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«Es gibt eine kollektive Vergangenheit»

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In einer Maturaarbeit zu den Veränderungen im ehemaligen Kinderheim St-François in Courtepin in den 1960er-Jahren kommen drei Zeitzeugen zu Wort, die von harten Strafen und von Übergriffen berichten. Im Kanton Luzern leitete der Historiker Markus Furrer eine breit angelegte Untersuchung zum Alltag in den Kinderheimen. Im Interview mit den FN nimmt er Stellung zur Situation in Kinderheimen und zur gesellschaftlichen Aufarbeitung der Geschehnisse.

Markus Furrer, der Bericht zur Maturaarbeit über das Heim St-François in Courtepin hat viele vorab kritische Reaktionen ausgelöst. Verstehen Sie unsere Leserschaft?

Dass der Bericht Emotionen auslöst, hängt stark mit dem unterschiedlichen Blick in die Vergangenheit bei den betroffenen Leserinnen und Lesern zusammen. Einige fühlen sich düpiert durch die Berichterstattung. Es geht um Erinnerungen, die ganz anders tönen, als man es selber erlebt hat in der gleichen Zeit.

 

 Wie können denn Aussagen zu den damals praktizierten Strafmethoden in den historischen Kontext eingeordnet werden?

Das ist nicht einfach. Medienberichte sind ein ganz schmaler Ausschnitt aus der Vergangenheit, sie können nicht alles aufzeigen.

 

 In der Maturaarbeit erzählen drei ehemalige Heimkinder von negativen Erfahrungen und von harten Strafen, ein Heimkind spricht von sexuellen Übergriffen. Wie sind solche Aussagen einzuordnen?

Solche Aussagen geben eine erlebte und eine erinnerte Realität wieder. Bei der «Oral History» geht man nicht davon aus, dass eine Erinnerung eins zu eins einen damaligen Kontext im Detail wiedergeben kann. Aber ein Vorfall mit dramatisierenden Folgen prägt sich in der Erinnerung durchaus ein.

 

 Können die geschilderten Fälle von Courtepin in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden?

Durchaus. In unserer Untersuchung zu den Luzerner Kinderheimen führten wir 50 Interviews. In einem anderen, grösseren Projekt der Universität Basel wurden 280 Interviews mit ehemaligen Verdingkindern durchgeführt, und die Aussagen tönen alle sehr ähnlich. Wir haben auch literarische Quellen, zum Beispiel vom Berner Schriftsteller Carl Alfred Loosli, der als uneheliches Kind bei einer Pflegemutter und in einem Heim aufgewachsen ist. Schon damals war also viel bekannt. So gesehen ist ein einzelnes Interview nicht einfach losgelöst zu betrachten, sondern im Kontext. Und im Kontext ist es richtig.

 

 Schläge als Strafe waren bis weit in die 1960er-Jahre hinein gang und gäbe. Danach wurde die autoritäre Erziehung in der Gesellschaft mehr und mehr hinterfragt. War dieser Wandel auch in Kinderheimen spürbar?

Das Heim St-François wurde 1971 aufgelöst. Viele Heime wurden aufgelöst, weil Schwestern weggingen. Der Orden hatte zu wenig Nachwuchs. Die Kinder kamen in staatliche Obhut. Die Erziehungsmethoden waren aber bis in die 1970er-, möglicherweise bis in die 1980er-Jahre sehr turbulent, weil man gar nicht genügend ausgebildetes Personal hatte. Das heisst: Es ist nicht einfach besser geworden.

 

 Wie war das Umfeld für die Erzieherinnen?

In den Heimen mussten wenige Erzieherinnen eine sehr grosse Anzahl Kinder betreuen. Der Geldmangel war ständig ein Thema, nichts durfte etwas kosten. Das waren sehr missliche Umstände. Kommt hinzu, dass die Schwestern im Gegensatz zu den Lehrpersonen nicht ausgebildet worden sind. Erzieherin zu sein war nicht prestigeträchtig.

 

 Sie haben den Alltag und die Erziehung in den Kinderheimen im Kanton Luzern untersucht. Welchen Stellenwert hatten dabei die Aussagen von Zeitzeugen?

Die Zeitzeugen hatten einen sehr zentralen Stellenwert in unserer Studie. Wenn es um die Rekonstruktion des Erziehungsalltags geht und wenn es darum geht, wie man bestraft wurde, und bei Fragen zur sexuellen Gewalt, mussten wir uns primär auf Zeitzeugen abstützen. Zusätzlich kann man mit schriftlichem Quellen arbeiten. Auch im schriftlichen Archivmaterial schimmert der Erziehungsstil durch. Die Quellen sagen etwas aus über das Denken der damaligen Erziehenden.

 

 Die Ingenbohler Schwestern haben die Erziehungsmethoden in Schweizer Heimen ebenfalls untersucht und sich für die geschehenen Misshandlungen entschuldigt. Müssen nun trotzdem auch noch andere Kantone die Vergangenheit in ihren Kinderheimen aufarbeiten?

In Sachen Kinderheime haben wir erst die Situation im Kontext des Kantons Luzern systematisch angeschaut. Sonst gibt es eher wenige Studien zum Thema Kinderheime. Es ist wichtig, dass wir die Untersuchungen systematischer angehen, damit wir über die Situation schweizweit etwas aussagen können. Aber diese Forderung macht die Thematik auch komplex, und natürlich braucht es dazu auch lokale Studien. Betroffene haben immer sehr stark «ihr» Heim im Fokus. Sie möchten ihre Geschichte aufgearbeitet haben. Da kann ich als Historiker nicht kommen und sagen, wir haben das strukturell schon längstens erfasst.

 

 Wenn jemand die Vergangenheit aufarbeiten muss, wer soll es und wer kann es tun?

Das ist primär eine historische, zum Teil eine rechtliche Fragestellung, insbesondere bei Verwahrungen. Es geht auch um pädagogisch-psychologische Fragen. Luzern und Freiburg spielten für die heimpädagogische Ausrichtung für die ganze katholische Schweiz eine wichtige Rolle. Es gab heilpädagogische Vorstellungen, wie man Kinder führen und leiten und wie man sie bestrafen soll. Die Anleitung für das pädagogische Handeln war alles andere als positiv für die Kinder.

 

 Die vom Kloster Ingenbohl in Auftrag gegebene Studie kommt zum Schluss, dass zwei Drittel der ehemaligen Heimkinder von ausschliesslich positiven Erfahrungen berichten. Sollten die Ordensfrauen deshalb nicht als Wohltäterinnen gewürdigt werden, statt sie als Täterinnen zu bezeichnen?

Grundsätzlich ist es ohnehin ein Problem, wenn man einen ganzen Orden als Täter hinstellt. Weil der Orden der Ingenbohler Schwestern gross gewesen ist, betrifft es ihn aber mehr. Ich würde aber nie behaupten, dass die Vorkommnisse speziell den Ingenbohler Schwestern anzuhaften sind. Bei Studien ist aber klar, dass negative Aspekte stärker in den Vordergrund rücken als positive. Die Leute, die darunter gelitten haben, haben bis heute grosse Probleme. Häufig konnten sie ihre Geschichte lange nicht erzählen. Man tat die Erlebnisse ab und sagte, das sei nicht so schlimm gewesen. Jetzt müssen wir aufpassen, dass sich das nicht wiederholt. Für die Gesamtanalyse des Erziehungswesens kommt eine differenzierte Sicht zum Tragen. Diese Sicht konnte man bis jetzt noch nicht im Detail entwickeln.

 

 Eine recht grosse Anzahl Leserinnen und Leser äusserte die Meinung, dass man im Fall des Kinderheims St-François nun das Vergangene ruhen lassen sollte. Was entgegnen Sie darauf?

Es gibt zwei Möglichkeiten: die Vergangenheit ruhen zu lassen und den Deckel drüber tun. Die andere Methode ist, genauer hinzuschauen und Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen. In ganz Europa geht die Entwicklung in die Richtung: Genauer hinschauen!

 

 Ist Hinschauen also in Ihrem Sinn?

Als Historiker möchte ich dies aufgrund von Beobachtungen ausdrücken, ohne ehemalige Heimkinder mit Holocaust-Überlebenden zu vergleichen: Der Holocaust war eines der Schlüsselereignisse, bei dem die Erinnerungen in den Vordergrund gerückt wurden. Seit den 1980er-Jahren haben wir immer mehr Gruppen Betroffener, die auf ihre Schicksale und damit auf die Schatten der Vergangenheit aufmerksam machen. Es ist die Gesellschaft, die ihnen dieses Leid zugefügt hat. Nicht nur ein Individuum hat eine Vergangenheit, sondern auch das Kollektiv. Wir haben den Ballast der Vergangenheit, den wir mitschleppen müssen.

Studien rücken negative Aspekte stärker in den Vordergrund als positive.

Markus Furrer

Historiker

In den Heimen mussten wenige Erzieherinnen eine grosse Anzahl Kinder betreuen.

Markus Furrer

Historiker

Zur Person

Professor in Luzern und in Freiburg

Markus Furrer ist Professor für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz Luzern und Titularprofessor an der Universität Freiburg. Vom Mai 2010 bis August 2012 leitete der Historiker im Auftrag der Luzerner Kantonsregierung die Studie «Aufarbeitung Kinderheime» in der Zeit zwischen 1930 und 1970.hs

 

Maturaarbeit: Infoabend zog Interessierte an

A m Informationsabend vom vergangenen Freitag stellte die Maturandin im ehemaligen Kinderheim St-François in Courtepin, welches heute ein Altersheim ist, ihre Arbeit vor. Das Interesse war insbesondere bei der französischsprachigen Präsentation gross. Die Maturandin ging nicht auf die Aussagen der befragten ehemaligen Heimkinder ein, vielmehr berichtete sie über die Trägerschaft des Heims und über die Umbauarbeiten in der untersuchten Zeitspanne. Weder nach dem französischsprachigen noch nach dem deutschsprachigen Vortragsteil fand eine Diskussion im Plenum statt; darauf hat der Vater der Maturandin bereits in der Einleitung zum Vortrag ausdrücklich hingewiesen.

Schwester Louise-Henri Kolly, Oberin der Westschweizer Provinz der Ingenbohler Schwestern mit Sitz in der Stadt Freiburg, zeigte sich am Informationsabend in Courtepin gegenüber den FN «traurig über die Art der Berichterstattung». Zum publizierten Artikel will sie sich im Nachhinein nicht äussern. hs

Kanton Luzern: Drei Studien geben Aufschluss

D er Kanton Luzern verfügt über eine breite Dokumentation der Verhältnisse in ehemaligen Kinderheimen zwischen 1930 und 1970. Nicht weniger als drei Studien befassen sich mit der Thematik: Im September 2012 präsentierte der Kanton die Studie «Kinderheime im Kanton Luzern», die unter der Leitung des Historikers Markus Furrer erstellt wurde. Die katholische Kirche liess den Bericht «Hinter Mauern» erarbeiten. Die dritte Studie gab das Kloster Ingenbohl in Auftrag. Die entsprechende Expertenkommission präsentierte die Resultate ihrer Arbeit im Januar 2013. hs

– Ingenbohler Schwestern in Kinderheimen. Schlussbericht der Expertenkommission Ingenbohl. www.kloster-ingenbohl.ch

– «Hinter Mauern. Fürsorge und Gewalt in kirchlich geführten Erziehungsanstalten im Kanton Luzern» . Markus Ries, Valentin Beck (Hg.), Zürich 2013. www.lukath.ch

– Kinderheime im Kanton Luzern im Zeitraum von 1930 bis1970. Schlussbericht zuhanden des Regierungsrats des Kantons Luzern. Akermann, Martina/Furrer, Markus/Jenzer, Sabine (2012). www.disg.lu.ch/«Aktuell»

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