Spitzmarke: 
Andreas Kempf 24.03.2016

Zwischen Entwicklungshilfe und Menschenhandel

Vergangenen Samstag präsentierte sich am Kerzerslauf das Bild, an das man sich in den letzten Jahren bei Schweizer Strassenläufen gewöhnt hat. Von den ersten neun Läufern kommen acht aus Kenia, und nur der siebtplatzierte Äthiopier Fikru Dadi wohnt als Asylbewerber in der Schweiz. Auf dem zehnten Rang folgt der erste Schweizer, Julien Lyon, mit bereits über zweieinhalb Minuten Rückstand auf den Sieger. Diese Konstellation ist weder für die Zuschauer noch für die Medien attraktiv. Denn die kenianischen Athleten, welche mit ihren zwielichtigen europäischen Managern jedes Jahr im Frühling und im Herbst durch Europa touren, stammen aus einem schier endlosen Reservoir an Topläufern in Ostafrika. Daher sind sie beliebig austauschbar und fast niemand kann sich ihre Namen und Gesichter merken. Zudem beherrschen sie meistens ausser Swahili keine weitere Sprache, was es Journalisten praktisch verunmöglicht, etwas über sie in Erfahrung zu bringen.

Auch für die einheimischen Läufer ist die Situation unbefriedigend, da ihnen der Weg zu Preisgeld, besseren Platzierungen und somit möglichen Sponsoreneinnahmen verwehrt bleibt. Dadurch können sie sich, wenn überhaupt, nur einen Halbprofi-Status leisten und sind aufgrund fehlender Trainings- und Erholungszeit gegen die Vollprofis aus Kenia meist chancenlos. Ein weiterer Faktor, welcher die ungleich langen Spiesse verstärkt, besteht in der aktuellen Dopingproblematik in der Leichtathletik. Nicht wenige Stimmen verlangen zusätzlich zum Ausschluss der russischen Leichtathletikdelegation für Olympia in Rio de Janeiro auch den Ausschluss der Kenianer, Äthiopier und Marokkaner, solange diese nicht über ein funktionierendes Antidopingsystem verfügen.

Dagegen könnte man einwenden, dass der an europäischen Läufen erzielte Verdienst für die Afrikaner zumindest eine lobenswerte Art von Entwicklungshilfe darstellt. In diesem Zusammenhang müsste allerdings geprüft werden, welcher Betrag den Läuferinnen und Läufern tatsächlich verbleibt. Die ZDF-Dokumentation «The Long Distance» über den deutschen Manager Volker Wagner zeigt, dass mit dem Preisgeld alle Spesen (Flüge, Unterkunft, Essen etc.) sowie 15 Prozent Provision an den Manager bezahlt werden müssen.

Es wird interessant sein, zu sehen, wie die Laufveranstalter zukünftig mit dem modernen Menschenhandel im Laufsport umgehen werden. Vielleicht stoppen sie diese Entwicklung, und wir werden in naher Zukunft wieder einmal einen Schweizer auf dem Podest am Kerzerslauf vorfinden …

 

 Der HeitenriederAndreas Kempf(27) hat BWL studiert und arbeitet zurzeit im Teilpensum als Verkaufsberater. Der ehemalige Schweizer Meister über die 5000 m will sich über die Halbmarathondistanz für die Leichtathletik-EM in Amsterdam qualifizieren.

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Spitzmarke: 
«Stiftungszweck wird zum Zankapfel» – FN vom 16. März 24.03.2016

Zu viel Geschirr ist zerschlagen

Die Berichte und Interviews über die prekäre Situation des Bildungszentrums Burgbühl zeugen von einer kommunikativen Konzeptlosigkeit sondergleichen! Als Zeitungsleser und Nichtkenner vieler Zusammenhänge bekommt man je länger je mehr den Eindruck, dass seit Wochen und Monaten aneinander vorbei kommuniziert wurde: Von einer zusammenhängenden und gegenseitig verständigen Interessengemeinschaft und Zusammenarbeit der katholisch kirchlichen Körperschaft (kkK), der Pfarreien Deutschfreiburgs und des Bischofvikariats ist recht wenig spürbar. Im Gegenteil, der Schwarze Peter wird in widersprüchlichen Aussagen hin- und hergeschoben.

 Gerade in kirchlichen Organisationen und Institutionen spielen Kommunikation, Respekt und Glaubwürdigkeit eine wichtige verbindende Rolle. Deshalb sind die Aussagen von Alain de Raemy, Weihbischof des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg sowie Bischofsvikar ad interim für Deutschfreiburg, unverständlich, wenn er in einem Interview in den FN vom 16. März sagt, dass «rund um die Zukunft des Burgbühls kommunikative Missverständnisse zugrunde liegen.» Wenn dies wirklich der Fall ist, hätte das Bischofsvikariat in einer offiziellen Pressemitteilung schon lange korrigierend Stellung nehmen müssen. Zu viel «Geschirr ist zerschlagen», eine wirkliche Neuausrichtung Burgbühls kann wahrscheinlich nur ein neutraler, komplett unabhängiger Prüfungsausschuss wahrnehmen und einleiten. Das jetzige Dreiergremium von bisherigen Mitbetroffenen hat wahrscheinlich wenig Chancen, ein für alle Beteiligten befriedigendes Zukunftskonzept zu erarbeiten und in den praktischen Alltag zu überführen!

 

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Spitzmarke: 
Hubert Schaller 17.03.2016

Perlmans Satz

Kolumnisten – ich eingeschlossen – fallen gern über die Schwächen anderer her. Ich möchte da einmal eine Ausnahme machen und über eine ganz persönliche Charakterschwäche schreiben. Sie heisst Neid.

 

Kürzlich habe ich Daniel Barenboim Beethovens Mondscheinsonate spielen hören. Wie schön muss das Leben sein, habe ich–blass vor Neid–gedacht, wenn man die Klaviertasten so zärtlich streicheln und dabei solche Töne erzeugen kann! Ich sehe, wie junge, lebensfrohe Menschen zusammen schäkern, und falle augenblicklich in eine Altersmelancholie. Ich höre den alten Benediktinermönch David Steindl Rast und beneide ihn um seine weise Gelassenheit. Ich lese in der Zeitung von begehrten, gut aussehenden Schauspielern oder von schlecht aussehenden Millionären, die trotzdem begehrt sind: Schauspielern gehört nicht zu meinen Stärken, und trotz allen Sparanstrengungen werde ich es wohl nie zum Millionär bringen.

 

Letzthin habe ich einem überaus geschickten Handwerker bei der Reparatur unserer Waschmaschine über die Schulter geschaut. Wenn ich einen Hammer in die Hand nehme, stehen die Chancen, dass ich den Nagel oder meinen Finger treffe, ungefähr bei 50:50. «Die Hölle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar keins.» Falsch, dieser Satz stammt nicht von Michael von der Heide, sondern vom grossen Dichter Heinrich von Kleist, den ich um fast jeden seiner Sätze beneide.

 

Die Welt ist gemein, jeden Tag pustet sie in die Glutkörner meines Neids, jeden Tag stellt sie mir Menschen vor die Sonne, die etwas können, was ich nicht kann, oder die etwas, was ich ein bisschen kann, viel besser können. Lorenz Marti–auch so einer, den ich um seine schlichte Erzählkunst beneide–berichtet, dass dem grossen Geiger Itzhak Perlman bei einem Konzert in New York bereits nach den ersten Akkorden eine Saite gerissen sei. «Es wurde ganz still im Saal. Perlman wartete, schloss für einen Moment die Augen und bat dann den Dirigenten, nochmals zu beginnen. Das Orchester setzte ein, und der an Polio erkrankte Geiger spielte mit so viel Leidenschaft und Hingabe, dass sich das Publikum am Schluss erhob und minutenlang applaudierte. Es soll eines seiner besten Konzerte gewesen sein», so Marti. Obwohl es eigentlich unmöglich ist, ein Violinkonzert auf bloss drei Saiten zu spielen, wollte sich Itzhak Perlman dieser Unmöglichkeit nicht beugen. Nach dem Applaus meinte der Stargeiger zum staunenden Publikum: «Wissen Sie, manchmal ist es die Aufgabe eines Künstlers, herauszufinden, wie viel Musik man noch machen kann mit dem, was einem übrig geblieben ist.»

 

Diese Geschichte hat mich berührt. Plötzlich wusste ich nicht mehr, welches Gefühl in mir die Oberhand hatte: der Neid auf den genialen Geiger oder das Mitleid mit dem körperlich versehrten Menschen. Genauso geht es mir mit dem begnadeten, aber unglücklichen Dichter des «Zerbrochenen Krugs», der mit 34 Jahren Hand an sich legte. Und als ich mit dem geschickten Handwerker nach der Reparatur der Waschmaschine in ein vertrauliches Gespräch kam, erzählte er mir, dass ihn seine Frau mit zwei schulpflichtigen Kindern habe sitzen lassen. Der Philosoph Richard Mervyn Hare hat Glück als den Zustand desjenigen bezeichnet, mit dem wir bereit wären zu tauschen. Wenn ich innerlich die Galerie all der beneidenswerten Menschen mit ihren genialen Vorzügen abschreite, bin ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich überhaupt mit einem von ihnen tauschen möchte. Zweifellos passen all meine Unvollkommenheiten zu niemandem besser als zu mir, weil es ganz einfach meine Unvollkommenheiten sind.

 

«Herausfinden, wie viel Musik man noch machen kann mit dem, was einem übrig geblieben ist.» Vielleicht sollte ich Perlmans Satz einrahmen und als psychologisches Heilmittel gegen meine Neidanfälligkeit an die Wand hängen. Zu diesem Zweck müsste ich zuerst einen Nagel einschlagen. Aber ach ja, Handwerker sollte man sein!

 

Hubert Schaller unterrichtet Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael. Er ist unter anderem Autor der Gedichtbände «Trommelfellschläge» (1986) und «Drùm» (2005). Als Kulturschaffender ist er in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

«Die Welt ist gemein, jeden Tag pustet sie in die Glutkörner meines Neids.»

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Spitzmarke: 
Raphael Waeber 03.03.2016

Das Gefühl, am 15. Januar 2015 sei nichts passiert

Vor gut einem Jahr hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) entschieden, den Euromindestkurs von Fr. 1.20 nicht mehr zu stützen. Ich kann nicht beurteilen, ob die Entscheidung auf lange Sicht für die Schweizer Wirtschaft richtig oder falsch war. Sicher ist jedoch, dass die Frankenstärke den Schweizer Unternehmen stark zugesetzt hat. Mein Eindruck ist, dass sehr viele Leute aus Politik und Journalistenkreisen nicht genau hinschauen und die Folgen des SNB-Entscheids verharmlosen. Der Grundtenor lautet leider immer noch oft: «Es ist ja gar nicht so schlimm, es ist ja gar nicht so viel passiert.» Als Geschäftsführer eines mittelgrossen KMU im produzierenden Gewerbe, das nach dem Frankenschock Mitarbeiter aus der Produktion entlassen musste und Stellen in der Administration nicht ersetzen konnte, ist es mir ein wichtiges Anliegen, dass das Thema umfassend und schonungslos diskutiert wird. Alleine in den letzten drei Monaten gingen in der Schweiz rund 6000 Arbeitsplätze, vor allem in produzierenden Unternehmen, verloren. Gemäss dem Branchenverband Swissmem wurden in der Schweizer Maschinenindustrie im vergangenen Jahr rund 10 000 Stellen abgebaut, und mit grosser Wahrscheinlichkeit werden weitere Stellen in den kommenden Monaten verloren gehen.

Wir alle sind als Konsumentinnen und Konsumenten sowie als Geschäftskunden gefordert, Schweizer Unternehmen zu unterstützen und Produkte aus lokaler Produktion, auch wenn die Preise dafür etwas höher sind, zu kaufen. Und wir müssen öffentlich diskutieren, wie wir weitere Produktionsverlagerungen aus der Schweiz verhindern können. Effizienzsteigerung allein wird nicht ausreichen.

Schweizer Unternehmen müssen exzellent sein in allen Belangen. Dafür brauchen wir die besten Arbeitskräfte, ein Steuersystem, das Innovationen belohnt, und einen verlässlichen Staat mit tiefen bürokratischen Hürden. Der Staat muss – genauso wie wir Unternehmen–Aufgaben hinterfragen und effizienter werden.

Immer wieder werden Versprechungen gemacht, dass vor allem für KMU die Gesetze und behördlichen Hürden gesenkt werden sollen. In den Jahren 2008 bis 2013 sind die Personalkosten in der Bundesverwaltung um rund 22 Prozent und in der Kantonsverwaltung um rund 17 Prozent gewachsen. Das kann nicht alles dem Bevölkerungswachstum zuzuschreiben sein und sicher kann nicht von Abbau von Hürden gesprochen werden. Tatsache ist, dass noch mehr Mitarbeitende bei Bund und Kantonen benötigt werden, um alle Gesetze und Bestimmungen um- und durchzusetzen.

Das Ziel muss sein, die Schweizer KMU zu entlasten. KMU stellen einen Anteil von 99,6 Prozent aller Unternehmen in der Schweiz und mit einem Beschäftigtenanteil von 66,6 Prozent das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft dar.

Ein Lichtblick ist für mich das Resultat der Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative am vergangenen Wochenende: Die Schweiz hat sich für Rechtsstaatlichkeit und Anstand entschieden. Eine Annahme der Initiative hätte dem Wirtschaftsstandort und dem internationalen Ansehen der Schweiz stark geschadet. Zudem denke ich als Geschäftsführer an die Dutzenden Angestellten in unserem Unternehmen ohne Schweizer Pass, die nach der Abstimmung zu Bürgern zweiter Klasse degradiert worden wären.

 

Raphael Waeberist Geschäftsführer im Familienunternehmen Westiform AG in Niederwangen, welche im Bereich der visuellen Kommunikation tätig ist. Westiform beschäftigt in der Schweiz 150 Mitarbeitende und weltweit mit den Schwestergesellschaften rund 400 Angestellte. Raphael Waeber ist Teil eines neuen FN-Kolumnistenkollektivs, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Spitzmarke: 
Patrick Buchs 25.02.2016

Ein Masochist und Einstein mischen den Basketball auf

Schon als Diskuswerfer hatte ich weder die einfachste noch die populärste Sportart gewählt und nun das: Direktor des Schweizer Basketballverbandes. «Entweder hast du eine masochistische Ader oder stehst auf besonders schwierige Herausforderungen», sagte mir im Sommer 2015 ein guter Freund, nachdem ich kurz zuvor meine neue Stelle angetreten hatte. Wahrscheinlich ist von beidem etwas dabei.

 

 Die Aussicht, einen Sportverband von Grund auf neu zu strukturieren, reizte mich. Diese ziemlich einmalige Gelegenheit war vielleicht Bestimmung; quasi vor meiner Haustüre und in der Sportart, die ich als kleiner Junge in den Siebzigerjahren im Stadtfreiburger Schönbergquartier als allererste Sportart betrieben habe.

Nein, wahrscheinlich nicht. Es waren viel mehr die Umstände, die zu dieser Situation geführt haben. Einerseits wurde im Sommer 2014 ein guter Bekannter von mir Präsident von Swiss Basketball und ein Freund Mitglied des Zentralvorstandes. Weiter kam dazu, dass ich während zwei Jahren den grössten Regionalverband auf Mandatsbasis geführt und vorher während drei Jahren in meiner Zeit bei Swiss Olympic als Berater für Swiss Basketball geamtet hatte.

 

 Ich wusste bei meinem Amtsantritt am 1. Juni also schon ziemlich gut über meinen neuen Arbeitgeber Bescheid. Nichtsdestotrotz war der Anfang schwierig, weil sich der Verband und seine Regionalverbände während Jahren mit politischen Grabenkämpfen selbst beschäftigt hatten. Die Konsequenz daraus war, dass sich der Verband faktisch in einem strukturellen Dornröschenschlaf befand und gegenüber anderen Hallenspielsportarten massiv an Boden verloren hatte.

 

 Leider ist Swiss Basketball kein Einzelfall im Schweizer Sport. Viele nationale Sportverbände haben mit ihren eingeschränkten Ressourcen und zum Teil veralteten Führungsstrukturen zu kämpfen. Zum Glück hat Swiss Olympic das erkannt und die Förderung der Managementqualität in den Sportverbänden als ein wichtiges strategisches Ziel definiert.

 

 Aber zurück zu Swiss Basketball … Einstein sagte einst: «Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert.» Nach diesem Motto habe ich mich an die Aufarbeitung der Situation gemacht, um dann die ziemlich ernüchternde Bilanz dem Basketballparlament aufzuzeigen. Diese schonungslose Analyse war wichtig, um ein Umdenken einzuleiten und offenbar hat diese Schocktherapie gewirkt … Am 30. Januar 2016 hat die Delegiertenversammlung von Swiss Basketball einstimmig ihre Zustimmung zu wegweisenden Reformen gegeben. Ein erster Meilenstein wurde somit erreicht! Fortsetzung folgt.

 

 Patrick Buchs(43) kennt die Schweizer Sportszene und den Basketball bestens. Der diplomierte Sportmanager und Diplom-Trainer war von 2003 bis 2013 in verschiedenen Funktionen bei Swiss Olympic tätig, ehe der Düdinger zwei Jahre Geschäftsführer beim Nord-Ostschweizer Basketballverband ProBasket war. Seit dem 1. Juni ist der ehemalige Diskuswerfer Direktor des Schweizerischen Basketballverbandes.

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Spitzmarke: 
Sus Heiniger 18.02.2016

Eine Clowngeschichte

Manchmal blieb der Clown an einem Ort längere Zeit als an einem anderen. Es kam auch vor, dass die Leute ihn darum baten, weil sie noch weiterspielen wollten, wie sie sagten. Seine Show war eigentlich nicht seine Show, er nannte es Spiel. Er überliess jeweils den Leuten, die zu ihm ins kleine Zelt kamen–in der Hoffnung, unterhalten zu werden, eine Zerstreuung zu finden–einfach seinen kleinen Zeltraum, sozusagen eine geschenkte Atmosphäre. Dies lediglich mit einem kurzen Akt seinerseits, indem er nämlich jedem Eintretenden einen Ball zuwarf.

 

 Der Clown besass nebst dem Zelt einige Stühle und einen riesigen Sack Bälle der Farben gelb, rot, schwarz, weiss. Entsprechend der Weltmenschheit, das hatte er so gewollt. Was ihm gefiel: Es verweigerte fast nie jemand einen zugeworfenen Ball, oder er erkannte dann einen Hoffnungslosen, einen Schüchternen, einen Momentan- oder Dauerwütenden, einen Insichversunkenen. Und der Clown lachte beim Zuwerfen, als hätte ihm jemand eine Erlaubnis gegeben, etwas zu tun, und er lachte noch mehr, da er wusste, dem war nicht so.

 

 Der Clown war nicht immer ein Clown gewesen. Die Arbeit in guter Stellung im staatlichen Finanzwesen hatte er jahrelang gewissenhaft ausgeführt. Vieles, was in der Welt des Import-Export geschah, lernte er kennen, nur sich selber nicht. Monatlich wurde ihm von den Arbeitgebern der Service geboten, seine digitalen Geräte dem neuesten Stand anzupassen. Unter dem Titel «Follow the Instructions» erhielt er Zugang zu modernen Arbeitsmethoden und konnte sich immer «updated» fühlen, er war stolz darauf. Sein Leben verlief geordnet, von zu Hause auf die Strasse, von der Strasse ins Büro, vom Büro zum Essen und das Ganze zurück. Dann fiel ihm eines normalen Tages dieser Buchtitel in die Augen, fiel in ihn hinein und sammelte sich zu einem immer quälender werdenden Gedanken: «Du musst dein Leben ändern», stand da. Ein Titel, den er spontan als «so ein Shit» und «abgedroschenen Quark» verachtete. Doch er überprüfte und analysierte seine Lebensweisen, er wünschte sich Erkenntnisse über die Dinge des Lebens, mit denen er sich im Einklang befinden könnte. Und er wollte seine Erkenntnisse nicht missachten. Kurz darauf begann er, seine Intelligenz dumm zu finden, wenn er sich mühelos den Aufforderungen «Follow the Instructions» anpassen konnte, als wäre er eine auf ein Nichts reduzierte Persönlichkeit.

 

 Er fühlte eine Schlagseite in seinem Hirn und eine Sehnsucht nach einer anderen Seite. Auch wenn er noch so sehr wünschte, dass es nicht so sei, begann er, sich als Apparat zu fühlen. Spielte jemand auf ihm? Und was? Er sehnte sich nach einem frohen, runden Spiel und kaufte die Bälle. Wie eine runde Sprache, dachte er, eine Aufforderung an jemand Bekanntes oder Unbekanntes. Er würde fortan Bälle in die Offenheit der Welt werfen, in die Arme der Leute, und ihnen zusehen. Ein Ball wird aufgefangen, ein Spiel kann beginnen, jeder ist der Mitspieler. Dieser Gedanke beruhigte ihn. Er war nicht mehr Buchhalter, er war Ballhalter geworden. Er kleidete sich fortan als Clown.

 

 Er hatte sich entschieden, die Leute zum Spielen zu bringen, an jenem Tag, als ihm die Amseln über die Füsse liefen im Park und ihm die Geste des Ballzuwerfens als eine Möglichkeit erschien. Weiter nichts.

Sus Heiniger ist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Spitzmarke: 
Gastkolumne 11.02.2016

Liberté, égalité, territorialité

Al’étranger, on me demande souvent comment la politique linguistique suisse fonctionne, puisqu’on est censé, dans ce pays officiellement quadrilingue, protéger à la fois le plurilinguisme et les langues minoritaires, et promouvoir l’apprentissage des langues auprès des citoyennes et citoyens, objectifs qui peuvent être à la fois complémentaires et contradictoires. Les principes de liberté, égalité et territorialité des langues sont des concepts fondamentaux en droit linguistique suisse, ils doivent en particulier garantir l’existence des langues minoritaires, leur indépendance politique et culturelle, leur participation citoyenne et l’intégrité de leur territoire. Mais ces concepts qui font partie de nos constitutions, lois, ordonnances et règles non écrites, ne sont pas forcément appliqués ni applicables. Par exemple, dans les régions où les minorités sont imbriquées comme des poupées russes, on ne se sait pas toujours quelle langue est à protéger. En ce qui concerne les deux plus petites langues de Suisse, l’italien n’est que peu utilisé dans l’administration et la politique fédérales, et la présence du romanche est quasi nulle. Il y a donc le principe orwellien que toutes les langues sont certes égales, mais que certaines sont plus égales que d’autres. Le principe de territorialité des langues est difficilement applicable dans des territoires bilingues, même si le principe de personnalité combine les aspects de la liberté de choix de la langue dans une région ou un contexte donné. La sauvegarde des langues minoritaires passe par leur soutien en dehors de leur aire traditionnelle de diffusion, et ceci est souvent considéré comme contraire au principe de territorialité. En général, la liberté de la langue – qui ne concerne d’ailleurs pas seulement les langues nationales – dans un contexte privé ne pose pas de problème, sauf dans le cas du kurde et, autrefois, du kabyle.

 Mais il y a quelques années, une entreprise à Coire avait interdit l’usage du romanche au travail, prétextant que les germanophones ne le comprenaient pas, et depuis récemment, on veut interdire l’usage des langues étrangères dans le préau de l’école de la commune soleuroise d’Egerkingen pour favoriser l’allemand et le suisse-allemand. Unis dans la diversité – punis à cause de la diversité?

 Claudine Brohyist Linguistin und wohnt in Freiburg. Sie ist zweisprachig aufgewachsen, hat in Freiburg und in Kanada studiert. Sie interessiert sich für die verschiedenen Aspekte der Zweisprachigkeit und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet. Die Autorin tut dies auf Wunsch der Redaktion mal auf Deutsch, mal auf Französisch.

 

«La liberté de la langue dans un contexte privé ne pose pas de problème.»

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Spitzmarke: 
Bruno Knutti 28.01.2016

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Ein junger Physiker namens J. W. Ritter sagte einmal: «Alles Gute besitzt den Charakter der Gattung; es bringt immer wieder Gutes hervor» Dieses Zitat machte mir in der letzten Zeit immer wieder Hoffnung, dass sich alles zum Positiven dreht. Es brauchte Durchhaltewillen, Geduld und immer wieder Zuversicht, Hoffnung und Ideen.

 Eine kleine Rückblende. Wir haben im Sommer versucht, nach der verpatzten letzten Saison aus einem neu zusammengewürfelten Team ein schlagfertiges Gottéron zu bilden. Diese Aufgabe nahmen wir gerne an und waren uns der Verantwortung bewusst. Wir, das sind David Aebischer, Kari Martikainen, Gerd Zenhäusern und ich mit dem Support durch einen medizinischen Staff. Zuerst legten wir alle unsere Ideen und Vorstellungen auf den Tisch. Darauf basierend versuchte ich, für jeden einzelnen Spieler eine optimale Saisonvorbereitung zu erstellen. Daneben galt es eine verschworene, homogene und leidenschaftliche Bande zu formen, eine komplexe und heikle Aufgabe mit entsprechender Rollenverteilung und ethischen Grundsätzen. Um diese zwei Ziele zu realisieren, bedurfte es einer Kommunikation, in der Ehrlichkeit, Transparenz, Offenheit und Weitsicht die tragenden Elemente waren. Zusammengefasst lautete die Aufgabe: physisch, mental, sozial und emotional top vorbereitet sein, um in der NLA bestehen zu können.

Diese Arbeit brachte uns allen viel Freude ein, den ganzen Herbst und heute! Genau, heute wieder, wenn ich diese Kolumne schreibe. Heute ist der erste Tag nach einem Sieg, nach zuvor 41 Tagen andauerndem Verlieren. Diese 41 Tage schienen uns alle zu erdrücken. Wir suchten nach Lösungen, wurden kritisiert, wurden alleine gelassen. Es war eine sehr harte Zeit, weil wir uns alle der Verantwortung, dem Wohlergehen von Gottéron, der Identifikation einer ganzen Region voll bewusst sind. Dann kam das Spiel vom 8. Januar gegen Lausanne. Wie solidarisch, zuversichtlich und optimistisch ich die Zuschauer wahrgenommen habe – unglaublich! Trotz 41 Tagen ohne Sieg. Freunde sagten: «Viel Glück für heute – ich habe zwar Angst …» Genau dieses Gefühl, Angst zu haben, versuchten wir 41 Tage von den Spielern wegzunehmen – die Angst, Fehler zu machen.

Dann komme ich in die Eishalle und nehme eine unglaubliche positive Stimmung wahr. Ich hatte Gänsehaut. Man kann die Stimmung nicht beschreiben, aber man fühlt sie. Man will gewinnen, alle wollen gewinnen. Den Ballast der letzten 41 Tage abwerfen Bereits beim ersten Einsatz beginnen die Zuschauer zu klatschen. Nach zwei Minuten klatschen noch mehr – es wirkt ansteckend! Diese absolut positive Stimmung hat das Team beeinflusst und den Gegner irritiert. Ein ganzer Kanton hat uns mit positiven Gedanken getragen – das macht wohl das Phänomen Gottéron aus – wir sind irgendwie alle damit verbunden. An alle Zuschauer, die gegen Lausanne in der Halle waren und geklatscht haben: Danke, das war euer Sieg. Dank euch wurde er möglich. Wir stehen füreinander ein. Das sollten wir regelmässiger tun. Diese positiven Emotionen prägen uns alle.

 Nun versuchen wir alle gemeinsam, das ganze Schiff zu stabilisieren und auf Kurs zu halten. Jeder macht seinen Job, so gut er kann. Die Fans lautstark auf der Tribüne, Kari und Gerd im technisch-taktischen Bereich, David mit den Goalies und ich im physischen Bereich. Mit Leidenschaft und Herzblut–in guten und in schlechten Zeiten. Wenn wir das tun, an das Gute glauben, ja dann wird auch immer etwas Gutes entstehen. Davon bin ich mehr als überzeugt.

Gerade deshalb sind wir unserer Verantwortung bewusst, wir sind fast alle aus der Region. Wir freuen und leiden mit – wir sind wie sie ein Stück Gottéron. David Aebischer aus Tafers, Gerd Zenhäusern, ein Walliser, der seit 15 Jahren in der Agglomeration von Freiburg wohnt, der Finne Kari Martikainen, den wir zum «Freiburger» umgepolt haben und ich, Bruno Knutti aus Düdingen. Das Wohl des Vereins, die Leidenschaft für das Eishockey und der Glauben an das Unmögliche, das sind unsere gemeinsamen Nenner.

Zusammen mit den Fans werden wir jede Krise meistern. Wir geben nie auf, nie!

Bruno Knuttist eidg. dipl. Sportlehrer und Trainer Swiss Olympic I. Seit unzähligen Jahren ist der Freiburger Konditionstrainer bei Freiburg-Gottéron und er betreute Athleten wie David Aebischer, Martin Gerber, Urs Kolly sowie Schweizer Beachvolleyballer.

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Spitzmarke: 
Martin Schick 21.01.2016

Geschüttelt und gerührt

Christchurch, die Stadt am Ende der Welt, kurz vor dem Nur-noch-Pinguine, gebaut à la Falli Hölli auf wackligem Grund, wo die Natur noch die gesetzgebende Gewalt repräsentiert. Die Ankömmlinge auf Schiffen zu Zeiten der Kolonialisierung hatten am Hafen zu wenig Platz, da standen unpraktische Hügel, und so musste das unweite Sumpfland entwässert werden für das Grossprojekt mit massiver Kirche als tonangebende Mitte, dem Namen getreu.

Die «Gartenstadt» war ein anderer gängiger Name für den eroberten Ort. Man sprach bewundernd von der Blumenpracht, die tatsächlich auf keinem Wunder basiert, denn das Grundwasser liegt nur einige Zentimeter tief. Verwunderlich hingegen war, dass so lange alles vor sich hin florierte und die kellerlosen Häuser den Narzissen gleich nur so aus dem Boden sprossen.

Ab September 2010 wurde dieser Siedlerplan zweimal in Folge heftig durchgeschüttelt, und seither bebte es über 7600 Mal. 80 Prozent der Häuser in der Innenstadt sind gefallen, allen voran die vermeintlich gesetzgebenden Gewalten Kirche, Parlament, Gericht und so auch die Universität. Zu den wenigen beständigen Gebäuden zählt das Striplokal, wegen der vielen Stangen, sagt man, die sich die Kirchen auch mal hätten anschaffen sollen. Unverhältnismässig unschönere Eisenstangen halten nun künstlich die Gotteshäuser aufrecht, es sieht, ja wie soll man sagen, «metaphorisch» aus. Ein Stadtzentrum befreit von Shoppingcentern und Banken, ohne Bürotürme und eingeklemmte Parks. Firmen, die nicht auf Laufpublikum angewiesen sind, zogen damals kurzfristig an den Stadtrand und sitzen dort ihre Hypothek ab. Eine Zone der Innenstadt blieb lange vollkommen gesperrt.

Am schnellsten zurückgekehrt sind Bars, Cafés und Klubs in Wohnwagen, eine Container-Bibliothek und Kunstprojekte am Laufmeter. Aus einem nationalen Geldtopf wurden circa 100 Projekte in den Bereichen Kunst und Landschaftsarchitektur gefördert, die die Leerflächen neu füllen sollten. Gerade so als bräuchte es erst einmal eine sichtbare Lücke, um Sinn und Zweck solcher Arbeit zu verstehen. Da, wo einst das Hotel Plaza eine seltene diagonale Strasse blockierte, gibt es nun beispielsweise wieder einen Durchgang, genannt «The Commons»: ein Platz für alle von allen mit öffentlichen Klos, Spielfeld und Sachen, Fahrradreparatur, einer Pflanzen-Umtopf-Stelle und öffentlichen Pianos, glücklicherweise regelmässig gestimmt. Unweit daneben eine Tanzfläche mit Soundsystem für drei Franken die Stunde. Ansonsten sieht man Stadtgärten, Büchertauschregale, Street-Art, Spielplätze und unendlich viele Parking-Flächen, genauso wie auch autofreie Parks, und aus der definitiv gesperrten Wohnzone soll ein «Essbarer Wald» werden. Die neuen Häuser tragen Aufschriften wie «Rise» und «Hope», es scheint, gemeinsam mit ihnen hätte sich ein allgemeiner Optimismus aufgebaut. Ein Bild von Zerstörung und ihrer Blüte, ein Verlust mit Gewinn geschmückt, das Prekäre als Zustand, der Übergang als scheinbares Ziel. Man ist gerührt und wünscht sich, mit genügend Abstand zur Katastrophe, andere Städte würden einmal ein wenig durchgeschüttelt.

Und da steht sie nun, die neue Einnahmequelle: Horden von Touristen fotografieren, was nicht mehr da ist. Darumherum immer mehr Baustellen. Schon stehen ein paar billig gebaute Novotels und Konsorten. Der Ausnahmezustand verabschiedet sich langsam und macht dem Standard Platz. Dem Praktischen. Dem geschlossenen Raum. Dem Konsum. Dennoch. Ich habe mich in eine Stadt verliebt, ganz unerwartet, und nur noch für kurze Zeit.

 

 Anmerkung zur letzten Kulturkolumne meinerseits: Nach vier Anrufen an Zufallskandidaten für das Schreiben dieser Kolumne habe ich aufgegeben. Bleibt die Frage, ob die Aufgabe selbst oder die Bezahlung für die Aufgabe unattraktiv war. Sicher ist, Partizipation bleibt grundsätzlich ein Problem.

 Martin Schickist Performancekünstler. Er wuchs in Tafers auf und lebt derzeit hauptsächlich unterwegs. Derzeit hält er sich im Rahmen seines Projekts «Radical Living» in Christchurch (Neuseeland) auf (die FN berichteten).

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0
Spitzmarke: 
Boris Boller 14.01.2016

Sprachopfer allenthalben

Zu Beginn des neuen Jahres stellen Berichte zu Fragen des Fremdsprachenunterrichts oder zum Verhältnis der Sprachgruppen noch keinen Schwerpunkt in den verschiedenen Ressorts der Medien dar. Lediglich das übliche sprachpolitische Hintergrundrauschen ist zurzeit in vereinzelten Medienbeiträgen vernehmbar. 2016 wird aber auch hier ereignisreich ausfallen. Verschiedene Vorstösse, Initiativen oder Abstimmungen zum Sprachenunterricht wie zum Beispiel zur Reduktion auf eine Fremdsprache in der Primarschule oder zur ausschliesslichen Verwendung von Dialekt im Kindergarten stehen auf der Agenda. Bereits im Februar wird die Diskussion zur Abstimmung über die Sanierung des Strassentunnels am Gotthard auch einzelne sprachregionalpolitische Elemente enthalten.

 

Auch ohne ausgeprägte hellseherische Fähigkeiten lässt sich bereits jetzt sagen, dass in den im Laufe des Jahres zu erwartenden Diskussionen – die sich in der Deutschschweiz erfahrungsgemäss zu einem grossen Teil auf die Frage: Französisch ja oder nein? reduzieren lassen – ein zunehmend beliebtes rhetorisches Mittels Verwendungen finden wird. Auf verschiedenen Ebenen der öffentlichen Diskussion ist es seit einiger Zeit ein immer beliebteres Stilmittel, sich als Opfer darzustellen. Dieser an und für sich lang erprobte und nun auf breiter Front wiederbelebte rhetorische Kniff soll in erster Linie eigene, beliebig vehemente Angriffe (gerne «Klartext» genannt) als reine Selbstverteidigung rechtfertigen.

 

In der Romandie lässt sich eine Tendenz zum Einnehmen der Opferrolle insbesondere dann feststellen, wenn die Westschweiz an der Urne wieder mal von der Deutschschweiz überstimmt wurde, aber auch dann, wenn ein weiterer Kanton den Französischunterricht aus dem Obligatorium kippen will. Immerhin, so lässt sich feststellen, stehen dahinter zumindest ganz reale Mehrheits- und Minderheitsverhältnisse. In der Deutschschweiz hingegen scheinen nicht wenige das oftmals nicht identische Abstimmungs- und Wahlverhalten in der Romandie nur mit Mühe zu goutieren – einige erinnern sich sogar noch an die polemischen Westschweizer Reaktionen nach der EWR-Abstimmung 1992 und haben diese bis heute nicht verdaut.

 

Ein auch nicht völlig unbedeutender Teil stellt sich beziehungsweise gleich die ganze Schweiz als Opfer einer anderen Eigenschaft der Romandie dar – der französischen Sprache. In dieser Sicht wird das Erlernen dieser Sprache von anmassenden Frankophonen sowie rückwärtsgewandten, tyrannischen und/oder korrumpierten Behörden dem wehrlosen Rest der Schweiz aufgedrängt. Diese Sichtweise wird nicht etwa nur von unterrichtsgeplagten Schülern vertreten, sondern scheint den Weg bis in kantonale Parlamente gefunden zu haben.

 

Wohlgemerkt: Hier war von sprachpolitischen Themen die Rede, die jeweils auf nationaler Ebene Beachtung finden und auch in diesem Kontext kommentiert werden. In Freiburg stellt sich das Thema etwas komplexer dar. Auch sind die Beziehungen zwischen den Sprachgruppen hier durchaus konkret und alltäglich, was im Verhältnis etwa zwischen Sainte-Croix und Herisau weniger der Fall ist.

 

Boris Bollerist im Thurgau geboren, besuchte die Schulen in Bern und lebt heute in Freiburg. Er studierte und arbeitete an deutsch- und französischsprachigen Abteilungen der Universität und überquert zur Zeit praktisch täglich die Sprachgrenze, um zur Arbeit zu fahren. Boris Boller ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen zur Zweisprachigkeit bearbeitet.

Artikel Rubrik: 
Importiert: 
1
Kostenpflichtig: 
1
Dossier: 
Primär-Teaser Startseite: 
0
Sekundär Teaser Startseite: 
0
Primär-Teaser Sport: 
0
Primär-Teaser Nachrichten: 
0

Seiten