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Eine Lese- und Schreibschwäche grenzt aus

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Es ist eine Filmszene, die betroffen macht: Ein Mann, der Mühe mit Lesen und Schreiben hat, unterzieht sich einem Intelligenztest, da er voller Selbstzweifel ist. Der Test bescheinigt ihm eine durchschnittlich bis überdurchschnittliche Intelligenz. Obwohl der Mann erleichtert ist, kann er dem Test nicht recht glauben. Zu lange fühlte er sich aufgrund seiner Schwäche dumm. Der Ausschnitt stammt aus dem Dokumentarfilm «Boggsen», von Jürg Neuenschwander, der für das Phänomen des Illettrismus in der Schweiz (siehe Kasten) sensibilisiert.

Neuer Kurs in Freiburg

Der Verein Lesen und Schreiben ist im Kanton Freiburg seit 22 Jahren aktiv und bietet Erwachsenen mit niedriger Textkompetenz Kurse an. Für Deutschsprachige gibt es in Düdingen und Murten bereits seit längerem Kurse, neu findet ein solcher Kurs auch in der Stadt Freiburg statt, Beginn ist am 11. September. «Der Kurs ist ein Bedürfnis», sagt Ann Walser. Sie ist seit drei Jahren Verantwortliche von Lesen und Schreiben in Deutschfreiburg. Es habe bereits sieben Anmeldungen. Im Kurs geht es einerseits darum, den Menschen Selbstvertrauen zu geben. Andererseits werden die Teilnehmer individuell gefördert. «Die Niveaus sind sehr unterschiedlich», sagt Walser. Die Kurse haben einen stark praktischen Ansatz. «Es gibt beispielsweise Leseübungen mit aktuellen Zeitungsartikeln oder Dokumenten und Briefen, welche die Teilnehmenden bekommen.» Auch beim Schreiben stehe der Praxisbezug im Vordergrund. «Natürlich sind aber Grammatik- und Wortschatzübungen ebenfalls notwendig», sagt Walser. Sie erklärt, dass es für viele Betroffene ein grosser Schritt sei, sich für einen Kurs anzumelden.

 «Bei Menschen, die grosse Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben haben, ist die Scham oft sehr gross», sagt Walser. Viele würden ihre Schwäche geschickt verbergen, bei manchen wisse nicht einmal der Lebenspartner vom Problem. «Die Betroffenen sind meist sehr ausgegrenzt.»

 Laut Walser sind es meist Veränderungen der Lebenssituation, die dazu führen, dass sich Leute für einen Kurs beim Verein Lesen und Schreiben anmelden. «Wenn zum Beispiel die Kinder eingeschult werden, möchten die Eltern in der Lage sein, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen.» Auch könne es sein, dass jemand den Lebenspartner verliere, der bisher alles Schriftliche erledigt hatte.

«Wir haben ausserdem relativ viele Kursteilnehmer aus Pflegeberufen», sagt Walser. Heute werden von diesen ausführliche schriftliche Rapporte gefordert. «Wenn Leute jahrelang nicht schreiben, kommen sie aus der Übung», erklärt Walser. An den Kursen nehmen sowohl Lehrlinge als auch Rentner teil. Sie werden von Schweizern besucht, aber auch von Migranten mit guten mündlichen Deutschkenntnissen. «Wir bieten keine Fremdsprachenkurse im eigentlichen Sinn an.» Relativ viele Menschen mit Migrationshintergrund, die schon sehr lange hier wohnen, die Schule jedoch nicht in der Schweiz absolvierten und deshalb in Grammatik und Rechtschreibung Lücken haben, würden die Kurse besuchen.

 Es gibt aber noch viele andere Gründe für Illettrismus. «Wenn ein Kind beispielsweise häufig umzieht, ist es möglich, dass es in der Schule den Anschluss verpasst.» Ebenso können schlimme Erlebnisse in der Kindheit oder das Aufwachsen in einer bildungsfernen Familie zu Lese- und Schreibschwächen führen. Ann Walser hält fest, dass es meist Einzelschicksale sind, die grosse Probleme mit Lesen und Schreiben verursachen. «Die Schule versucht, das aufzufangen.» Dies gelinge jedoch nicht immer, einige Betroffene könnten sich gut unbemerkt durchmogeln.

Für den Verein Lesen und Schreiben ist es oft ein Problem, ihre Zielgruppe zu erreichen. «Diese Leute lesen eben gerade kaum Zeitung», stellt Walser fest. Der Verein hat deshalb jetzt eine Vermittlungskampagne lanciert (siehe Kasten).

Zahlen und Fakten

Rund 800000 Menschen betroffen

Im Gegensatz zu Analphabeten verfügen von Illettrismus Betroffene über schulische Bildung, dennoch haben sie grosse Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben. Die Zahl der Betroffenen wird in der Schweiz auf etwa 800000 geschätzt. Dies beruht auf Ergebnissen der Pisa-Studie und der ALL-Studie (Adult Literacy and Lifeskills Survey: Erhebung der Text- und Lebenskompetenzen von Erwachsenen). Den Verein Lesen und Schreiben gibt es im Kanton Freiburg seit 22 Jahren. Kantonale Koordinatorin ist Anne-Chantal Poffet, Ann Walser ist für die Deutschsprachigen zuständig. Der Verein bietet 20 Kurse, die von 15 Fachpersonen geleitet und von 260 Teilnehmern besucht werden. Sie werden von Bund und Kanton subventioniert und von der Loterie Romande sowie durch Spenden von Gemeinden und Privaten unterstützt. Die Teilnehmer bezahlen ein kleines Kursgeld.mir

Vermittlung: Problem erkennen und ansprechen

D a es schwierig ist, Erwachsene mit einer Lese- und Schreibschwäche zu erreichen, lanciert der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben eine Sensibilisierungskampagne für Vermittlerpersonen. Die Kampagne wird vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT mitfinanziert und richtet sich an Personen, die im Sozialbereich, in der Arbeitslosenvermittlung oder im Gesundheitswesen tätig sind, aber beispielsweise auch an Personalverantwortliche, Berufsberatende oder Gewerkschaften. In kostenlosen Kursen lernen die Teilnehmenden, wie sie Illettrismus erkennen und Betroffene auf die Problematik ansprechen und unterstützen können.

Geschickte Strategien

Ann Walser vom Verein Lesen und Schreiben Freiburg erklärt, dass Betroffene über geschickte Ausweichstrategien verfügen. «Wenn jemand beispielsweise immer seine Brille vergisst und deshalb nie etwas lesen kann oder wenn jemand stets wütend reagiert, wenn er ein Formular ausfüllen muss, können das Hinweise auf Illettrismus sein.» mir

Interessierte an den Kursen oder an der Sensibilisierungskampagne können sich unter 079 488 21 76 melden.

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