Philippe Furrer 11.02.2020

«Das Team ist zusammengerückt»

Philippe Furrer versucht «Stabilität reinzubringen und defensiv einwandfrei zu funktionieren».
In den nächsten 19 Tagen entscheidet sich, ob Gottéron die Playoffs erreicht. Im Interview spricht Verteidiger Philippe Furrer über die Chancen der Freiburger, die Konkurrenz am Strich und die Schlüssel zum Erfolg.

Philippe Furrer, auf Sie und Ihr Team wartet ein spektakulärer Schlussspurt mit 9  Spielen in 19 Tagen, in denen sich entscheidet, ob es für Gottéron mit den Playoffs oder mit der Platzierungsrunde weitergeht. Die beste Zeit für jeden Eishockey­spieler?

Völlig! Ich spüre schon jetzt, dass wir eigentlich bereits im Playoff-Modus sind, obwohl die Playoffs noch nicht begonnen haben. Das hat man im letzten Spiel in Lausanne gesehen – das war playoffwürdig. Bis Ende Saison wird nun jedes Spiel so sein.

Wenn man Gottérons letzte zwei Auftritte anschaut, fällt die enorme Leistungssteigerung zwischen der 0:3-Niederlage gegen Genf und dem 6:4-Sieg in Lausanne auf. Was hat Freiburg so viel besser gemacht?

Das Spiel gegen Genf darf man ganz einfach nicht als Massstab nehmen. Es konnte sich weder intern noch extern irgendjemand erklären, wie so etwas in dieser Situation passieren konnte. Ich schaue immer eher den Trend der letzten paar Spiele an. Dabei fällt auf, dass die Niederlage gegen Genf ganz klar aus der Reihe tanzt. Jeder wusste danach sofort, dass das so gar nicht geht. Wenn ich mir aber die Tendenz aus den letzten sieben Spielen anschaue, stelle ich klar fest: Das Team ist zusammengerückt. Es ist gefightet worden, wir hatten mehr geblockte Schüsse als auch schon – deshalb sehe ich ganz klar einen Aufwärtstrend. Aber natürlich gibt es immer noch zwei, drei Dinge, an denen wir arbeiten müssen. Mit der Leadergruppe versuchen wir momentan auch teamintern, die Mannschaft vorwärtszubringen.

Wie zum Beispiel?

Ganz wichtig ist in dieser Phase, dass man erstens im Moment lebt und zweitens die richtigen Gedanken hat. Man merkt, dass die Gesamtstimmung zurzeit sehr angespannt ist. Aber persönlich liebe ich diese Situationen. Denn wenn von aussen gesagt wird, man habe Druck, bedeutet das eigentlich nichts anderes als: Diese Spiele sind wichtig – und es ist doch schön, wichtige Spiele zu bestreiten. So müssen wir das sehen und angehen. Denn entweder hemmt einen diese Situation oder man geht auf in diesen Spielen – und ich glaube, wir werden aufgehen, wie wir bereits in Lausanne aufgegangen sind. Ich appelliere auch an alle Fans. Wir müssen all unsere Energie zusammenbringen. Im eigenen Stadion zum Beispiel ist das Publikum ein sechster Mann. Wenn da alle am gleichen Strick ziehen, kann man eine nicht für möglich gehaltene Energie erzeugen. Ich verweise da immer gerne auf die Deutschen, die 2018 sensationell den Olympia-Final erreichten. Oder auf die Las Vegas Knights, die vorletzte Saison in ihrem ersten NHL-Jahr ebenfalls gleich in den Final vorstiessen. Das schlimme Attentat hat dort alle zusammengeschweisst. Das zeigt, was möglich ist, wenn man die Kräfte bündelt. Auch wir müssen nun zusammenstehen, damit wir hier etwas Einzigartiges erleben können.

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass Gottéron in dreieinhalb Wochen in die Playoff-Viertelfinals startet?

Ich schätze die Chancen als gross ein – wenn wir das umsetzten können, was in uns steckt. Die Qualitäten in diesem Team sind unbestritten. Auf dem Papier sind wir top. Nun müssen wir im richtigen Moment zusammen die höchstmögliche Energie aufs Eis bringen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass wir die Playoffs erreichen.

Zu den direkten Konkurrenten gehören auch Ihre beiden Ex-Teams Bern und Lugano. Sind Sie überrascht, dass diese zwei Mannschaften ebenfalls in den Strichkampf involviert sind?

Bei Bern bin ich ziemlich überrascht, weil der Club in meinen Augen immer noch über eine Art Auswahlmannschaft verfügt. Aber eben, im Sport geht alles schnell, und es gab auch Punkte, die schon vor einiger Zeit gegen den SCB sprachen. Sind vielleicht zu viele Talente im Team? Haben die vielen Vertragsdiskussionen früh in der Saison für Unruhe gesorgt? Das ist immer schwierig zu sagen. Gleichzeitig kenne ich die Charaktertypen in dieser Mannschaft und weiss genau: Schafft es der SCB in die Playoffs, ist er ein brandgefährlicher Meisterkandidat. Bei Lugano war der Abgang von Torhüter Elvis Merzlikins ein grosser Verlust und derjenige von Aggressivleader Maxim Lapierre wohl auch ein nicht zu unterschätzender Faktor. Deshalb überrascht es mich dort weniger, dass noch eine Art Identitätsfindung stattfindet. Aber heutzutage kann ohnehin jeder jeden schlagen, Talent allein reicht einfach nicht mehr, deshalb kann sich mittlerweile jedes Team plötzlich im Strichkampf wiederfinden.

Wie erklären Sie sich das?

Die Spielerfluktuation ist im Sport allgemein viel grösser geworden. Früher hatten die grossen Teams, die ein grosses Einzugsgebiet hatten, die guten Spieler und spielten entsprechend sicher vorne mit. Mittlerweile gibt es viele Teams, die attraktiver geworden sind, die finanziell stärker sind, die ebenfalls attraktive Stadien haben und so weiter. Entsprechend gewaltig ist die Fluktuation auch im Eishockey. Viele Clubs machen vieles gut, die talentierten Spieler sind dadurch besser verteilt – deshalb ist es umso wichtiger, wie man das Potenzial dann als Team aufs Eis bringt.

Gottéron ist seit dem 20.  Dezember unter dem Strich klassiert. Jedes Mal, wenn das Team nahe dran war, das zu ändern, kam wieder ein Rückschlag. Eine mentale Geschichte?

Ja, wobei mir schnell einmal klar war, dass es irgendwann eine Siegesserie braucht. Wenn man das nicht schafft, kommt man einfach nicht vom Fleck. Aber ja, die mentale Komponente ist im Sport auf jeden Fall enorm wichtig. Schauen Sie sich nur den Tennissport an, wo mehr oder weniger immer die gleichen gewinnen. Wir müssen nun versuchen, für den Schlussspurt Stabilität zu kreieren, die richtigen Gedanken zu haben. Ich habe es in meiner Karriere oft genug gesehen: Die Teams, die gut sind, sind diejenigen, die Erfolg schon erlebt haben und es schaffen, wie in diesen Momenten zu spielen.

Sie gehören zu den Spielern, die schon einige Erfolge miterlebt haben. Was versuchen Sie persönlich für diesen Schlussspurt ins Team zu bringen?

Auf dem Eis versuche ich Stabilität reinzubringen, defensiv einwandfrei zu funktionieren. Neben dem Eis versuche ich gemeinsam mit den anderen Leadern meine Erfahrung einzubringen und Erfolgsstrategien zu entwickeln.

Sie gaben am letzten Samstag beim Auswärtssieg in Lausanne nach einer mehrwöchigen Verletzungspause Ihr Comeback. Fühlen Sie sich bereits wieder zu hundert Prozent fit?

Ich fühle mich wie in den Playoffs, da fragt man einen Spieler eigentlich nie, wie es ihm geht … (lacht)

Spiel in Biel

David Desharnais gibt heute noch nicht sein Comeback

Gottéron strebt heute Abend in Biel seinen vierten Auswärtssieg in Serie an. Ob die Freiburger dabei auf Topskorer Killian Mottet zählen können, der seit Wochen mit Rückenproblemen kämpft und gestern nicht im Training war, ist unklar. «Sein Einsatz ist fraglich», sagte Trainer Christian Dubé gestern nach dem Training.

Sicher noch nicht spielen wird David Desharnais. Der Kanadier trainiert zwar normal mit und wäre gemäss Dubé notfalls auch bereits einsatzbereit. «Aber ich war am Samstag in Lausanne ganz zufrieden mit unseren vier Ausländern.» Zudem sei bei Desharnais ein Handknochen in drei Teile zersplittert gewesen. «Es dauert Monate, bis du da wieder bei hundert Prozent bist.» Dennoch schliesst Dubé nicht aus, dass Desharnais am Wochenende sein Comeback geben wird. «Verstehen Sie mich nicht falsch: Er zeigt im Training bereits ganz korrekte Leistungen. Und wenn ich an meine Karriere zurückdenke: Ab 25 war ich eigentlich in keinem Spiel bei 100 Prozent», so Dubé schmunzelnd.

fm

 

Biel - Gottéron 19.45 Bern - ZSC Lions 19.45 Davos - Servette 19.45 Lakers - Langnau 19.45 Lugano - Ambri 19.45 Zug - Lausanne 19.45

 

Der heutige Gegner

Fakten zum EHC Biel

• Mit 41 Punkten aus 21 Spielen ist Biel das zweitbeste Heimteam der Liga.

• Nach Topskorer Toni Rajala folgt in der internen Skorerliste mit 9 Toren und 20  Assists bereits der ehemalige Gottéron-Verteidiger Yannick Rathgeb.

• Der EHC Biel ist die statistisch beste Powerplay-Mannschaft der Liga. 40 Überzahl-Tore haben die Seeländer in dieser Saison bereits erzielt, 26,32 Prozent aller Powerplays enden mit einem Tor.

• Im Direktduell mit Gottéron führt Biel in dieser Saison mit 2:1 Siegen.

fm

 

«Das zeigt, was möglich ist, wenn man die Kräfte bündelt. Auch wir müssen nun zusammenstehen, damit wir etwas Einzigartiges erleben können.»