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Ein vielstimmiger Chor aus dem Grab

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Sie liegen auf dem «Feld», dem ältesten Teil des Friedhofs von Paulstadt, einer Allerweltskleinstadt: Langzeitbürgermeister Landmann, Seite an Seite mit seinem Vater («So nah sind wir uns im Leben nie gekommen.»). Pfarrer Hoberg, der im Wahn die ganze Kirche der Kleinstadt abgefackelt hat – und sich gleich mit. Der arabische Gemüsehändler, die Schuhverkäuferin und ihr Mann, der Pöstler, das ertrunkene Kind. Ganz unterschiedliche Leben, Kleinstadt­existenzen allesamt.

Die Geschichten der Toten

29 dieser Paulstädter Toten lässt der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler in seinem aktuellen Roman «Das Feld» zu Wort kommen. Ein vielstimmiger Chor der Erinnerungen und Geschichten. Die Toten erzählen von Flucht und Fremdheit, von geglückter Liebe, Enttäuschung und Einsamkeit. Sie bilanzieren, beichten, bereuen (nichts). Heide Friedland zählt die 67 Männer auf, die sie hatte – geliebt hat sie nur einen, aber an seinen Namen mag sie sich partout nicht erinnern. Und der Bürgermeister hebt aus dem Grab heraus zu einer grossen Rechtfertigung seiner Missetaten an: «Ich habe gelogen und betrogen, ich war schlimm, ich war böse, ich war falsch und gemein. Zusammenfassend lässt sich sagen: Freunde, ich war einer von euch!»

Grosses Unglück, kleine Dramen

Seethaler lässt seine Toten in einer einfachen, fast schon kargen Sprache zurückblicken auf ihr Leben. Gerade in dieser Schlichtheit liegt die Schönheit und Kraft von Seethalers Prosa. Ausserdem erweist er sich einmal mehr als genauer Beobachter, dem es gelingt, die Gefühle der Menschen präzis einzufangen und jeder Figur Würde und Tiefe zu geben. Nach und nach verbinden sich die Lebensgeschichten zu einem Porträt von Paulstadt, dieser Kleinstadt zwischen Weltkrieg, Wirtschaftswunder und Gegenwart. Es gibt das grosse Unglück – das neugebaute Freizeitzentrum am Stadtrand stürzt ein, Baupfusch, drei Tote – und die vielen kleinen Dramen des Menschseins: Einer verliert sich und seine Liebe ans Glücksspiel, die Ehe von Martha und Robert ist ein «gewaltiges Missverständnis» und bei einem verwandelt sich ganz unmerklich sich «die Sehnsucht nach den ersten Malen in die Hoffnung auf die letzten».

Nüchterner Blick auf den Tod

Auch wenn es bei Seethaler um die Letzten Dinge geht, vermeidet er Pathos und Sentimentalität. Leben und Sterben? Passiert eben. «Wie man ins Leben hineinfällt, so fällt man auch wieder hinaus.» Und danach? Kommt nichts. «Zum Schluss habe ich den letzten Vorhang gelüftet und gesehen: Dahinter ist nichts», bilanziert etwa der ehemalige Redaktor des «Paulstädter Boten». Berührend ist das in seiner Nüchternheit, und es passt zu See­thalers Zurückhaltung, dass seine Toten keine billige Botschaft haben an uns Lebenden. Höchstens die Einsicht, dass das Beiläufige vielleicht das Bedeutsame ist. Und die Erkenntnis: die Toten von Paulstadt, das könnten auch wir sein.

Robert Seethaler, Das Feld, Hanser Berlin, 2018, 240 Seiten.

Stephan Moser ist Journalist und freier Rezensent.

Zur Person

Schriftsteller und Schauspieler

Robert Seethaler ist ein vielfach ausgezeichneter österreichischer Schriftsteller. Seine beiden Romane «Ein ganzes Leben» und «Der Traffikant» wurden zu internationalen Bestsellern. «Das Feld» ist sein sechster Roman. Seethaler schreibt auch Drehbücher und steht als Schauspieler auf der Bühne und vor der Kamera. Der 52-Jährige lebt in Wien und Berlin.

mos

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