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Ein Audiowalk will menschliche Nähe schaffen

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Man hört die Stimmen im Audiowalk – aber sehen kann man die Gesichter nicht, genauso wenig wie in diesem Bild, das die Produzenten zum Audiowalk kreiert haben.
zvg

Allein spazieren, aber mit Stimmen von Unbekannten im Ohr – das ermöglicht ein Audiowalk, der derzeit auf der Homepage des Bad Bonn zu entdecken ist. Das Tondokument soll Nähe schaffen und ein kulturelles Erlebnis schenken; Dinge, die momentan nur sehr eingeschränkt möglich sind.

«I would give everything I own», singt eine Männerstimme ganz nackt, ohne Instrumente, zu Beginn des Audiowalk. «Ich würde alles, was ich habe, geben» – ein Satz, der auf die aktuelle Zeit zutrifft wie kaum ein anderer. Alles geben würden wohl viele für ein unbeschwertes Treffen mit Freunden, ein Konzert- oder einen Theaterbesuch, ja nur schon eine Umarmung.

Und trotzdem müssen wir alle warten. Warten darauf, dass der Bundesrat Lockerungen beschliesst, dass wir geimpft sind, dass diese Pandemie endlich vorübergeht.

Auf eines wollte der Luzerner Kulturschaffende Patrick Müller letzten Herbst aber nicht mehr warten: Darauf, dass all die verschobenen Projekte aufgeführt werden können. «Ich wollte etwas tun, etwas schaffen, das auch trotz den Restriktionen funktioniert», erzählt er im Gespräch mit den FN.

Eine halbe Stunde irgendwo draussen

Zusammen mit dem Musiker Remo Helfenstein hat er in den letzten Monaten einen Audiowalk produziert, den es derzeit auf der Homepage des Düdinger Clubs Bad Bonn zu entdecken gibt. Das funktioniert so: Man sucht sich irgendeine Spazierstrecke aus, deren Bewältigung ungefähr eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. Und währenddessen hört man sich den Audiowalk an. Das Bad Bonn schlägt eine Strecke durch das Düdinger Moos vor.

Diese Strecke schlägt das Bad Bonn für den Audiowalk vor.
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Daniel Fontana, der Kopf des Bad Bonn, spielte bei der Geburtsstunde des Audiowalk eine Rolle – und er ist auch im Tondokument selber kurz zu hören. «In einem gemeinsamen Gespräch letzten Herbst sind wir auf das Thema gekommen», erzählt Patrick Müller. Und Daniel Fontana selbst sagt: «Wir sind schon lange befreundet und spornen uns gegenseitig zu solchen Ideen an.»

Müller war einer der Begründer des B-Sides-Festivals in Kriens, bei dem auch Daniel Fontana seit langem mithilft. Und die Luzerner Patrick Müller und Remo Helfenstein, der den Audiowalk zusammengestellt hat, helfen im Gegenzug an der Bad-Bonn-Kilbi. Festivals, die letztes Jahr nicht stattfinden konnten und deren Präsenz in der Agenda auch dieses Jahr völlig offen ist.

Darum also alternative Kultur. «Audiowalks an sich gibt es schon länger. Sie führen meist einer bestimmten Strecke entlang und nehmen auch Bezug auf die Umwelt», erklärt Patrick Müller. Selbst das ist momentan schwierig, wenn nicht zu viele Leute aufs Mal am gleichen Ort sein sollen. «Wir haben unseren Walk deshalb so konzipiert, dass man ihn überall hören kann.»

Nackte Stimmen

Das rund dreissigminütige Tondokument wirkt wie eine Audio-Collage: Stimmen, Gesang, Gitarre und Klavier ergeben ein stimmiges Ganzes. Zu hören sind Anekdoten, bekannte und weniger bekannte Songs, manchmal nur einzelne Worte. 

«Wir haben Menschen in unserem Umfeld gefragt, ob sie uns eine Audiodatei von sich schicken, wie sie ein Lied singen, und zwar während sie dieses Lied in Kopfhörern hören», erklärt Patrick Müller. «Zudem sollten sie uns eine Sprachnachricht senden, in der sie erklären, weshalb sie dieses Lied ausgewählt haben und was Musik für sie bedeutet.»

Patrick Müller ergänzt: «Wir haben einige Absagen erhalten. Ohne Instrumente zu singen scheint selbst für Musiker etwas sehr Schwieriges zu sein.» Remo Helfenstein, der die Collage zusammengefügt hat, wollte das aber so. «Er wollte damit eine Intimität schaffen, so dass man meint, jemand spreche direkt zu einem.»

Gespräche fehlen

Denn diese Gespräche, auch mit Fremden, fehlten derzeit vielen Menschen extrem. «Ich glaube, mit dem Audiowalk ist uns etwas geglückt, das gut in die heutige Zeit passt.» Der Lockdown führe zu einer Sehnsucht nach menschlicher Nähe, aber auch nach kulturellem Input.

Das hätten auch erste Rückmeldungen zum Audiowalk gezeigt, sagt Müller. «Die Leute sehnen sich nach einem kulturellen Erlebnis, nach einer Anregung, die von aussen kommt.» Ein solches kulturelles Erlebnis mit menschlicher Nähe zu ermöglichen, sei eines der Ziele des Audiowalk. Er heisst denn auch: «Quando sei solo ci sono milioni con te» – «Wenn du alleine bist, sind Millionen mit dir.»

Müller sei sehr froh, dass das Bad Bonn dem Audiowalk eine Plattform biete und ihn so dem Publikum zugänglich mache. Und Daniel Fontana vom Bad Bonn unterstützt das Projekt seiner Luzerner Kollegen gern. «Ich glaube, die Kulturwelt muss in diesen schwierigen Zeiten solidarisch sein. Wir sollten uns alle gern haben.»

Bad Bonn

Warten auf Entscheide

Dem Bad Bonn geht es momentan wie allen Kulturlokalen: Sie warten auf mögliche Öffnungsentscheide. Neben dem Audiowalk (siehe Haupttext) seien derzeit keine weiteren Online-Projekte geplant, sagt Programmator Daniel Fontana. Hingegen bietet das Bad Bonn Künstler-Residenzen in seinen Lokalitäten an. Momentan nimmt eine Band dort ein Album auf. «Es ist schön, wenn das Lokal etwas belebt wird», so Fontana. Daneben ist das Bad-Bonn-Team viel mit administrativer Arbeit beschäftigt. Und es plant die Bad-Bonn-Kilbi für dieses Jahr. «Wir planen momentan, wie wenn das Festival stattfinden könnte.» Der definitive Entscheid, ob und in welcher Form es eine Kilbi geben wird, dürfte voraussichtlich im April fallen. nas

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