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Eine Nacht im Reich der Bibel

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Im Haus an der Spitalstrasse 12, dem Sitz der Schweizerischen Bibelgesellschaft, herrscht an diesem Abend Hochbetrieb. An der Bibel-Bar unterhalten sich die Gäste bis tief in die Nacht. Ruhe Suchende suchen den «Raum der Stille» auf, bevor es zur Bibelarbeit geht. Im Kreativatelier nebenan faltet eine Gruppe bunte Bethlehem-Sterne. Jugendliche drucken an einer Gutenberg-Presse Bibelzitate auf Blätter.

Sherina Anthony aus Lyss hat den sogenannten Bibliolog besucht. Die 20-Jährige, die bald mit dem Theologiestudium beginnen will, kommt von einem Vortrag, der aufzeigte, wie unterschiedliche Interpretationen von Bibeltexten unter Menschen schon zu Zwist, aber auch zu Frieden und Eintracht geführt haben.

Die Bibel entdecken

Warum diese erste Bibelnacht? Antwort weiss Arianna Estorelli, die dafür im Vorfeld überall Hand angelegt hat. «Wir wollen die Schweizerische Bibelgesellschaft bekannter machen und über unsere Ausstellungen, Projekte und Publikationen informieren», sagt die Zuständige für Kommunikation und Fundraising bei der Bibelgesellschaft. Und natürlich die Bibel. Für die gebürtige Mailänderin ist sie das «Buch der Bücher». Während sie den Gästen an der Bibel-Bar Wein einschenkt, sagt sie: «Wir wollen den Leuten mit dieser Nacht einen ungewohnten Zugang zu diesem Buch ermöglichen.» Ihr sei es zudem wichtig, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, eine Bibel in ihrer Muttersprache zu lesen. «Bis heute ist das nicht selbstverständlich.» Das weiss auch Miklos Nagy, der im Buchlager den Verkauf leitet. Beim ausgebildeten Kaufmann melden sich immer wieder Gefängnisseelsorger, die für die Inhaftierten, die sie betreuen, Bibeln in ihrer jeweiligen Muttersprache anfordern. «Sie können sie bei uns gratis beziehen. Das ist ein wichtiges Projekt von uns», sagt Miklos Nagy. «Gefängnisseelsorger erzählen mir dann immer wieder von berührenden Szenen, wenn Inhaftierte ein solches Buch in den Händen halten.»

Die Buchabteilung erweist sich als eigentliche Schatzkammer im Haus der Schweizerischen Bibelgesellschaft. Gäste verweilen, ein Glas Rotwein in der Hand, lange bei einzelnen Büchern. Die meisten Bibeln hat Miklos Nagy aus den Katalogen der Deutschen Bibelgesellschaft bestellt, mit der eng zusammengearbeitet wird. Den Gästen zeigt er, was in diesem grossen Lagerraum alles liegt. Eine eigene Welt tut sich da auf. Bunt illustriert, in edlem Leder oder mit goldenen Seitenrändern – es gibt Bibeln in allen Formen, Sprachen und theologischen Ausrichtungen.

Besondere Aufmerksamkeit erhält in der Bibelnacht das Abteil mit den Kinderbibeln. Hier finden sich Bibeln wie das schön illustrierte Buch «Die grosse Bibel für Kinder», kleine Kartonbücher, Bibel-Puzzles mit 250 Teilen oder ein Wimmelbuch. Es gibt aber auch Bücher über einzelne Bibelgeschichten, wie sie die Autorin Christiane Herlinger schreibt. Sie tragen Titel wie «David und Goliath», «Der verlorene Sohn» oder «Mit Jesus auf dem See».

Und auch beim nächsten Abteil, bei dem Miklos Nagy in die Welt der Dialektausgaben einführt, staunt der Gast. Er hält «De guet Bricht», eine Bibel auf Baseldeutsch, in den Händen. Ebenso «De Psalter», eine walliserdeutsche Ausgabe. Weiter entdecken die Gäste Luther-Bibeln mit poppig-bunt gestalteten Einbänden, die mit Zitaten von Prominenten wie Liverpools Fussballtrainer Jürgen Klopp versehen sind. In edlem Rot kommt die Zwingli-Bibel daher. «Die verkaufe ich oft, häufig an Schulen», sagt Miklos Nagy. Kirchliche Grossereignisse wie das Reformations-Jubiläum schlagen sich auch hier bei Bestellungen nieder, betont der Buchhändler.

«Schwierige Kost»

Die Bibel, die Miklos Nagy 1991 bei seiner Hochzeit erhalten hat, hat er lange nicht angerührt. Heute liest er jeden Tag in diesem Buch. «Zum Teil ist das schwierige Kost, und ich denke manchmal: So kann man doch nicht leben, wie es in den Texten gefordert wird! Dennoch fasziniert mich diese Lektüre immer wieder», sagt der Mann, der vor seinem Job-Antritt hier «nicht viel am Hut hatte mit der Bibel.» Seit drei Wochen besucht der 58-Jährige in Biel einen Theologiekurs für Laien. «Wir leben hier in dieser christlichen Welt, und dennoch wissen viele so wenig über die Bibel», sag er. «Schatzkammer» steht auf einer Tür, und die Bibelnacht-Besucher, die sie öffnen, treffen tatsächlich Schätze an. Sie bestehen aus uralten braunen Lederumschlägen. Die Seiten darin gelb und fleckig. Dass Bibeln einmal ganz anders aussahen und gross und kiloschwer auf Nachttischen und Kirchenaltären lagen, ist hier gut zu sehen.

Die Schweizerische Bibelgesellschaft fördert die Übersetzung, Herstellung und Verbreitung von Bibeln. Seit 1955 setzt sich der Verein dafür ein, «die Bibel in verständlicher, moderner und den Bedürfnissen angepasster Form zu den Menschen zu bringen», heisst es auf der Website der Gesellschaft.

«Wir wollten den Leuten mit dieser Nacht einen ungewohnten Zugang zu diesem Buch ermöglichen.»

Arianna Estorelli

Schweizerische Bibelgesellschaft

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