Analyse 04.03.2019

Gottéron steckt tief in der Identitätskrise

Zum dritten Mal in den letzten fünf Jahren – und zum zweiten Mal in den vier Saisons mit Christian Dubé als Sportdirektor – hat Gottéron am Samstag die Playoffs verpasst. Gewiss, die Freiburger konnten bis zum vorletzten Spiel noch auf eine Qualifikation hoffen und die 72 Punkte, die sie auf dem Konto haben, hätten seit der Einführung der Qualifikation mit 50 Runden in der Saison 2007/08 bisher immer für die Teilnahme an der Postseason gereicht – nicht aber im laufenden Championat, das sich so ausgeglichen wie noch nie präsentiert. Und gleichwohl gilt es nüchtern zu konstatieren, dass Gottéron trotz eines überzeugenden Reto Berra zwischen den Pfosten krachend gescheitert ist, zumal sich mit Ambri und den SCL Tigers zwei Equipen das Playoff-Ticket erkämpfen konnten, die im Vergleich mit Freiburg finanziell nicht mit der grossen Kelle anrichten können.

 

 

Als Dubé 2015 das Amt des Sportdirektors übernahm, befanden sich die Freiburger in einer Identitätskrise. Nach erfolgreichen Jahren mit dem Höhepunkt Playoff-Final 2013 zeigte die Tendenz bei Gottéron nach unten, mit den Playout-Final gegen Ambri als absolutem Tiefpunkt. Seither konnten die Freiburger gerade einmal zwei Playoff-Partien gewinnen. Und über allem steht die Frage: Für was steht dieses Gottéron eigentlich? Er wolle eine Mannschaft auf dem Eis, die stets alles gebe und die Fans stolz mache, hatte Dubé einst gesagt. Davon war in den letzten Wochen und Monaten nichts zu sehen. Dass ausgerechnet Jim Slater, Laurent Meunier und Sebastian Schilt, also allesamt Spieler, die den Club verlassen müssen, am meisten Herzblut zeigten, muss die Verantwortlichen nachdenklich machen. Gottéron ist mehr denn je auf der Suche nach seiner Identität, das haben die letzten Wochen deutlich aufgezeigt.

 

Noch schlimmer: In die Eishalle St.  Leonhard ist Tristesse eingekehrt. Stand Gottéron einst für Spektakel und Emotionen, ist der Unterhaltungswert zuletzt gegen null gesunken. Gingen die Freiburger zuvor immerhin mit wehenden Fahnen unter, so ist nunmehr die Freude am Spiel fast gänzlich verschwunden. Verantwortlich dafür zeichnet ganz entscheidend Trainer Mark French. Der akribische Arbeiter hat sich zwar die Meriten erworben, dem Team defensive Stabilität verliehen zu haben, im Gegenzug ist der Offensiv-Abteilung jedoch jegliche Kreativität und Inspiration abhandengekommen. Natürlich ist dem Kanadier nicht anzukreiden, dass die designierten Skorer wie Julien Sprunger, Killian Mottet, Matthias Rossi oder Andrei Bykow in den entscheidenden Spielen das leere Tor nicht trafen. Doch das offensiv enge taktische Korsett schien die Spieler zusehends zu hemmen. Wie anders ist es sich zu erklären, dass die Freiburger immer erst bei höchster Dringlichkeit und nach einem Rückstand, befreit von den defensiven taktischen Fesseln, im Angriff aufdrehen konnten?

 

Überraschend kam diese fehlende Durchschlagskraft ohne einen einzigen dominanten Ausländer im Kader indes nicht – so wie auch die eklatanten Schwächen in den Special Teams, insbesondere im Powerplay. Dass Yannick Rathgeb, der einzige echte Blueliner im Team im letzten Sommer von seiner NHL-Ausstiegsklausel Gebrauch gemacht hat, war Pech, der Abgang des tschechischen Supertechnikers Roman Cervenka vorhersehbar. Dubé hat es während der durchaus vielversprechenden Transferkampagne mit den Zuzügen von Reto Berra, Philippe Furrer, Noah Schneeberger und Samuel Walser aber verpasst, die Qualitäten dieses Duos adäquat zu ersetzen. Der defensiv grundsolide Norweger Jonas Holos, im Spiel gegen vorne ein Nonvaleur, hätte trotz laufendem Vertrag zwingend ausgetauscht werden müssen. So fehlte im Überzahlspiel von Beginn weg ein schussgewaltiger Verteidiger, zumal Cervenka-Ersatz Andrew Miller die Spielintelligenz seines Vorgängers nie vergessen machen konnte. Dass French und sein Assistent Dean Fedorchuk während der ganzen Qualifikation keine Lösung für das mit Abstand schlechteste Box- und Powerplay der Liga präsentierten konnten, wirft kein gutes Bild auf ihr Schaffen. Gleiches gilt für die mentale Verfassung der Equipe. Die Freiburger gewannen meist dann, wenn die Erwartungshaltung klein war und sie kaum etwas zu verlieren hatten. In den wichtigen Spielen wie zuletzt zu Hause gegen Lugano und Servette konnte French den Spielern das nötige Selbstbewusstsein trotz eines Psychologiestudiums ganz offensichtlich nicht vermitteln. So ist Gottéron zwar physisch über die letzten Jahre hinweg robuster geworden, in den Köpfen jedoch sind die Freiburger höchst fragil geblieben.

 

Der Handlungsspielraum von Dubé, nach diesem Scheitern auf die nächste Meisterschaft hin korrigierend eingreifen zu können, ist selbst verschuldet eingeschränkt. Dass er noch vor Beginn dieser Saison ohne Not den Vertrag mit French vorzeitig um zwei weitere Jahre verlängert hat, könnte sich noch als Boomerang herausstellen. Der Kanadier, unter dessen Führung bis auf Nathan Marchon kaum ein Spieler einen Schritt nach vorne gemacht hat, muss ab Herbst unter Beweis stellen, dass er die Mannschaft weiterentwickeln und ihr die dringend benötigte Identität verpassen kann. Keinen Schub nach vorne werden Gottéron die Rückkehrer Jérémie Kamerzin und Adrien Lauper verleihen, die beiden einzigen Schweizer Zuzüge sind dem Umstand geschuldet, dass die finanziellen Mittel Dubés aufgrund des Umbaus der Eishalle eingeschränkt sind. Dem Sportdirektor, der mit einem neuen Vierjahresvertrag nun definitiv in der Bringschuld ist, bleiben deshalb nur die Ausländerpositionen, um dem Team neue Impulse, Skorerqualitäten und Leadership zu verpassen. Er täte gut daran, mit einem völlig neuen Ausländerquartett in die Saison 2019/20 zu starten und auch einen Charles Bertrand nicht zu halten, der in den entscheidenden Partien das Vertrauen des Trainers nur sporadisch erhalten hat.

 

Weil eine grundlegende Richtungskorrektur nicht möglich ist, wird das nächste Championat für Gottéron nicht einfacher werden. Bis das neue Stadion im Herbst 2020 bezugsbereit sein wird, droht deshalb eine weitere Übergangssaison. In einem Jahr laufen mit Blick auf die neuen Infrastrukturen und den damit erhofften Mehreinnahmen zahlreiche Spielerverträge aus. Spätestens dann ist die Fehlermarge von Dubé und Co. aufgebraucht – und die zahlenden Zuschauer wollen eine charakterfeste Mannschaft sehen, die die neue Halle wieder mit Emotionen, Kampf und Esprit zum Kochen bringt.