Eishockey 11.02.2019

Gottéron hat es wieder getan

Einmal mehr hat Gottéron seine Inkonstanz unter Beweis gestellt. Zwei Tage nach dem tollen Sieg bei Leader Bern verloren die Freiburger gestern nach einer desolaten Leistung gegen Schlusslicht Rapperswil 1:4.

Zwar sprach Sebastian Schilt im Interview nach dem Spiel vor lauter Enttäuschung so leise, dass man sehr genau hinhören musste. Inhaltlich waren die Worte des Gottéron-Verteidigers allerdings klar und deutlich. «Ich möchte mich bei den Zuschauern für unseren Auftritt entschuldigen. Es war eine desolate Leistung. So etwas darf uns zu diesem Zeitpunkt der Saison und mitten im Strichkampf nicht passieren.» Man habe sich gegen ein schwächeres Team einmal mehr dem Niveau des Gegners angepasst. «Alle dachten sich, es gehe dann schon irgendwie. In den ersten 40 Minuten waren wir auf dem Eis nicht parat, nichts hat zusammengepasst, und wir haben schlicht zu wenig gegeben, um zu punkten.»
Erneut zu nonchalant
Mit einem Sieg hätte sich Gottéron im Strichkampf Luft verschaffen, die Distanz auf die Playout-Ränge auf vier Punkte ausbauen und den Sprung auf Rang sechs schaffen können. Doch wie so oft in dieser Saison folgte exakt in dem Moment, in dem es mit Freiburg aufwärtszugehen schien, ein herber Rückschlag. Nur zweieinhalb Wochen ist es her, da kassierte Gottéron nach einem grandiosen 7:2-Heimsieg gegen Zürich eine 0:3-Schlappe bei Schlusslicht Rapperswil. Man hätte vor dem gestrigen Spiel also denken können, das Team von Mark French habe aus seinen Fehlern gelernt und werde das neuerliche Duell gegen die rote Laterne nicht noch einmal mit einer gefährlichen Nonchalance angehen.
Tatsächlich schien das Heimteam in den allerersten Minuten mit zwei, drei harten Checks und vielen Schüssen auf Rapperswil-Goalie Melvin Nyffeler zeigen zu wollen, dass es den Gegner diesmal nicht auf die leichte Schulter nimmt. Doch im Unterbewusstsein schienen die zuletzt drei Siege in Folge doch wieder eine gewisse Nachlässigkeit provoziert zu haben. Das deutete sich nach fünf Minuten erstmals an, als Lukas Lhotak es aus kürzester Distanz nicht schaffte, den Puck im halbleeren Tor zu versenken, und wurde klarer, als die Freiburger in der 15. Minute den Gästen eine 2-gegen-1-Konter­situation ermöglichten, die Jan Mosimann zum 0:1 abschloss.  
Eine Reaktion blieb aus. Im zweiten Drittel wurde alles sogar noch schlimmer. Gottéron schaffte es kaum, zwei richtige Pässe aneinanderzureihen. Gegen ein Team, das in dieser Saison bereits 135 Gegentore kassiert hat, erspielte sich das Heimteam nun nicht einmal mehr Chancen, und auch zu Fouls zwang Freiburg die Gäste nicht. «In diesem Drittel haben wir sieben Mal aufs Tor geschossen. Das sagt für mich alles aus», sagte Trainer Mark French nach dem Spiel. «Uns hat die Intensität gefehlt. Wenn du in der Zone um das gegnerische Tor keinen Druck machst, gewinnst du gegen keine Mannschaft dieser Welt.»
Zu spätes Erwachen
Das Publikum wurde immer verzweifelter, versuchte es mal mit Pfiffen, mal mit Anfeuerungsrufen. Nichts zeigte jedoch auch nur die geringste Wirkung auf die Freiburger Spieler. Mit zwei Gegentoren zum Ende des Mitteldrittels kassierten sie die verdiente Quittung für das Gezeigte.
Nach der wegen eines Lochs im Eis gut 45 Minuten dauernden zweiten Pause versuchte Freiburg verzweifelt, den 0:3-Rückstand aufzuholen. Nach dem Treffer von Jim Slater (46.), der als einer der wenigen mit Leidenschaft am Werk war, drückte Gottéron tatsächlich plötzlich auf den Anschlusstreffer – allerdings vergeblich. Stattdessen fiel kurz vor Schluss das 1:4 ins leere Tor. Eine Wende wäre über das gesamte Spiel betrachtet auch nicht verdient gewesen.
«Alles war tot»
«Das Problem lag einzig und allein im mentalen Bereich», sagte Stürmer Tristan Vauclair in der Analyse. «Das soll kein Mangel an Respekt gegenüber Rapperswil sein. Aber wenn alle alles gegeben hätten, wäre das ein Sieg geworden.» Es habe eindeutig an Leadership gefehlt. Es brauche vier, fünf Spieler, die mit vollem Einsatz vorangingen, damit dann alle anderen folgten. Abgesehen von Jim Slater habe das jedoch niemand gemacht. «Es waren keine Emotionen auf dem Eis. Und auf der Bank war das nicht anders – alles war tot.» Die Mannschaft habe offensichtlich Probleme in Situationen, in denen sie fast nur etwas zu verlieren habe. «Wir schaffen es einfach nicht, diesen nächsten Schritt zu machen und auch zu gewinnen, wenn wir nicht das Messer am Hals haben.»
Und so durften für einmal die tapfer kämpfenden und solid verteidigenden Rapperswiler jubeln. Es war ihr zweiter Sieg im 21. Auswärtsspiel der Saison. Eine Genugtuung nicht nur für Ex-Gottéron-Goalie Nyffeler, der mit 34 Paraden zu den Matchwinnern gehörte, sondern auch für Timo Helbling und Martin Ness, die 2015 trotz Vertrag in Freiburg aussortiert wurden. Während Ness trotzdem freundlich grüssend an den Freiburger Journalisten vorbeilief, blickte Helbling gleich wieder weg, um aufreizend herauszuposaunen: «Schön, Martin, denen haben wir es gezeigt!»
Tatsächlich hat es sich Freiburg gestern in erster Linie zeigen lassen. Das sah auch Mark French so. «Ich will die Leistung von Rapperswil nicht schmälern. Aber bei uns war definitiv eine gewisse Arroganz mit dabei.» Ob Gottéron diesmal aus den Fehlern lernt? Schwer vorstellbar ...

Telegramm
Gottéron - Rapperswil
1:4 (0:1, 0:2, 1:1)
6500 Zuschauer (ausverk.). – SR DiPietro/Fonselius, Ambrosetti/Kaderli. Tore: 15. Mosimann (Mason/Ausschlüsse Marchon; Maier) 0:1. 37. Wellman (Knelsen) 0:2. 40. (39:02) Knelsen (Casutt/Ausschluss Mottet) 0:3. 46. Slater (Marchon) 1:3. 60. (59:32) Wellman 1:4 (ins leere Tor). Strafen: 3-mal 2 plus 10 Minu­ten (Marchon) gegen Gottéron, 4-mal 2 Minuten gegen Rapperswil-Jona Lakers.
Freiburg-Gottéron: Berra; Abplanalp, Schilt; Holos, Chavaillaz; Marco Forrer, Schneeberger; Weisskopf; Micflikier, Bykow, Lhotak; Sprunger, Walser, Miller; Mottet, Slater, Marchon; Rossi, Meunier, Vauclair; Schmutz.
Rapperswil-Jona Lakers: Nyffeler; Iglesias, Schmuckli; Profico, Maier; Helbling, Gurtner; Gähler; Kristo, Schlagenhauf, Spiller; Clark, Knelsen, Wellman; Mosimann, Mason, Casutt; Schweri, Ness, Hüsler; Berger.
Bemerkungen: Freiburg-Gottéron ohne Furrer, Stalder (beide verletzt) und Bertrand (überzähliger Ausländer), Rapperswil-Jona Lakers ohne Hächler und Gilroy (beide verletzt). – Timeout Gottéron (59.).
Die FN-Besten: Slater, Wellman.

 

Zusatztext:

Heimspiel am Sonntag bleibt die Ausnahme

 Es war das erste Mal seit über sechs Jahren, dass Gottéron gestern ein Heimspiel an einem Sonntagnachmittag ausgetragen hat. Auf den ersten Blick ist ein ausverkauftes Stadion gegen Rapperswil beste Werbung dafür, in Zukunft öfter am Sonntag zu spielen. Dennoch wird das laut Generaldirektor Raphaël Berger die absolute Ausnahme bleiben. «Klar, ein ausverkauftes Haus ist schön. Und es hatte viele Kinder hier, was uns ebenfalls freut.» Aber? «In Sachen Gastronomie ist der Sonntag nichts. Die Leute konsumieren viel weniger.» Auch für die Sponsoren sei es nicht attraktiv. Eine Einladung am Sonntag nehme kaum einer wahr.
Auch die gestrige Partie hätte Freiburg lieber am Samstag ausgetragen. Allerdings war das Wochenende zunächst als Sperrdatum für die Nationalmannschaft eingetragen. Als klar wurde, dass der Zusammenzug weniger lang dauert, als zunächst angenommen, war dann allerdings die benachbarte Festhalle, wo Got­téron wegen der Bauarbeiten am Stadion die Restauration betreibt, bereits für einen anderen Event reserviert. fm