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Bruno Knutti 30.12.2016

Vorsätze und Gewohnheitsbrecher

 

D

ie Weihnachts- und Silvestertage eignen sich am besten, um das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Das Leben lässt sich zwar nicht so gut schwarz-weiss bilanzieren wie ein Krankenkassen- oder Bankauszug, wo alles bis auf den letzten Rappen aufgeführt ist. Aber dennoch gibt es Tendenzen, um sagen zu können, ob das vergangene Jahr den Vorstellungen entsprach. Leider können wir aber nicht alles planen und beeinflussen. Krankheiten, Todesfälle, Entlassungen et cetera liegen oft nicht in unserer Hand. Es sind nicht voraussehbare und planbare Ereignisse, die uns aber aus der Bahn werfen können.

 

Dennoch haben wir aber selber sehr grossen Einfluss auf Körper, Geist und Seele. Im Kleinen können wir viel beeinflussen, das grosse Auswirkungen haben kann. Man muss es nur wollen, und es muss umsetzbar sein. Laut einer Umfrage über Vorsätze wollen 61 Prozent der Leute Stress vermeiden oder abbauen, 59 Prozent sich mehr Zeit für die Familie und Freunde nehmen, 54 Prozent mehr Zeit für sich gewinnen. 48 Prozent möchten sich gesünder ernähren, 37 Prozent wollen sparsamer sein, und 35 Prozent wollen abnehmen. Die Liste ginge noch weiter. Wenn wir die Vorsätze anschauen, wird uns bewusst, wie eng alles miteinander verknüpft ist. Mehr Zeit für sich bedeutet weniger Stress und vielleicht mehr Musse oder Bewegungszeit. Mehr Bewegung wiederum bedeutet, den Kalorienhaushalt im Gleichgewicht zu halten, was sich positiv auf unser Körpergewicht auswirken kann. Schon Pestalozzi wies auf die Tatsache hin, dass Kopf, Herz und Hand im Einklang stehen müssen. Wir wissen aber auch, dass es leichter gesagt als getan ist. Daher einige Tipps, die helfen, die gemachten Vorsätze auch in die Tat umzusetzen:

 

1. Es muss DEIN Ziel sein. Es hilft nichts, wenn der Partner findet, dass du abnehmen sollst. Du musst von der Dringlichkeit selber überzeugt sein, damit eine minimale intrinsische Motivation da ist.

 

2. Formuliere deinen Vorsatz als konkretes Ziel, das umsetzbar ist. Zum Beispiel: Immer dienstags und donnerstags um 17.30 Uhr, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, mache ich einen 30-minütigen Spaziergang, bevor ich in die Wohnung gehe und mich aufs Sofa setze. Oder am Mittwoch und am Freitag steige ich zwei Busstationen früher aus und gehe den Rest zum Arbeitsplatz zu Fuss. Oder einmal pro Tag schliesse ich für 7 Minuten die Augen, sei es im Bürostuhl, auf der Kloschüssel oder im Zug. Egal, ob du dabei noch Musik hören willst oder einfach die Gedanken vorbeiziehen lassen willst: Tue es einfach!

 

3. Mache deine Erfolge sichtbar. Es ist ganz wichtig, dass du deine Bemühungen aufschreibst. Du sollst nicht nur das Ziel auf Papier bringen, sondern auch deine Umsetzung. Hänge zum Beispiel einen Monatskalender an den Kühlschrank und markiere die Tage, an denen du dein Programm erledigt hast, mit einem Smiley. Es gibt natürlich auch einen Smiley mit einem «Lätsch» nach unten, für den Fall, dass du es versäumt hast.

 

4. Weihe einen oder mehrere Freunde in deinen Vorsatz ein. Einen Vorsatz mitzuteilen erhöht den persönlichen Druck und kann die Motivation steigern, diesen dann auch durchzuziehen. Da kommt mir eine Geschichte in den Sinn, die mir ein Bekannter erzählt hat. Einige Geschäftsmänner im mittleren Alter hatten beim Schliessen der Skischuhe Probleme, da der Bauch im Weg stand. Sie schauten sich an und meinten: So nicht mehr! Sie vereinbarten ein System: Jeder musste jeweils am Montagmorgen auf die Waage stehen und seine Kilos via Mail bis spätestens um 8 Uhr dem Verwalter der Gruppe schicken. Wer es geschafft hatte, einige Gramme abzunehmen, der hatte keine Konsequenzen zu befürchten. Falls die Waage mehr anzeigte als die Woche davor, gab es pro 100 Gramm eine Geldstrafe. Es kamen einige Fränkli zusammen. Aber unser Bekannter hat mit diesem System immerhin 12 Kilogramm abgenommen. Der Gruppendruck hat gut gewirkt.

 

5. Zu zweit geht es besser. Vielleicht findest du jemanden, der mit dir das Bewegungsprogramm mitmacht. Vereinbare einen Tag, an dem du die Spazier- oder Joggingrunde gemeinsam mit deinem Buddy in Angriff nimmst. Denk daran: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung!

Die Tipps und die Ziele, die man formuliert, lesen sich leicht, und sie leuchten ein. Damit es aber noch besser klappt, hier noch ein Tipp, der die Umsetzung unterstützen soll: Um gesteckten Zielen eine Chance zu geben, sie zu erfüllen, müssen Gewohnheiten durchbrochen werden. Dass vertraute Verhaltensmuster schwierig zu durchbrechen sind, ist bekannt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, was nichts Schlechtes bedeutet. Gewohnheiten geben uns Sicherheit in unserem Tun und Handeln. Aber es ist trotzdem gut, wenn man sich dessen bewusst wird. Versuche also, deine Vorsätze mit anderen Gewohnheitsbrechern zu unterstützen. Es spielt keine Rolle, was es ist. Es kann noch so klein und unbedeutend sein, man soll es einfach tun. Hier einige Beispiele: Wähle einen anderen Platz am Mittagstisch, stehe auf einem Bein beim Zähneputzen, fädle links statt rechts ein, um auf einem Stuhl Platz zu nehmen, steige zuerst mit dem linken Bein in die Hose rein, putze deinen Allerwertesten mit der linken statt mit der rechten Hand. (Feuchties sind im Moment Aktion!)

 

Die Liste liesse sich noch beliebig weiterführen. Um die formulierten Ziele in die Tat umzusetzen, sollte man nicht mehr als 72 Stunden warten, sonst nimmt die Wahrscheinlichkeit rapide ab, dass man noch damit beginnt. Daher schlage ich dir vor, mit dem ersten Gewohnheitsbrecher zu starten. Für alle, die sich quälen und mit sich kämpfen, die gefassten Vorsätze umzusetzen, und es einfach nicht alleine schaffen, den inneren Schweinehund zu überwinden, hier mein konkretes Angebot, ein Start-up: eine Stunde Bewegung im Wald für Jung und Alt – 1.1.2017, von 12 bis 13 Uhr, Finnenbahn Düdingen, Brugeraholz, auf dem Rütihubel, bei der Feuerstelle. Anreise mit dem ÖV, dem Velo oder zu Fuss ist Ehrensache.

 

Ich hoffe für uns alle, dass sich unsere Träume im kommenden Jahr erfüllen mögen, und dass wir die gefassten Vorsätze in Taten umsetzen.

 

Bruno Knutti ist eidg. dipl. Sportlehrer und Trainer Swiss Olympic I. Seit unzähligen Jahren ist der Freiburger Konditionstrainer bei Freiburg-Gottéron, und er betreute Athleten wie David Aebischer, Martin Gerber, Urs Kolly sowie Schweizer Beachvolleyballer.

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Bernard Waeber 23.12.2016

Einladung auf malisch

 

Für Sira, Ibrahim und Roseline

 

 

Abmachung: Essen am Samstag um zwölf Uhr, auf Wunsch der malischen Gäste. Per Mail den Termin nochmals bestätigt. Um pünktliches Erscheinen gebeten, weil der Legationsrat der deutschen Botschaft schon im Voraus schriftlich mitgeteilt hatte, dass er nicht lange bleiben könne.

 

«Um 15 Uhr steht Fussball auf dem Programm. Wegen einiger auf Heimaturlaub weilender oder auch wegen verletzter Spieler ist meine Mannschaft dezimiert und also dringend auf meine Anwesenheit angewiesen, sonst kann sie gar nicht antreten. Ich bitte um Verständnis.» Na klar, wer würde in einer solchen Situation auf die treibende bayerische Kraft im Mittelfeld verzichten!

Der Legationsrat und seine Freundin kamen dann mit fünfzehn Minuten Verspätung – akademische Viertelstunde, unterwegs telefonisch angekündigt. Also okay.

So gegen 13 Uhr bewegte sich der deutsche Legationsrat unruhig auf dem Sofa hin und her. Dann räusperte er sich und sprach langsam und leise: «Tja, liebe Freunde und Gastgeber, ehrlich gesagt, mir knurrt der Magen. Ich habe nicht gefrühstückt, wohlwissentlich, wegen der Einladung am Mittag. Ich möchte nicht unhöflich sein, aber wäre es möglich, dass wir uns an den Tisch setzen und schon mal mit der Vorspeise beginnen?»

Der erste malische Gast, der Direktor des deutsch-malischen Kulturzentrums, traf um halb zwei ein, strahlend: «Da bin ich. Ende gut, alles gut.» Der zweite klopfte dann – pünktlich für sein Selbstverständnis – um halb drei Uhr an die Haustür, gerade als die Deutschen schon ans Aufbrechen dachten. Er sagte, als ich ihn, den Uni-Professor für Germanistik, fragte, ob er denn nicht lesen könne: «Ja, da muss ich mich wohl verlesen haben.»

Verlesen, verschrieben, verhört!

Als Koch eine echte Herausforderung. Ich habe das Menü dreimal serviert, gleichzeitig die Suppe und das Dessert. Und Ragout mit Rotwein für die Europäer und ohne Alkohol für die muslimischen Malier. Der Uni-Professor schaffte die drei Gänge in einer knappen halben Stunde und nahm von der Hauptspeise gleich zweimal. Er hatte Glück, seine Kollegen hatten sich seiner erbarmt und nicht allzu viel gegessen. Das Leben bestraft oft die Pünktlichen, leider.

Am Schluss wird jeweils eine Rede gehalten. Der älteste der Malier, so will es die Regel, «demanda la route», wie man hier sagt, das heisst, er bittet den Gastgeber, gehen zu dürfen. Aber der Direktor des Kulturzentrums bat explizit um die ­«demi-­route». Das bedeutet, dass es den Gästen bei uns so gut gefallen hat, dass sie jetzt nur den halben Weg auf sich nehmen, in der Hoffnung, wieder eingeladen zu werden.

Na ja, das ehrt mich. Aber das nächste Mal ohne mich als Koch!

 

Bernard Waeber ist zweisprachiger Stadtfreiburger. Studium der Germanistik und Romanistik in Freiburg und Berlin. Dann Mittelschullehrer. Es zog ihn in die Ferne. Als Rucksacktourist unterwegs in Amerika, als freiwilliger Lehrer in Ghana, als Praktikant bei der NGO Swisscontact in Indoniesen. «Die Welt ist dein Zuhause», pflegte der verstorbene Freund und Förderer Hermann Bürgy zu sagen. Seit fast fünfundzwanzig Jahren ist Bernard Waeber Begleitperson. Seine Ehefrau ist als Diplomatin für die DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) tätig. Längere Aufenthalte in Nicaragua, Peru, Serbien und Mali. Bernard Waeber übt Mandate im Erziehungsbereich aus. Ausserdem ist er der Koch des Hauses. Manchmal bleibt ihm noch etwas Zeit zum Schreiben. Von seinen Erlebnissen und Erfahrungen hier und anderswo handelt sein Blog auf www.freiburger-nachrichten.ch. Dort veröffentlicht Bernard Waeber bis Weihnachten täglich eine neue Episode.

Gastkolumne

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Hubert Schaller 22.12.2016

Viel Streit um wenig Stoff

Um das gleich klarzustellen: Auch ich finde es scheusslich, wenn Männer Frauen zwingen, ihr Gesicht zu verhüllen. Auch ich habe es gern, wenn Menschen ihr Gesicht zeigen, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Und wenn die Gesichtsverschleierung tatsächlich nur ein Ausdruck von Frauenverachtung ist, dann sagt auch mein Bauchgefühl: SOFORT VERBIETEN!

 

Nun schaltet sich aber der Kopf dazwischen, der wieder einmal ungefragt Fragen stellt: Was ist mit den Frauen, die ihr Gesicht freiwillig und aus eigener Überzeugung verhüllen? Burkas widersprechen unserem freiheitlichen Zeitgeist, mag sein. Aber tun das Männer mit glattrasierten Köpfen und Nazisymbolen auf dem Bizeps nicht auch? Deswegen in der Bundesverfassung aber gleich die Kahlrasur oder Bizepstattoos zu verbieten, käme mir irgendwie unangemessen vor.

Ich habe gelesen, Burkas seien Symbole einer menschenverachtenden Ideologie. Sind es Hakenkreuze nicht auch? Und wenn ja, warum hat es das eidgenössische Parlament vor fünf Jahren abgelehnt, Nazisymbole zu verbieten?

Eric Gujer, der Chefredaktor der NZZ, hat seinen Leitkommentar für ein Burkaverbot mit der unzweideutigen Metapher «Ein Gefängnis aus Stoff» überschrieben. Demnach müssten uns die Nacktwanderer im Appenzellerland eigentlich wie Freiheitsrebellen aus Haut vorkommen. Doch die Erfahrung zeigt, dass sowohl zu viel als auch zu wenig Stoff die Sittenwächter gleichermassen auf den Plan ruft.

Können wir mit dem Burkaverbot tatsächlich erzwingen, dass muslimische Frauen nicht nur aus dem «Gefängnis ihres Stoffes», sondern auch aus dem Gefängnis des Patriarchats und der religiösen Despotie befreit werden? Ich habe da meine Zweifel. Vielleicht ist es sogar wahrscheinlicher, dass diese Männer ihre Frauen in Zukunft zu Hause einsperren, um sie den unzüchtigen Blicken der Öffentlichkeit restlos zu entziehen. Müssten wir dann als Antwort in der Bundesverfassung nicht einen «Frauen-an-die-frische-Luft-Artikel» verankern, der das weibliche Geschlecht für mindestens zwei Stunden am Tag den Klauen ihrer Unterdrücker entreisst, um es – endlich dem Gefängnis des Stoffes entronnen – unverschleiert und gesichtsvoll der Freiheit der Strasse zu übergeben?

Einige Burkagegner monieren, es gebe nichts Unästhetischeres als eine von Kopf bis Fuss in schwarze Tücher gewickelte Frau. Zugegeben, auch ich habe schon schicklichere Damenkleidung gesehen, aber wenn ich an all die Frauen und Männer denke, die ihren ganzen Vorrat an Haut der abgründigen Fantasie eines Tätowierungskünstlers als lebendige Leinwand zur Verfügung stellen, so ist mein ästhetischer Hunger durch den Anblick von so viel unverhüllter und verunzierter Haut auch nicht nachhaltiger gesättigt.

Gelegentlich wird auch das Sicherheitsargument ins Spiel gebracht, das Burkaträgerinnen auf die gleiche Stufe stellt wie maskierte Bankräuber oder vermummte Krawallmacher. Wie die meisten bin auch ich dafür, die öffentliche Sicherheit zu schützen. Ich bezweifle nur, dass sie mit Kleidervorschriften zu schützen ist.

In seiner Preisrede auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» gab der deutsche Strafrechtler und Schriftsteller Ferdinand von Schirach folgende Anekdote zum Besten: «Neulich sah ich eine Weile dem Umzug am Christopher Street Day zu. Ein grosser, unfassbar schöner, schwarzer Mann tanzte auf der Strasse. Er war bis auf eine furchtbar enge Unterhose nackt und trug weisse Engelsflügel auf dem Rücken. Die Passanten starrten ihn an. Am Strassenrand stand auch ein kleiner Araber mit Frau und Kind, nicht grösser als 1,60 Meter. Der Tänzer näherte sich dem Araber, das wird schiefgehen, dachte ich. Er blieb vor ihm stehen, beugte sich zu ihm hinunter, nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn auf den Mund. Der Araber wurde erst rot, dann freute er sich und lachte laut los.»

Das ist eine gute, eine sehr gute Geschichte und eine weihnächtliche dazu. Sie führt uns vor Augen, wie viel näher wir dem Himmel wären, wenn wir mehr tanzen und das Fremde liebkosen würden.

Hubert Schaller unterrichtet Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Er ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986), «Drùm» (2005) und «Federleicht» (2016). Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Silvan Jampen 02.12.2016

Woran krankt das Freiburger Gesundheitswesen?

Silvan Jampen

Vor einiger Zeit beklagte die Freiburger Gesundheitsdirektion in einer Medienmitteilung die Erhöhungen der Krankenkassenprämien 2017. «Dies ist umso unverständlicher, als der Kanton seit 2012 (ausser 2014) jedes Jahr zusätzliche 2 Prozent der Spitalkosten übernimmt, wodurch die Krankenkassen jährlich knapp 9 Millionen Franken zusätzlich einsparen können. Logischerweise sollte sich dies positiv auf die Prämien auswirken. Dies ist jedoch nicht der Fall. Der Anstieg 2017 ist somit einmal mehr weder gerechtfertigt noch akzeptabel.»

 

Dies macht hellhörig. Ist nicht der Kanton selber Planer, Tarifsetzer und Mitspieler im Gesundheitswesen? Wie kommt es, dass die Gesundheitsdirektion allein die Krankenkassen ins Visier nimmt? Wird hier der Überbringer der unliebsamen Botschaft bestraft, um von den wahren Gründen für die Prämienerhöhung abzulenken?

Offensichtlich ist das medizinische Angebot für die Freiburger Bevölkerung teurer geworden. Solange es ständig ausgeweitet, verbessert und genutzt wird, kann das auch niemanden überraschen. Nur: Im Spitalbereich hatte der Bundesrat den Freiburger Staatsrat bereits 2002 aufgefordert, die Bettenzahl markant zu senken. Die KVG-Revision 2007 brachte sodann die neue Spitalfinanzierung (höherer Kantonsanteil) und den freien ausserkantonalen Spitalzugang für Grundversicherte. Und auch der kantonale Spitalplanungsbericht 2015 stellt ernüchtert fest, dass 2010 bis 2012 die Spitalaufenthalte und die Pflegetage im Kanton abgenommen haben.

Die Gesundheitsdirektion aber geht, trotz geäusserter Befürchtungen vor Überkapazitäten, unbeirrt von einer künftig starken Zunahme der nachgefragten Spitalleistungen aus. Sie hofft dabei, wie es scheint, dass der Grossteil davon aufs Freiburger Spital HFR entfallen wird. «Folgerichtig» sollen beim HFR im Zeitraum 2013 bis 2022 denn auch über 500 Millionen Franken investiert werden.

Sinnvoller wäre es, mit den Kantonen Bern und Waadt eine überkantonale Spitalplanungsregion zu schaffen, um Überkapazitäten in einem grösseren Perimeter abzubauen. Betrachtet man die aktuellen Diskussionen rund ums dortige Spital, könnte wohl auch Neuenburg interessiert sein. Das Ziel muss sein, für die Freiburger Bevölkerung eine für die überwiegende Mehrzahl der Fälle gleichwertige medizinische Versorgung zu geringeren Kosten anzubieten. Der Spitalstandort Freiburg, zwischen den beiden kaum 100 Kilometer voneinander entfernten spezialisierten Spitalgrosszentren Bern und Lausanne gelegen, soll dadurch langfristig finanzierbar gemacht werden.

Das Beispiel unseres Kantons zeigt, dass die Trias der Kantonsaufgaben im Bereich öffentlicher Gesundheit – nämlich Planung, Genehmigung, Betrieb – zu vielfältigen Interessenkonflikten führt. Diese wirken in der Spitalplanung als Heimatschutz der bestehenden kantonalen Einrichtungen. Dem Spitalplanungsbericht ist beispielsweise zu entnehmen, dass das für die Kosten sehr relevante Kriterium der Mindestfallzahlen im Kanton mit grösster Zurückhaltung behandelt wird.

Oder dass die über dem Durchschnitt liegenden Fallkosten des HFR nur deshalb ohne Konsequenzen bleiben, weil erst ein Überschreiten der Durchschnittskosten um mehr als 15 Prozent (!) als unwirtschaftlich gilt. Oder dass das HFR von allen relevanten Spitälern, die für die Freiburger Bevölkerung Spitalleistungen erbringen wollen, 2015 noch kein umfassendes Qualitätssicherungskonzept besitzt.

Die Freiburger Bevölkerung verdient zukunftsfähige Lösungen. In resignativem Ton die Erhöhung der Krankenkassenprämien anzuprangern, degradiert sie zur Zuschauerin eines unwürdigen Schwarz­peter-Spiels. Der neue Staatsrat muss seine Führungsrolle in der Gesundheitspolitik wahrnehmen und den Gestaltungsspielraum im Interesse der Bevölkerung ideologiefrei, vorausblickend und mutig angehen.

Silvan Jampen ist als Unternehmens­jurist tätig und wohnt mit seiner Familie in Kerzers. Im Rahmen der FN-Gastkolumne äussert er seine persönliche Meinung zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen.

Kommentar

«Sinnvoll wäre es, mit den Kantonen Bern und Waadt eine ­überkantonale Spitalplanungs­region zu schaffen.»
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Sus Heiniger 25.11.2016

Die Sonnenfinsternis

Zeiten der Veränderung sind von Bedeutung. Es sind Zeiten, in denen wir gezwungen sind, aufzuwachen. Wenn wir wach sind, gibt es viel zu sehen.

Das genaue Hinsehen und Hinhören zeigt die Wesen unseres Planeten. Sie vervielfachen sich rasant und haben alle dieselbe Bestimmung: als Individuum überleben. Mit wachsendem Bewusstsein lernt jedes vom Anderen. Jedes Ich von einem Du und von seiner Sippe.

Viele Menschenfreunde sagen: Es gilt, den Anderen nicht allein zu lassen, ihm zuzuhören, wenn er ruft. Die Politik ist am Ende, Verfilzung und Verflechtung sind komplett. Im Rad des gemeinsamen Vorwärtsrollens knirscht Stein. Ein neuer Wert kommt auf uns zu, wie eine Sonnenfinsternis. Blockaden sollen damit gelöst werden: «Lehnt den Anderen ab! Verschliesst die Türen, lasst ihn rufen!» Schonungslos prasseln Feind- und Diskriminierungsbilder vom «Anderen» aus der Online-Welt.

Alleingelassen liegen wir offline unter dem Haufen einer Auswahl, wer wessen Feind sei, nach Luft schnappend, unter dem Gewicht des Zuviel – und wünschen uns das Weniger. Noch lieber das Nichts, den leeren Raum, zur freien Gestaltung des gemeinsamen Über-Lebens auf dem Planeten. Mit neuen Ideen, neuen Vor-Bildern, wenn die alten leck sind. Eine interessante Herausforderung, doch immer wieder in Hass und Furcht ertrinkend.

Als das Fragen noch geholfen hat, in eine gute Haltung des Wartens zu gelangen – in die der kreativen Geduld –, war die Beschleunigung noch nicht normaler Alltag, die Diskriminierung des Anderen noch nicht System. Derzeit sind Antworten mehr als gefragt, am besten in Beschleunigung, um Menschengräuel abzuhalten. Dumpfer Selbsterhaltungstrieb bringt Heerscharen von Zeugen dazu, die Augen zu schliessen, die Arme hängen zu lassen. Wo Hinsehen und Handeln Not täte, ist Loch.

Welche Grossartigkeit! Jeder kann heute ein Produzent werden! Jeder kann Verkaufsangebote und Argumente zum Planeten entwickeln, Ware anbieten. Es ist die Zeit der unendlich vielen Ideenverwirklichungen und der grossen Angebote. Es ist möglich, dass in der Zukunft auch stets mehr Immaterielles angeboten wird. So wäre es sinnvoll, neue Berufe zu erfinden, um zukünftige Bedürfnisse zu befriedigen. Oft käme dies einer Rettung gleich.

Folgendes Angebot könnte in Zukunft sehr gefragt sein: Zu mieten, Menschen in neuen Berufen:

• der Aufjemandzugehbegleiter

• der Hasserkennerundaustreiber

• der Liebesbriefschreiber

• der Angstraumleerer

• der Menschenliebelehrer

• der Ausgrenzungsvernichter

• der Begeisterungssäer

• der Zuhörer

• der Fremdekulturerklärer …

Selbstverständlich wäre alles in weiblich oder männlich zu mieten. Wenn du deine Ideen zu neuen Berufsbildern hast, bist du vielleicht schon in der Ausbildung, Selbstausbildung, bist du ein Privatgelehrter. Anders bringen wir den Ausgleich zwischen Gut und Böse nicht zustande.

 

 

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Gastkolumne

«Die Politik ist am Ende.»

 

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Claudine Brohy 17.11.2016

Georgien – vielsprachiger Vielvölkerstaat im Kaukasus

Von den kaukasischen Staaten spricht man in der Presse kaum, aber zugegeben, was gab es im letzten Jahr ausser den amerikanischen Wahlen schon zu hören und zu lesen?
Ich hatte in letzter Zeit zweimal die Gelegenheit, beruflich nach Georgien, diesem südkaukasischen Kleinstaat, zu reisen. Das gebirgige Land, mit etwas weniger als vier Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, gelegen zwischen den schneebedeckten Fünftausendern im Norden, dem Schwarzen Meer im Westen, Armenien im Süden und Aserbaidschan im Osten, hat verschiedene Klimazonen und liegt an der Seidenstrasse, in einem Übergangsgebiet zwischen Europa und Asien. Es hat eine bewegte Geschichte hinter sich, geprägt von Invasionen und Bürgerkriegen, stark fluktuierenden Grenzen und Abwanderung, und man hat das Gefühl, seine Geschichte sei immer noch nicht fertig geschrieben. An dieser geopolitischen Schnittstelle indoeuropäischer, kaukasischer, semitischer und altaischer Völker liegen Kirche, Synagoge und Moschee einträchtig nebeneinander.
Wegen der Zugehörigkeit zur Sowjetunion zwischen 1921 bis 1991 und dem allgemeinen Gebrauch des Russischen, das auch in der Schule obligatorisch gelernt werden musste, sprechen die älteren Leute immer noch sehr gut Russisch, wie auch der alte Mann, dessen Trauben ich im Garten bewundere. Die junge Generation spricht gut Englisch, hatte früher dem Russischen gegenüber negative Einstellungen, was auch mit der Situation der abtrünnigen Republiken Abchasien und Südossetien zusammenhängt, welche sich mit Russlands Hilfe losgelöst haben und nur von ganz wenigen Staaten anerkannt werden, darunter Nicaragua und Venezuela. Die Menschen in diesem mehrsprachigen, multikulturellen Vielvölkerstaat mit verschiedenen Schriften haben unterschiedliche Gefühle gegenüber den mehr als 20 Minderheitensprachen ihres Landes. Georgisch ist die einzige Amtssprache, und eine Kollegin beanstandet, dass die Armenier und Aserbaidschaner nur ihre Sprache und allenfalls Russisch sprechen wollen und sich so nicht in die georgische Gesellschaft integrieren.
Viele Minderheitensprachen in Georgien sind aber gefährdet, die Sprecherzahlen nehmen rapide ab, und einige NGO und engagierte Personen drängen auf die Ratifizierung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats, damit sich die Situation stabilisiert und wertvolle sprachliche Ressourcen nicht unwiederbringlich verloren gehen. Andere Leute sind gegen die Ratifizierung der Charta, weil sie denken, dass damit separatistischen Bewegungen Vorschub geleistet wird. Was tun? Die Kollegen schauen mich fragend an. In der Schweiz habt ihr dies ja exemplarisch gelöst, oder? Ich winke ab. Im Gegensatz zu Georgien haben wir zwar vier Landes- und Amtssprachen, wir schützen aber ganz wenige Minderheitensprachen. Und Lösungen aus anderen Ländern kann man schwerlich eins zu eins übernehmen, leider.
Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, hat in Freiburg und in Kanada studiert. Sie interessiert sich für die verschiedenen Aspekte der Zweisprachigkeit und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet. Die Autorin tut dies auf Wunsch der Redaktion mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

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17.11.2016

Gastkolumne

Georgien – vielsprachiger Vielvölkerstaat im Kaukasus

Claudine Brohy

V

on den kaukasischen Staaten spricht man in der Presse kaum, aber zugegeben, was gab es im letzten Jahr ausser den amerikanischen Wahlen schon zu hören und zu lesen?

Ich hatte in letzter Zeit zweimal die Gelegenheit, beruflich nach Georgien, diesem südkaukasischen Kleinstaat, zu reisen. Das gebirgige Land, mit etwas weniger als vier Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, gelegen zwischen den schneebedeckten Fünftausendern im Norden, dem Schwarzen Meer im Westen, Armenien im Süden und Aserbaidschan im Osten, hat verschiedene Klimazonen und liegt an der Seidenstrasse, in einem Übergangsgebiet zwischen Europa und Asien. Es hat eine bewegte Geschichte hinter sich, geprägt von Invasionen und Bürgerkriegen, stark fluktuierenden Grenzen und Abwanderung, und man hat das Gefühl, seine Geschichte sei immer noch nicht fertig geschrieben. An dieser geopolitischen Schnittstelle indoeuropäischer, kaukasischer, semitischer und altaischer Völker liegen Kirche, Synagoge und Moschee einträchtig nebeneinander.

Wegen der Zugehörigkeit zur Sowjetunion zwischen 1921 bis 1991 und dem allgemeinen Gebrauch des Russischen, das auch in der Schule obligatorisch gelernt werden musste, sprechen die älteren Leute immer noch sehr gut Russisch, wie auch der alte Mann, dessen Trauben ich im Garten bewundere. Die junge Generation spricht gut Englisch, hatte früher dem Russischen gegenüber negative Einstellungen, was auch mit der Situation der abtrünnigen Republiken Abchasien und Südossetien zusammenhängt, welche sich mit Russlands Hilfe losgelöst haben und nur von ganz wenigen Staaten anerkannt werden, darunter Nicaragua und Venezuela. Die Menschen in diesem mehrsprachigen, multikulturellen Vielvölkerstaat mit verschiedenen Schriften haben unterschiedliche Gefühle gegenüber den mehr als 20 Minderheitensprachen ihres Landes. Georgisch ist die einzige Amtssprache, und eine Kollegin beanstandet, dass die Armenier und Aserbaidschaner nur ihre Sprache und allenfalls Russisch sprechen wollen und sich so nicht in die georgische Gesellschaft integrieren.

Viele Minderheitensprachen in Georgien sind aber gefährdet, die Sprecherzahlen nehmen rapide ab, und einige NGO und engagierte Personen drängen auf die Ratifizierung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats, damit sich die Situation stabilisiert und wertvolle sprachliche Ressourcen nicht unwiederbringlich verloren gehen. Andere Leute sind gegen die Ratifizierung der Charta, weil sie denken, dass damit separatistischen Bewegungen Vorschub geleistet wird. Was tun? Die Kollegen schauen mich fragend an. In der Schweiz habt ihr dies ja exemplarisch gelöst, oder? Ich winke ab. Im Gegensatz zu Georgien haben wir zwar vier Landes- und Amtssprachen, wir schützen aber ganz wenige Minderheitensprachen. Und Lösungen aus anderen Ländern kann man schwerlich eins zu eins übernehmen, leider.

Claudine Brohy ist Linguistin und wohnt in Freiburg. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, hat in Freiburg und in Kanada studiert. Sie interessiert sich für die verschiedenen Aspekte der Zweisprachigkeit und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet. Die Autorin tut dies auf Wunsch der Redaktion mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

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Andreas Kempf 03.11.2016

Die Erfolgsgeschichte der WG-Läufer

Seinen Anfang nahm alles 2010 mit einer Idee in einem Trainingslager in Südspanien. Und diese ging folgendermassen: Die Harmonie und der gute Spirit in diesem Lager, sowohl in den Laufschuhen als auch neben den Trainingseinheiten, wollten ein Berner, ein St. Galler und ein Freiburger unbedingt in den Alltag übertragen. Nur mit guten Trainingspartnern und einem High-Performance-Lifestyle würden Adrian Lehmann, Christopher Gmür und ich es schaffen, eines Tages in neue Dimensionen vorzudringen und auch international starten zu können. Ganz nach dem Motto: Auch wenn wir mit dem Fokus auf den Sport vermutlich nicht reich werden, so werden wir zumindest reich an Erfahrungen. 2012 setzten wir diese Idee in die Tat um und bezogen im Berner Liebefeld, gleich oberhalb des Stadions, eine 4,5-Zimmer-Wohnung. So wurden aus Teilzeit-Trainingspartnern Vollzeit-Kollegen und Mitbewohner.
Was seither geschah, ist schlicht fantastisch: Jeder von uns entwickelte sich sportlich enorm weiter. Bestzeiten purzelten und im Langstreckenlauf stiegen wir zu den besten des Landes auf. Seit dem Beginn der Wohngemeinschaft kamen ein Dutzend Medaillen an Schweizer Meisterschaften (Strasse/Bahn/Cross) zusammen. In der Schweizer Bestenliste 2013 über 5000 Meter belegten wir geschlossen die Ränge eins bis drei. Lokale und nationale Medien berichteten über die sogenannte «schnellste Läufer-WG der Schweiz». Auch international durften wir immer wieder an Wettkämpfen für die Nationalmannschaft oder die Schweizer Armee teilnehmen. Unbestrittenes Highlight ist jedoch die Team-Goldmedaille im Halbmarathon, die Adrian und ich an den Leichtathletik-Europameisterschaften dieses Jahres in Amsterdam gewannen. Auch der Dritte im Bunde, Chrigi, war als Teil des Medien- und Kommunikationsteams von Swiss Athletics in der niederländischen Hauptstadt hautnah dabei. Diese unvergesslichen Emotionen, die wir drei dort erleben durften, sind unbezahlbar und machen Lust auf noch mehr.
Es braucht im Sport sicherlich Glück und Talent, um Erfolge zu feiern. Aber mit professionellen Strukturen, genügend Unterstützung des Umfelds, der nötigen Disziplin sowie einem unabdingbaren Willen lässt sich so mancher Traum realisieren. Deshalb empfehle ich jedem motivierten Nachwuchssportler, den Schritt in Richtung Leistungssport zu wagen. Und habt Ideen sowie den Mut dazu, diese umzusetzen!

Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf (27) hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat im Sommer an der Leichtathletik-EM in Amsterdam mit der Schweiz Team-Gold gewonnen.

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Martin Schick 20.10.2016

Ode an den Schwarzsee

Der nachfolgende Text ist eine freie Anpassung von Thomas Dylans «Unter dem Milchwald» an die lokalen Verhältnisse (gekürzt!)

Anfangen, da wo’s aufhört.

Und es wird Nacht im herbstigen schlummerigen Schlund, wo der von bunten Bäumen und Häusern umringt still stehende See immer dunkler bis endlich schwarz wird, wo die letzten noch nicht genug gemästeten Rinder auf ihren Kuhglocken spielen, wo das Wasser aus den hintersten Ritzen spritzt und der Kies fies den Bootssteg umrieselt. Letzte ungebremste Kinder rodeln jodelnd laut, passend zum Radio der vom Sommer mitgenommenen Bauern, die auf japanischen Motoren den heillosen Hang hoch noch ein letztes Mal ihre leeren Milchkannen karren.

Es wird Nacht im bald schwindenden, immer noch saftigen Grün, wo die letzten vierradgetriebenen Bierliebhaber illegal den steilen Weg herunter rollen. Die Sesselbahnbänke beeilen sich zum einseitigen Einreihen, so als teilten sie sich die Freude auf den Feierabend mit den unlängst am Knopf verweilenden Betreibern.

Nur das Luxushotel leistet sich Lichter, und der Nachtklub bleibt stumm wegen hellhörigen Hotelbesuchern oder den abwesenden Mädchen, was weiss man wieso, und so tropft der Hopfen vom Zapfhahn in Sehnsucht auf durstige Militärverweigerer, die stattdessen etwas benebelt den geteerten Weg entlang gehen oder in abgelegener Freinatur ihre Kleider ablegen, ganz gern gesehen im Fernglas vermeintlich verlassener Terrassen und deren Besitzerinnen.

Es wird Nacht im tourismusumworbenen Tal, wo auf seine eigene Art alles allen gehört, wo Gastarbeiterinnen aus ferneren Ländern in traditionellen Trachten der Nachbarnation ihre prallen Portemonnaies leeren und über die Reden der rüstigen Rentner sinnieren. Der Mond steigt hoch, und herunter rollen vierradgetriebene Bierliebhaber und stöckeln nun immer schneller die letzten naturhungrigen Städter und bringen ihre vom Trampeln auf afrikanischen Gesteinsplatten übersäuerten müden Muskeln ins saubere Auto oder in den für seine Leere scheinbar zu grossen Bus und fahren das gepflückte Alpenglück hinunter in ihre wohligen Wohnzimmer.

Nun ist es still auf dem an subventionierten Bänken entlang gehenden Weg, wo soeben noch die in nationalen Magazinen geworbenen Horden auf das erwartet Wilde starrten. Dabei ist alles geordnet und registriert, der Naturschutz kennt jeden Baum und Haufen aus Stein, was zu viel ist, schiessen die Jäger, wenn nicht darüber hinaus. Hier und da bimmelt noch ein weidendes wunderlich weises Wesen, Ausschau haltend, ob nicht doch irgendetwas dieses nächtliche Nichts durchbricht.

Derweil träumt Einer oder eine Andere von der Eisenbahn, dem Dampfbad, einem Tunnel in noch so ein Tal oder wälzt sich im Traum mit den Mühlen für Elektrizität, stellt das Licht nochmals an, kaum sichtbar von fern in dem nun nächtlichen und immer verlegener werdenden schon schläfrigen Schlund.

Ganz und gar leer steht nun der prächtige Parkplatz und wartet auf die wiederum Ersten, die ihre Senkel schnüren und ein für längere Zeit vielleicht letztes Mal mühelos losmarschieren, um sich das Eigene noch einmal in Klein von oben zu loben.

 

Martin Schick

ist Theater- und Filmschauspieler. Er wuchs in Tafers auf und lebt derzeit hauptsächlich in Berlin. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das regel mässig frei gewählte Themen bearbeitet.

 

«Der Nachtklub bleibt stumm wegen hellhörigen Hotelbesuchern oder abwesenden Mädchen.»

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Beat Brülhart 13.10.2016

Alles ist zu haben

Was man nicht alles kaufen kann. Auch Freiheit, Männlichkeit, Spontaneität, Coolness, Individualität? No Problem. Alles ist zu haben. Zwar nicht direkt, aber indirekt, grenzenlos. Nicht lang ist’s her, da kauften sich Massen ihre Freiheit mit Marlboros. Seit der Mainstream glaubt, dass es besser ist, ohne Raucherlunge zu sterben, ist fertig mit gekaufter Lagerfeuerromantik. Dafür boomt der Dauerbrenner Jeans weiter. Diese Arbeitshose mit einem Hauch von Abenteuer, blauem Dunst, Verruchtheit und Biederkeit hat es zum grössten Massenprodukt der Welt geschafft. Dabei glauben die Träger erst noch, mit Jeans am Hintern den unkonventionellen Individualisten zu markieren. Jahrelang forschten Chemiker mühsam nach einem Rezept, um die Indigo-Farbe sonnenresistent zumachen. Als sie endlich fündig wurden, war die vorfabrizierte Abnutzung bereits Kult. Stonewashed Jeans, der Renner. Hundertmal zusammen mit Steinen geschleudert für Käufer, die nur den Schongang kennen, veredeln sie den Allerwertesten der solariumgebräunten Träger und erwecken den Eindruck, als hätten diese nur unter Todesgefahr die Wüste Gobi überlebt. Aber plötzlich war auch das nicht mehr kultig genug, und unterbezahlte Asiaten mussten Risse in die Hosen machen, damit diese an Profijugendliche, Pseudoabenteurer und vollintegrierte Alternative verkauft werden können. Denn die kommen ja gar nicht mehr dazu, so zu leben, dass Jeans von selber reissen.

Von wegen Kleidung: Total «in» sind Anzüge mit zu kurzen Jacken und stummeligen, ofenrohrartigen Hosenbeinen. Bevorzugt von Jungbankern und Versicherungsleuten, in Dunkel getragen, sollen sie den Eindruck von Cleverness und Smartheit erwecken, derweil ihre Träger aussehen wie an einem unsichtbaren Bügel aufgehängte Musterschüler.

Zu trendigen Kleidern gehört natürlich auch die richtige Frisur. Strong Gels gibt’s schon eine Zeit lang. Dank High-Tech-Molekular-Technik kann man jetzt dauerhaft wahlweise aussehen, als käme man direkt aus dem Bett oder als hätte man morgens den Finger in den Stecker gesteckt. Man muss nur eine Stunde früher aufstehen, im Bad mit überrissen teuren Produkten hantieren, um den ganzen Tag so auszusehen wie man ausgesehen hat, als man aus dem Bett gekrochen kam. Coolness pur.

Und seit es SUVs gibt, gibt’s auch dreckigen Schlamm aus der Sprühdose. SUVs, Sport Utility Vehicles, das sind jene Geländewagenplagiate, die zwar wesentlich kleiner sind, aber mit ihrem hohen Kühler als Kinderkiller einen etwas schlechten Ruf geniessen. Bevorzugt benutzt werden sie von sicherheitsbedürftigen Eltern, um damit ihre Darlinge in die Schule zu karren oder die Einkäufe sicher nach Hause zu kutschieren. Das einzig Abenteuerliche, was diese Wagen erleben, ist die Fahrt auf dem kiesigen Zufahrtsweg zur Garage. Und damit der Göttergatte am Samstag wenigstens etwas Männlichkeit verbreiten kann, wird das Gefährt mit ein paar Spritzern Schlamm aus der Dose (Spray on mud) versehen, und schon ist die Männlichkeit und grosse Freiheit perfekt.

Nicht zu vergessen die Masse Flachlandalpinisten, die jeden Morgen und Abend die Bahnhöfe bevölkert. In Anzug und weissem Hemd ohne Krawatte und einem grauschwarzen Rucksack am Rücken, mit der obligaten Halbliterflasche Mineralwasser ohne Kohlensäure in der Aussentasche, hetzen sie auf den Perrons ihrem Zug entgegen und markieren den lässig fortschrittlichen Managertypen.

Ob diese merkwürdigen Massenverhaltensweisen eher dem Herdentrieb des Homo sapiens oder der Cleverness von Marketingleuten zuzuschreiben sind, ist offen. Aber es könnte auch sein, dass jener Biologe richtig liegt, der kürzlich sagte: «Eine Gehirnwindung weniger und wir gehen auf allen Vieren.»

 

 

 

Beat Brülhart

wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer/-Coach für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

 

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