Eishockey 12.02.2020

Mit viel Drama über den Strich

3:0-Führung, 3:4-Rückstand und am Ende ein 6:5-Sieg nach Penaltyschiessen. Ein kämpferisches Gottéron gewann gestern ein Wahnsinnsspiel in Biel und steht damit erstmals seit dem 20. Dezember über dem Strich.

Was passieren kann, wenn zwei Stimmungsmannschaften aufeinandertreffen, sah man gestern Abend im Duell zwischen Biel und Gottéron. Dank einem Blitzstart führten die Gäste aus Freiburg bereits nach 15 Minuten 3:0. Danach spielte lange Zeit nur noch Biel, das verdientermassen bis zur 44. Minute das Spiel drehte und selbst 4:3 in Führung ging. Weil Freiburg die Partie seinerseits mit zwei Toren innert neun Sekunden wieder drehte, ehe Biel doch noch ausglich, endete der Abend im Penaltyschiessen – wo es ebenfalls noch einmal eine späte Wende gab und Julien Sprunger mit zwei Toren Freiburg den Sieg sicherte.

Gottérons goldene Minuten

Aber der Reihe nach: Als Biels langjähriger NHL-Spieler Damien Brunner den hüftsteifen Adrien Lauper nur mit einem Foul stoppen konnte – definitiv eine Szene mit Seltenheitswert –, begannen Gottérons goldene acht Minuten. Denn in Überzahl passierte, was zuletzt bei Gottérons Powerplays immer passierte: Daniel Brodin, schon am Samstag in Lausanne vierfacher Torschütze, traf (7.). Keine fünf Minuten später doppelte Flavio Schmutz nach. So wie der Center Biel-Goalie Jonas Hiller am Ende seines Rushs backhand zwischen den Beinen erwischte, wäre man nicht auf die Idee gekommen, dass es das erste Saisontor von Schmutz war. Aber wenns läuft, dann läufts eben. Das zeigte sich kurze Zeit später ein weiteres Mal.  Erneut keine drei Minuten später entwischten Samuel Walser und Brodin in Unterzahl, der Schwede verwertete die tolle Vorlage Walsers zum 0:3. Ein Shorthander gegen das beste Powerplay der Liga – ein Tor, das irgendwie bestens zu Gottérons Auftritt in dieser Startviertelstunde passte.

Zu viele Strafen

Gottérons Pech: Das Spiel dauerte danach immer noch mehr als 45 Minuten. Und bereits in der 17. Minute deutete Jan Neuenschwander mit seinem Treffer zum 1:3, der doch ein wenig aus heiterem Himmel fiel, an, dass es für die Gäste noch ein langer Abend werden würde.

Im Mitteldrittel versuchten es die Freiburger dann zunächst mit der Igeltaktik. Das ging eine Weile gut, in den ersten acht Minuten des zweiten Abschnitts lautete das Schussverhältnis 1:0. Dass die Zeit ereignislos verstrich, war natürlich ganz im Sinne Gottérons. Doch die Taktik ging nur so lange auf, bis sich die Gäste immer mehr Undiszipliniertheiten leisteten. Matthias Rossi und danach Philippe Furrer ermöglichten es den Bielern mit unnötigen Fouls, bis zur 35. Minute mit zwei Powerplaytreffern zum 3:3 auszugleichen. Ein Resultat, das mittlerweile hochverdient war, es spielte nur noch Biel. Gottéron konnte sogar zufrieden sein, nicht mit einem Rückstand ins Schlussdrittel zu steigen.

Wende innert neun Sekunden

Dort sah es zunächst danach aus, als würde Gottéron den Zugriff auf dieses Spiel nicht mehr wiederfinden. Nachdem zunächst noch der Pfosten zum wiederholten Mal an diesem Abend die Gäste rettete, erzielte in der 44. Minute Mike Künzle dann doch noch die erstmalige Führung für Biel. Kurze Zeit später verhinderte Reto Berra mit einem Big Save die Entscheidung. Aber es hätte ja auch nicht zu diesem Spiel gepasst, wenn das Heimteam nun die drei Punkte diskussionslos nach Hause gespielt hätte. Und tatsächlich stand es in der 48. Minute aus dem Nichts plötzlich 4:5. Zunächst glich Sandro Schmid in Überzahl nach tollem Pass von Lauper aus. Und kaum war der Puck wieder eingeworfen, erzielte Tristan Vauclair nur neun Sekunden später den neuerlichen Führungstreffer für die Gäste, der Puck war ihm via Referee quasi vor den Stock gefallen.

Wem das noch nicht genug Drama war, der kam weiter auf seine Kosten. Freiburg verpasste es danach in einer guten Phase, Biel den K.-o.-Schlag zu verpassen. Stattdessen profitierte Biel-Verteidiger Kevin Fey viereinhalb Minuten vor Schluss mit einem platzierten Handgelenkschuss davon, dass die Freiburger bei einem Gegenangriff der Seeländer etwas gar passiv verteidigt hatten. Der Treffer zum 5:5 war auch für ihn das erste Saisontor.

In der Overtime, die Freiburg mit einem Spieler mehr auf dem Eis begann, verpasste Gottérons Viktor Stalberg in der ersten Minute den Siegtreffer nur knapp, als er den Pfosten traf. Im Penaltyschiessen sah es dann lange danach aus, als würde der frühe Treffer von Jason Fuchs Biel den Zusatzpunkt sichern. Sprunger musste als fünfter Schütze treffen, um Gottéron im Spiel zu halten – und er tat es. Mehr noch: Er trat gleich noch einmal an und brachte Freiburg in Führung. Nun hätte Yannick Rathgeb treffen müssen, um Biel im Spiel zu halten – er scheiterte jedoch an Reto Berra.

Wieder über dem Strich

Natürlich könnte man aufgrund des Spielverlaufs das Glas aus Freiburger Sicht auch als halb leer betrachten und von einem verschenkten Punkt sprechen. Allerdings dürfte der hart erkämpfte Erfolg – der fünfte Sieg aus den letzten sechs Spielen – Gottéron auch so sehr viel Mumm für den Schlussspurt geben. Und in der Tabelle hatte er ebenfalls positive Auswirkungen. Weil Bern und Langnau verloren, steht Freiburg acht Runden vor Schluss erstmals seit dem 20.  Dezember wieder über dem Playoff-Strich. Bereits am Freitag hat Gottéron die goldene Chance, im Heimspiel gegen Schlusslicht Rapperswil diesen achten Platz zu zementieren.

Telegramm

Biel - Gottéron 5:6 n. P. (1:3, 2:0, 2:2)

5924 Zuschauer. Tore: 7. Brodin (Stalberg, Ausschluss Brunner) 0:1. 12. Schmutz (Stalberg, Marti) 0:2. 15. Brodin (Walser, Ausschluss Lauper!) 0:3. 17. Neuenschwander (Brunner) 1:3. 30. Ullström (Rantakari/Ausschluss Rossi) 2:3. 35. Rathgeb (Ausschluss Furrer) 3:3. 44. Künzle (Kreis) 4:3. 48. (47:34) Schmid (Lauper/Ausschluss Rantakari) 4:4. 48. (47:43) Vauclair (Walser) 4:5. 56. Fey (Ullström) 5:5. – Penaltyschiessen: Fuchs 1:0, Boychuk -; Hügli -, Brodin -; Ullström -, Gunderson -; Künzle -, Rossi -; Rathgeb -, Sprunger 1:1; Sprunger 1:2, Rathgeb -. Strafen: 5-mal 2 Minuten gegen Biel, 5-mal 2 plus 10 Minuten (Walser) gegen Gottéron.

Biel: Hiller; Moser, Kreis; Rathgeb, Forster; Rantakari, Fey; Sataric; Hügli, Pouliot, Rajala; Brunner, Cunti, Künzle; Riat, Ullström, Fuchs; Tschantré, Nussbaumer, Neuenschwander; Kohler.

Freiburg-Gottéron: Berra; Kamerzin, Furrer; Gunderson, Stalder; Abplanalp, Marti; Forrer, Gähler; Brodin, Boychuk, Rossi; Sprunger, Schmutz, Stalberg; Vauclair, Walser, Marchon; Lauper, Schmid, Lhotak.

Bemerkungen: Biel ohne Salmela, Ulmer, Gustafsson und Lüthi (alle verletzt), Schneider (überzählig), Gottéron ohne Chavaillaz, Desharnais, Mottet, Bykow (alle verletzt). – Pfosten: 34. Tschantré, 43. Kreis, 61. Stalberg.

Die FN-Besten: Rathgeb und Brodin.