnhöfe bevölkert. In Anzug und weissem Hemd ohne Krawatte und einem grauschwarzen Rucksack am Rücken, mit der obligaten Halbliterflasche Mineralwasser ohne Kohlensäure in der Aussentasche, hetzen sie auf den Perrons ihrem Zug entgegen und markieren den lässig fortschrittlichen Managertypen.

Ob diese merkwürdigen Massenverhaltensweisen eher dem Herdentrieb des Homo sapiens oder der Cleverness von Marketingleuten zuzuschreiben sind, ist offen. Aber es könnte auch sein, dass jener Biologe richtig liegt, der kürzlich sagte: «Eine Gehirnwindung weniger und wir gehen auf allen Vieren.»

 

 

 

Beat Brülhart

wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer/-Coach für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Susi Fux 29.09.2016

Warten – eine Lebenskompetenz

Warten, bis der Wecker läutet – noch dem Traum nachhängen. Warten, bis die Kaffeetasse voll ist – den Ablauf des Tages durchgehen. Warten vor der Barriere – wer ist auch unterwegs. Warten, bis der Zug abfährt – hoffentlich ohne Verspätung. Warten, bis ich ankomme – noch träumen, wach werden, vorbereiten. Warten, bis die Tür aufgeht – wer kommt wohl? Warten, bis die Veranstaltung anfängt – sich konzentrieren und das leichte, nervöse Kribbeln im Bauch geniessen. Warten auf eine Antwort – nicht zappelig werden, die Zeit aushalten. Warten, bis alle weg sind – noch letzte Fragen beantworten. Warten auf neue Ideen – nicht verzweifeln, sie kommen immer. Warten, bis die Farbe trocken ist – das Endergebnis nicht aus den Augen verlieren. Warten, bis der Film anfängt – noch schwatzen und rascheln. Warten, bis das neue Buch erscheint – Tage abhäkeln. Warten, dass der Schmerz vergeht – was kann ich noch dagegen tun? Warten auf einen Anruf – selber anrufen. Warten auf Besuch – ist alles vorbereitet? Warten auf ein Zeichen – heute lässt es sich Zeit. Warten auf den Briefträger – er kommt immer spät, auch wenn er früh dran ist. Warten auf das Baby – etwas für das Kleine stricken? Warten, bis der Wutanfall vorbei ist – Nerven behalten. Warten auf Regen – Wasser schleppen. Warten, wann kommt der Sommer – nicht verzweifeln, an ihn glauben. Warten auf die Ferien – passende Bücher lesen. Warten aufs Braunwerden – nicht zu lange in der Sonne liegen. Warten im Flughafen – total langweilig, also Leute beobachten. Warten auf das Fest – viel, viel, viel vorbereiten und sich total freuen. Warten, bis der Kuchen gebacken ist – den Duft geniessen. Warten auf mehr – mehr was? Mehr, muss das sein? Warten, um sich Gehör zu verschaffen – lauter, poltriger, frecher werden? Warten auf vernünftige Politiker – ein Wunschtraum? Warten auf die Tagesschau – nein danke, heute nicht. Warten auf bessere Zeiten – das Heute und Jetzt selber gut und freundlich gestalten. Warten, dass der graue Tag vergeht – was lief schief? Warten auf Anerkennung – was habe ich dafür getan? Warten, dass die Zeit vergeht – bin ich alt? Warten auf ein Wunder – bin ich naiv? Warten auf das Ende – das Leben geniessen. Warten …

Susi Fux-Löpfe ist ausgebildete Kindergärtnerin und betreibt seit 1985 das Figurentheater Susi Fux mit einem Repertoire aus selbst erfundenen, kindernahen Mundart-Geschichten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Boris Boller 22.09.2016

Englisch als Schweizer lingua franca?

Allgemeiner Zustimmung erfreut sich die Meinung, dass die Schule zu wichtig sei, um in die Niederungen der politischen Machtkämpfe gezogen zu werden. In der Realität gilt allerdings das Gegenteil; nicht zuletzt weil sich die Schule wie sonst nur wenig dazu eignet, Welt- und Menschenbilder in die Praxis umzusetzen. War bereits die Einführung der obligatorischen Volksschule vor rund 150 Jahren von grundsätzlichen Kontroversen begleitet, so blieb auch Form und Inhalt der Schule in an- und abschwellender Intensität Gegenstand der politischen Auseinandersetzung. Gegenwärtig, so macht es den Eindruck, ist sie wieder im Anschwellen begriffen. Dies gilt umso mehr, als dass sich viele Diskussionsteilnehmer nunmehr als Experten zu verstehen geben, die ausnahmslos auf ihren mehrjährigen Schulbesuch verweisen können.

Neben den Harmonisierungsbestrebungen zwischen den kantonalen Schulwesen, betrifft dies seit Beginn des Jahrtausends vor allem den Fremdsprachenunterricht. Hier beteiligen sich Bund, Kantone, Parteien, Verbände der Lehrerschaft, Wirtschaftsverbände, Opfer nicht durchwegs optimaler Sprachlehrer und Sprachlehrmittel und viele weitere Interessengruppen an der Diskussion. Die Argumentation dreht sich dabei schwergewichtig um Fragen wie nationaler Zusammenhalt, kantonaler Schulhoheit, «was soll’s?», wirtschaftlicher Notwendigkeiten oder sprachregionaler Empfindlichkeiten unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Interpretationen und selektiver Instrumentalisierungen wissenschaftlicher Studien jeweils unterschiedlicher Reichweite.

Andere wiederum spekulieren über den Zustand der Welt in näherer oder fernerer Zukunft. Einer linguistisch-ökonomischen Avantgarde etwa erscheinen diese Kontroversen höchst unzeitgemäss: Da mittelfristig sowohl Deutsch als auch Französisch dem Untergang geweiht seien, wäre es doch nur effizient in einem ersten Schritt auf den jeweiligen obligatorischen Unterricht als Fremdsprache zu verzichten und zwischen den Sprachgruppen auf Englisch zu kommunizieren und dies sowohl geschäftlich als auch privat – wie etwa im wirtschaftlich erfolgreichen Singapur. Dies wird denn auch als guteidgenössischer Kompromiss dargestellt; niemand hätte damit den Vorteil, in der eigenen Muttersprache verhandeln zu können und das Gegenüber auf unvertrautem Sprachterrain über den Tisch zu ziehen. Ein faires Treffen in der Mitte also? Zwar lässt sich Nähe und Distanz von Sprachen kaum exakt berechnen und Englisch weist eine grosse Zahl von Begriffen französischen Ursprungs auf. Dennoch gehört Englisch, ebenso wie Deutsch, zum germanischen Sprachzweig und Französisch zum romanischen. Das bedeutet weiter, dass – sofern die Muttersprachen nicht mitabgeschafft werden – sich innerhalb der Schweiz mindestens drei Varianten des Englischen entwickeln würden. Mit allen ihren Abweichungen vom Standardenglisch, was wiederum dem vorgeblichen Ziel der Verständigung zwischen den Sprachgruppen nicht richtig dienlich erscheint.

Dies spricht natürlich nicht gegen ein solides Erlernen des Englischen, aber ebenso wenig gegen den Unterricht in Deutsch beziehungsweise Französisch in der Volksschule. Gerade in Freiburg wirkt obiges Szenario bis auf weiteres eher befremdend. Sicher aber sollten die Verfechter von Englisch als fünfter Landessprache beziehungsweise als einzig unabdingbarer Fremdsprache noch etwas an ihrer Argumentation arbeiten.

 

Boris Boller

ist im Thurgau geboren, besuchte Schulen in Bern und lebt heute in Freiburg. Er studierte und arbeitete an deutsch- und französischsprachigen Abteilungen der Universität und überquert für die Arbeit zurzeit praktisch täglich die Sprachgrenze. Boris Boller ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet.

 

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Raphael Waeber 15.09.2016

Alles chinesisch oder was?

Alleine im Jahr 2016 haben chinesische Unternehmen (zum Teil vom Staat subventionierte Firmen) acht Schweizer Firmen übernommen oder entsprechende Übernahme-Angebote platziert. Im europäischen Raum waren es weitere sieben Firmen, selbst wenn man nur die grössten Übernahmen mit mehr als einer Milliarde Euro Transaktionswert berücksichtigt. Mit Sicherheit die grösste Übernahme einer Schweizer Firma in diesem Jahr, die nach dem Einverständnis der US-Behörden wohl Tatsache werden wird, ist der Kauf von Syngenta durch die China National Chemical Corp. mit einem Wert von rund 44 Milliarden Franken. Es geht hier primär nicht um den Wert der Transaktion, sondern um das Know-how und die Technologie, die wir aus der Schweiz und aus ganz Europa an die Chinesen verkaufen. Ein Beispiel ist das Schweizer Traditionsunternehmen Sigg, von dem vermutlich in fast jedem Schweizer Haushalt eine Trinkflasche steht. Ein anderes Beispiel ist die Gategroup Holding, die weltweit zu den führenden Airline-Verpflegungs-Gesellschaften gehört und die 2016 an HNA verkauft wurde. 2015 kaufte dieselbe HNA bereits die Swissport (Flughafen-Logistik) und übernahm 80 Prozent der SR Technics (Flugzeug-Wartung).

Nebst dem Verlust von Know-how und der Abwanderung von Technologien kommt langfristig wohl ein noch viel wichtigerer Aspekt zum Tragen. Es ist die Wettbewerbsverzerrung, die entsteht, wenn staatliche Firmen, wie etwa die China National Chemical Corp, welche die Syngenta übernehmen will, in bestimmten Segmenten auftreten. Dies führt mittelfristig zu einer stark politisch geprägten Wirtschaft, die nichts mehr mit dem zu tun hat, was wir unter freier Marktwirtschaft verstehen. Der chinesische Staat hat schon vor Jahrzehnten begonnen, weltweit fast sämtliche Abbaugebiete mit sogenannt Seltenen Erden zu kontrollieren oder zu kaufen. Dabei besitzt er bereits im eigenen Land immense Vorkommen dieser Metalle. 2014 hat man geschätzt, dass China rund 97,5 Prozent der weltweiten Produktion beherrschte. Die Seltenen Erden werden in der Produktion von vielen Schlüsseltechnologien wie zum Beispiel Handys, LED-Bildschirmen, Akkus, Elektromotoren und anderen Elektronikbauteilen zwingend benötigt. Daraus entsteht aus meiner Sicht eine weitere sehr gefährliche Abhängigkeit vom Reich der Mitte. Als wäre das alles nicht schon genug, realisiert China in Bagamoyo, Tansania, einen riesigen Tiefseehafen, wohl den grössten auf der Welt. Chinesische Konzerne bauen in Kenia eine Eisenbahnstrecke, die von der Hafenstadt Mombasa über Nairobi, durch Uganda und Ruanda bis nach Burundi führen soll. China hat schon lange den enormen Wert des afrikanischen Kontinentes erkannt und kauft sich nach und nach systematisch die gesamte Macht in Afrika.

Mir persönlich bereitet die Entwicklung der letzten Jahre grosse Sorgen, ja, sie macht mir manchmal sogar Angst. In Europa befassen wir uns mit dem Brexit, diskutieren, ob die EU gut oder schlecht ist und wie wir die bilateralen Verträge weiter sichern können. Wir nehmen nicht wahr, dass uns China möglicherweise in 20 Jahren vollständig kontrollieren wird, wenn wir in Europa nicht massiv Gegensteuer geben.

Ich wünschte mir ein viel geeinteres Europa inklusive Schweiz und Verwaltungsräten, so dass solche Verkäufe viel stärker mit dem Fokus auf die Zukunft für Europa bewertet würden. Damit könnten wir einen starken Gegenpol zu den Weltmächten USA und vor allem China aufbauen. Sogar Bundesrat Johann Schneider-Ammann findet das Übernahmeangebot für die Sygenta «einen guten Deal», obwohl Aussagen wie «der Hauptsitz bleibt sicher noch fünf Jahre in Basel» gemacht wurden. Und dann? Unsere Urenkel werden wohl nebst Französisch und Englisch auch noch Chinesisch lernen müssen.

 

 

Raphael Waeber

ist Geschäftsführer im Familienunternehmen Westiform AG in Niederwangen, das im Bereich der visuellen Kommunikation tätig ist. Westiform beschäftigt in der Schweiz 150 Mitarbeitende und weltweit mit den Schwestergesellschaften rund 400 Angestellte. Er ist in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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Bruno Knutti 08.09.2016

Olympische Spiele – Quo vadis?

Bereits als kleiner Junge verfolgte ich in den 1970er-Jahren sämtliche Olympischen Spiele vor dem Fernseher und wurde vom Virus infiziert. In den 1980er-Jahren versuchte ich, ob es mir als Athlet gelingen könnte, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Etwas zu wenig Talent, ein bisschen zu wenig Power, etwas zu klein in meiner Sportart, dem Zehnkampf in der Leichtathletik, daran scheiterte ich. Also entschloss ich mich für ein Sportstudium und mich zum Trainer ausbilden zu lassen, um so meinen Traum zu realisieren und einmal bei Olympischen Spielen dabei zu sein. Schauen Sie sich den Film über den Skispringer «Eddie the Eagle» an, dann verstehen Sie, was ich meine – pure Vision, Leidenschaft, den persönlichen Traum kontinuierlich und hartnäckig verfolgend, ganz nach dem Motto «Alles ist möglich, wenn man will!». Und siehe da – es funktioniert.

Von 1992 bis heute hatte ich an allen Olympischen oder Paralympischen Spielen, egal ob Sommer oder Winter, Athletinnen oder Athleten dabei. darauf bin ich stolz. Dies ist einer meiner Leistungsausweise und zeigt auf, dass die Trainerbildung in der Schweiz bestens funktioniert und wenn man mit Konsequenz und Beharrlichkeit einen Plan verfolgt, dass es meistens klappt. Eigenes Schaffen bewährt sich. Selbst darf ich mich aber erst seit 2008 Olympiateilnehmer nennen. Damals war ich das erste Mal offiziell in der Delegation dabei und gehöre nach 16 Jahren erfolgreicher Arbeit auch der sogenannten «olympischen Familie» an. Es brauchte viel Geduld und Durchhaltewillen den Traum zu verfolgen und zu realisieren.

 Als «Hardcore Olympionike», wie ich mich selber bezeichne, mache ich mir aber grosse Sorgen um diese «olympische Familie». Leere Stadien, unverständliche Selektionsentscheide und Ausschlüsse, Umsiedelungen der Landeseinwohner, gigantische Stadien ohne weitere Nutzung, Auswahl der Sportarten und die Selektion derer, welche im TV gezeigt werden, Korruption, Manipulation sind weitere Schlagworte–quo vadis, «olympische Familie»?

Ich denke, dass es an der Zeit ist, mit einem Umdenken zu beginnen, bevor wir uns dieser tollen Faszination, welche die Olympischen Spiele darstellen, berauben. Die Funktionäre müssen wieder einen Schritt auf den Sport zu machen. Eigeninteressen und wirtschaftliche Verknüpfungen müssen in den Hintergrund treten. Vielleicht etwas «abspecken», etwas einfacher und schlichter, dafür mit und bei den Leuten. Momentan scheint der Sport nur noch Mittel zum Zweck. Im Zentrum stehen wirtschaftliche, politische und andere Machtbedürfnisse. Doch ist dies das Ziel der olympischen Bewegung? Pierre de Coubertin stellte den Sport ins Zentrum und forderte: «Damit 100 ihren Körper bilden, ist es nötig, dass 50 Sport treiben. Und damit 50 Sport treiben, ist es nötig, dass sich 20 spezialisieren. Damit sich aber 20 spezialisieren, ist es nötig, dass fünf zu überragenden Gipfelleistungen fähig sind.» Und genau diese Gipfelleistungen stellen die Faszination dar. Diese Athletinnen und Athleten haben unsere Ehre, volle Stadien, jubelnde Zuschauer und eine gebührende Kulisse verdient. Es sind viele Entbehrungen, unzählige und zum Teil überaus harte Trainings nötig, damit man einmal in vier Jahren für zwei Wochen im Zentrum stehen darf.

Die Nachfolger von Pierre de Coubertin sollten dies auch wieder tun, den Sport, die Athleten ins Zentrum stellen. Damit wir zu Hause die unglaublichen Emotionen miterleben dürfen, sei es bei Heidi «National» Diethelm, Fabian Cancellara, Giulia Steingruber, den Ruderern, Nicola Spirig, Nino Schurter oder den Beachvolleyballerinnen Nadine Zumkehr und Jo Heidrich, welche ich während vier Jahren athletisch auf diese Spiele vorbereiten durfte. Die Spielerinnen waren sehr, sehr nahe an der Überraschung. Diese Emotionen, diese Leistungen sollten wir wieder vermehrt unterstützen, ehren und würdigen. Die olympische Idee verkörpert viel mehr als Sponsoren respektive Wirtschaftsinteressen. Viel mehr kommen mir Werte in den Sinn wie Bewegungs-, Menschen-, Kultur- und Glaubensvielfalt.

Sind nicht dies die Grundüberlegungen der Olympischen Spiele? Alle vier Jahre sollen sich die besten Sportler, aus den vielfältigsten Sportarten, aus allen Ländern der Erde treffen und den besten als Olympiasieger krönen. Eine Regel in der Frühzeit war übrigens auch, dass während der Olympischen Spiele keine Kriege geführt werden durften ... Diese ursprünglichen Grundgedanken waren hervorragend.

Olympische Spiele–quo vadis?

Bruno Knuttiist eidg. dipl. Sportlehrer und Trainer Swiss Olympic I. Seit unzähligen Jahren ist der Freiburger Konditionstrainer bei Gottéron und er betreute Athleten wie David Aebischer, Martin Gerber, Urs Kolly sowie Schweizer Beachvolleyballer.

«Es ist an der Zeit umzudenken, bevor wir uns der tollen Faszination der Olympischen Spiele berauben.»

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Pascal Vonlanthen 01.09.2016

Neulich in Estavayer-le-Lac

Ich bin weder Schwinger noch Älpler, noch kann ich jodeln oder ziehe mir eine Tracht an – auch nicht heimlich. Man bat mich, ein Konzert zu geben, also ging ich hin. Ich war auf alles gefasst, aber nicht auf das:

Vor dem Dorfbrunnen im Zentrum von Grandcour nahm uns ein paffender, bärtiger Puch-Maxi-Fahrer ohne Helm in Empfang und eskortierte uns Richtung Aérodrome Militaire de Payerne. Payerne, Kanton Waadt? Dachte, es sei in Estavayer, Kanton Freiburg?! Ah, der Flugplatz in Payerne steht auf zwei Gemeinden, Payerne UND Estavayer! Wieder etwas gelernt. Nicht hinter drei Meter hohen Gittern, sondern abgesperrt mit einem simplen Landi-Vogelband fanden wir den Backstage-Bereich des grössten Sportanlasses der Schweiz vor: das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2016. Ich war aufgeregt.

Es fiel sofort auf: keine Kontrollen, keine Securitas, Broncos oder Sicherheitsleute, die dich wie einen Schwerverbrecher behandeln, dafür reichlich Bier. Man reichte uns eine Flasche Cardinal – eine FLASCHE!!! Das gibts ja nicht! Keinen Scheisspfandbecher aus Plastik. Nein, eine Glasflasche – ich verrecke! Wir wurstelten uns durchs laute Festzelt, in dem wir später auftreten sollten, und traten auf das Besuchergelände. Die Grösse war atemberaubend. Zur Linken die Arena, mächtig und ein Meisterwerk aus eisernem Gestänge, und rund herum, so weit das Auge reichte, standen Zelte, aus denen Musik und feuchtfröhliche Gesänge drangen. Überall sah man zufriedene Besucher. Da ein bärtiger Kauz aus dem hintersten Tal des Schweizer Alpenkamms mit Chutte, Zockeln und Villigerstumpen, dort ein buckliger Grossätti aus dem Emmental, zusammen mit seinen 24 Söhnen und 32 Töchtern. Kinder, Junge, Alte, Helle, (ein paar wenige) Dunkle, Grosse, Kleine, Schöne, Hässliche, alle mit staunenden Augen ob der Grösse und der friedlichen Stimmung dieses gigantischen Volksfestes–und alle waren sie willkommen. Das zweite Bier wartete in den Händen meines Bassisten. Santé!

Überall wehten Fähnchen in der Sommerluft. Banner mit Aufschriften, eine Flut von Werbetafeln–von laktosefreiem Joghurt bis zu Panzerabwehrsystemen wurde für alles geworben, was sich ein Älpler so wünscht. Unser Telekommunikationsgigant Swisscom hat sich gar ein ganzes Public Viewing für sein neues Produkt gegönnt, und der Gabentempel für die Schwinger war die reinste BEA-Ausstellung. Von wegen «werbefreier Sportanlass»! So aufdringlich habe ich das noch nie an einem Fest gesehen. Aber das schien den Besuchern nicht aufzufallen, denn ein paar hundert Meter über der Werbefahnengalerie donnerte die Patrouille Suisse über das Gelände und versuchte in krassen Flugmanövern, ihre Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen. Aus den Lautsprechern ertönte ein lauter Werbespot für die Schweizer Armee. Wir verzogen unsere Gesichter und liefen planlos weiter. Aus allen Winkeln wurde lupenrein gejodelt. Gejodel hier, Gejodel dort, Gejodel überall. Mir wurde warm im Kopf. Das dritte Bier und etwas Frittiertes mussten her.

Mit einer halben Stunde Verspätung–das Zelt war knüppelpumpenvollgestopft mit Leuten, die ganz klar mehr Bier intus hatten als ich–sprangen wir auf die Bühne und hornten los. Ich gab dem Volk den Zucker, den es brauchte, liess es singen, mitklatschen, mitjohlen und mithüpfen, bis es tropfseichennass war und ich völlig ausgepumpt von der Bühne in den Backstage schwankte, wo eiskalt Bier Nummer vier und fünf auf mich warteten.

Ein toller Abend mit einer tollen Stimmung. Doch nach Konzerten habe ich leider das ärgerliche Gebrechen, dass meine Ohren sehr empfindlich sind. Jeder weitere Ton ist einer zu viel und eine Qual. Dem Eidgenössischen war mein Gebrechen gänzlich Wurst. Das Gejodel drang nun nicht nur aus den Zelten, sondern auch aus den Toiletten, aus den Bierständen und Public Viewings. Die Masse von herumtorkelnden Sennen und Senninnen war um zwei Uhr morgens zu einem gigantischen Jodel-, Glocken- und Juchzmonster herangewachsen und frass sich tief in meine Gehörgänge. Unwohlsein machte sich in mir breit. Das war einfach too much. Eine Überdosis Schweiz, sozusagen.

Wir räumten unsere Instrumente in den Tourbus und flüchteten zurück in die Stadt Freiburg, die bei unserer Ankunft bereits tief und fest und vor allem still schlief. Das war ein verrückter Ausflug gewesen. Mit tollen Bildern und einem dumpfen Brummen im Ohr schlief ich ein.

Tags darauf habe ich nur noch ab und zu mal auf dem Handy nachgeschaut, was sich so am Schwingfest tat. Meine Faszination für das Eidgenössische liess mit jedem Gestellten ein bisschen mehr nach, so dass ich am Sonntag gar nicht richtig mitkriegte, wer schlussendlich Schwingerkönig wurde. Alles, was hängen blieb, war diese Schlagzeile auf meiner Lieblings-News-App: «Am Eidgenössischen in Freiburg gewinnt der Berner Glarner.» Oder wars «der Freiburger Eidgenosse Glarner aus Bern», fragte ich mich am nächsten Morgen. Zweifel kamen auf.

Leider war die Schlagzeile bereits verschwunden. Weg! Irgendwo im Gestrüpp und Dickicht der weltweiten Neuigkeiten verschollen. Muss ich mir nun tatsächlich die «Blick»-App runterladen? Ob mir diese Schlagzeile so wichtig ist, fragte ich mich. Muss ich wissen, wer gewonnen hat? Sind mir Schwingen und die Schweizer Traditionen wichtig? Sollte ich sagen «Ja, aber halt nicht wahnsinnig», bin ich dann kein richtiger Schweizer? Ich fühlte ein vages Unwohlsein in meinem Magen. Im Innersten gurrte klar die Antwort. Sie wagte es nur nicht, die Kehle emporzuklimmen.

Ich ankerte mir also meine eigene Schlagzeile ins Gedächtnis: «Während Millionen Menschen auf der Flucht sind und ein Erdbeben in Italien ein Dorf in Schutt und Asche legt, da hat die Schweiz ein eigentümliches Fest gefeiert, wo Steine herumgeworfen werden, im Sägemehl an Jutehosen gezupft wird, wo Sackmesser und Flaschenbier erlaubt sind, wo eine Viertelmillion Menschen ebenso viele Liter Bier trinkt und nebenbei einen Weltrekord im Dauerjodeln aufstellt, eine gigantische Party in Frieden, Respekt, Toleranz, gegenseitigem Vertrauen und mit einer Backstage-Absperrung aus simplem Vogelband!»

Ich glaube, die Welt wäre eine bessere, wäre sie ein Schwingfest.

 Pascal Vonlanthenalias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Hubert Schaller 04.08.2016

Meine Viertaugustrede

Jetzt, wo alle Erstaugustfeuer erloschen, die Raketen verschossen und die feierlichen Ansprachen verhallt sind, ist endlich meine Zeit gekommen. Ich möchte diese Kolumne mit der gebotenen Bescheidenheit meine Viertaugustrede nennen. Im Unterschied zum Nationalfeiertag findet meine Rede sozusagen unter entheiligten Bedingungen statt. Sie dürfen also beim Lesen ruhig sitzen bleiben. Nun denn.

Liebes Schweizervolk, in letzter Zeit hört man immer wieder von deiner schleichenden Entmachtung. Als Schuldige werden–je nach politischer Wetterlage–Brüssel, der Bundesrat, die Richter, die Geisteswissenschaftler, die Classe politique, die Medien oder auch alle zusammen ausgemacht. «Wir sind das Volk!», skandieren die Sprechchöre der AfD in unserem nördlichen Nachbarland. «Alle Macht dem Volk!», widerhallt es vom Albisgüetli. Das tönt zuerst einmal ganz sympathisch, denn das Volk sind bekanntlich wir alle. Ich hätte trotzdem Angst davor.

Wie der Brexit in England oder die Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz gezeigt haben, kann das Volk manchmal einen riesengrossen Mist bauen und niemand weiss, wie es weitergehen soll. Es gibt Parteien, ja ganze Staaten, die sich unter Berufung auf das Volk ihrer erfolgreichen Antiflüchtlingspolitik rühmen. Man muss dieses Wort zuerst einmal auf der Zunge zergehen lassen, um sich seiner schaudererregenden Bedeutung klar zu werden.

Demokratie ist, da sie aus fehleranfälligen Menschen besteht, selbst fehleranfällig. Mehrheitsentscheide stellen sich manchmal als richtig und manchmal als falsch heraus. Das spricht nicht gegen die direkte Demokratie, sondern bloss gegen ihre vermeintliche Unfehlbarkeit und ihre Überstrapazierung.

 Aus Erfahrung wissen wir, dass die Masse anders tickt als der Einzelne. Der Einzelne kann mutig sein, die Masse ist feige. Der Einzelne kann differenziert sein, die Masse ist träge. «Intelligenz ist als Massenphänomen unmöglich», hat der Arzt und Psychologe Gustav Le Bon schon 1895 festgestellt. Das Volk kann ein ziemlich dummer und skrupelloser Herrscher sein.

Die Römer hielten Sklaverei für das Selbstverständlichste der Welt. Die Akzeptanz von Hexenverbrennungen war im Mittelalter unbestritten. Dass die katholische Kirche Galileo Galilei den Scheiterhaufen androhte, weil er die Erde um die Sonne kreisen liess und nicht umgekehrt, trieb niemanden auf die Strasse. In den Dreissiger- und Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts betrachtete die Mehrheit der Deutschen Juden als Ungeziefer. In Südafrika habe ich Sitzbänke in Parks gesehen, auf die sich zur Zeit der Apartheid nur Weisse setzen durften. Unsere Grossväter und Grossmütter hielten Homosexualität für eine Perversion, über die man am besten nicht spricht.

Heute denken die meisten in allen diesen Fragen so ziemlich das Gegenteil. So abstrus und irregeleitet uns diese Meinungen heute vorkommen, zu ihrer Zeit waren sie Mainstream und folglich mehrheitsfähig.

 Den Mainstream von heute in Stein meisseln zu wollen, halte ich für dumm. Vermutlich werden unsere Kinder und Kindeskinder manche unserer Überzeugungen ebenso lächerlich finden, wie uns die Verweigerung des Frauenstimmrechts oder konfessionell getrennte Schulen heutzutage lächerlich vorkommen. Die einzige Haltung, die jeden Zeitgeist überdauert, ist vermutlich der Zweifel.

Grundsatzpapiere wie die Europäische Menschenrechtskonvention oder die Bundesverfassung sind unter anderem dazu da, das Volk–sollte es sich zum dummen und skrupellosen Herrscher aufspielen wollen – in die Schranken zu weisen. Darin stehen Dinge, die so wichtig sind, dass wir sie nicht der Laune des Zeitgeistes opfern sollten. Der Schutz vor Folter und Diskriminierung, die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz oder das Recht auf Asyl gehören dazu. Und in der Präambel der Bundesverfassung lese ich den in unseren Tagen schon fast wieder revolutionär anmutenden Satz: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.»

 Wir sollten diese Dinge nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, selbst dann nicht, wenn eine Mehrheit von 99 Prozent sie abschaffen möchte.

 

 Hubert Schaller unterrichtet Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Er ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986) und «Drùm» (2005). Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Demokratie ist, da sie aus fehleranfälligen Menschen besteht, selbst fehleranfällig.

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Beat Brülhart 21.07.2016

Die Hirnforscher

Wenn Ihnen gegenüber jemand behauptet, dass er das Glück mit eigenen Augen gesehen hat, ist das kein Grund, einen Psychiater zu rufen. Möglicherweise ist er nämlich selber Psychiater. Psychiater mit Hirnforschungshintergrund. Hirnforschung ist relativ jung. Platon, Aristoteles oder Freud und Einstein mussten noch ohne sie auskommen. Heute ist sie hoch angesehen und man begegnet ihren Akteuren so ehrfurchtsvoll als hätten sie den heiligen Gral gefunden. Routinierte, mediengewohnte Hirnforscher wissen das und geniessen es auch. Sie schauen immer etwas gelangweilt und mitleidig in die Linse, von oben herab und geheimnisvoll. Wenn sie den Mund aufmachen, raunen sie vor sich hin, und niemand versteht genau, was sie eigentlich sagen. Das halten nicht wenige für den sicheren Beleg von Wissenschaftlichkeit.

 Nun ist es ja so, dass das Gehirn auch schon vor der Gehirnforschung manchmal zum Denken benutzt wurde. Aber wir hatten keine Ahnung, was wir tun, wenn wir denken. Seit MRT (Magnetresonanztomogramm) ist das anders. Jetzt können wir es sehen. Seither können wir nicht mehr einfach etwas Falsches denken oder sagen. Das Bild merkt es und Bilder lügen nie. Inzwischen gibt es keinen Artikel über menschliches Verhalten ohne Bezug auf die neuesten Ergebnisse der Gehirnforschung. Ob Kaufrausch in Supermärkten, Sex in der Schwerelosigkeit, Zocken an der Börse, Profilneurose von Politikern, Hypernervosität von Schulkindern–stets beweist die Hirnforschung, dass es so ist, wie es scheint … oder auch nicht.

 Einfach gestrickte Hirnforscher meinen, dass das, was sie auf den Bildern sehen, die Wirklichkeit ist. Glück beispielsweise ist für sie nichts anderes als eine Aktivität in einer bestimmten Hirnregion. Wenn also jemand behauptet, so richtig glücklich zu sein und in dieser Hirnregion ist nichts los, dann glauben die Forscher, dass der Typ todunglücklich ist und sich selbst einen vormacht. Wenn aber in just dieser Region die Hölle los ist, dann sei diese Person glückselig, auch wenn sie hartnäckig behauptet, sich total beschissen zu fühlen. Dann habe sie halt nicht gemerkt, dass sie glücklich ist, meinen die Forscher.

Mit solchem Unsinn lassen sich Kongresse füllen, Gesundheitssendungen produzieren und staatliche Forschungsgelder zum Fliessen bringen. Aber wer glaubt, nur das sei wahr, was man sehen, zählen und messen kann, erfasst halt nur die eine Hälfte. Weil die andere auf einer anderen Ebene ist. Wer glaubt, alles zu durchschauen, sieht am Ende nichts mehr.

Menschliche Gefühle–wie Liebe, Hass, Freude, Trauer–sind mehr als der Aktivitätsgrad von Neurotransmittern. Schade, dass die Wissenschaften sich strikte weigern, das anzuerkennen; anzuerkennen, dass es nicht nur eine materielle Wirklichkeit gibt. Damit könnte gerade die Medizin, welcher wir enorm viel zu verdanken haben, noch einen Quantensprung nach vorne machen. Dann wäre sie in der Lage, nicht nur Symptome zu bekämpfen, sie könnte dann auch Ursachen beseitigen und wirklich heilen. Das würde Patienten freuen, wohl etwas weniger jene, die ihren Umsatz mit Krankheiten generieren.

 

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Coach für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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