Eishockey 31.07.2019

Der Typ, der das entscheidende Bully spielt

David Desharnais: «Ich will auf dem Eis sein, wenn wir unbedingt ein Tor schiessen müssen – oder wenn wir unbedingt eins verhindern müssen.»
Während des NHL-Lockouts lief er 2012 als Aushilfsstar für Gottéron auf, nun ist David Desharnais fix zurück in Freiburg. Im Interview spricht der 32-jährige Kanadier über seine Freundschaft zu Christian Dubé, sein Jahr in Russland und seine Rolle in der Schweizer Liga.

Mit einem geposteten Bild von ihrem Lebenspartner David Desharnais und Sohn Victor im Pool von Gottérons Sportchef Christian Dubé hat es Isabelle Desjardins vorgestern bereits verraten: Das ehemalige TV-Sternchen aus Québec mit immerhin 55 000 Abonnenten auf Instagram und der neue Gottéron-Stürmer sind letzte Woche in Freiburg angekommen. Bevor es nächsten Montag mit dem ersten offiziellen Mannschaftstraining losgeht, gab David Desharnais gestern erste Interviews.

David Desharnais, wie waren Ihre ersten Tage in Freiburg?

Sehr gut, es ging vor allem darum, uns in unserem Zuhause in Granges-Paccot einzurichten. Wir verbrachten deshalb vor allem Zeit mit Einkaufen, damit wir uns sofort wohlfühlen. Am Montag fanden dann die ersten Fitnesstests mit der Mannschaft statt, dort habe ich eine sehr gute Truppe vorgefunden.

Sie spielten während der Saison 2012/13 bereits einige Wochen für Gottéron. Worauf haben Sie sich im Hinblick auf Ihre Rückkehr in die Schweiz besonders gefreut?

Auf die kurzen Distanzen. Ich kann zum Stadion laufen, zum nächsten Supermarkt und so weiter. Fast alles liegt in Gehdistanz. Und natürlich die schöne Natur mit den wunderbaren Aussichten auf die Berge und Seen.

2012 begann auch Ihre Freundschaft mit Gottérons Sportchef Christian Dubé, der damals noch Ihr Mitspieler war. Sind Sie seither immer in Kontakt geblieben?

Ja, immer ein bisschen. Er hat mich auch einmal in New York besucht und sich ein Spiel von mir angeschaut.

Wie entstand diese Freundschaft? Schliesslich waren Sie damals nur rund zwei Monate in Freiburg …

Es war eine relativ delikate Situation, in der ich 2012 nach Freiburg kam. Du kommst, weisst nicht genau, wie lange du bleibst, kennst niemanden, musst sofort performen. In dieser Zeit hat sich Christian super um mich gekümmert, mich zu sich und seiner Familie zum Essen eingeladen und mich unter seine Fittiche genommen. So hat sich diese Freundschaft schnell entwickelt, mit gewissen Personen macht es manchmal eben gleich Klick, ohne dass man sich allzu lange oder oft sieht. Wenn wir uns sehen, sind wir immer gleich auf derselben Wellenlänge.

Wie hat Sie Christian Dubé davon überzeugt, zu Gottéron zurückzukehren?

Der erste Impuls kam eher von mir und meiner Familie. Unser Jahr in Russland war zwar ein schönes Abenteuer, aber ich war doch sehr oft mit dem Team am Herumreisen. Ich wusste, dass man in der Schweiz nach den Spielen immer gleich wieder heimfährt und zu Hause übernachtet. Ich bin nun bald 33 Jahre alt, habe ein Kind und bald schon ein zweites, da werden solche Dinge wichtiger. Aber auch sportlich freue ich mich auf die Herausforderung Gottéron. Ich habe Spass, wenn ich Leistung bringe. Und in meinem Leben habe ich immer dann Leistung gebracht, wenn ich um die 20  Minuten pro Partie gespielt habe. Ich mag es, viel zu spielen, mag es, für die Differenz zu sorgen. Ich bin überzeugt, dass ich das in der Schweiz, genau wie in Russland, tun kann.

Ihr Abstecher nach Russland dauerte letztlich nur ein Jahr. Wie haben Sie diese Saison in der KHL erlebt?

Ich erlebte in Russland zwei Abenteuer, ein schlechtes und ein superschönes.

Das schlechte war jenes in Jaroslawl, wo Sie noch vor Saisonstart freigestellt wurden …

Es war ein Albtraum. Ich kam an, und man liess mich von Beginn weg am Flügel spielen. Das ist eine Position, auf der ich mein ganzes Leben nie gespielt habe. Dazu kam die Umstellung auf die grösseren Eisflächen und den anderen Spielstil. Es war schrecklich. Ich habe drei Vorbereitungsspiele mit Jaroslawl gemacht, dann hat mich der Club ziehen lassen. Zum Glück für mich, denn bei Awangard Omsk hatte ich dann eine tolle Zeit mit einem Frankokanadier als Trainer (Bob Hartley, Red.), der mich 22, 23 Minuten pro Match spielen liess. Ich erhielt eine wichtige Rolle, und wir schafften es bis in den Playoff-Final.

Sprachlich gilt Russland für ausländische Spieler als schwieriges Pflaster.

Man schafft es irgendwie, sich zu verständigen, man hat schlicht keine andere Wahl. Letztlich sind das Lebenserfahrungen, die man macht, wenn man nicht in seiner Komfortzone ist. Aber es war tatsächlich schwierig, vor allem zu Beginn in Jaroslawl. In Moskau (wo Desharnais mit seiner Familie wohnte, weil Omsk wegen Renovationsarbeiten in der eigenen Eishalle seine Heimspiele dort austrug, Red.) war es dann leichter. Einerseits, weil der Coach Französisch sprach, andrerseits, weil Moskau etwas internationaler war als Jaroslawl und man mit Englisch ganz gut durchkam.

Inwiefern ist der Eishockeyspieler David Desharnais in der Ausgabe 2019 ein anderer als derjenige, den die Got­té­ron-Fans 2012 zu sehen bekamen?

Ich habe viel mehr Erfahrung, bin vielleicht einen Tick weniger explosiv, dafür aber intelligenter und reifer. Wahrscheinlich bin ich heute auch mehr ein Leader als damals. Ich habe nach meinem Gastspiel bei Gottéron noch sieben Saisons in der NHL bestritten und eine in Russland, da entwickelt man sich weiter. Ich bin ein anderer Typ als damals – aber ich glaube, ein besserer.

Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Schweizer Liga? Ist es Ihr Anspruch, zu den dominierenden Spielern der National League zu gehören?

Das ist immer das Ziel. Aber das Hauptziel ist es, der Mannschaft zu helfen zu gewinnen – egal, ob ich dominant bin oder nicht. Aber klar, ich will der Typ sein, der in der Schlussminute auf dem Eis steht und die entscheidenden Bullys spielt. Ich will auf dem Eis sein, wenn wir unbedingt ein Tor schiessen müssen – oder wenn wir unbedingt eins verhindern und uns in die Schüsse werfen müssen.

Als Sie während des Lockouts bei Gottéron aushalfen, spielte das Team sehr stark. Von den 16 Spielen mit Ihnen gewann Freiburg 13. Entsprechend hoch sind bei Ihrer Rückkehr die Erwartungen der Fans an Sie. Spüren Sie einen gewissen Druck?

Nein, ich spielte in der NHL sieben Jahre in Montreal, beim Club meiner Heimatstadt – einer absolut hockeyverrückten Heimatstadt. Ich war dort lange der Center der ersten Linie. Das war sehr viel Druck – aber ich konnte damit umgehen. Natürlich hat man als Spitzensportler immer und überall Druck, aber ich mache mir keine Sorgen, dass mich die Erwartungen lähmen könnten.

Nach den sieben Jahren in Ihrer Heimatstadt wurden Sie 2017 mitten in der Saison nach Edmonton transferiert. Nach einem weiteren Wechsel zu den New York Rangers ging Ihre NHL-Karriere 2018 ganz zu Ende. Wie brutal war dieser Schluss für Sie?

Überhaupt nicht schlimm. Wenn man sich die Karrieren der Spieler der NHL – Ausnahmekönner wie Sidney Crosby oder Alexander Owetschkin mal ausgenommen – anschaut, dann ist das der normale Gang. Die Jungen machen von hinten Druck, und irgendwann wirst du weggetradet. Als ich jung war, habe ich einem etablierten Spieler den Platz weggenommen, nun war es halt umgekehrt. Wenn man in diesem Business ist, muss man wissen, was einen erwartet, und das akzeptieren – dann ist es auch nicht so schlimm. Hier wird es das Gleiche sein, irgendwann wird jemand meinen Platz einnehmen, und für mich wird es vorbei sein. Man muss im Moment leben und von dem profitieren, was man hat.

Nach Ihren Jahren in Montreal spielten Sie innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren mit Edmonton, New York, Jaroslawl und Omsk für vier verschiedene Teams. Ist Ihr Wechsel nach Freiburg auch mit dem Wunsch verbunden, wieder Stabilität in Ihr Leben zu bringen?

Ja, auch wenn man die Wechsel in diesem Business halt einfach akzeptieren muss. Wenn man älter wird, spielt man oft ein, zwei Jahre an einem Ort und zieht dann weiter. Teamwechsel und Umzüge gehören zum Leben eines Hockeyspielers. Aber natürlich ist eine gewisse Stabilität auch für die Familie erstrebenswert.

Mit Viktor Stalberg hat ein weiterer prominenter Stürmer von Omsk nach Freiburg gewechselt. Haben Sie ihn von einem Wechsel überzeugt?

Wir haben natürlich darüber gesprochen. Es macht Spass, ein weiteres vertrautes Gesicht neben sich zu haben. Wir spielten bei Omsk zusammen in einer Linie, spielten zusammen im Powerplay und sogar im Boxplay. Wir sind eingespielt, vielleicht hilft uns das ja auch hier weiter.

«Ich habe viel mehr Erfahrung, bin vielleicht einen Tick weniger explosiv, dafür aber intelligenter und reifer.»

Zur Person

David Desharnais

Am Tag nach Gottérons erstem Saisonspiel, am 14. September, wird David Desharnais 33  Jahre alt. Der Québécois ist Vater eines zweijährigen Sohnes, momentan erwartet seine Partnerin – die ehemalige TV-Moderatorin und Sängerin Isabelle Desjardins – ein zweites Kind von ihm. Desharnais wurde zwar nie gedraftet, absolvierte in seiner Karriere jedoch 575 Spiele in der NHL (91 Tore, 208 Assists). Von 2010 bis 2017 spielte er für die Montréal Canadiens, danach wurde er zu den Edmonton Oilers getradet und spielte schliesslich noch eine Saison für die New York Rangers. Als der Spielbetrieb in der NHL in der Saison 2012/13 wegen des Lockouts für einige Monate ausfiel, verstärkte er in dieser Zeit Freiburg-Gottéron und kam in 16 Spielen auf 4 Tore und 12 Assists. Letzte Saison erreichte der nur 170  Zentimeter grosse Zweiweg-Center, der für seine feinen Hände und eine überragende Spielübersicht bekannt ist, mit Awangard Omsk den Final der KHL. In 76 Spielen schoss er 7  Tore und gab 28 Assists. Bei Gottéron hat er einen Zweijahresvertrag unterzeichnet.

fm
«Ich mag es, viel zu spielen, mag es, für die Differenz zu sorgen. Ich bin überzeugt, dass ich das in der Schweiz, genau wie in Russland, tun kann.»