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Gustav 06.07.2017

Papi, häbele!

 

Neulich habe ich meinen Kids die Frage gestellt: «Wenn ihr mit einer Zeitmaschine in die Zukunft reisen könntet, so Science-Fiction-mässig, wie würde da die Welt wohl aussehen?» Der Grosse meinte: «Da gibt es Laserwaffen, Minecraft-Roboter und die Menschen haben Implantate, so iPads unter der Haut.» Hm, interessant – ich glaube, ich muss da mal schauen, was der so für Games auf dem Tablet spielt. Der Mittlere prophezeite: «Da werden alle Menschen in Himmel fahren.» Ich sah ihn verstört an und sah die Apokalypse und die bevorstehende Abklärung beim Schulpsychologen schon bildlich vor mir, aber er meinte zu meiner Erleichterung «IM Himmel fahren», also fliegende Autos. Uff. Der Kleinen war wie zu erwarten die Zukunft egal: «Papi, häbele!», sagte sie, und das tat ich dann auch.

 

 

Ja, so wird sie wohl aussehen, unsere Zukunft: plutoniumbetriebene Laserwaffen und selbstfliegende Kinderwagen, bis auf die Zähne mit Multimedia ausgerüstet, allzeit vernetzt, allzeit auf Draht, dauernd das eigene oder weltweite Game over am Abwehren – und alle sehnen wir uns nach ein bisschen «Häbele».

Wie kann ich als Vater und Künstler dieser Zukunft nur gerecht werden? Technologisch gesehen bin ich heute schon sozusagen unbrauchbar. Was ich als Musiker für die Menschheit produziere, hat heute einen verschwindend kleinen, in der fernen Zukunft überhaupt keinen Wert mehr. Als Vater komme ich gerade noch so in der digitalen Welt mit, aber das entwickelt sich krass schnell, ich weiss nicht, ob ich da die nächsten zwanzig Jahre mithalten kann. Da bleibt nur noch «häbele». Ja, «häbele» kann ich gut. Die herumfliegenden Minecraft-Menschen ein bisschen in die Arme nehmen und sie fest an mein Herz drücken, dann trällere ich ihnen eine Schnulze ins Ohr und streichle ihnen über ihre Schädelimplantate. Doch, das kann ich, dafür bin ich zu gebrauchen. Auch in der Zukunft.

Lasst uns einen Pakt schliessen, für unsere Kinder, Enkelkinder und alle Generationen, die danach folgen werden: Ihr macht die Technik und lasst uns in Minecraft-Welten herumfliegen – und wir sorgen dafür, dass diese nicht im Herzen auseinanderbrechen. Ich fange diesen Herbst an, die Welt zu retten oder zumindest den Kanton Freiburg, mit einem kulturübergreifenden Musikstipendium für die heranwachsende nächste Generation, aber mehr darüber in der Zukunft. Und was macht Ihr?

Pascal Vonlanthen alias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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Franz Engel 29.06.2017

Verschlusssache

 

N

un stehe ich erneut vor dem Abgrund. Ein Abgrund in Form eines leeren, blütenweissen Blattes, hinter mir drängt und faucht der feuerspeiende Drache mit Namen «Abgabetermin», ein falscher Tritt und ich stürze. Dieser Albtraum begleitet mich seit Wochen, lässt mich nachts schweissgebadet aufschrecken, wo ist das rettende Seil, das erlösende Thema, welches Abgrund und Drachen besiegt?

 

Szenenwechsel: Du gehst mit deiner Liebsten an einem lauen Sommerabend (es ist nicht das erste Rendezvous) ganz unverbindlich spazieren. Sagen wir mal entlang der Düdinger Moose. Ein Bänklein am Teich lädt zu einer Rast, die Sonne taucht das Schilf in Rosa, Seerosen leuchten, die Enten schnattern ihren Küken ein Gutenachtlied, Libellen schweben, Grillen zirpen. (Um die Stimmung nicht zu stören, lassen wir die blutrünstigen Mücken weg). Ihr sprecht über dieses und jenes, du tust ein bisschen wichtig, willst ja dem Liebchen imponieren. Sagst, du möchtest mal Arzt werden und die Menschen in der ganzen Welt vor Krankheit und Armut erlösen, aber vorher wirst du noch Olympiasieger oder noch schwieriger, Schweizermeister mit Gottéron. Während du Zukunftsträume malst, leuchtender als die Seerosen, kuschelst du immer etwas näher, atmest den Duft ihres Haares, eine Hand streift bei den lebhaften Schilderungen ganz zufällig und völlig unabsichtlich diesen oder jenen Körperteil. Du wirst mutiger, die Hand schiebt sich unter die Bluse, dein Herz rast, die Hand zittert, du fängst an zu stottern, verschiebst die Rettung der Menschheit und den Olympiasieg samt Got­téron in unendliche Ferne. In den Augen der Liebsten liest du Aufmunterung, zielstrebig wandert deine Hand weiter, wandert zum Rücken und öffnet gekonnt den BH-Verschluss??? Das heisst, du versuchst es. Verflixt, da hat es tatsächlich Haken und Ösen! Das muss doch zu lösen sein! Denkste, du verhakst dich immer mehr, deine Finger verkrampfen sich, warum gehen diese verflixten Dinger nicht auf? Die Leichtigkeit verfliegt, die Romantik fällt in sich zusammen wie das berühmte Kartenhaus, die Enten schnattern doof vor sich hin und überall nur noch lästige Mücken. Plötzlich sagt dein Liebchen, deine Prinzessin: «Lass es gut sein, Schatz, es ist ja auch so ganz schön. Und eigentlich sollte ich schon längst zu Hause sein, sonst macht sich Mutter noch Sorgen …»

An diesem Abend warst du sehr, sehr unglücklich.

Später, viel später, fragtest du dich, warum braucht es überhaupt BHs? Ursprünglich wohl erfunden, um den Gesetzen der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen, wurden sie sehr rasch – unabhängig vom ursprünglichen Verwendungszweck – zum schmückenden, verführerisch-trügerischen Accessoire. (Hier darf auch das Verhältnis Frau/Schuhe erwähnt werden.) Und, so die Vermutung, die Sache mit den Verschlüssen gehört zu einer ausgeklügelten Strategie, einerseits um auch hier die weibliche Überlegenheit aufzuzeigen und anderseits um früh zu erfahren, ob dieser Jüngling nicht nur prahlen kann, sondern auch praktisch begabt ist und fürs Leben taugt. So gibt es diesbezüglich eine unglaubliche Vielfalt, gleich verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Beispiele: Von 1 x 2 Haken bis 8 x 2 Haken, vom einfachen Haken bis 14 Haken, es gibt Kunststoffverschlüsse, Knöpfe und Reissverschlüsse und sogar Magnet und Klettverschlüsse (Werbespot: Nie wieder «Rumgefummel beim Öffnen»), Bikiniverschlüsse, und dann kommt noch der Sport-BH, der hat überhaupt keinen Verschluss. Wie soll Mann sich da zurechtfinden? Zurück zu dir, Jüngling. So du dich von deinem Schock erholt und heimlich fleissig geübt hast, kann es sein, dass in ähnlicher Situation, die Liebste dir erneut ins Ohr flüstert: «Gib’s auf, Schatz, der Verschluss ist vorne.» Das überlegene Lächeln, den Schalk siehst du wegen aufkommender Dunkelheit nicht.

Es stellt sich nun die Frage, wie verarbeiten Männer solch traumatische Jugend-Erlebnisse unter dem Gesichtspunkt psychoanalytischer Gesellschaftskritik? Hier möchte ich drei Möglichkeiten hervorheben:

1. Sie heiraten relativ früh, in der Hoffnung, in der ehelichen Gemeinschaft die Verantwortung für das «Mise en place» abzugeben oder zumindest teilen zu können.

2. Es wirkt auf die Berufswahl aus: Unser Jüngling wurde weder Olympiasieger noch Meister mit Gottéron. Immerhin wurde er Arzt und dieser Beruf gab ihm die Möglichkeit, sein Jugendtrauma definitiv zu verarbeiten: Bei gewissen Untersuchungen ist es eben auch notwendig den BH zu öffnen, doch plötzlich genügte der Zauberspruch: «Machen Sie sich frei», und siehe da, «es geschah …» Hätte er das doch schon früher gewusst, vielleicht wäre ihm auf dem Weg zum Manne einiges erspart geblieben(oder auch nicht).

3. Andere Männer hatten diese Chance nicht, wurden Manager (CEOs), Banker oder gar Politiker, und es stellt sich die Frage, ob die Gleichstellung (Löhne, Kaderpositionen) der Frau nur deshalb nicht verwirklicht wird, und von den entsprechenden Herren quasi mit «Haken und Ösen» bekämpft wird, weil sie als Jünglinge ebenfalls in irgendwelchen Moosen spazieren gingen???

Lasst uns mit den versöhnlichen Worten Charlie Chaplins schliessen:

«Die Jugend wäre eine viel schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme.»

Der Düdinger Franz Engel ist pensionierter Arzt und verbringt nun seine freie Zeit mit Fischen und dem Hüten der Enkelkinder. Als Gastkolumnist bearbeitet er im Auftrag der «Freiburger Nachrichten» in regelmässigem Rhythmus selbst gewählte Themen.

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Andreas Kempf 22.06.2017

Laufen in der Hitze

 

I

n den letzten Tagen wurde ich des Öfteren gefragt, ob denn Laufen bei diesen hohen Temperaturen überhaupt noch gesund sei. Da ich grundsätzlich bei allen Witterungen draussen trainiere, stellt die momentane Hitzeperiode für mich im Vergleich zu Minustemperaturen, Schneefall, strömendem Regen oder starkem Wind noch die angenehmste dieser extremen Wetterbedingungen dar. Nichtsdestotrotz gilt es einige Dinge zu beachten, wenn man im Moment den Laufsport, ohne seinem Körper zu schaden, betreiben möchte:

 

 

1. Immer genügend trinken! Der Flüssigkeitsspeicher sollte vor der körperlichen Betätigung voll sein. Dadurch ist es bei Trainings unter einer Stunde auch nicht notwendig eine Trinkflasche mitzunehmen. Nebst viel Wasser und ungesüsstem Tee (was übrigens auch Nicht-Läufer häufig und in reichlichen Mengen trinken sollten) dürfen es ruhig auch einmal eine Bouillonsuppe oder isotonische Sportgetränke sein. Denn Natrium und Glukose erhöhen die Resorption von Wasser durch die Darmwand ins Blut, wodurch eine bessere Wasseraufnahme erreicht wird.

2. Morgenstund hat Gold im Mund! Es wird morgens sehr früh hell und die Temperaturen sind richtig angenehm für ein Lauftraining. Wer jedoch eher zu den Morgenmuffeln gehört, soll besser in den Abendstunden die Laufschuhe schnüren. Denn zwischen 11 und 18 Uhr zeigt nicht nur das Thermometer hohe Werte an, sondern auch die Belastung durch Ozon und Abgase ist merklich höher als frühmorgens und spätabends.

3. Den Körper schützen! Das heisst einerseits mit Sonnenbrille, Sonnencreme und luftdurchlässiger Kopfbedeckung (ansonsten besteht die Gefahr eines Hitzestaus) den Körper vor übermässiger UV-Strahlung bewahren. Andererseits kann mit einem nassen Shirt und nassen Haaren bereits vor dem Loslaufen für externe Kühlung gesorgt werden. Zudem darf gerne bei jedem Brunnen zum Trinken und erneuten Abkühlen angehalten werden.

4. Den Wald aufsuchen! Wer die Möglichkeit hat, sollte sein Training in den Wald oder in die Höhe verlegen, weil dort ein angenehmeres Klima herrscht. Ausserdem befinden sich dort meistens die schönsten Laufwege.

5. Die Alternativmöglichkeiten ausschöpfen! Beim Velofahren oder Inline-Skaten erfrischt einem der Fahrtwind, und bei allen Aktivitäten im Wasser hat man sowieso eine nasse Abkühlung. Wer jedoch wie ich nur laufen kann, der muss wohl oder übel die vorhergehenden Punkte beachten oder schlimmstenfalls aufs Laufband im klimatisierten Fitnesscenter ausweichen.

Aber vergesst nicht: Geniesst den Sommer – unser Körper gewöhnt sich bis zu einem gewissen Grad an die Hitze!

 

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat im letzten Sommer an der Leichtathletik-EM in Amsterdam mit der Schweiz Team-Gold gewonnen.

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Beat Brülhart 01.06.2017

Reich werden

 

Beat Brülhart

 

L ieber reich und gesund als arm und krank», meinte einer und fand seinen Spruch oberlustig. Ob lustig oder nicht, es gibt kaum jemanden, der nicht träumt, einmal reich zu sein. Ob das lohnenswert und intelligent ist und Sinn macht, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass an Beerdigungen Kontostände, Aktienportfolios und Besitztümer nur äusserst selten eine Rolle spielen. Sicher ist, dass es kaum Menschen gibt, die sich zum Ziel setzen, arm zu werden. In Buchhandlungen boomt der Absatz mit Erfolgsbüchern und Rezepten zum reich werden. Meines Wissens hat noch kein Verlag ein Buch «10 Schritte zum Loser» herausgegeben. Der Markt funktioniert.

Aber, was ist denn «reich sein»? Immateriell sind hierzulande fast alle reich. Wer jeden Tag aufstehen kann, gesund ist, genug zu essen und zu trinken hat, ein Dach über dem Kopf hat; wer sich frei bewegen, sich frei äussern und sich sicher fühlen kann, verfügt bereits über ein hohes Mass an Reichtum. Die Mehrheit der Menschheit kennt das nicht. In unserer Gesellschaft zählt das aber nichts. Denn die definiert Reichtum und Erfolg ausschliesslich über das, was einer hat.

Aber wie viel muss man dann haben, um reich zu sein? Das scheint mir relativ zu sein. Ein hiesiger Sozialhilfeempfänger wird in Hungerland als Krösus angesehen. Für einen Ölscheich ist eine Million Dollar eine Bagatelle, reicht nicht einmal für die Portokasse. Bei uns ist man wahrscheinlich ab einer Million Barem aufwärts dabei, und man wird als betucht, geldig und potent angesehen. Es scheint, dass erst der Millionärsstatus jemanden vollwertig macht. Zumindest ist erst dann jemand wer, wenn er es «zu etwas gebracht» hat, was immer das auch ist. Entsprechend gross sind Neid, aber auch Respekt und Bewunderung der Nichtmillionäre für die Millionäre.

Dann stellt sich einem als Nächstes die Frage, wie man denn reich wird. Ein sicherer Weg dazu ist erben - sofern man in die richtige Familie hinein geboren wurde oder clever geheiratet hat. Es mit Arbeit zu versuchen ist hingegen völlig aussichtslos. Auch wenn uns ständig das Gegenteil eingetrichtert wird. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, wurde noch niemand mit seiner Hände Arbeit reich. Mit Cleverness, Risikobereitschaft, Unverfrorenheit, Spekulation, bis hin zu Skrupellosigkeit, Gaunerei und Gier geht es sehr wohl, aber nicht mit Arbeit.

Den richtigen Weg zum reich werden schlägt derjenige ein, der sein Geld via Zins und Zinseszins für sich arbeiten lässt. Das setzt voraus, dass er genügend ansparen kann (Für einen gewöhnlich Sterblichen mit Familie wohl eine Utopie). Wenn es ihm auch noch gelingt, andere für sich arbeiten zu lassen, ist er auf dem Königsweg zum reich werden. In diesem Punkt hat der alte Marx mit seinem Mehrwert richtig beobachtet, auch wenn seine Therapie total in die Hose ging. Unser System, genannt Kapitalismus, sieht nun mal nicht vor, dass Arbeitende reich werden. Erst wer arbeitsloses Einkommen generieren kann, hat Aussicht auf Reichtum. Es stimmt halt schon. Jeder kann reich werden - aber halt nicht alle.

Beat Brülhart wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung.

«Ein sicherer Weg dazu ist erben – sofern man in die richtige Familie hinein geboren wurde oder clever geheiratet hat.»

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Silvan Jampen 23.05.2017

Der Preis der zunehmenden Unfreiheit

Die Freiheit ist unter Druck. Dies gilt nicht nur in Ländern mit autoritären oder diktatorischen Regimes, die jüngst teilweise sogar scheinbar Erfolg haben und vermeintliche Stärke demonstrieren können. Nein, Sorgen bereitet, dass die Freiheit gerade in der aufgeklärten westlichen Welt an Achtung verliert, wo doch die Freiheit als das Wesensmerkmal und der machtvolle Antrieb unserer Gesellschaftsordnung gilt, die entscheidend zu unserer erfolgreichen Entwicklung beigetragen hat.

 

Seit Jahrzehnten übertragen die westlichen Gesellschaften zunehmend Aufgaben an den Staat. Die Erwartungen an harmonisierende und soli­darisierende Problemlösungen durch das Gemeinwesen sind riesig. Unzählige Bereiche unseres täglichen Lebens werden immer stärker von Regeln bestimmt, die gleichzeitig den verbleibenden Gestaltungsspielraum des Einzelnen einschneidend einschränken. Die Entwicklung ist graduell und dadurch kaum spürbar. Angeblich gute Gründe zur Problemlösung durch den Staat sind stets zur Hand: komplexere Wirklichkeiten, höhere Arbeits-und Aufgabenteilung, sich verschiebende Gesellschaftsstrukturen, Aufbrechen von Grenzen, Globalisierung, Individualisierung der Gesellschaft – von überall her erschallt der Ruf nach Regulierung, Schutz und Absicherung durch die staatliche Gemeinschaft.

Von der Qualität der Kindersitze bis zur bürokratischen Kontrolle der Swissness, von der moralin-getränkten Zähmung von Managergehältern bis zum Mikromanagement der Raum- und Bauordnung, von den Kosten der Gesundheits(über)versorgung bis zur paternalistischen Kontrolle von Kitas, von der anachronistischen Arbeitszeiterfassung mit der Stechuhr bis zur verteufelten Einwanderung. An Möglichkeiten der staatlichen Beeinflussung und Korrektur als unerwünscht taxierter menschlicher Entwicklungen mangelt es selbst in unserem Land nicht. All diese Regelungen tönen immer vernünftig und richtig, so dass «man» doch eigentlich nicht dagegen sein kann.

Das eigentliche Malaise dieser Vergemeinschaftung kann aber auch eine immer höhere Dichte an Regulierungen nicht beseitigen: Harmonisierte Standardlösungen können der mit lauter Einzelfällen gespickten Lebenswirklichkeit nicht gerecht werden. Ja, sie sind gar blind, wenn es darum geht, künftige Entwicklungen zu eruieren – zu überraschend läuft nämlich die Zukunft ab, wenn sie Gegenwart wird. Die scheinbar grenzenlose Übertragung von Verantwortung an das Gemeinwesen, der unbändige Machbarkeitsglaube staatlicher Regeln und Planung drohen den Staat zu überfordern. Die aktiv geschürte Anspruchshaltung macht es dem Individuum verständlicherweise schwer zu akzeptieren, wenn für ein Problem auf seinem Lebensweg keine Lösung zur Verfügung gestellt wird. Dies führt zunehmend zu Verdruss und Enttäuschung, welche grosse Teile der westlichen Bevölkerung am «System» zweifeln lassen.

Die Freiheit, dieser kraftvolle Antrieb des Individuums, sich selber weiterzuentwickeln, seine Freiheit auszuleben und Kreatives zu erschaffen, verliert an Schwung. Die wachsende Unfreiheit macht die Gemeinschaft insgesamt träge und letztlich reformunfähig. Dabei hängen die Lösungen für die grossen Herausforderungen unserer Zeit von der Kreativität freier Menschen ab und nicht von der Durchschnittsqualität vergemeinschafteter Planlösungen. Wenn die Menschen gefangen sind in Verlustängsten und Schwarzmalerei und das Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft schwindet, wenn die «terribles simplificateurs» von ganz rechts und ganz links politisch an Einfluss gewinnen, dann sollten die Alarmglocken läuten.

Wir müssen wieder lernen, dass das Gemeinwesen nur die Ultima Ratio sein kann, uns Individuen von der Unbill des Lebens zu bewahren. Noch wird diese Freiheit allzu oft und in Verkennung der menschlichen Natur als «neo-liberales» Geschwätz lächerlich gemacht. Doch der politische und gesellschaftliche Preis der zunehmenden Unfreiheit steigt unaufhörlich.

 

 

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

 

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Claudine Brohy 18.05.2017

Les voix de la Kasbah

 

L

es voix et les sonorités d’une ville nous empreignent autant que les impressions visuelles. Ceci me frappe toujours dans les villes que je ne connais pas, surtout celles qui sont situées dans d’autres sphères culturelles, comme par exemple dans les pays de l‘Afrique du Nord. Les nombreuses cavités dans les vieilles bâtisses blanchies à la chaux de la kasbah, qui n’obéissent pas encore aux lois de l’occupation la plus rationnelle de l’espace, laissent des amples possibilités de nidification, et les martinets, en groupes de centaines d’individus, rasent les murs à une vitesse folle, on entend les battements de leurs ailes et leurs cris stridents si caractéristiques. Et là, au tournant d’une ruelle étroite, on entend les cliquetis réguliers sur les pavés irréguliers des sabots d’un âne qui tire une charrette dont une des deux roues grince. Tout à coup, comme venue de nulle part, la voix du muezzine appelant à la prière se fait entendre, le son enregistré distorsionne, le haut-parleur grésille et crépite, il est vite relayé par une autre mosquée, puis encore une autre. Au loin, un chien aboie lorsqu’un scooter passe en pétaradant. Je pense au petit livre «Les voix de Marrakech», écrit par Elias Canetti, prix Nobel de littérature en 1981, et ses délicieux tableaux sonores. Il n’y a pas seulement les animaux et les objets qui produisent des bruits, les voix des personnes se modulent dans un concert polyphonique. Le Maghreb et l’Orient nous présentent une grande variété de langues et de variétés linguistiques en contact. J’écoute discrètement deux hommes qui parlent d’une voix vive et enjouée tout en se touchant les mains et les épaules. Ils parlent l’arabe dialectal, mais leur communication est souvent entrecoupée de mots et d’expressions en français; cela me rappelle étrangement les conversations que nous avons à Fribourg. Mais les discours officiels, la religion et l’école utilisent l’arabe standard, appelé fusha, alors que les panneaux publicitaires affichent de plus en plus de dialecte, parfois mêlé au français ou à l’anglais, et que les jeunes utilisent très souvent le dialecte pour les SMS et les réseaux sociaux. Là aussi, la similitude avec la situation en Suisse alémanique est frappante. Mais le répertoire des Marocains ne s’arrête pas à des variétés de l’arabe et au français, héritage de la colonisation, on les entend aussi parler de l’amazighe, la langue des Berbères, parlée par environ 40 pourcent de la population marocaine et qui a son propre alphabet, et de plus en plus aussi l’anglais et l’espagnol qui concurrencent sérieusement le français. Les voix de la Kasbah sont vraiment polyglottes!

 

Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Als Teil eines Autorinnen- und Autorenteams bearbeitet sie in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen. Auf Wunsch der FN-Redaktion tut Claudine Brohy dies mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

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Schibboleth 11.05.2017

Hubert Schaller

Hast du ihn auch gesehen, diesen Perversling, der neuerdings ums Schulhaus schleicht? Helga hat ihn auch gesehen und Kuno auch. Ein Fremder mit Schlitzaugen, vermutlich ein Chinese.» – «Ja, ich hab mich auch schon gewundert, dass man den gewähren lässt. Da müsste doch jemand einschreiten. Aber die Polizei kümmert sich lieber um Parksünder als um Pädophile! Meine Frau meint, dass man handeln sollte, bevor es zu spät ist.» – «Deine Frau hat Recht, Hans, wir sollten uns zusammentun und die Sache selbst in die Hand nehmen. Wir können doch nicht einfach tatenlos zusehen, wie dieses fremde Pack über unsere Frauen und Kinder herfällt!»

 

Sehen Sie, dieser Dialog hat jetzt einen typischen Bürgerwehr-Verlauf genommen. Etwa so stelle ich mir den Austausch hinter vorgehaltener Hand auf der Strasse und in den sozialen Netzwerken vor, bevor aufgebrachte Bürger von Cormérod ausrückten, um auf einen unschuldigen 60-jährigen Chinesen loszugehen, dem nichts Anstössigeres vorzuwerfen war, als dass er bei seiner ortsansässigen Tochter zu Besuch weilte (FN vom 21. April 2017). Weil der Fremde sich vor der ihn bedrängenden Menge fürchtete und ihre verhörähnlichen Fragen nicht verstand, sie folglich auch nicht zu beantworten wusste, versuchte er zu fliehen, womit er sich in den Augen der selbst ernannten Ordnungshüter nur um so verdächtiger machte. So austauschbar sind sie manchmal, die Rollen von Täter und Opfer.

In ihrem lesenswerten Buch «Gegen den Hass» greift Carolin Emcke folgende Geschichte aus dem Alten Testament auf: «Und die Gileaditer besetzten die Furten des Jordans vor Ephraim. Wenn nun einer von den Flüchtlingen Ephraims sprach: ‹Lass mich hinübergehen!›, so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: ‹Bist du ein Ephraimiter?› Wenn er dann antwortete: ‹Nein!›, liessen sie ihn sprechen: ‹Schibbolet›. Sprach er aber ‹Sibbolet›, weil er es nicht richtig aussprechen konnte, dann ergriffen sie ihn und erschlugen ihn an den Furten des Jordans, so dass zu der Zeit von Ephraim fielen zweiundvierzigtausend.» (Buch der Richter 12, 5-6)

Die Aussprache dieses einzigen Wortes Schibboleth (hebräisch für Getreideähre) soll also darüber entscheiden, ob jemand Freund ist oder Feind, ob er dazu gehören darf oder ausgeschlossen, ja getötet wird. Für die Ephraimiter war diese Aufgabe zweierlei: überlebenswichtig und unlösbar. Als Nicht-Gileaditer war es ihnen unmöglich, das Sch in Schibboleth richtig auszusprechen, also war ihnen der Tod gewiss. Was lehrt uns diese Geschichte? Dass wir gut daran tun, das Alte Testament zu lesen, um die neue Welt zu verstehen. Dass im Augenblick, in dem Sie diese Kolumne lesen, vielleicht wieder Dutzende Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil sie Afrikaner sind und im Aussprechen von «Schibboleth» ungeübt. Dass es immer noch eine lebenswichtige Rolle spielt, ob man diesseits oder jenseits des Jordans geboren wird.

Bürger, die sich selbst zu Hütern von Recht und Ordnung erheben wollen, kommen offenbar in Mode, ob im Senseoberland oder – wie eben neulich – im Seebezirk. Sie rücken aus, um – wie sie sagen – uns vor jenen zu schützen, die uns belästigen und bedrohen, die unsere Regeln missachten, die sich anders kleiden, anders verhalten, anders reden. Sie fragen nicht nach, ob uns dieser Schutz genehm ist, ob wir die Grenzen der Toleranz gleich ziehen wie sie, ob wir jedem Fremden misstrauen, nur weil er uns fremd ist. Der beste Schutz für die Menschenrechte ist eine offene und tolerante Gesellschaft. Nur solange die Welt, in der ich lebe, Verschiedenheit zulässt, weiss ich auch meine eigenen Freiheitsräume gewahrt, kann ich darauf vertrauen, dass auch abweichende Denk- und Lebensweisen geschützt sind. Wer Zäune errichtet und von einer Bürgerwehr träumt, will uns weismachen, dass wir es sind, die an Leib und Leben bedroht sind, nicht etwa diejenigen, die aus Kriegs- und Krisengebieten geflohen sind. Wie weit muss man eigentlich von der Wirklichkeit entfernt sein, um Asylantenheime zu einer öffentlichen Gefahr und uns selbst zu ihren schutzbedürftigen Opfern zu erklären! Was für Ansprüche an das Leben muss man haben, wenn man als einfacher Bürger einer sicheren Arbeit nachgeht, jeden Tag satt wird, seine Kinder in der Schule gut aufgehoben weiss, nirgendwo fallen Schüsse, kein Flugzeug, das über einstürzenden Häusern kreist, nirgends stirbt ein Mensch vor Hunger. Und dann so reden!

Es gibt Gastgeber wider Willen, die in vorsorglichem Trotz darauf bestehen, dass das Kreuz in der Guglera ja unangetastet bleibt. Und ob! Es gibt keinen besseren Schutz vor Hass und Willkür als das Kreuz. Sein Anspruch lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Nur wer sich diesem Anspruch stellt, sollte auf dem Kreuz beharren dürfen. Es gibt kein anderes Gegenwort zu Schibboleth – damals wie heute.

 

Hubert Schaller unterrichtet Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Er ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Als FN-Gastkolumnist schreibt er regelmässig über selbst gewählte Themen.

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Daniel Wegmann 27.04.2017

Die Zukunft berechnen

In Los Angeles gibt es nur an einigen Tagen im Winter messbaren Niederschlag, und auch dann meist nur kleine Mengen. Regnete es ausnahmsweise etwas stärker, fiel in meiner Wohnung jeweils das Warmwasser aus, weil der Boiler ungeschützt im Freien stand. Da es aber meine Vermieterin nicht als nötig erachtete, wegen der wenigen Regentage ihr undichtes Dach zu sanieren, wagte ich es nicht, mich über eine kalte Dusche zu beschweren. Über das Wetter sprach man sowieso im Allgemeinen wenig in Los Angeles, es war ja auch meistens genau gleich: schön und warm.

Anders hier bei uns in der Schweiz, da ist das Wetter Gesprächsthema Nummer eins. Zugegeben, es regnet in Freiburg im Durchschnitt auch an jedem dritten Tag, und das Wetter ist selten sehr beständig, gerade zu dieser Jahreszeit. «April! April! Der weiss nicht, was er will», schrieb Heinrich Seidel gegen Ende des 19. Jahrhunderts, und trotz der anhaltenden Klimaerwärmung traf diese Einschätzung auch heuer genau zu: Obwohl viele meiner Nachbarn vor zwei Wochen die Grillsaison einläuteten, gab es letzte Woche Schnee bis ins Flachland.

Im Vergleich zu den Berufskollegen aus Los Angeles sind da die Schweizer Meteorologen nicht zu beneiden. Nicht nur liegt die Schweiz auf einem turbulenten Breitengrad auf dem im Frühling die bereits sommerlich warme Luft aus dem Mittelmeerraum auf die immer noch winterlich kalte Luft aus Nordeuropa trifft, sondern dank ihrer ausgeprägten Topografie unterscheidet sich das Wetter zwischen verschiedenen Regionen und Orten oft sehr deutlich.

Dennoch werden Wetter­prog­nosen konstant besser. Die Voraussagen des regionalen Luftdrucks fünf Tage in die Zukunft sind heute so genau, wie sie vor 20 Jahren über drei Tage waren. Und wie eine Auswertung des deutschen Wetterdienstes zeigt, liegen die Voraussagen lokaler Temperaturen an mehr als 95 Prozent der Tage weniger als 2,5 Grad daneben, was vor 20 Jahren an weniger als 75 Prozent der Tage gelang.

Neben einem immer engmaschigeren Netz an Messstationen und Wettersatelliten haben die Entwicklung und Anwendung von komplexen mathematischen Modellen entscheidend zur Verbesserung der Prognosen beigetragen. Diese Modelle beschreiben die relevanten physikalischen Prozesse und erlauben das zukünftige Wetter aufgrund von aktuellen Beobachtungen zu berechnen. Die Genauigkeit dieser Berechnungen hängt dabei direkt von der verfügbaren Rechenkapazität ab, und die ständig wachsende Leistung moderner Computer erlaubt daher eine immer bessere Auflösung der Vorhersage. Trotz diesem Fortschritt bleiben Prognosen über mehrere Tage hinweg aber nach wie vor schwierig. Der durchschnittliche Fehler der Temperaturprognose über fünf Tage ist zum Beispiel doppelt so hoch wie bei einer Prognose über einen Tag.

Langfristige Prognosen sind generell sehr schwierig, nicht nur beim Wetter. Dies liegt unter anderem daran, dass sich Prognosefehler über die Zeit anhäufen. Die oben erwähnten mathematischen Modelle berechnen jeweils aus einem Wetterzustand den erwarteten Zustand nach einer kurzen Zeit und verwenden dann diesen, um wieder den nächsten Zeitpunkt zu berechnen. Eine Prognose wird deshalb durch die Fehler in jedem kleinen Zwischenschritt beeinflusst und wird um so unsicherer, je ferner in der Zukunft sie liegt.

Dies lehrt uns zwei wichtige Dinge: Erstens, dass eine Prognose, deren Unsicherheit wir nicht kennen, eigentlich nutzlos ist. Aufgrund unserer Erfahrung können wir alle die Verlässlichkeit der Wettervorhersage abschätzen. Oder wer verlässt sich bei der Ausflugsplanung für das Wochenende in zehn Tagen schon gänzlich auf die Wettervorhersage von heute? Von all den vielen Prog­nosen und Einschätzungen in den Medien gehören aber die Wettervorhersagen mit Abstand zu den genausten. Eine Studie in den USA hat zum Beispiel gezeigt, dass politische Experten in mehr als 25 Prozent der Fälle falsch liegen, selbst wenn sie ihre Aussage als «absolut sicher» bezeichnen.

Zweitens, dass sich selbst im Zeitalter von Big Data und ungeahnter Rechenleistung vieles nur sehr ungenau voraussagen lässt. Klar, eine genaue Prognose von meteorologischen Extremereignissen hilft, Menschenleben zu retten. Aber ich finde es dennoch beruhigend, dass die Zukunft auch in Zukunft Überraschungen bereithalten wird, ob beim Wetter oder in allen anderen Belangen. Und so wurde mir das immer gleiche schöne Wetter in Los Angeles mit der Zeit auch ganz schön langweilig.

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse aufgrund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig natur­wissenschaftliche Themen bearbeitet­.

 

«Selbst im Zeitalter von Big Data lässt sich vieles nur sehr ungenau voraussagen.»

 

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Sus Heiniger 20.04.2017

Sugar Baby

Dieses Bild: Leicht nach vorne geduckt, mit erhobener Hand, kommt sie über die Strasse auf den Kinderspielplatz zu. Ein dünnes Stäbchen hält sie in der Hand, darauf wippt eine riesige, rosa Zuckerwatte. Das kegelförmige, federleichte Ding ist so gross, dass sie ihr Gesicht dahinter verstecken kann, und so schleicht sie sich lachend an das spielende Kind heran, bis dieses bemerkt, dass es gemeint ist. Ein Freudenschrei und ein Griff nach der süssen Herrlichkeit. Die kleine Geschichte des Zupfens, des Klebens und Schleckens beginnt. Andere Kinder ringsum schauen zu und wollen auch. An der Strasse steht das Zauberding von Zuckermaschine. Bloss ein Häufchen Zucker mit einem Tropfen Lebensmittelfarbe lassen sich mit etwas Hitze zu einem wattigen Kegel spinnen. Seit mehr als hundert Jahren ist für Tausende Kinder und Erwachsene diese knallig farbige Watte ein Moment der Wonne.

 

Auch du bist natürlich ein Sugar Baby! Nicht, weil du eventuell Zuckerwatte auch magst, ich sage das auch nicht, weil dich vielleicht jemand «Schatz», «Honey» oder ähnlich nennt, was als Name sicher in die Zuckervariante fallen würde. Ich behaupte es einfach, weil wir alle den Liebes­tätern ausgeliefert sind, mehr und mehr. Lebensmittelhersteller bestimmen längst unseren Zuckerkonsum. Es gibt den Ausdruck «drug food», da Zucker auch Abhängigkeit schaffen kann und wir Zucker in Mengen zu uns nehmen können, ohne jegliche Beschaffungsprobleme. Keine Spritze, kein Rauchen oder Sniffen.

Zucker macht glücklich. Dich, mich, das Kind. Für eine Weile. Über ein quengelndes Kind wird irgendeine Süssigkeit gestülpt, und es gibt Ruhe. Für eine Weile. Eine neuere Untersuchung behauptet, dass Babys mit Zucker zufriedener und ruhiger würden als mit Muttermilch. Die Aussicht auf ein Stück Patisserie oder bloss Schokolade aus dem Schrank zu Hause erfüllt viele mit Freude, davor und danach. Für eine Weile. Manchmal kommt es mir vor, als sei überall Zucker beigemischt. Die Lebensmittelhersteller als Geschmacksdespoten am Werk. In Getränken, Glacen, Suppen, Schinken, Broten, Joghurts, Saucen, gerösteten Nüssen, Hot Dogs … zudem natürlich in Zigaretten, um auch Tabak milder und feiner zu machen.

Ein zu hoher Zuckerlevel, der unsere Geschmacksnerven vom charakteristischen Gout eines Nahrungsmittels ablenkt. Ich muss das alles nicht kaufen, aber auch mit «nature» Angeschriebenes ist einfach süss bis sehr süss. Anstelle einer geschmacklichen Aufwertung.

 

Zucker ist zauberhaft und vom Teufel und erzählt Geschichte. Aufgrund des kleinen Watte-Erlebnisses habe ich mich umgesehen, wie das so kam mit dem Zucker. Von der vorchristlichen Wildpflanze bis zum heute bekannten raffinierten, weissen Zucker. Und später dann auch bis zu unserer Runkelrübe. Das Zuckerrohr hat eine globale Bedeutung bekommen, als sich herumsprach, dass sein süsser Saft Heil bringt. Die Pflanze blüht nicht mehr, da die Vermehrung mit Stecklingen sehr einfach ist und sich mit den Jahren Blüten und Samenentwicklung zurückgebildet haben. Auch Bienen braucht das Zuckerrohr nicht. Ich las, dass mit ausgedehnterem Handel der Zucker bei uns zuerst als Heilmittel in die Apotheken kam, bevor die Konditoreien ihn auch verwendeten. So gesehen hat eine Schwarzwäldertorte vielleicht auch etwas Heilendes?

 

Ein Freund, Maschinenentwickler und -bauer, erzählte mir von einem Auftrag, den er Ende des letzten Jahrhunderts von den Briten erhielt. Als grösste Kolonialmacht waren sie auch gross im Zuckerhandel und hatten plötzlich einen Überschuss an Zucker. Die Maschine produzierte dann eine Zeit lang aus Zucker Waschmittel. Und momentan führen wir einen Kampf gegen Übergewicht und Diabetes. Und der Wunsch nach einer Zuckersteuer für Softdrinks wird laut. Werden wir die Melancholie des Ungesüssten aushalten?

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als FN-Gastkolumnistin schreibt sie regelmässig über selbst gewählte Themen.

 

«Zucker macht glücklich. Dich, mich, das Kind.»

 

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Thomas Vaucher 13.04.2017

Von Zeitfressern und 27-Stunden-Tagen

Wer kennt‘s nicht? Man sitzt am PC und sollte arbeiten. Die Versuchung ist gross und man startet schnell das Internet und blättert die News durch. Nur ganz kurz, danach kann man ja weiterarbeiten. Nach den News schaut man noch schnell auf Facebook vorbei – soziale Kontakte pflegen und so – ehe man weiterarbeitet. Aber halt – wie hat eigentlich Roger Federer gestern gespielt? Nur noch rasch die Tennisresultate durchgehen – oder vielleicht schnell die Spielzusammenfassung anschauen? Darauf kommt’s jetzt auch nicht mehr an. Moment – auf Facebook kommt gerade eine Chatanfrage von einem guten Kumpel rein. Er zockt gerade ein Online-Game und sucht einen Mitspieler. Warum nicht? Nur ganz kurz …

 

Ehe man sich’s versieht, sind eine oder gar mehrere Stunden weg. Eine Stunde weniger Arbeit, weniger Zeit mit der Familie oder manchmal des Nachts weniger Schlaf.

Ich werde häufig gefragt, wie ich meine Arbeit als Lehrer, meine Familie und all meine Hobbys unter einen Hut bringe (und jetzt auch noch Kolumnen schreiben …). Ob mein Tag mehr als 24 Stunden habe.

Manchmal stelle ich mir dies vor: Die Zeit steht für mich drei Stunden lang still, ehe der neue Tag beginnt. Ganz schön praktisch! Was ich nicht alles mit drei zusätzlichen Stunden pro Tag anfangen könnte. Das wären 1095 Stunden pro Jahr oder 26 Arbeitswochen zu 42 Stunden pro Jahr. Fantastisch!

Aber nein, leider hat auch mein Tag nur 24 Stunden. Nur habe ich mir angewöhnt, die lästigen Zeitfresser, die uns vor allem in Form von Bildschirmen auflauern, weitgehend zu eliminieren: Fern schaue ich nur noch bewusst und reduziert, zappen habe ich mir längst abgewöhnt. Skype habe ich vor langer Zeit deinstalliert und die Chatfunktion auf Facebook ausgeschaltet. Ich habe alle PC-Games deinstalliert und kaufe mir keine neuen dazu. Facebook und überhaupt das Internet sind geschlossen, während ich arbeite, das Handy auf stumm geschaltet, so dass WhatsApp mir nicht reinfunkt.

Wenn ich am PC sitze und arbeite, sind diese Zeitfresser verboten. Nicht von irgendeinem Chef, der mich kontrolliert, sondern von mir selbst. Und vor mir kann ich nichts verstecken …

Ich nenne diese Übeltäter Zeitfresser – denn genau das tun sie: Sie nehmen uns unsere Zeit, ohne uns einen nachhaltigen oder nennenswerten Gegenwert zurückzugeben. Sie fressen ein Loch in unseren Tag, ein Loch, das nie wieder aufgefüllt werden kann, denn die Zeit kennt nur einen Weg: vorwärts.

Und vielleicht hat mein Tag dadurch, dass ich diese Zeitfresser eliminiert habe, nun tatsächlich mehr Stunden, als die Tage derer, die sich von den Zeitfressern verführen lassen? Denn wo bei anderen grosse Löcher im Tag prangen – Löcher kreiert von erbarmungslosen Zeitfresserbildschirmen – da läuft bei mir die produktive Zeit weiter. Sekunde um Sekunde. Minute um Minute. Stunde um Stunde.

Doch halt: Ganz so einfach ist es leider nicht, wie ich gestehen muss. Während dem Schreiben dieser Kolumne bin ich einmal in mein Mailprogramm gegangen (weil ich auf eine Mail gewartet habe) und einmal auf Facebook (ja, einfach so …), habe einige Posts gelesen, auf einen externen Link geklickt und eine Buchrezension gelesen. Die Zeitfresser haben zugeschlagen – auch bei mir. Ohne sie wäre dieser Artikel wohl früher fertig geworden …

Thomas Vaucher ist Autor, Musiker, Schauspieler und Lehrer. Der 36-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in Giffers. Er ist Mitglied einer FN- Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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