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Er weiss, wie es hinter Gittern aussieht

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Thomas Freytag, wo fühlt sich ein Krimineller wohler: In einem Freiburger oder in einem Berner Gefängnis?

Nach Gesetz sollten Kriminelle an beiden Orten etwa die gleichen Bedingungen und dasselbe Umfeld vorfinden. Aber Bern und Freiburg arbeiten nicht in denselben Konkordaten zusammen. Von daher sind die Realitäten etwas unterschiedlich.

 

 Zum Beispiel?

Das beginnt bei einer etwas anderen Regelung von Beurlaubungen und geht bis zur Funktionsweise von Gefängnissen. Es hängt stark von den zur Verfügung stehenden Mitteln ab. Aber wo hat man es besser? Stellen Sie mir die Frage nochmals in einem Jahr, wenn ich die Berner Gefängnisse etwas besser kenne.

 

 Als Präsident des Verbandes «Freiheitsentzug Schweiz» kennen Sie gewiss die Situation in den Kantonen.

Ja. Aber von was spricht man: von Untersuchungsgefängnissen oder Strafanstalten? Von geschlossenem oder offenem Vollzug? Naheliegend ist der Vergleich zwischen Bellechasse und Witzwil: Es sind sehr ähnliche Anstalten, die beide einen grossen Landwirtschaftsbetrieb haben, in denen Insassen oft im Freien arbeiten. In beiden Anstalten gibt es Ausbildungs- und Sportmöglichkeiten, Einzelzellen und Gruppenvollzug.

 

 Und auf Ebene Untersuchungshaft?

Ich denke, in der Deutschschweiz ist das Vollzugsregime eher härter, es gibt dort tendenziell weniger Betätigungsmöglichkeiten. Die Westschweiz ist, was Untersuchungshaft anbelangt, sehr fortschrittlich: Man versucht, die Insassen früh zu beschäftigen. In unserem Zentralgefängnis haben wir in den letzten Jahren neue Ateliers gebaut. Dagegen werden in der Deutschschweiz noch vielfach 23 Stunden Einzelhaft mit einer Stunde im Spazierhof angewandt.

 

 Sie haben sich jetzt für einen Wechsel zum Berner Amt für Freiheitsentzug entschieden. Aus welchem Grund?

Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich heute von Freiburg gehen und für mich eine positive Bilanz dieser zehn Jahre ziehen kann. Der Entscheid richtet sich nicht gegen Freiburg. Er resultiert aus einer persönlichen Standortbestimmung: Bleibe ich, ist es vielleicht bis zur Pensionierung. Oder suche ich nochmals eine neue Herausforderung?

 

 Was wird sich an Ihrer Arbeit ändern?

Bern hat eine andere Organisation. Im Kanton Freiburg gibt es im Justizvollzug keine Amtsleitung für sämtliche Bereiche. Die Bewährungshilfe ist ein eigenes Amt, Bellechasse eine eigenständige öffentliche Anstalt. In Bern werde ich eine viel grössere Organisation vorfinden, die alles beinhaltet. Ich werde weniger an der Front sein, aber stär- ker eine Manager-Funktion ausüben.

 

 Wie bei der Polizei und Justiz soll auch der Strafvollzug personell unterdotiert sein. Gilt in Freiburg die öffentliche Sicherheit zu wenig?

Als ich hier begann, hatten wir ganz klar viel zu wenig Personal. Es brauchte eine gewisse Zeit und Überzeugungsarbeit, um die Bedürfnisse darzulegen und die politisch zuständigen Personen davon zu überzeugen, dass es wirklich mehr Mittel und insbesondere mehr Personal braucht. Aber bei meinen beiden politischen Vorgesetzten, Claude Grandjean und Erwin Jutzet, fand ich Gehör, und wir konnten in den letzten Jahren aufstocken. Doch es fehlt an Personal, um langfristige strategische Führungsaufgaben zu bewältigen.

 

 Es heisst, im Zentralgefängnis würden nachts nur zwei Personen Dienst leisten, so dass diese im Notfall gar nicht intervenieren könnten.

Das ist ein typisches Beispiel, das per 2015 mit mehr Personal gelöst wurde. Nachts müssen mindestens drei statt zwei Personen Dienst leisten. Vorher war es tatsächlich so, dass wir bei jeder Intervention eine Polizeipatrouille anfordern mussten.

 

 In den letzten Jahren hiess es oft, die Gefängnisse im Kanton seien voll. Stimmt das?

Im Kanton Freiburg haben wir nur noch zwei Institutionen für den Strafvollzug: das Zentralgefängnis Freiburg für die Untersuchungshaft und Bellechasse ausschliesslich für den Straf- und Massnahmenvollzug. Wir bauten das Zentralgefängnis aus, so dass wir heute rund 100 Plätze haben, sind aber platzmässig absolut am Minimum.

 

 Mit welchen Folgen?

Ein Problem ist die Kollusion: Bei Banden mit mehreren Untersuchungshäftlingen in der gleichen Affäre ist es am Anfang wichtig, dass diese sich nicht untereinander absprechen können. In einem Gefängnis finden sie immer Wege, zu kommunizieren. Deshalb müssen wir sie in anderen Gefängnissen platzieren. Neu haben wir einen Zusammenarbeitsvertrag mit dem Kanton Neuenburg für das Gefängnis in La Chaux-de-Fonds. Und wir sind jetzt daran, das Gleiche mit dem Wallis zu tun, um gegenseitig Plätze zu garantieren. Seit Anfang des Jahres haben wir fünf Plätze fix in La Chaux-de-Fonds, und die Neuenburger haben fünf Plätze fix in Freiburg. Das heisst, im Kollusionsfall kann man jetzt darauf zurückgreifen.

 

 Sind die Platzverhältnisse in Freiburg immer noch prekär?

Im Moment ist die Situation stabil. In den letzten fünf bis sechs Monaten hatten wir im Zentralgefängnis immer etwa drei Plätze Reserve.

 

 Man hat von U-Haft-Plätzen für Bellechasse gesprochen.

Das stand einmal zur Diskussion, wurde aber nie umgesetzt.

 

 Und Häftlinge, die aus Platzmangel ins Tessin transportiert wurden?

Schon länger nicht mehr. Wir hatten vielleicht mal Leute in Glarus platziert, aber vor der Regelung mit Neuenburg. Es kann heute in Einzelfällen noch solche Transfers geben. Wenn mehrere Personen in einem grossen Fall verhaftet werden, sind wir auf andere Standorte angewiesen.

 

 Auch die Idee eines neuen Gefängnisses stand im Raum.

Im Moment ist dies meines Wissens nicht konkret. In einer angespannten Situation wie in den letzten Jahren denkt man in alle Richtungen–und da war natürlich ein neues Gefängnis ein Thema. Ein zweiter Standort wäre von der Grösse des Kantons und der Bevölkerungsentwicklung her angebracht. Das Bedürfnis ist ausgewiesen, aber in dieser Zeit hat sich die finanzielle Perspektive verschlechtert. Zudem ist das Projekt in Bellechasse zur Eröffnung einer Massnahmenabteilung schon sehr fortgeschritten. Das wird ja auch relativ teuer.

 

 Sie waren in der Kommission für bedingte Strafentlas- sung und Abklärung der Gemeingefährlichkeit. In welcher Rolle?

 Das Strafgesetzbuch sieht vor, dass gewisse Fälle einer Kommission vorgelegt werden. In der Kommission des Kantons Freiburg war ich Mitglied mit beratender Stimme, um die Fälle unseres Amtes vorzustellen und Fragen zu beantworten. Die siebenköpfige Kommission wird von einem Kantonsrichter präsidiert. In Genf hatte man beim Fall Adeline dem Amt vorgeworfen, dieses hätte den Fall nicht der Kommission vorgelegt. In Freiburg haben wir eine sehr strenge Praxis. Wir legen alle Fälle von Personen mit zwei Jahren Strafe oder mehr der Kommission vor, bevor wir jemanden beurlauben oder bedingt entlassen.

 

 Ist man sich immer einig?

Rund 80 Prozent der Entscheide sind einstimmig. Bei 20 Prozent erfolgt eine Abstimmung. Aber auch da haben wir in der Regel klare Mehrheiten; nur in Einzelfällen gibt es 4:3-Entscheide.

Wie viele Fälle sind das?

Von 50 bis 70 Fällen Jahr sind 20 Fälle wirklich heikel.

 Welche Eigenschaft ist für Ihre Arbeit die wichtigste: Menschenkenntnis?

Authentisch und überzeugend sein, eine klare Linie haben und von einem guten Menschenbild ausgehen. Im Strafvollzug muss man irgendwo positiv denken und andas Verbesserungspotenzial imMenschen glauben.

 

 Wenn Sie diese Werte mitbringen, spürt das auch ein Gefangener?

Das Klima in einer Organisation bildet sich von oben nach unten. Ein gutes und offenes Arbeitsklima färbt sich auf unsere Klienten ab. Davon bin ich überzeugt.

«In der Deutschschweiz ist das Vollzugsregime eher härter.»

Thomas Freytag

Amtschef für Strafvollzug

«Im Strafvollzug muss man positiv denken.»

Thomas Freytag

Verantwortlicher für Gefängnisse

Zur Person

Einen Strafrechtler zog es in die Praxis

Thomas Freytag vollzieht heute als 44-Jähriger den Wechsel vom Freiburger Amt für Straf- und Massnahmenvollzug und Gefängnisse an die Spitze des Berner Amts für Freiheitsentzug und Betreuung. Zehn Jahre hat er im Dienst des Kantons Freiburg gearbeitet, zuerst beim Amt für Straf- und Massnahmenvollzug und ab 2007 als Gesamtverantwortlicher des fusionierten Amtes. Freytag kam nach seiner Gymnasialzeit in Baden für ein Rechtsstudium nach Freiburg. Er war Assistent beim Strafrechtsprofessor Marcel Niggli, lernte in dieser Zeit auch seine Murtner Frau kennen, war dann Lektor in einem juristischen Verlag und arbeitete danach beim Justizvollzug des Kantons Zürich im Sonderdienst für gemeingefährliche Täter. Berufsbegleitend absolvierte er da eine Führungsausbildung.uh

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