Eishockey 11.10.2019

Die Abkehr vom Schablonenhockey

Kann Andrei Bykow seine Kreativität und Schnelligkeit ausspielen, ist er von den Gegnern oft nur mit unlauteren Mitteln zu stoppen.
Mit dem strukturierten Eishockey von Mark French kam Gottéron die ureigene Spielfreude abhanden. Das temporäre Trainerduo Christian Dubé/Pavel Rosa gewährt den Freiburgern wieder mehr offensive Freiheiten. Das kommt bei der Mannschaft an.

Es war unzweifelhaft nicht alles schlecht, was der am letzten Samstag entlassene Trainer Mark French in seinen gut zwei Jahren bei Gottéron eingebracht hat. Defensiv etwa konnte der Kanadier das Team stabilisieren und damit ein solides Fundament aufbauen. Zugleich beraubte French die Mannschaft mit seinem bis ins letzte Detail strukturierten Schablonenhockey ihrer Qualitäten. Kreativität und Emotionen, in Freiburg seit jeher essenziell, gingen praktisch komplett verloren. Diesen Spielwitz wieder zu erwecken, ist eines der primären Ziele von Gottérons Sportchef Christian Dubé, der zusammen mit Pavel Rosa die Geschicke des Teams interimistisch leitet. «Wir verfügen über die Spieler, um in der Offensive kreativ zu sein. Natürlich wollen wir in der Defensive weiterhin gut stehen. Aber wenn wir den Puck einmal haben, wollen wir schnell in den Angriff übergehen», sagt Dubé, der wie Rosa auch selbst als Spieler eher den offensiven Freigeistern zugeordnet werden konnte.

Dubé, der Motivator

Tatsächlich blühten viele der Spieler am Samstag im ersten Spiel unter der Leitung von Dubé und Rosa und dem 4:1-Heimsieg gegen die Lakers auf. Ganz besonders galt dies für Andrei Bykow und Killian Mottet. «Christian will, dass wir Chancen kreieren und auch einmal etwas wagen, ohne dabei die Angst zu haben, Fehler zu machen», erklärt Bykow. Der Center, dafür bekannt, seine Worte genau abzuwägen, hütet sich jedoch davor, trotz der wiedergefundenen Freiheiten seinem Ex-Trainer French nachträglich Vorwürfe zu machen. «Es sind eben zwei ganz verschiedene Spielweisen. Ich liebe diesen Sport mit allen seinen unterschiedlichen Aspekten. Darum habe ich es unter Mark French genau so genossen, zu spielen.»

Die Prinzipien des Kanadiers seien zwar nicht einfach und für die Zuschauer teilweise nicht schön anzuschauen gewesen, räumt Bykow dann doch ein, «aber ich konnte sehr viel dabei lernen. Es ist wichtig, die Anweisungen des Trainers zu respektieren. Deshalb war diese Art des Spielens ebenfalls eine gute Erfahrung für mich.»

Bykow und Mottet sind zwei von sechs Freiburger Spielern (neben Julien Sprunger, Tristan Vauclair, Jérémy Kamerzin und Tristan Vauclair), die Dubé als Kontrahenten, Teamkollegen, Sportdirektor und nun auch als Coach kennen. «Das ist ziemlich speziell, gleichzeitig kann das im Eishockey eben schon mal vorkommen», sagt Mottet. «Ich habe mich immer sehr gut mit Christian verstanden, daran ändert sich auch jetzt nichts. Er ist der Trainer – und er entscheidet.» Mottet schätzt insbesondere das emotionale Element, dass Dubé in die Mannschaft einbringt. «Christian ist ein sehr charismatischer Typ. Er kann uns motivieren. Egal, wie es steht, er wird immer hinter uns stehen.» Bykow sieht es ganz ähnlich. «Er ist näher an uns Spielern dran als in seiner Funktion als Sportchef. Ob in der Kabine oder hinter der Bank, Christian feuert uns an und motiviert ständig. Er versprüht enorm viel positive Energie.» Der Esprit Dubés wirke sich auf das Training aus. «Er verlangt eine hohe Intensität und gibt uns genügend Freiräume, Dinge auszuprobieren.»

Mit Tempo

Diese Einstellung fordert das Duo Dubé/Rosa auch in seinem zweiten Spiel heute zu Hause gegen Biel. «Wir sollen unsere Schnelligkeit nutzen und mit viel Tempo in die gegnerische Zone eindringen», so Mottet, der wiederum an der Seite der beiden Ausländer David Desharnais und Daniel Brodin stürmen wird, fest. Und Bykow ergänzt: «Die Trainer erwarten bei Puckbesitz etwas Konstruktives. Wir sollen mit viel Freude spielen.» Es liegt jetzt an den Freiburgern, zu beweisen, dass der Gegenentwurf zum eng festgezurrten taktischen Korsett Frenchs erfolgreicher ist.

Der heutige Gegner

Fakten zum EHC Biel

• Von den bisher 25 erzielten Toren der Bieler gingen 13 auf das Konto der Ausländer (59 Prozent). Nur bei den Lakers ist der Anteil der Ausländertore noch grösser (73 Prozent).

• Bereits bei 4 Toren steht der frühere Gottéron-Verteidiger Yannick Rathgeb. Damit ist er zusammen mit Berns Ramon Untersander und dem Davoser Otso Rantakari der treffsicherste Back der Liga.

• Keiner schiesst so oft aufs Tor wie der Finne Toni Rajala (im Schnitt 4,8 Schüsse pro Spiel). Das zahlt sich aus: 7 Tore hat er diese Saison bereits erzielt, davon allein drei im Startspiel gegen Gottéron (3:1-Sieg der Bieler).

• Jonas Hiller weist die beste Fangquote aller Goalies der Liga auf (94,34 Prozent).

fs

Trainersuche

Die Spielvorbereitung hat Priorität

Es ist eine Arbeitsintensive Zeit für Christian Dubé. Zusammen mit Pavel Rosa kümmert sich der Sportdirektor temporär um das Team und nebenbei gilt es, einen Nachfolger für den gefeuerten Trainer Mark French zu finden. «Ich habe in den letzten Tagen sehr viele Anfragen erhalten», erklärt er mit heiserer Stimme – die Folge seiner engagierten Trainingsführung. Es seien einige durchaus interessante Namen darunter, sagt Dubé, ohne jedoch konkreter zu werden. Überstürzen will er jedoch nichts, zumal sein Fokus momentan auf der Vorbereitung der beiden Spiele vom Wochenende – heute zu Hause gegen Biel und morgen in Lugano – liege. «Die Trainersuche geht langsam voran, Priorität haben die Spiele.» Es ist deshalb davon auszugehen, dass Dubé und Rosa auch noch am Dienstag beim Heimspiel gegen den HCD an der Bande stehen werden. Auch weil er sagt, dass er die Dossiers erst nächste Woche genauer studieren und er den einen oder anderen möglichen neuen Trainer zum Gespräch treffen werde. Er selbst sei keine Option für den Trainerjob bis Ende der Saison, unterstrich Dubé nochmals. «Heutzutage ist es sehr schwer, die Rolle als Sportchef und Trainer gleichzeitig auszuüben. In den 80er-Jahren war das noch anders …» In der aktuellen Situation sei für ihn deshalb alles eine Frage der Planung. «Zwischen den Trainings habe ich genügend Zeit, mich mit der Trainerfrage auseinanderzusetzen. Gut geplant muss auch das Training in Absprache mit Pavel sein.»

Walser einsatzbereit

Das Coaching-Duo versuchte die letzten vier Tage, an kleinen Dingen herumzuschrauben. «Wir können in dieser kurzen Zeitspanne nicht alles revolutionieren. Aber am Ende sind es genau diese kleinen Details, die für die Differenz sorgen können», sagt Dubé.

Im Vergleich zum 4:1-Erfolg gegen die Lakers vom letzten Samstag gibt es bei den Freiburgern nur wenige Veränderungen. Center Samuel Walser kehrt nach seiner Nackenverletzung wieder in die Mannschaft zurück. Damit steht nur noch Captain Julien Sprunger auf der Verletztenliste. Zwischen den Pfosten wird erneut Reto Berra stehen.

fs

Heute spielen

Gottéron - Biel 19.45

Servette - SCL Tigers 19.45

Rapperswil - SC Bern 19.45

EV Zug - Ambri 19.45

«Christian will, dass wir Chancen kreieren und auch einmal etwas wagen, ohne dabei die Angst zu haben, Fehler zu machen.»

Andrei Bykow

Gottéron-Stürmer