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Andreas Kempf 14.07.2016

Team – totaler Einsatz aller Mitwirkenden

«Team – Toll, ein anderermacht’s!», meinte Christian Kreienbühl im Zielbereich scherzhaft zu Marcel Berni und mir. Wir hatten gerade an den Europameisterschaften in Amsterdam die Goldmedaille für die Schweiz in der Halbmarathon-Teamwertung gewonnen. Da bei diesem Klassement jedoch nur die Summe der Zeiten der drei besten Läufer pro Nation gewertet werden, kamen unsere drei Einzelzeiten gar nicht in die Wertung. Denn mit dem überragenden Sieger Tadesse Abraham, dem auf Rang 15 platzierten Julien Lyon und Adrian Lehmann auf Rang 26 waren drei andere Schweizer noch schneller. Somit wurden wir sozusagen als Trittbrettfahrer Europameister.

 

Wie soll man sich nun fühlen? Und hatte ich, als einer der drei Überzähligen, diese Auszeichnung auch verdient? Einerseits war ich sehr enttäuscht über meine eigene Leistung. Mit dem 80. Rang in einer Zeit von 71:10 Minuten blieb ich deutlich unter meinen Möglichkeiten. Andererseits freute ich mich wahnsinnig mit dem Team über den überraschenden und sehr knappen Sieg (zwei Sekunden vor Spanien bei einer summierten Laufzeit von über drei Stunden). Selten passte der Ausdruck «gemischte Gefühle» besser zu meiner Gemütslage.

 

Mit einigen Tagen Abstand und vielen Gesprächen mit Familie und Freunden bin ich der Meinung, dass Christian, Marcel und ich diese Medaille durchaus auch verdient haben. Obwohl wir am vergangenen Sonntag sportlich nicht zum Teamresultat beitrugen, mussten wir uns zuerst für diese Meisterschaft qualifizieren und waren deshalb ein Teil des Schweizer Halbmarathonteams. Sei es beim gemeinsamen Trainingslager im Juni in St. Moritz oder bei der Wettkampfvorbereitung in Amsterdam; wir waren dabei und wichtig für eine funktionierende Gruppe. Jeder motivierte den anderen, jeder war um eine gute Stimmung besorgt und jeder kämpfte schlussendlich bis zur Ziellinie nicht nur für sich, sondern auch für die Schweiz und das Team. Und eigentlich bestand dieses Team nicht nur aus uns sechs Läufern, sondern zusätzlich aus Trainern, Betreuern, Physiotherapeuten, Fans usw. Aus diesem Grund steht in unserem Fall «Team» eher für: Totaler Einsatz aller Mitwirkenden!

 

 

 Der Heitenrieder Läufer Andreas Kempf (27) hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m hat letzte Woche über die Halbmarathondistanz an der Leichtathletik-EM in Amsterdam mit der Schweiz Team-Gold gewonnen.

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Sus Heiniger 07.07.2016

Schlechte gute Welt

Die Welt ist schlecht.Vielerorts herrscht grosse Not. Menschen sind in Not. Menschen werden gequält von anderen Menschen, die ihre innere Festung des Zorns als Antrieb leben. Als ich kürzlich fernsah, eine Sendung über Boko Haram geboten bekam, konnte ich selbst in meinen eigenen vier Wänden nur noch die Augen schliessen und versuchen, leidvollen Spannungen auszuweichen.

Eine Definition aus den indischen Veden suchte ich dann, um ruhig zu werden–und fand sie: «Sanfter als die Blume, wo Güte am Platz ist, stärker als der Donner, wenn es um Grundsätze geht.» Es ist ein Leichtes, Gedankenlöcher zu graben, in Suche nach Antwort und Verstehen, und es ist ein Leichtes, hineinzufallen, wenn man nicht mehr fähig ist, Gleichmut zu bewahren in unsrer kriegerischen Zeit.

 Die Gleichzeitigkeit des Anderen ist eine riesige Diskrepanz und Tatsache. Sie zeigt mir in immer wiederkehrenden Abständen den so vielfältigen Weltfluss auf: Während Boko Haram als Kriegsbestien wüten, läuft in Paris ein Mode-Defilee, während Gruppen von Menschen von Mitmenschen das Kriegsbeil erwarten müssen, grillieren andere Gruppen irgendetwas auf dem Partyfeuer … Die Liste könnte lang sein.

Ein Kind kann lernen, nicht zu verletzen. Weder in Worten, noch in Taten, noch in Gedanken. Ein Erwachsener kann es ab morgen tun, wenn ihm der Gedanke noch nie begegnet ist, und ich ermahne mich auch immer wieder dazu.

 

 Die Welt ist gut.

 Als das Eichhörnchen eines Morgens erwachte, fand es einen Brief auf seiner Türmatte. «Liebes Eichhörnchen, ich bin krank. Ameise.» Das Eichhörnchen rannte den Baumstamm runter, durch den Wald zur Wohnung der Ameise. Die Ameise lag im Bett und starrte zur Decke. «Ich bin krank», sagte sie. Eichhörnchen nickte und schwieg. «Wo bist du krank?», fragte es dann. «Überall», sagte die Ameise und starrte zur Wand. «Ist es ernsthaft?»–«Ziemlich», sagte die Ameise. «Mir fehlt etwas. Drum habe ich dir geschrieben.»–«Oh», sagte das Eichhörnchen. Es wusste nicht, was es sagen sollte, auch wusste es nicht, was «krank» war oder was sie meinte mit «mir fehlt etwas».

«Kann ich etwas tun?»–«Eh … ja», sagte die Ameise, «du könntest etwas sagen, um mich zu heilen.»–«Was sagen?»–«Du könntest sagen, ich sei tapfer.»–«Bist du das denn?» Die Ameise schwieg. Dann sagte sie: «Tja … ein wenig schon. Aber DU musst es sagen.»–«Du bist tapfer», sagte das Eichhörnchen.–«Mmm», hauchte die Ameise, «das ist gut, aber du musst es anders sagen … ich weiss nicht recht, wie ich es dir erklären soll.» Und sie schaute sehr unglücklich und krank aus ihren Augen.

 Da sagte das Eichhörnchen aus tiefstem Herzen: «Du bist tapfer, Ameise, du bist sehr, sehr tapfer.»–«Ach», sagte die Ameise und lächelte bescheiden, «das geht noch so.» Eichhörnchen schwieg und sass am Bett der Ameise. Hie und da sagte es: «Du bist tapfer, Ameise, du bist sehr, sehr tapfer.» So neigte sich der Tag zu Ende. Gegen Abend sagte die Ameise dankbar: «Mir fehlt fast nichts mehr.» Das Eichhörnchen schaute sie begeistert an, danach ging es nach Hause. Und voll Bewunderung für die Ameise kletterte es auf seine Buche.

Sus Heinigerist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Raphael Waeber 23.06.2016

Von Radars und von Littering auf den Schweizer Strassen

Verkehrssicherheit wird seit Jahren sehr kontrovers diskutiert. Bei Verkehrssicherheit ist für mich persönlich vor allem der Schutz aller Verkehrsteilnehmenden, der Fussgänger und unserer Kinder ein enorm wichtiges Anliegen. Meine Sichtweise beleuchtet hier aber andere Punkte. Immer wieder wird betont, dass es um diese Verkehrssicherheit geht, wenn tagein tagaus in der ganzen Schweiz Radarkontrollen durchgeführt werden.

Ich frage mich, ob die Radarkontrollen nicht eher eine Art «versteckte Steuer» ist, welche dazu dient, die Budgets der Gemeinden und Kantone zu entlasten. Im Jahr 2004 nahm der Kanton Freiburg mit Bussen rund 3,6 Millionen Franken ein, seit 2013 sind es bereits um die 6,4 Millionen Franken. Ein noch krasseres Bild zeigt sich im Kanton Bern, wo 2004 Einnahmen aus Bussen in der Höhe von 9,5 Millionen erzielt und 2013 bereits Bussengelder im Umfang von 38,4 Millionen Franken eingenommen wurden.

 2013 waren gemäss Bundesamt für Strassen (ASTRA) in der gesamten Schweiz 769 Radarmessgeräte im Einsatz, aktuell sollen es bereits über 900 sein. Verkehrssicherheit und daraus abgeleitete Kontrollen sind zwingend notwendig, was ich nicht bestreite. Verkehrssünder müssen gebüsst werden, aber warum liegt der Fokus vor allem auf Geschwindigkeitskontrollen? Meines Erachtens sollten auch andere Delikte auf den Schweizer Strassen systematischer kontrolliert und härter bestraft werden.

Zum einen sind dies die Dauerlinksfahrer und -fahrerinnen. Viele verwechseln die Überholspur links mit der Fahrspur rechts. Vielleicht wäre es an der Zeit, beide Spuren als Fahrspuren zu deklarieren und somit das Überholen auf der rechten Seite auch zu erlauben. Dies könnte zu einem besseren Verkehrsfluss auf der Autobahn führen und den volkswirtschaftlichen Schaden durch Staus verringern.

Zum anderen die SMS-Schreibenden oder die Autolenker und -lenkerinnen, die bei hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn Berichte und Zeitungen lesen. Sie sind für mich diejenigen, welche unsere Sicherheit auf den Strassen grob fahrlässig und erheblich gefährden! Ich bin überzeugt, dass sich viele nicht bewusst sind, wie verheerend ein Crash auf der Autobahn sein kann und welche Folgen daraus resultieren können. Klar sind diese Kontrollen aufwendiger, jedoch unbedingt durchzuführen. Dies deshalb, weil es genau diese Verkehrsteilnehmenden sind, welche heute die schlimmsten Unfälle verursachen, bewusst oder unbewusst das entsprechende Risiko eingehen. An alle Radfahrer appelliere ich, die Ampeln in den Städten zu beachten, denn auch hier können durch das Ignorieren von Rotlichtern schlimme Unfälle passieren.

Fehlverhalten gibt es im Strassenverkehr auch auf ganz andere Art und Weise: Ich denke an all jene, welche ihren Abfall in den Autobahnausfahrten rücksichtslos aus dem Fenster werfen. Fast täglich benutze ich die Autobahnausfahrt in Murten. Leere PET-Flaschen, Bierdosen und Plastiksäcke voller Abfall liegen oft am Strassenrand. Wahrlich kein schöner Anblick. Kürzlich wurde das Gras gemäht und der Abfall beseitigt. Nun sieht es für ein paar Tage richtig sauber aus. Es wäre wünschenswert, auch hier konsequenter durchzugreifen und härtere Strafen einzuführen. Deshalb ist für mich der Entscheid des Nationalrates, kein einheitliches Vorgehen beim Littering festzulegen, nicht nachvollziehbar.

Raphael Waeberist Geschäftsführer im Familienunternehmen Westiform AG in Niederwangen, welches im Bereich der visuellen Kommunikation tätig ist. Westiform beschäftigt in der Schweiz 150 Mitarbeitende und weltweit mit den Schwestergesellschaften rund 400 Angestellte.

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Patrick Buchs 16.06.2016

Der Investitionsfaktor Sport

Von Kindesbeinen an begleitet mich der Sport in all seinen Facetten durch mein Leben. Ich hatte das Glück, in einem Quartier mit grosszügigen Grün- und Sportflächen aufzuwachsen. So konnte ich meinen natürlichen Bewegungsdrang in vollen Zügen ausleben. Etwas später in der Primarschule hat mich die Leidenschaft meines Sportlehrers – damals gab es noch vollamtliche Schulsportlehrer – inspiriert und motiviert, dem organisierten Vereinssport beizutreten. Dort wiederum durfte ich dank kompetenten und verfügbaren Trainern den Wettkampfsport entdecken und erste Erfolge feiern. Ich könnte an dieser Stelle noch viele weitere Beispiele solcher wegweisenden Schlüsselerlebnisse aus meinem Werdegang aufzählen.

Was ich damit sagen will, ist, dass ich nicht zuletzt auch dank der damals sehr günstigen Umweltbedingungen von all diesen positiven Einflüssen profitieren konnte. Nachdem ich mich jahrelang nun auch beruflich mit dem Sport auseinandergesetzt habe, ist mir bewusst geworden, wie wichtig diese oben genannten Einflussfaktoren für meine physische und psychische Entwicklung waren.

Konkret weiss man heute, dass durch regelmässiges Sporttreiben zum Beispiel die Hirnaktivität und somit die Lernfähigkeit erhöht wird, dank besserer Körperspannung Haltungsschäden reduziert werden, die koordinativen Fähigkeiten verbessert und somit das Unfallrisiko gesenkt wird und nicht zuletzt auch die Entwicklung der sozialen Kompetenzen positiv beeinflusst wird.

All diese Punkte – und es gäbe noch viele weitere zu nennen – zeigen die Wichtigkeit des Sports für unsere Gesellschaft. Oder wie der ehemalige Sportminister Ueli Maurer am 1. Dezember 2015 so schön sagte: «Der Sport ist kein Kostenfaktor, sondern ein Investitionsfaktor, weil er ein Treiber für die Wirtschaft, den Tourismus, die Integration, die Gesundheit, die Jugend und für die Gesellschaft im Allgemeinen ist. Der Sport beflügelt und beeinflusst die Gesellschaft.»

 Leider sieht die Realität aber etwas anders aus. Die eingangs genannten positiven Umweltbedingungen verflüchtigen sich zunehmend, weil die Spielplätze dem verdichteten Bauen zum Opfer fallen, für angehende Lehrer der Sport kein Pflichtfach mehr ist und die Vereine wegen der stetig sinkenden Freiwilligenarbeit immer mehr an ihre Grenzen gelangen. Und wäre das nicht schon genug, müssen wir ein paar Monate und ein Departementswechsel später von unserem Finanzminister hören, dass es keine zusätzlichen Mittel für den Sport geben soll. Gerade in der heutigen Zeit können solche Entscheide fatale Folgen für die gesellschaftliche und sportliche Entwicklung in unserem Land haben.

Ich glaube deshalb, dass sich der Sport selber helfen muss. Mit kreativen Ideen und Eintracht unter den vielen Sportvertretern wird er sich bei der Politik auch Gehör verschaffen. Fortsetzung folgt …

 

 Patrick Buchs(43) kennt die Schweizer Sportszene und den Basketball bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Seit dem 1. Juni ist der ehemalige Diskuswerfer Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes.

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Martin Schick 09.06.2016

Heiliger Rusmir

Gastkolumne

Ich weiss nicht, hat es damit zu tun, dass ich soeben am Gasthof St. Martin vorbeigegangen bin oder dass ich gerade ein Kunststück für den asiatischen Markt umschreibe, jedenfalls kommen hier zwei Stränge zusammen. Das Stück heisst auf deutsch «Halbbrottechnik» und befasst sich mit dem Profit des Teilens. Die Überlegungen dazu gediehen im Jahr 2012, als Bill Gates und Warren Buffet den Milliardärsclub «Giving Pledge» gründeten, eine Versammlung von Reichen, welche die Hälfte ihres Vermögens an arme Menschen spenden, sobald sie gestorben sind (wichtiges Detail!). Damals befanden sich Gates und Buffet auf den Rängen zwei und vier der Forbes-Milliardärsliste. Zwei Jahre später hatten sie sich beide um einen Rang hochgearbeitet beziehungsweise hoch-gewartet oder hoch-gepledged. Geschmückt mit Federn des Gutmenschen steigt es sich bestimmt einfacher oder denn zumindest leichter hoch.

Zur selben Zeit gab es diese Familie in Amerika, die ihre Villa verkauft hat und in ein kleineres Haus gezogen ist, um die Hälfte des Verkaufspreises zu spenden an arme Kinder in Afrika. Daraufhin schrieben sie ein Buch darüber, und dieses wurde ein Bestseller. Ein herrliches Beispiel dafür, was rausschaut, wenn man was weggibt. Dieser Logik auf der Spur, wende ich auf der Bühne dieselbe Technik an, und weil nach dem ersten Versuch nichts passiert, probiere ich es nochmals und erneut, bis ich ganz ohne etwas dastehe. Dafür mit einem Heiligenschein.

Mit meinem Namen bin ich prädestiniert für die Halbiererei, hat der andere Martin damit doch seine Heiligkeit geholt. Wir kennen es alle, das klassische Bild an der Hauswand vom St. Martin, und ich frage mich, vorm Gasthof aber auch auf der Bühne, wieso eigentlich der Bettler nicht heiliggesprochen wurde. Er war doch an dem Deal genauso beteiligt! Nicht unähnlich verhält es sich mit dem Bailout an Griechenland und Entwicklungshilfe in Afrika. Der Profit am Deal ist bei weitem grösser als der Einsatz. Ja, so blieb also der Bettler mit dem unpraktischen halben Mantel zurück, hungrig, und hätte doch lieber das halbe Pferd gehabt. Wie hiess er denn überhaupt, der mit seiner Armut das Gleichnis vervollständigte? Ich will einen Namen erfinden, aber mir fällt keiner ein, der nicht unglaubwürdig klingt. So frage ich den ersten Bettler, den ich antreffe, anderntags in Berlin, nach seinem Namen. Er heisst Rusmir. Ich geb ihm fünf Euro. Nicht als Bettler. Als Geschäftspartner. Er hat die Euros, ich den Namen.

 

 Martin Schickist Performancekünstler. Er wuchs in Tafers auf und lebt derzeit hauptsächlich unterwegs. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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Boris Boller 02.06.2016

Reisegewohnheiten und Reisemöglichkeiten

Im Mai erschienen Resultate einer Umfrage, die unter dem Titel «Vernetzte Schweiz» auf ebenso zahlreiche wie unterschiedliche Fragen zur Benutzung von Kommunikationsmitteln, Heimat, Mobilität, kantons- und sprachgruppenübergreifende Liebesbeziehungen oder die Bedeutung des Vereinslebens einging. Für den Auftraggeber Swisscom stand wohl das Kommunikationsverhalten im Zentrum; in den Schlagzeilen der deutschsprachigen Presse dominierte von den Resultaten jedoch einer der erhobenen Extremwerte: Ein Viertel der St. Galler und Bündner war demnach noch nie in der Romandie – und die Zeitungen von dort fokussierten auf den entsprechenden Extremwert, wonach 20 Prozent der Genfer noch nie die Deutschschweiz besucht haben. Dies bei durchschnittlich 14 Prozent Deutschschweizer und 15 Prozent Romands, die noch nie in der anderen Sprachregion waren, sowie Romands, welche deutlich häufiger in der Deutschschweiz sind als umgekehrt.

 

 Nachdem sich die kurzlebige, aber bei nächster Gelegenheit sicher wiederkehrende Aufregung etwas gelegt hat und sich die Online-Reflexe («Was soll ich in dieser komischen Gegend mit dieser komischen Sprache?») bei anderen Themen entladen, sind ein paar Fragen zur Umfrage und den Reaktionen darauf angebracht. Etwa die Frage nach Bedeutung und Tragweite dieser Zahlen. So kann schon mal festgehalten werden, dass immerhin 75 beziehungsweise 80 Prozent der Bewohner dieser am weitesten voneinander entfernten Kantone eben doch schon mal die Sprachgrenze überquert und eventuell die Olma, die Rekrutenschule, das Château de Chillon oder etwa den Autosalon in Genf besucht haben.

 

Dazu kommt, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt und die Resultate keinen Bezug zu früheren Reisegewohnheiten ermöglichen. Anders gefragt: War der Anteil der St. Galler, die jemals die Romandie betraten, früher grösser, kleiner oder hat sich grundsätzlich nichts geändert? Wir wissen nicht, ob diese Zahlen in einem Trend zu «immer weniger» oder «immer mehr» zu verstehen sind – auch wenn viele der besorgten redaktionellen Kommentare implizit davon ausgingen, dass hier ein Zeichen einer Verschlechterung vorliegt. Falls dieser Anteil früher signifikant grösser war: Könnte die Abnahme nun eine Folge oder gar eine Ursache der zunehmenden Skepsis gegen den Französischunterricht in der Ostschweiz sein? Wir wissen die Antwort auf beide Fragen nicht und die Möglichkeiten, dies in Erfahrung zu bringen, erscheinen etwas sehr aufwendig. Noch weniger wissen wir von den Gründen für das Reiseverhalten.

 

 Wir wissen aber, dass die Möglichkeiten, beispielsweise von St. Gallen nach Genf zu reisen, sich in den letzten fünfzig Jahren enorm verbessert haben, um einiges schneller wurden und im Verhältnis zur Kaufkraft auch billiger sind. Für die damals noch weniger verbreiteten Autos führte der Weg in die Romandie noch lange nicht über eine durchgehend ausgebaute A1 oder A12. Weite Strecken waren auf Landstrassen mit vielen Ortsdurchfahrten zu bewältigen und enthielten einige garantierte Staus, etwa in Zürich oder über den Mutschellen. Für Bahnfahrer, die von Altstätten SG ans Ende des Genfersees wollten, konnte dieses Vorhaben lange vor dem Taktfahrplan ein tagesfüllendes Programm darstellen. Heute sind wir in weniger als fünf Stunden dort.

 

Die Reisemöglichkeiten wären heute also häufiger und schneller. Ob aber der Aufforderung «Chum Bueb, lueg dis Ländli a» für die jeweils anderen Sprachregionen heute seltener nachgekommen wird als damals, als dieser Titel noch täglich auf Radio Beromünster lief, muss bis auf weiteres offengelassen werden.

 

 Daneben wären einige weitere Fragen offen zum Forschungsdesign und zur Auswertung dieser nach Angaben der Forschungsstelle Sotomo soziodemografisch gewichteten – und somit als repräsentativ geltenden–Online-Umfrage bei rund 14000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Hier nur eine Frage in Unkenntnis des Fragebogens: Falls ein Deutschfreiburger vom Schönberg nach Marly fährt, hat er dann die Sprachgrenze überschritten, ist er im gleichen Sprachgebiet geblieben, darf er das selbst einschätzen oder fällt er aus der Untersuchung, weil solche Fälle nicht vorgesehen sind?

 

 Boris Bollerist im Thurgau geboren, besuchte die Schulen in Bern und lebt heute in Freiburg. Er studierte und arbeitete an deutsch- und französischsprachigen Abteilungen der Universität und überquert zurzeit praktisch täglich die Sprachgrenze, um zur Arbeit zu fahren. Boris Boller ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet.

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Mario Vonlanthen 25.05.2016

Visionen für den Sensebezirk

Gastbeitrag

Die Zeitung «La Liberté» hat letzthin die Wirtschaftskraft der einzelnen Bezirke im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl dargestellt. Dabei schnitt der Sensebezirk unterdurchschnittlich ab. Eine andere Reportage zeigte auf, dass der Greyerzbezirk den Sensebezirk in den letzten 25 Jahren in vielen Belangen markant überholt hat. Antwort unseres Oberamtmanns in der französischsprachigen Freiburger Tageszeitung: «Mich interessiert es nicht, was der Greyerzbezirk macht!»

Ich finde diese Antwort etwas gewagt und unreflektiert. Der Artikel sollte zumindest als Denkanstoss genutzt werden. Hingegen ist die Skepsis von Oberamtmann Bürgisser gegenüber einem allzu starken und zu schnellen Wachstum und seinen möglichen Folgen nicht ganz unberechtigt. Es stimmt, dass sich nicht alle Regionen gleich entwickeln können und dass die wirtschaftliche Entwicklung der Regionen von vielen Faktoren beeinflusst wird. Ein Wirtschaftswachstum um jeden Preis darf jedenfalls kein Ziel sein. Jede Region soll sich auf ihre Stärken konzentrieren, so auch der Sensebezirk. Wir brauchen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen; es braucht auch Landwirtschaft, eine intakte Umwelt, eine schöne Landschaft und Lebensqualität. Ziel der Politik ist es, die künftige Entwicklung mit langfristiger Planung und geeigneten Massnahmen so weit wie möglich positiv zu beeinflussen, jedenfalls darf sie uns nicht gleichgültig sein.

 

 Die Ausgangslage im Sensebezirk ist gut, aber wir müssen sie noch besser nutzen. Wir verfügen über gute Schulen und dazugehörige Infrastrukturen, optimale öffentliche Angebote, angemessene Gesundheits- und Sozialeinrichtungen, und auch die interkommunale Zusammenarbeit hat sich verbessert. Trotzdem sollten wir uns mit unserer Zukunft auseinandersetzen und noch viel offener und mutiger sein für neue Lösungen. Die Durchführung einer regelmässigen und identitätsstiftenden Sensler Gewerbeausstellung ist ein guter Ansatz, genügt aber nicht. Das Entwicklungskonzept der Region Sense ist immer noch sehr kommunal geprägt. Viele Gemeinden pochen auf ihre Planungshoheit und haben grosse Mühe mit der Umsetzung des vom Volk genehmigten Raumplanungsgesetzes. Die «Innere Verdichtung der Bauzonen» ist für viele noch keine anzustrebende Option. Das Resultat dieser Politik sieht man in den grosszügigen Einfamilienhaussiedlungen, die zum Teil als Zersiedelung angesehen werden müssen. Wir verfügen über Industriezonen, diese sind aber zu wenig auf langfristige Bedürfnisse ausgerichtet und zu klein, um grössere national oder international tätige Produktionsunternehmen ansiedeln zu können, so wie dies in Bulle und Romont möglich war. Eine engere und aktivere Kooperation des Sensebezirks mit dem nahen Wirtschaftszentrum Freiburg und Umgebung könnte sich als sinnvolle Lösung erweisen. Für unseren Bezirk ist jedenfalls das Arbeitsplatzangebot in der Agglomeration Freiburg von grösster Wichtigkeit, und alles, was zur Stärkung des Kantonszentrums beiträgt, sollte unterstützt werden.

 

 Die letzten Entwicklungsschübe im Sensebezirk ergaben sich mit der Inbetriebnahme der Eisenbahn um 1860 und der Autobahn A 12 um 1970. Ähnliche Ereignisse können wir zurzeit nicht erwarten. Deshalb sollten wir neue Visionen entwickeln. Wir brauchen eine neu entfachte Aufbruchstimmung, um den Sensebezirk neu zu positionieren und ihn fit zu machen. Als ersten Schritt stelle ich mir vor, dass man aus dem Sensebezirk eine einzige Gemeinde schaffen könnte. Statt viel Zeit und Kraft für viele kleinere Fusionen mit bescheidenem Nutzen aufzuwenden, könnten wir uns für eine viel effizientere und nachhaltigere Grossfusion einsetzen. Ich bin mir bewusst, dass diese These nicht überall Anklang finden wird. Dass mit einer Fusion nicht alle Probleme gelöst werden können, ist auch klar. Egal, wir brauchen jetzt Visionen und neue Herausforderungen. Solche Ideen sind ja nicht neu, im Kanton Glarus wurden sie verwirklicht, im Greyerzbezirk denkt man darüber nach, und mit der angestrebten Grossfusion rund um Freiburg wird sich auch hier einiges ändern. Auch in Murten und Estavayer-le-Lac entstehen grosse Regionalgemeinden. Eine Gemeinde Sense mit ca. 45 000 Einwohnern wäre ein wichtiger Schritt in die Zukunft und kann eine Aufbruchstimmung entfachen, die zu positiven Synergien führt. Das Selbstbewusstsein und unser Zusammengehörigkeitsgefühl würden gestärkt. Ober-, Mittel- und Unterland könnten die Kräfte bündeln und vermehrt als Einheit auftreten. Die Raum- und Verkehrsplanung sowie die Planung von öffentlichen Dienstleistungen und Einrichtungen werden erleichtert. Einige Regionalverbände und Gemeindeübereinkünfte werden überflüssig. Von den Steuern der juristischen Personen (Firmen) könnten alle Gebiete der Grossgemeinde gleichermassen profitieren. Die Tourismusförderung würde zur Aufgabe einer einzigen Gemeinde. Die Stellung des Senselandes gegenüber Kanton und Bund könnte wesentlich gestärkt, die Zusammenarbeit mit der Agglomeration Freiburg vereinfacht beziehungsweise neu ausgehandelt werden. Die Gemeinde könnte sich professionell strukturieren, mit einem hauptberuflichen Gemeinderat, einem Gemeindeparlament und einer effizienten Verwaltung, selbstverständlich mit Sitz im Hauptort Tafers. Einige Gemeindedienste könnten je nach Bedarf weiterhin dezentral angeboten werden. Nicht zuletzt wären dank Synergienutzung Einsparungen möglich, welche für neue Bedürfnisse zur Verfügung stünden. Von grösseren Gemeinden wird nicht zuletzt auch der Kanton profitieren. Sollte diese Vision nicht so rasch wie möglich Wirklichkeit werden?

 

 Mario Vonlanthen(1948) ist diplomierter Kaufmann. Zwischen 1988 bis 2010 war er als Gemeindeschreiber und Personalverantwortlicher von Düdingen tätig. Seit seiner Pensionierung im Jahre 2013 engagiert er sich in verschiedenen gemeinnützigen Organisationen.

«Wir brauchen eine neu entfachte Aufbruchstimmung, um den Sensebezirk neu zu positionieren.»

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Bruno Knutti 19.05.2016

Geduld... wahre Geduld!

Letztes Jahr durfte ich an gleicher Stelle über Geduld schreiben, ein wahrhaft selten gewordenes Gut in unserer Gesellschaft. Ein arabisches Sprichwort sagt: «Geduld ist der Schlüssel zur Freude.» Ich wünsche uns, dass das Sprichwort stimmt, doch momentan sehe ich die Dinge etwas differenzierter.

Von mir dachte ich immer, dass ich ein ruhiger und geduldiger Mensch sei ... von wegen! Vielleicht ruhig ja, aber geduldig ... ohje, ohje! Ich habe ein optimales Experimentierfeld gefunden, Geduld zu erfahren und zu lernen!

 

 Es ist eine kleine Geschichte aus dem Alltag von meiner Tochter Flavia. Ich habe mit ihr gesprochen, sie hat meine Gastkolumne gelesen und ist einverstanden, dass wir darüber sprechen, da wir wohl nicht die Einzigen sind, welche diese Geschichte teilen.

Flavia macht uns sehr viel Freude bei allem, was sie tut – fast überall ... wenn da nur die verschiedenen Fahrzeuge nicht wären. So hatte sie bei der Mopedprüfung geglänzt, genial, null Fehler in der Theorieprüfung. Beim Versuch, das Moped zu starten, mussten ihr der ältere oder jüngere Bruder jeweils helfen, denn bei Flavia sprang das Moped nur ganz selten an.

 

 Nun der nächste Schritt, die Autofahrprüfung. Nach bestandener Theorieprüfung holte ich die jubelnde Tochter im Strassenverkehrsamt ab. Die leuchtenden Augen, und dann die Frage, ob sie gleich üben gehen dürfe. Ich konnte es nicht ausschlagen. Den Lehrfahrausweis im Sack, den «L» auf dem Auto fixiert, ein riesiger Kiesparkplatz, mit nur einer Person, welche mit einem ferngesteuerten Auto am Spielen war – noch ...

Wir wechseln die Sitze, ich erkläre Flavia das Prozedere von Bremse, Kupplung, Gas und Zündschlüssel ... ein erster Ruck, ein erster Schock ... uff! Nochmals von vorne. Was macht die Hand? Was machen die Beine? Ein zweiter Ruck, ein dritter und ein vierter, und dann fahren wir langsam im Schritttempo. Ich spüre meine eigene Verkrampfung, nehme peripher wahr, wie die Person, die mit dem ferngesteuerten Auto am Spielen ist, die Kreise des ferngesteuerten Autos kleiner und kleiner werden lässt.

 

 Nächster Schritt bei Flavias erster Fahrstunde, vorwärtsfahren, stoppen, rückwärtsfahren. Bei der ersten Bremsung, als ich fast in der Windschutzscheibe landete, wurde meine Verkrampfung gleich noch etwas grösser. Doch von Mal zu Mal geht es etwas besser – wir holpern etwas unkontrolliert im Schritttempo auf dem Kiesparkplatz herum, mal vorwärts, mal rückwärts.

 

 Es wird langsam besser, also der nächste Schritt. Anfahren an der kleinen Steigung. O la la, da muss die Feinkoordination noch etwas gefestigt werden. In meinem Augenwinkel registriere ich, wie der Junge mit dem ferngesteuerten Auto am Zusammenpacken ist. Ich muss etwas schmunzeln und habe volles Verständnis ... Doch was ist da? Wir rollen rückwärts die Rampe hinunter, Flavia steht noch auf der Kupplung – da hilft nur noch die Handbremse! Uff!

Nun sind wir alleine, der Junge mit dem ferngesteuerten Auto hat die Flucht ergriffen, endlich haben wir Platz, um noch eine weitere Viertelstunde erste Fahrversuche zu machen. Danach sind wir beide etwas platt, unsere Geduld für heute am Ende.

 

 Zwei Tage später fahre ich hinter einem Auto mit einem aufgeklebten «L» her. Ich bin eigentlich noch gut in der Zeit, noch–ich bin bemüht, stets pünktlich zu sein. Überholen geht auf dieser Strecke nicht, zu unübersichtlich, zu kurvenreich. «Jetzt fahr doch mal», denke ich und nehme wahr, wie die Zeit langsam aber sicher voranschreitet. Ich ertappe mich selber – Geduld, ruhig Knuts, ruhig – schön geduldig bleiben! Das hast Du ja letztes Jahr in deiner Kolumne beschrieben und nun, wie steht es um deine eigene Geduld?

An dieser Stelle ein grosses Kompliment an alle Fahrschullehrer. Sie sind wohl die Experten im Geduldigsein. Täglich wird ihre Geduld auf die Probe gestellt. Falls Sie das nächste Mal hinter einem «L» nachfahren, dann können auch Sie eine erste Geduldsübung machen: Zuerst 3-mal tief ein- und ausatmen, grösserer Abstand halten als üblich, das schöne Wetter geniessen und die Gedanken auf angenehme Sachen lenken. Vielleicht sind es ja gerade wir, die mit Flavia unterwegs sind, etwas langsamer, Ihnen den Weg versperrend. Danke für Ihre Geduld.

 Bruno Knutti ist eidg. dipl. Sportlehrer und Trainer Swiss Olympic I. Seit unzähligen Jahren ist der Freiburger Konditionstrainer bei Freiburg-Gottéron und er betreute Athleten wie David Aebischer, Martin Gerber, Urs Kolly sowie Schweizer Beachvolleyballer.

«Da hilft nur noch die Handbremse! Uff!»

 

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Gustav 14.04.2016

Leert eure Schubladen!

Alle Regale, Kisten, Koffer und Truhen, jegliche Schubladen und jeder Behälter, ja mittlerweile sogar alle Teetassen, Krüge und Kochtöpfe sind in meinem Atelier vollgestopft mit irgendetwas. Sachen. Dinge, um Musik zu machen, oder auch nicht. Nützliche Dinge, wie ein Ebow, das, wenn man es auf die E-Gitarre legt, durch andauernde Schwingung der Saiten einen unverkennbaren sphärischen Sound erklingen lässt. Ein ganz geiles Ding aus purem Plastik. Made in China. Ich habe es sicher schon zwei Mal in meiner ganzen Karriere gebraucht (die Batterien halten noch immer). Aber ich horte auch unnütze Dinge. Wie zum Beispiel eine limitierte Swatch Blue Rebel, die ich vom Bieler Uhrenpionier nach dem «Kampf der Chöre»-Sieg geschenkt bekommen habe. Wer zum Geier braucht schon eine Uhr am Handgelenk, wenn man eh eine in der Fageta hat? Aber man weiss ja nie, deshalb bewahre ich die Swatch in der Schublade zusammen mit alten Batterien, ausgetrockneten Stempelkissen, Heavy-Metal-Pins und verkrüppelten Klarsichtmäppchen auf.

 

 Man kann sich das kaum vorstellen, dass gerade ich, der sich so gern über die Schubladen hinweg künstlerisch betätigt, so ein kleinkarierter ordnungsbewusster Tüpflischisser bin. Ich habe ein Wandregal, in dem sind zwölf Schubladen mit zwölf verschiedenen Arten von Kabeln (Apple musste ich sogar eine eigene Schublade widmen, da sie bei jedem neuen Gerät neue Kabel und Stecker machen); in drei Schubladen sind Gitarreneffektgeräte nach Einsatzbereich und Wert sortiert; vier Schubladen mit diversen Mikrofonen – wovon das teuerste in einer eigenen Schublade liegen darf; in Reih und Glied stehen alle Blechinstrumente, da die Hörner, hier das Saxofon; an der Wand aufgereiht stehen die Toms und Kicks und Snares und Becken für das Schlagzeug; in einem lottrigen Ikea-Möbelchen habe ich in der obersten Schublade alle Arten von Klebestreifen sortiert (von Gaffa-Tape zu Teppichklebeband ist da alles sofort zu finden), unter den Klebestreifen sind allerlei Schrauben der Grösse nach eingeräumt, darunter zwei Silikonpistolen mit Patronen, dann die Tackerschublade, zuunterst ein Heissluftföhn für die Schrumpfschläuche. Ich habe sogar eine Schublade, um das Klavier unter meinem Arbeitstisch zu verräumen – sehr praktisch übrigens, wie alle anderen Schubladen, Kisten und Behälter in meinem Atelier und in dieser Welt auch.

 

 Es hört sich irgendwie krank an. I know. Ich habe mich auch schon einige Male gefragt, warum das bei mir so neurotisch ist. Ich habe aber festgestellt, dass alle mir bekannten Menschen in irgendeiner Form auch einen mehr oder weniger krankhaften Ordnungssinn haben. Es gibt sicher Studien und Zahlen und so, aber aus dem Gefühl heraus würde ich mal behaupten, dass alle Menschen so engstirnige bornierte Schubladendenker sind wie ich. Man hält sich an starren Kategorien fest. Man will ja nicht runterfallen. Ins Loch. Das da unter uns, welches sich auftut, wenn man den Kopf hängen lässt.

 

 Ich hatte jedoch vor einigen Jahren eine Offenbarung während einer meiner Aufräumattacken: Ich habe herausgefunden, dass ich nicht aus dem offensichtlichen Grund Sachen räume, weil ich diese 5 x 25-Torx-Zylinderschraube aus Inox oder was auch immer besser und schneller finden möchte – ich kaufe mir ja sowieso beim nächsten Brett, das ich an die Wand bohren muss, neue – nein! Ich und Sie und all die anderen da draussen, wir bringen durch Schubladen Ordnung in dieses verdammte Chaos. Physisch sichtbar, aber auch psychisch, in unserem Gehirn und im Herzen. Wir ordnen ja nicht nur Schrauben, Teller und Kabel, wir ordnen auch Menschen, neues Wissen, all diese krassen News und Schlagzeilen, irgendwie müssen wir das alles runterschlucken und irgendwo in uns drinnen ablegen. All diese Sonnenuntergänge auf Facebook und all die schrecklichen Bilder, die uns das Internet ungefragt in die Netzhaut brennt – wohin damit? Und wohin mit all diesen Katzenvideos? Ohne Schubladen, Regale und Kisten würden wir alle wie Irre und Psychopathen durch die Strassen rennen und uns umbringen. Was einige von uns Menschen leider auch tun.

 

 Einstein meinte: «Nichts kann existieren ohne Ordnung. Nichts kann entstehen ohne Chaos!» Wie wahr.

 

 Ich habe gerade einige Monate des Songschreibens, Komponierens und Aufnehmens hinter mir. Beim ersten Tag im Studio war jedes Kabel, jedes Instrument, ja, jedes beschissene Gitarrenplektrum fein säuberlich der Dicke und Grösse nach sortiert und gebüschelt. Nach drei Monaten intensivster Arbeit und Auseinandersetzens mit meinen inneren Schubladen konnte ich kaum mehr die Türe zum Studio öffnen. Aus den Regalen herausgezogene Kisten und Behälter, ein Desaster aus Kabeln, Adaptern, Instrumenten, ausgeleerte und durchwühlte Schubladen, leere Pizzaschachteln und Bierdosen versperrten mir den Weg ins Innere. Pures Chaos. Chaos, aus dem ein Album mit elf neuen Songs entstanden ist. Danke Albert.

 

 Seit einer Woche bin ich nun wieder am Aufräumen: die Kabel zurück in die Regale, Gitarren in die Koffer, Trommeln in die Truhen, Kugelschreiber in die Teetassen. Manchmal muss man seine Schubladen leeren, damit Neues wieder Platz hat.

Pascal Vonlanthenalias Gustav ist Musiker und lebt in Freiburg. Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

«All diese Sonnenuntergänge auf Facebook und all die schrecklichen Bilder, die uns das Internet ungefragt in die Netzhaut brennt–wohin damit?»

 

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Beat Brülhart 31.03.2016

Die grosse Verwirrung

Der Tag ist gerettet. Espresso mit feinem Schaumhäubchen und auf dem iPad erscheint die Zeitung. Aus dem Bildschirm quellen mir Terroranschläge, Flüchtlingselend, Kriegsbilder und Schwerverbrechen entgegen. Mir fällt auf, dass man nur selten schöne Bilder sieht. Zum Beispiel vom grandiosen Bundspecht, der im Winter unser Quartier besucht. Der bleibt wohl unbekannt, weil er weder zu Mord und Betrug noch zu anderen Gaunereien neigt. Nicht einmal Seuchen überträgt er. So was hat in den Nachrichten nichts zu suchen, es sei denn, es ist mal nichts passiert. In dieser Krisensituation wird auch mal auf die Tränendrüse gedrückt, aber erst, wenn alle Notfallthemen wie etwa «Federers Kinder spielen gern», «Dem Köppel wird der Teufel ausgetrieben» und «Magersucht macht schlank» publizistisch ausgefrühstückt sind.

Wenn man alles, was täglich in den Nachrichten steht, in sich aufsaugt, wird man schnell mal krank oder verrückt, oder beides. Die Diagnose ist einfach: Negativdatenüberfütterung oder Infoüberdosis. Aber was wäre ein Tag ohne Überfälle, Unwetter, Kursmanipulationen, Bestechungen, Terroranschläge, Entführungen und Schuldenbremse, auf die sowieso keiner tritt.

Heute geht im Blätterwald wieder mal der Euro den Bach runter. Keiner weiss genau wieso. Die einen behaupten wegen Inflation, die andern wegen Deflation. Das Blatt beruft sich auf Wirtschaftsweise. Aber die wissen ja nun wirklich nichts, vor allem haben sie keine Ahnung, was passieren wird. Denn sonst würden sie doch längst über ein Onlinebrokerportal ihre Millionen scheffeln, statt in einer Institution die Zeit absitzen. Ein anderer Experte schreibt über Griechenland. Die faulen Griechen sollen die Löhne noch mehr senken, die Ausgaben hälften, die Sozialleistungen der Normalos reduzieren, den Konsum ankurbeln und die Banken pünktlich bedienen. Wie man das macht, sagt er freilich nicht.

Dann steht, dass ein toter Wolf gefunden wurde und dass fieberhaft nach der Todesursache gesucht wird, und dass AKWs noch unsicherer sind, als man dachte. Weiter hinten wird von der fristlosen Entlassung eines Trainers berichtet. Nicht zu vergessen der Krieg in Syrien und das Sexualleben einer politischen Lokalmatadorin in der Innerschweiz sowie das Video des Bundespräsidenten zum Tag der Kranken.

Verwirrt legt man das iPad zur Seite und spürt aufkommenden Wahnsinn. Gibt’s jetzt Krieg oder Frieden? Sind es jetzt Flüchtlinge oder Immigranten? Ist der Putin ein Schurke, oder der Obama, oder beide? Bekommt Mutti in Deutschland jetzt ein neues Volk? Wurde der Trainer entlassen oder erschossen? Kam dabei Radioaktivität frei? Ist der Klimawandel selbst im Wandel? Ist der Schneider-Amman Bundespräsident oder Tragikomiker? Was soll nun geschützt werden, der Bufo Calamita oder zugewanderte Wölfe? Warum gibt es 1,6 Milliarden Übergewichtige und 700 Millionen Unterernährte?

Aus dieser Verwirrung entsteht wohl bei manch einem bald einmal Gleichgültigkeit, nach dem Motto: es gibt Schlimmeres. Wenn der Zug zwei Minuten Verspätung hat, beispielsweise, oder wenn man am Schalter Schlange stehen muss …

 

 Beat Brülhart,wohnt in Düdingen. Er ist Unternehmensberater und Trainer/-Coach für Führungskräfte sowie Referent am Schweizerischen Institut für Unternehmensschulung. Als Mitglied des Gewerbeverbandes Sense ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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