eishockey 26.02.2019

Scheibenbesitz als oberste Maxime

Im Spiel 5 gegen 5 lässt Gottéron wenig zu und kontrolliert das Spielgeschehen zumeist. Im Angriff machen die Freiburger aber zu wenig aus ihren Möglichkeiten. Auch weil der Puckbesitz vor dem Risiko steht.

Verkehrte Welt bei Gottéron: Standen die Freiburger in der Vergangenheit für offensives Spektakel und defensiven Wahnsinn, so ist dies seit der Ankunft von Trainer Mark French grundlegend anders geworden. Mit 116 erzielten Toren in 46 Partien stellt Gottéron in der National League aktuell die viertschlechteste Offensive der Liga, dafür haben die Freiburger nur 113 Treffer kassiert. Lediglich die Torhüter des Spitzenduos Bern und Zug müssen noch weniger hinter sich greifen. Sinnbildlich für den Paradigmenwechsel steht der knappe 1:0-Sieg bei den SCL Tigers vom Samstag. Es ist kein Zufall, dass Gottéron in den letzten 20  Partien nur einmal mehr als drei Tore hinnehmen musste. Was also ist das Geheimnis hinter den neuen defensiven Qualitäten der Freiburger?

Eine Überzahl kreieren

«Zunächst einmal haben wir das Glück, auf einen Reto Berra im Tor zählen zu können, der viele Fehler von uns wieder ausbügelt», gibt Andrei Bykow die Blumen an seinen Goalie weiter. In der Tat zeigte sich Gottérons Keeper zuletzt in einer blendenden Verfassung. «Dass wir nur wenige Tore erhalten, verdanken wir vor allem ihm. Denn defensiv haben wir nach wie vor noch einiges zu verbessern», zeigt sich der Stürmer trotz den bemerkenswerten Statistiken erstaunlich selbstkritisch. Zu oft lasse sich die Mannschaft noch in der eigenen Zone einschnüren, was so gar nicht der Vorgabe des Trainers entspreche. «Wir versuchen, so wenig Zeit wie möglich im eigenen Drittel zu verbringen und den Puck möglichst schnell rauszuspielen.» Gelingt das nicht, schotten die Freiburger den Slot ab und riegeln den Raum vor ihrem Torhüter zu. «Gegen Teams wie Biel oder die Tigers, bei welchen sich die Verteidiger oft in den Angriff einschalten, ist es wichtig, die Mitte zuzumachen und nicht dem scheibenführenden Spieler hinterherzurennen. Das gibt manchmal lange Shifts in der eigenen Zone. Deshalb ist es wichtig, den Puck so schnell wie möglich rauszubefördern.»

Bykows Centerkollege Flavio Schmutz ergänzt: «Unser defensives Konzept ist ein wenig speziell. Wir praktizieren keine Mann-, sondern eine Raumdeckung.» Ersichtlich werde das besonders, wenn ein Gegner mit der Scheibe in einer Ecke ist. «Der Verteidiger geht drauf und ich als Center bin hintendran, um eine Überzahlsituation zu schaffen. Damit wollen wir den Puck möglichst schnell zurückerobern.» Eine weitere Folge dieser Strategie ist, dass die Freiburger mehr Schüsse – vornehmlich jedoch aus der Distanz und damit a priori weniger gefährlich als in der Nähe des Tors – zulassen als andere Teams. «Das kommt auch daher, weil unsere Flügel eher tief spielen», erklärt Schmutz.

Vorhersehbar sein

Derweil Gottérons Defensive vom System French nachweislich profitiert hat, scheinen die taktischen Fesseln des Kanadiers die Mannschaft im Angriff zu bremsen. «French hat klare Vorstellungen. Ihm ist wichtig, dass wir viel Zeit im Angriffsdrittel verbringen», so Schmutz. «Bei einem Konter 3 gegen 2 haben für ihn nicht etwa das Ausspielen des Gegners und der Schuss aufs Tor Priorität, sondern dass wir den Puck halten und einen langen Shift im Offensivdrittel kreieren.» Das sei schon ein wenig speziell, er habe das in der Form vorher noch nicht gekannt, räumt Schmutz ein. Überspitzt gesagt: Ist im Fussball möglichst viel Ballbesitz schon lange ein Indikator für Erfolg, so steht bei Gottéron eben der Puckbesitz als oberste Maxime. «Haben wir in der Offensive die Scheibe, kann der Gegner auch kein Tor erzielen.»

In Anbetracht des völlig ungenügenden Powerplays bleibt die Feststellung, dass die Freiburger zu wenig Tore schiessen – auch wenn sie mit durchschnittlich 2,02 Toren pro Spiel bei numerischem Gleichstand die Nummer 5 der Liga sind. Schmutz sagt zwar, dass für die Stürmer trotz der Taktik noch Raum für Kreativität vorhanden sei, die Freiheiten sind laut Bykow jedoch eingeschränkt. «French erwartet von uns, dass wir für die Teamkollegen vorhersehbar bleiben. Wir spielen deshalb im Angriff mit wenig Risiko.» Das sei früher und unter anderen Trainern noch ganz anders gewesen, als Gottéron ein Hurra-Hockey praktiziert habe. Für einen offensiven Freigeist wie Bykow war die Umstellung nicht ganz einfach. «Als Center habe ich mich den Vorgaben des Trainers anzupassen. Die neue Spielweise ist eine Herausforderung, und ich versuche andere Qualitäten zu entwickeln, um mich in den Dienst der Mannschaft zu stellen.» Solange alle am gleichen Strick ziehen würden, habe das Spielsystem von French seine Tauglichkeit unter Beweis gestellt, hält Bykow fest.

Die Wichtigkeit des 1:0

Einzig, die Taktik scheint nur dann aufzugehen, wenn die Freiburger das erste Tor erzielen können. 21-mal schoss Gottéron in dieser Saison das 1:0, und nur zweimal verlor es die Partie anschliessend noch. Hingegen kassierte es 25-mal den ersten Treffer und konnte das Skore nur gerade fünfmal noch wenden – Beleg dafür, dass die Freiburger nur schwer zu reagieren vermögen und das Umschalten vom strukturierten Angriff auf eine risikofreudige Offensive kaum einmal gelingt.

Der heutige Gegner

Fakten zu Lugano

• Mit 28 Toren ist Gregory Hofmann der treffsicherste Schütze der Liga.

• Von 23 Auswärtsspielen konnte Lugano nur 7 gewinnen – nur die Lakers sind in der Fremde noch weniger erfolgreich.

• Die Tessiner haben je das zweitschlechteste Power- und Boxplay der National League. Nur Gottéron ist in beiden Disziplinen noch mieser …

• Der Einsatz von Torhüter Elvis Merzlikins ist heute in Freiburg aufgrund muskulärer Probleme fraglich.

fs

 

Vorschau

Gegen Lugano agieren statt reagieren

Mit zuletzt drei Siegen en suite gegen den EHC Biel, Ambri und die SCL Tigers hat sich Gottéron eine deutlich verbesserte Ausgangslage im erbitterten Kampf um ein Playoff-Ticket erarbeitet. In der Schlussphase der Qualifikation stehen für die Freiburger bis am Montag vier Partien in sechs Tagen auf dem Programm. Den Auftakt dieser intensiven Zielgeraden bildet das heutige Heimspiel gegen den HC Lugano (19.45 Uhr).

Ruhe bewahren

Wie Gottéron sind auch die Tessiner voll im Strichkampf involviert und auf Punkte angewiesen – ganz besonders im Direktduell gegen die Freiburger, zumal der SCB und der EVZ zu den weiteren Gegnern gehören.

Ist Freiburg defensiv top, so ist die Offensive Luganos grösste Stärke. «Die Tessiner haben im Angriff exzellente Individualisten mit grossen Qualitäten. Da gilt es Ruhe zu bewahren», gibt Center Andrei Bykow die Marschroute vor. Seine Mannschaft müsse agieren und nicht reagieren. «Es gilt, Lugano sogleich unter Druck zu setzen.» Gleichzeitig mahnt Bykow nach den jüngsten Erfolgen höchste Konzentration an. «Wenn wir in dieser Saison das Momentum hatten, lief es in der Folge ja nicht wirklich immer gut …», erinnert Bykow an bittere Pleiten wie zuletzt gegen die Lakers.

Ausländerfrage offen

Noch nicht entschieden hat Trainer Mark French gestern, wer vom Ausländerquintett auf die Tribüne muss. Gesetzt ist einzig der Verteidiger Jonas Holos, zumal das Comeback von Philippe Furrer noch nicht vorgesehen ist. Auf der Verletztenliste stehen bei Gottéron zudem Verteidiger Marc Ab­plan­alp, der mit einem dreifachen Schlüsselbeinbruch bis Saisonende ausfällt, und der Stürmer Tristan Vauclair.

fs