Interview, Artikel und Kommentar 09.11.2018

Mehr Ausländer im Schweizer Eishockey – Pro und Kontra

SCB-CEO Marc Lüthi will mit mehr Ausländern und mehr Markt der Preistreiberei im Schweizer Eishockey ein Ende setzen. Raphaël Berger, Generaldirektor bei Gottéron, sieht das anders. FN-Sportchef Frank Stettler sagt in seinem Kommentar: Mehr Vernunft statt mehr Ausländer.

Nach monatelangen Diskussionen wolle er es jetzt einfach wissen. Deshalb stellt der Geschäftsführer des SC Bern, Marc Lüthi – der mächtigste Mann im Schweizer Eishockey, am kommenden Mittwoch bei der Versammlung der zwölf National-League-Vereine den Antrag zur Abstimmung, die Anzahl der Ausländer pro Team auf die Saison 2019/20 von vier auf sechs zu erhöhen. Im Interview mit den FN erklärt Lüthi, weshalb dadurch die Lohnkosten der Vereine sinken sollen, und widerspricht der These, der Vorschlag ziele einzig darauf ab, das kommende Torhüterproblem des SCB zu lösen.

Die Links zum Kontra-Interview und dem Kommentar gibt's im Verlauf des Textes.

 

Marc Lüthi, weshalb sollen ab nächster Saison sechs statt wie bisher vier Ausländer in der National League spielen?

Primär geht es darum, dass es mehr Markt braucht. Es gibt zu wenige gute Schweizer Spieler für zwölf National-League-Clubs. Wenn Gottéron oder wir heute einem Erst- oder Zweitlinienspieler sagen, dass er gehen muss, hat er schon morgen einen neuen Job, wo er noch mehr Geld verdient. Wir haben einen Spielermarkt. Das ist eine ungesunde Entwicklung. Es muss ein komplettes Umdenken stattfinden. Heute gilt, dass vier grundsätzlich teure Topausländer in den ersten beiden Blöcken spielen müssen. Warum kann es nicht auch mal ein Ergänzungsspieler für die dritte oder vierte Linie sein, wenn es keinen gleichwertigen Schweizer auf dem Markt gibt?

«Die Leute wollen ein gutes Team sehen. Ob das Top-Schweizer und Ergänzungs­aus­länder sind oder ­umgekehrt, spielt keine Rolle.»

Marc Lüthi

CEO SC Bern

 

Die Aufstockung zielt also darauf ab, die Kosten zu senken. Aber ist es nicht so, dass gerade die Spitzenclubs trotz mehr Ausländern auch weiterhin die besten Schweizer aus der zweiten Reihe verpflichten würden, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Diese Schweizer Spieler würden aber garantiert nicht mehr den Betrag X plus 50 Prozent kosten, weil nicht mehr vier Vereine um sie buhlen würden. Ein fiktives Beispiel: Es ist ein Flügelstürmer auf dem Markt, den wir gerne haben möchten. Der will 100 000 Franken. Ich bin aber nur bereit, 70 000 Franken für diesen Spieler zu bezahlen. Gibt es eine günstigere Alternative auf dem Markt, etwa einen gleichwertigen Dänen, bin ich überzeugt, dass es keine Bieterschlacht um den Schweizer Flügelstürmer mehr geben wird. Vielleicht bekommt dieser besagte Schweizer Spieler von einem Verein 100 000 Franken geboten, doch ganz sicher keine 150 000 Franken mehr.

 

Brutto aber wäre ein Ausländer letztlich kaum günstiger als ein Schweizer Spieler …

In der Slowakei verdient der bestverdienende einheimische Spieler 100 000 Euro und zahlt Steuern sowie Versicherungen selber. In Dänemark liegt der höchste Bruttolohn bei etwa 100 000 Euro. Wenn ich einem Dänen oder Slowaken 70 000 Franken netto bezahle, komme ich brutto auf rund das Doppelte. Natürlich hängt das letztlich immer vom Spieler ab, aber so ist der Markt momentan.

Der SCB hätte schon jetzt Kosten sparen können, wenn er im Frühling nicht gestandene Spieler wie Gregory Sciaroni oder Mattias Bieber geholt hätte.

Wen hätten wir denn stattdessen verpflichten sollen? Welche Spieler waren denn auf dem Markt? Vielleicht hätten wir einen Dänen gefunden, der weniger gekostet hätte. Und wir haben momentan auch keine Junioren mit dem nötigen Talent, um in der National League zu bestehen. Wir müssen den Nachwuchs subtil aufbauen.

«Natürlich hat auch der SCB zwischendurch teure oder überteuerte Spieler geholt. Aber heute können wir uns X Spieler nicht mehr leisten.»

Marc Lüthi

CEO SC Bern

 
 

Würde eben diesem Nachwuchs der Sprung in die höchste Liga mit sechs Ausländern nicht zusätzlich erschwert werden?

Schauen Sie nach Schweden. Dort ist die Anzahl der Ausländer unbeschränkt. Und trotzdem kommt es in Schweden niemandem in den Sinn, die Nachwuchsförderung zu vernachlässigen. Dort herrscht im Gegensatz zu uns keine Angstkultur.

Interessant ist ja, dass gerade finanzschwächere Clubs wie Ambri, die Lakers oder Langnau gegen eine Aufstockung der Ausländer sind, obwohl die Kostensenkung in ihrem Interesse wäre …

Das ist eben genau diese Angstkultur, weil diese Clubs Bedenken haben, dass die Spitzenvereine sechs Topausländer holen werden und die Differenz noch grösser wird. Ich bin aber überzeugt, dass der Unterschied in der sportlichen Qualität zwischen einem 1A-Ausländer und einem 1B-Ausländer kleiner sein wird als er­wartet.

Hier geht's zum Interview mit Raphaël Berger und die Kontraseite.

In Bern ist die Erwartungshaltung gross. Über 16 000 Fans wollen Spektakel. Geben sich die Zuschauer mit zweitklassigen Ausländern zufrieden?

Die Leute wollen ein gutes Team sehen. Ob das Top-Schweizer und Ergänzungsausländer sind oder umgekehrt, spielt keine Rolle.

SCB-CEO Marc Lüthi in der Postfinance Arena.

Einige Clubs werden ganz gewiss sechs Topausländer engagieren.

Man hat noch nie einen Titel kaufen können. Mir wird schlecht, wenn ich sehe, was momentan für Gregory Hofmann und Enzo Corvi geboten wird. Natürlich hat auch der SCB zwischendurch teure oder überteuerte Spieler geholt, sei es aus marketingtechnischen Gründen, oder weil wir diesen Spieler unter allen Umständen haben wollten. Aber heute können wir uns X Spieler nicht mehr leisten. Wir müssen uns jeden Franken auf dem Markt verdienen und geben nicht mehr aus, als wir einnehmen.

Im Gegensatz zu Clubs mit Mäzenen im Hintergrund, die in den letzten Jahren finanziell den einstigen Branchenprimus SC Bern eingeholt haben?

Das sagen Sie. Grundsätzlich ist es natürlich gut für das Schweizer Eishockey, wenn es zwölf konkurrenzfähige Clubs gibt. Es gibt Vereine, die immer vernünftiger werden, und andere, die immer unvernünftiger werden.

Hier geht's zum Kommentar von FN-Sportchef Frank Stettler: Mehr Vernunft statt mehr Ausländer.

Kritische Stimmen sagen, dass der SC Bern nurmehr Ausländer vorschlägt, weil Torhüter Leonardo Genoni Ende Saison geht und kein Realersatz auf Schweizer Markt zu finden ist …

Die Idee der Ausländeraufstockung besteht bereits viel länger. Und ich erinnere daran, dass wir schon 2016 mit einem Ausländer im Tor (Red.: der Tscheche Jakub Stepanek) Meister wurden, weil Marco Bührer verletzt ausfiel. Wir werden auch diesmal eine Lösung finden.

Wie man so hört und liest, ist eine Mehrzahl der Clubs gegen die Aufstockung von vier auf sechs Ausländer. Wie zuversichtlich sind Sie für nächsten Mittwoch, dass Ihr Antrag doch noch angenommen wird? (Es braucht sieben der zwölf Stimmen)

Er wird nicht durchkommen.

Und trotzdem ziehen Sie den Antrag nicht zurück?

Die ganze Initiative ging ja ursprünglich von einer Präsidentenkonferenz aus. Damals sprachen wir darüber, wie die Gehaltskosten gesenkt werden könnten. Eine Reduktion der Mannschaften in der Liga und andere Vorschläge waren nicht umsetzbar. Wir kamen deshalb vor sechs Monaten zum Schluss, die Ausländeraufstockung weiter zu verfolgen. Jetzt wollen wir es ganz einfach wissen, darum bleibt der Antrag an der Club-Versammlung.

Entwicklung

Zwischen gar keinem und fünf Ausländern

Seit der Einführung der Nationalliga im Schweizer Eishockey in der Saison 1937/38 hat die Anzahl der Ausländer pro Team in der höchsten Spielklasse immer wieder variiert.

Bis 1958/59: 1 Ausländer

Ab 1959/60: kein Ausländer

Ab 1970/71: 1 Ausländer

Ab 1980/81: 2 Ausländer

Ab 2004/05: 4 Ausländer

Ab 2005/06: 5 Ausländer (2  mussten EU-Bürger sein)

Seit 2007/08: 4 Ausländer