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Ein Theologe spricht Klartext

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Im vergangenen Dezember machte der «Tagesan­zeiger» Missbrauchsvorwürfe gegen den Pfarrer der Freiburger Kathedrale St. Nikolaus, Paul Frochaux, publik. Er soll zwei minderjährige Männer sexuell missbraucht haben. Seither laufen zwei kircheninterne Verfahren und eine polizeiliche Untersuchung gegen den Tatverdächtigen im Kanton Waadt. Anfang Februar suspendierte der Bischof den Pfarrer von seinem Amt. Am Donnerstag hat die Bischofskonferenz zudem bekannt gegeben, dass sich Morerod aus der Fachkommission «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» zurückzieht.

Daniel Bogner, vertrauen Sie der Kirche, dass sie wirklich reinen Tisch machen will?

Ob Vertrauen gerechtfertigt ist, wird man sehen. Klar ist, dass die eingeleiteten Verfahren erst mal laufen müssen. Dann muss man aufmerksam schauen, welche Ergebnisse präsentiert und welche Konsequenzen daraus gezogen werden.

Welchen Wert messen Sie den innerkirchlichen Verfahren bei?

Die sind schon notwendig. Denn die Kirche schuldet es sich selbst, Aufklärung zu betreiben. Das ist sie auch ihren Mitgliedern schuldig, selbst dann, wenn die staatlichen Ermittlungen eingestellt werden oder zu keiner Verurteilung führen. Denn der Glaubwürdigkeitsverlust ist gross. Glaubwürdigkeit aber ist für die Kirche die wichtigste Währung. Zudem gibt es Verdachtsmomente, die vom staatlichen Recht nicht abgedeckt sind.

Zum Beispiel?

Alles, was den geistlichen Missbrauch umfasst, also wenn ein geistliches, religiöses Näheverhältnis für andere Interessen und Bedürfnisse ausgenutzt wird. Da sind die kirchlichen Massstäbe sogar noch strenger.

Das Kirchenrecht kennt entsprechende Tatbestände?

Ja, und deshalb hat es einen eigenen Wert, dass die Kirche ein internes Untersuchungsverfahren anstrengt. Auf der anderen Seite darf das aber kein Vorwand sein, um etwa den Staat bei der Aufklärung aussen vor zu halten und eine kritische öffentliche Diskussion über die Zustände in der Kirche zu verhindern.

Ist das kirchliche Verfahren in irgendeiner Weise vergleichbar mit einem staatlichen Gerichtsverfahren? Teilweise liegt das Urteil meines Wissens allein in der Kompetenz des Bischofs und im Fall eines Rekurses allein beim Papst.

Das kirchliche Verfahren kennt zwar auch den Verfahrensweg und ist rechtsförmig strukturiert. Aber das Rechtsverständnis der Kirche ist nicht vergleichbar mit dem des freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaats. Genau das ist oftmals das Problem. Wichtige Elemente der Verfahrenssicherheit und des Rechtsschutzes, etwa das rechtliche Gehör, sind in der Kirche so gut wie nicht vorhanden. Auch fehlen Gewaltenteilung und eine wirksame Verwaltungsgerichtsbarkeit, also die Möglichkeit, den Bischof als Leiter seines Bistums für sein Regierungshandeln auch rechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Das ist einer der Gründe, warum es vielen Bistumsleitungen so leicht war, sexuellen Missbrauch zu vertuschen.

Was muss im konkreten Fall geschehen, um Transparenz zu gewährleisten?

Die vormoderne Rechtskultur der Kirche bewegt sich ja in einem modernen Kontext. Der Druck durch die Öffentlichkeit ist so gross, dass Bischof Morerod wohl sehr daran gelegen ist, wirkliche Aufarbeitung zu gewährleisten. Er hat bewusst einen kirchenunabhängigen, nicht katholischen Genfer Anwalt mit Reputation gewählt, um diese Voruntersuchung zu führen.

 

Dennoch wirft der Fall auch ein schräges Licht auf Bischof Morerod. Halten Sie es für denkbar, dass er vom Verhalten des Pfarrers wusste? Er, der stets die Nulltoleranz in Sachen Missbrauch propagiert hat?

Bisher wirkte sein Einsatz für die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen auf mich glaubwürdig. Aber es sind ihm auch Fehler unterlaufen. Er hat den Namen des Opfers in den Medien bekannt gemacht, er hat sich nicht nach dem Alter des Opfers erkundigt, als ihm der Fall zu Ohren kam. Sollte er zudem tatsächlich von den Verdachtsmomenten gewusst haben, hätte er bei der Ernennung von Paul Frochaux zum Dom­pfarrer der Kathedrale die Sorgfaltspflicht gehabt, dessen Dossier genauer anzusehen und den Verdachtsmomenten nachzugehen. Zu manchen Punkten hat er sich auch überflüssigerweise geäussert.

 

Zu welchen?

Als er etwa im Zusammenhang mit den Belästigungsvorwürfen des afrikanischen Priesters Nicodème Mekongo von Erpressung gesprochen hat. Das macht man als Vorgesetzter nicht in der Öffentlichkeit, zumal, wenn ein so heikler Verdacht wie jener auf sexuellen Missbrauch im Raum steht. Allerdings ist das ein typisches Fehlverhalten in Führungspositionen, wie es auch in einem Unternehmen passieren könnte. Es bleibt zudem die Möglichkeit, dass er bei seinem Amtsantritt 2011 tatsächlich nicht angemessen informiert worden ist. Und schlussendlich bleibt zu fragen, ob ihn vielleicht jemand ins Messer laufen lassen wollte, indem man ihn nicht angemessen informierte. Der ganze Komplex zeigt unter dem Strich, dass die Kirche an einer monarchischen Organisationskultur leidet, bei der die Transparenz leicht auf der Strecke bleibt und in der das Leitungshandeln sehr stark vom guten Willen des Amtsinhabers abhängt. Will er aufklären, kann das geschehen, will er es nicht, hat er eben auch dafür viel Spielraum.

 

Eine Organisation wie die Kirche zu leiten, scheint sehr speziell.

In der Kirche gibt es männerbündische Kulturen, die Intransparenz und Verschwiegenheit begünstigen. Die Leitungskultur hingegen ist ganz auf die Person an der Spitze ausgerichtet, eine Monarchie eben. Das gibt es nicht einmal in einem Wirtschaftsunternehmen, wo der Vorstand einer viel grösseren Kontrolle unterliegt. Bischof Morerod hängt da in den Seilen. Zwischen seinem eigenen Aufklärungswillen – den ich ihm abnehme –, seinem hoch aufgehängten monarchischen Amt – das ihn mit höchster Verantwortung ausstattet, ihn aber auch zur Zielscheibe werden lässt – und der Vorgeschichte der katholischen Kirche – die bisher eher Täter- als Opferschutz betrieben hat – muss er einen Weg finden, der vor dem Rechtsbewusstsein moderner Zeitgenossen Bestand hat. Keine leichte Aufgabe, aber auch kein Grund für Mitleid. Solche Beobachtungen sollten Anlass sein, das Amtsverständnis in der katholischen Kirche zu reformieren.

In einem Interview hat der Bischof eingeräumt, dass er von einer Beziehung des angeschuldigten Pfarrers mit einem erwachsenen Mann wusste. Dies hat aber zu keinen Sanktionen geführt. Zwar hat die homosexuelle Beziehung mit einem Erwachsenen nichts mit den Missbrauchsvorwürfen zu tun. Dennoch fragt man sich als in kirchlichen Dingen unbedarfte Person, wie das mit dem Zölibat vereinbar ist.

Zölibat ist das Versprechen, ein eheloses Leben zu führen. Aber Priester sind ja auch menschliche Wesen mit einem ganz natürlichen Bedürfnis nach Nähe. Körperlos zu leben, wäre auch nicht Sinn der biblischen Sicht auf den Menschen. Schliesslich ist Gott in Jesus Christus selbst Mensch geworden, er ist «Fleisch geworden», wie es im Johannesevangelium heisst. Dass auch Priester in menschlichen Nähebeziehungen leben, scheint mir sogar hilfreich zu sein, um wirklich überzeugend als Mensch rüberzukommen. Freilich stellt sich die Frage: Sind das Beziehungen, die helfen, den Kern einer priesterlichen Berufung zu leben, oder bringen sie einen davon weg?

 

In Gesprächen mit Kirchenvertretern habe ich den Eindruck gewonnen, dass es innerhalb der Kirche einen Konsens da­rüber gibt, dass Geistliche Sexualität leben dürfen, solange es nach aussen hin nicht zum Problem wird. Ich gehe mal davon aus, dass dies der Kirchenbasis so nicht bewusst ist.

Faktisch ist das wohl so. Und es ist die Frucht einer Doppelmoral, die sich in der Kirche etabliert hat aufgrund einer rigiden Sexualmoral und des Festhaltens am Pflichtzölibat. Ich bestreite nicht, dass ein eheloses Leben wirklich eine starke Ausstrahlung haben kann, wenn es glaubwürdig gelebt wird. Ich selbst bin auch von zölibatär lebenden Priestern auf eine wirklich gute Art religiös geprägt worden. Aber ich bezweifle stark, dass man diese Lebensform für alle verpflichtend machen sollte – einfach weil es nicht jedem gegeben ist und für manche ein Leben in Ehe und Partnerschaft besser ist. Und auch partnerschaftliche Lebensformen können ja der Glaubensverkündigung dienlich sein.

Die Aufhebung des Pflichtzölibats würde also nicht genügen, um das sexuelle Tabu in der Kirche zu beseitigen, das möglicherweise auch dazu beiträgt, dass sexuelle Missbräuche nur schwer aufzudecken sind?

Nein, das kann allenfalls ein Element unter mehreren sein. Es braucht eine erneuerte Sichtweise auf Sexualität, die nicht im Modus einer Verbotsmoral auftritt. Und es braucht eine Neubewertung des Geschlechterverhältnisses in der Kirche. In der Ungleichbehandlung von Frauen in der Kirche liegt ein theologisch viel drängenderes Problem als in der Zölibatsfrage. Aus welchen Gründen können wir es uns leisten, die eine Hälfte der Gläubigen, nämlich Frauen mit ihren Talenten und Fähigkeiten, per se von der Teilhabe an Ämtern und den damit verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten auszuschliessen? Weil Jesus nur Männer zu Jüngern berufen hat? Dann dürften wir heute auch nur Männer aus Palästina zu Priestern weihen.

Die Weihe von verheirateten Männern zu Priestern, wie das auf der Amazonassynode diskutiert wurde, wäre dann keine Lösung?

Das mag im Einzelfall angemessen sein. Aber in der Gesamtbetrachtung ist es keine Lösung der Probleme, denn für viele Frauen wäre es ein Schlag ins Gesicht: Anstatt auch Frauen zu weihen, aktiviert man noch die letzte Brigade männlicher Kandidaten, um mit dem bisherigen Kirchenmodell fortfahren zu können. Für das Zeugnis der Kirche, aber auch für die Vermeidung von Missbrauch ist ein neuer Blick auf das Geschlechterverhältnis wichtig. Warum ist Vielfalt denn ein so hoher Wert, auch etwa in der Unternehmenskultur? Weil man davon ausgeht, dass gemischtgeschlechtliche Teams Potenziale freisetzen. Ich glaube zudem, dass in einer männerbündischen Kultur Täter eher geschützt werden als in einer gemischtgeschlechtlichen. Bei den eigenen Peers darf man eher auf solidarische Verschwiegenheit hoffen, zumal es sich um eine Gruppe von Menschen handelt, die sich durch eine existenzielle Entscheidung auf ein zölibatäres Leben verpflichtet haben. Das heisst natürlich nicht, dass nicht viele einzelne Priester immer schon die Fallstricke solcher Systeme erkannt und bekämpft haben.

Im Rahmen einer angestrebten Lockerung des Zölibats für die Amazonasregion hat sich der Papst nun aber nicht nur klar gegen die Weihe von verheirateten Priestern ausgesprochen, sondern auch das hoch umstrittene traditionelle Amtsverständnis in Erinnerung gerufen, dass nur Männer in der Lage seien, Christus zu repräsentieren. Wie ist das zu erklären?

Ich glaube, er hat das Gefühl, dass die Zeit noch nicht reif ist. Zudem gibt es gesamtkirchlich einen starken Gegendruck von konservativer Seite, wo immer wieder mit der Spaltung der Kirche gedroht wird. Als Pontifex hat der Papst die Aufgabe, Brücken zu bauen, und wenn er das Gefühl hat, dass er mit einer Entscheidung die Einheit riskiert, ist das Alarmstufe Rot. Schliesslich glaube ich aber auch, dass der Papst nicht der Reformer ist, den viele in ihm gesehen haben.

Dennoch ist das Papstschreiben für alle Befürworter von Reformen in der katholischen Kirche eine herbe Enttäuschung. Warum können sich die Reformwilligen vor allem an der Basis bis heute nicht durchsetzen?

Die Kirche hat sich als Institution eine Verfassungsform gegeben, die entstanden ist in einer Zeit, als es Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Mitbestimmung, überhaupt den Freiheitsbegriff der Moderne noch nicht gab. Sie wurde als Monarchie mit dem Bischof als Alleinherrscher an der Spitze konstituiert. Seither hat sie sich zwar weiterentwickelt, an gewissen Punkten ist sie aber eingefroren, und die Errungenschaften der politischen Geschichte fanden keinen Eingang, obwohl sie zum Teil unter Berufung auf die Werte des Christentums erkämpft worden sind. So redet die Kirche zwar viel von Menschenwürde, verbindet damit aber keine gleichen Menschenrechte. Nach aussen werden Menschenrechte eingefordert, aber für die Kirche selbst hat man das nicht konsequent umgesetzt. Die Menschenwürde wird in der Kirche verstanden als eine Spezialwürde, die sich für Männer und Frauen, für Geweihte und Nichtgeweihte unterschiedlich umsetzt. Reformwillige finden deshalb in den institutionellen Formen der Kirche keinerlei Hilfen und Ansatzpunkte, um Veränderungen auf den Weg zu ­bringen.

Und warum hat sich die Kirche bisher gegen grundsätzliche Veränderungen gewehrt?

Weil sie letztlich eher die Sorge hatte, sich selbst und ihre Identität preiszugeben, als dass sie darauf vertraute, ihren Kern trotz Entwicklung erhalten, ja vielleicht sogar besser zur Geltung bringen zu können. So hat sie sich im 19. Jahrhundert in eine bis heute nicht überwundene Frontstellung zu allem, was «Moderne» heisst, hineinmanövriert.

Gewaltenteilung, Mitbestimmung: Wie sind diese mit der Vorstellung vereinbar, dass in der Kirche die Macht von Gott gegeben ist, dass den Bischöfen die heilige Gewalt Christi im Sakrament der Weihe übertragen wird?

Gerade wenn man von einem transzendenten Gott ausgeht, der grösser ist als alles, was sich der Mensch vorstellen kann, wäre es eigentlich ehrlich und angemessen, nicht den Anspruch zu erheben, das Heilshandeln dieses Gottes in einer einzigen Person, dem geweihten Priester, zu repräsentieren. Sondern es würde der Kirche gut anstehen, sich als Institution bescheiden zu zeigen und die «Herrschergewalt Christi», die sie zu repräsentieren beansprucht, auf verschiedenen Schultern zu verteilen. Ich meine, eine originär theologische Begründung einer kirchlichen Gewaltenteilung wäre so möglich.

Gibt es viele Theologen, die eine solche Sichtweise vertreten?

Es gibt viele, die aktuell über den Tellerrand des Status quo hinausdenken. Die Missbrauchs- und Vertuschungskrise hat das Thema auf den Tisch gelegt, denn die Kirche steht doch mit dem Rücken zur Wand mit diesem althergebrachten Herrschaftsmodell. Sie muss sehen, dass auch ihre Strukturen und ihre Verfassung Teil ihrer Verkündigung sind.

Viele Priester und Laientheologen, mit denen ich gesprochen habe, sind sehr erschüttert ob der neuen Vorwürfe und wissen nicht mehr, wie sie glaubwürdig vor ihre Gemeinde treten können. Ein Priester sagte, es bliebe ihm nur noch die Möglichkeit, den Kern des Christentums zu predigen, der Rest des Systems gehöre entsorgt. Wie gespalten ist die Kirche bereits?

Was heute ganz viele Leute empfinden, ist, dass Form und Inhalt auseinanderfallen. Dass es einen biblischen Kern der Botschaft gibt, den viele wirklich als wertvoll empfinden. Dass es einen guten Gott gibt, der den Menschen in Freiheit geschaffen und zu verantwortlichem Handeln befähigt hat, der ihnen einen Bund anbietet und diesem Bund treu sein will. Dass aber die Kirche als Institution Gefässe bereitstellt, die dieser Botschaft widersprechen. Ein ganz zentrales Motiv der Bibel ist der Exodus, alttestamentlich die Befreiung des Volkes Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten, im Neuen Testament erneuert als Erlösung durch Jesus Christus. Theologisch meint Befreiung, dass man aller Art von Abhängigkeit entkommt, weil nur der in Freiheit geschaffene Mensch diesem Gott entspricht. Das Dramatische ist, dass viele Gläubige heute ausgerechnet ihre Kirche als Ort der Unfreiheit erfahren müssen, von dem man sich befreien muss.

Glauben Sie, dass echte Reformen je kommen werden?

Das kann ich nicht sagen. Aber ich sehe, dass momentan ein Gelegenheitsfenster offen ist – nicht nur, aber auch durch den aktuellen Papst – und dass wir heute wesentlich mehr offene Rede und Diskussion haben in der und über die Kirche als noch vor kurzem. Aber es braucht viel Druck von unten und kluge Amtsinhaber innerhalb der Strukturen als Türöffner für Reformen.

Damit sich eines der grössten sozialen Netzwerke nicht selber zerstört?

Ja, die Kirche hat als weltweites, wertgebundenes Handlungsnetz ein riesiges Potenzial. Viele fragen sich ja, warum sich nicht schon längst etwas verändert hat, bei all der Kritik. Das hat damit zu tun, dass sich viele Kirchenmitglieder gefangen fühlen, wie in einer Falle. Einerseits sehen und erleben sie am eigenen Körper ja die vielen Probleme und sind mit vielem davon überhaupt nicht einverstanden. Andererseits ist für sie als Gläubige die Kirche nicht gleichzusetzen mit einem Taubenzuchtverein oder einem Sportklub, den man verlassen kann, wenn einem dies oder das nicht gefällt. Das geht mit der Kirche nicht so einfach, denn Religion ist ein ganzheitlicher Vollzug. Es wird dort nicht nur ein singuläres Interesse bedient wie im Hockeyklub die Leidenschaft fürs Hockeyspielen, sondern man ist eben existenziell involviert. Das drückt sich aus im gemeinsamen Feiern, Singen, Beten, auch im karitativen Handeln. Die Kirche stellt als Ort der praktizierten Religion ein kulturelles Vokabular bereit: Lieder, Texte, Gebete, Traditionen und religiöse Gewohnheiten, die ein spirituelles Bedürfnis prägen und einen ganz besonderen, auch konfessionellen Zungenschlag haben. Und deshalb kann ein Gläubiger diesen Klub nicht so einfach verlassen und zur Konkurrenz gehen. Er oder sie verliert damit auch ganz viel von sich selbst. In diesem Dilemma sind viele Menschen gefangen, die noch in der Kirche geblieben sind. Kirchenführer sollten also nicht denken, dass Kirchenmitglieder mit allem einverstanden sind, nur weil sie die Kirche nicht ver­lassen.

Wenn die Reformen also nicht bald kommen, dann spielt das den erzkonservativen Kreisen in die Hände, die schon lange fordern, dass sich die Kirche «gesundschrumpft».

Ja, das steht zu befürchten. Man muss sehen, dass die Kirche damit ihrem Auftrag untreu würde, denn die Botschaft des Evangeliums ist an alle Menschen gerichtet. Deshalb muss die Kirche auch offen sein für die Empfindungen, Sorgen und Werthaltungen der Menschen, für die sie doch Kirche sein will. Mit anderen Worten: Ich glaube nicht, dass Jesus eine Parallelgesellschaft gründen wollte. Er wollte, dass die vorhandene Welt von der Frohen Botschaft erfüllt werde.

Zur Person

«Ihr macht uns die Kirche kaputt!»

Daniel Bogner ist 1972 geboren. Er studierte Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft, u.a. in Freiburg und Paris. Seit 2014 ist er Professor für Moraltheologie und Ethik an der Universität Freiburg. Er lebt in Münster und Freiburg, ist verheiratet und Vater von drei Kindern. 2019 kam im Herder-Verlag sein kirchenkritisches Buch heraus: «Ihr macht uns die Kirche kaputt, doch wir lassen das nicht zu!».

 

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