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«Es kann jeden treffen»

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Weihnachten 2001 in der Notschlafstelle La Tuile in Freiburg: Einige Männer machen Musik, andere spielen Karten oder sitzen einfach beisammen. Ein älterer, bärtiger Herr, ein stadtbekannter Clochard, sitzt mit verschränkten Händen auf einem Stuhl und schaut mit dunklen Augen in die Kamera. Es ist eines der Lieblingsbilder der Fotografin Martine Wolhauser aus ihrer umfangreichen Fotoserie aus der Notschlafstelle. Die Freiburgerin hat La Tuile in den letzten 15 Jahren regelmässig besucht und das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner dokumentiert. Der Clochard auf dem Bild sei oft da gewesen, erzählt sie. Doch nur dieses eine Mal habe er direkt in ihre Kamera geschaut.

Zeugnis von Armut und Not

Man spürt das Engagement der Fotografin, wenn sie über ihre Arbeit in der Notschlafstelle spricht. Angefangen hat alles mit einem Auftrag für Illustrationen für einen Jahresbericht. «Allerdings sollte ich dafür keine Menschen fotografieren», erzählt Martine Wolhauser. «Das fand ich schade, und ich beschloss, solche Fotos ausserhalb des Auftrags zu machen.» So fotografierte sie weiter und begleitete La Tuile über die Jahre hinweg. Einige der Fotos dienten weiterhin dem internen Gebrauch, einige erschienen 2002 im von der Notschlafstelle initiierten Buch «Fribourg et ses vagabonds».

Jetzt sind die Bilder erstmals in einer Ausstellung zu sehen: Ab Montag zeigt Martine Wolhauser in Zusammenarbeit mit dem Fotografieverein Cyclope eine Auswahl der Bilder im Alten Bahnhof in Freiburg. Der Anlass sei zwar das 20-jährige Bestehen der Notschlafstelle, doch handle es sich um mehr als eine Jubiläumsausstellung, so die Fotografin. «Es geht darum, Zeugnis abzulegen und die Bilder sprechen zu lassen. Die Aufnahmen erzählen von Armut und Not, sie zeigen, dass es das auch in Freiburg gibt, und dass es jeden treffen kann.»

Von diesem Gedanken hat sich Wolhauser auch bei der Bildauswahl leiten lassen: In der Ausstellung sind vor allem Fotografien zu sehen, die das Innenleben der Notschlafstelle zeigen und die Nutzerinnen und Nutzer auf einfühlsame Weise porträtieren.

Vertrauen aufgebaut

Die nachdenkliche Stimmung wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass alle Fotos der Serie in Schwarz-Weiss gehalten sind. Ein sehr bewusster Entscheid, wie Martine Wolhauser erklärt: «Ich mag die Schwarz-Weiss-Fotografie und finde, sie passt gut zu diesem Thema.» Um kein Blitzlicht einsetzen zu müssen, habe sie mit hochsensiblem Film gearbeitet. «Es war mir wichtig, diskret zu bleiben.»

Sie habe sich Zeit genommen, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen und Vertrauen aufzubauen. Auf den Fotos sind darum vor allem regelmässige Nutzer der Notschlafstelle zu sehen, solche, die über die Jahre hinweg immer wieder kommen, auf der Suche nach einem Platz zum Schlafen, nach einer Mahlzeit oder nach Gesellschaft am Weihnachtsabend.

«Es ist berührend, die Entwicklung dieser Menschen zu beobachten», sagt Martine Wolhauser. «Einigen geht es schlechter, andere trifft man nach Jahren wieder und sieht, dass sie ihren Weg gefunden haben.»

Zwischen Nähe und Distanz

 Als Fotografin sei es für sie eine besondere Herausforderung, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu wahren. «Ich suche den Kontakt, bleibe aber doch eine aussenstehende Beobachterin.» Schwierig sei es vor allem dann, wenn sie mit Situationen konfrontiert werde, die ihr persönlich nahe gingen. «Eine Frau, der es nicht gut ging, hat mir erzählt, dass sie mit Zwillingen schwanger sei. Das ist schwer zu ertragen», so die Fotografin, die selber Mutter ist.

Trotzdem möchte Martine Wolhauser die Notschlafstelle auch in Zukunft fotografisch begleiten. Gerade die Frauen, die immer häufiger hier anzutreffen seien, interessierten sie. «Und ich habe gesehen, wie La Tuile sich über die Jahre entwickelt hat, wie wichtig die Institution für Freiburg geworden ist. Das ist erfreulich, auch wenn die Geschichten, die dahinterstecken, schwierig sind.»

Alter Bahnhof, Freiburg. 1. Oktober bis 10. November. Vernissage: Mi., 3. Oktober, 19 Uhr.

Zahlen und Fakten

Immer mehr Leute brauchen die Notschlafstelle

Mehr als 90000 Übernachtungen hat die Notschlafstelle La Tuile seit ihrer Gründung vor 20 Jahren registriert. 2011 war mit 6704 Übernachtungen von 461 Personen das bisherige Rekordjahr. Für 2012 rechnen die Verantwortlichen mit bis zu 700 Personen. Geht es so weiter, ist es bald nicht mehr möglich, jeden zu jeder Zeit aufzunehmen. Vorrang haben Personen aus dem Kanton Freiburg, die rund 70 Prozent der Nutzer ausmachen. Um der steigenden Nachfrage zu begegnen, setzt La Tuile seit einiger Zeit auf Prävention, Wiedereingliederung und begleitetes Wohnen. Dass dies der richtige Weg ist, zeigt sich laut Direktor Eric Mullener darin, dass die Anzahl der Übernachtungen weniger stark steigt als die der Personen. Die Notschlafstelle wurde im Oktober 1992 an der Bürglenstrasse eröffnet. 2001 zog sie an den heutigen Standort an der Marlystrasse. Seit 2000 ist sie per Mandat die offizielle Notschlafstelle für den ganzen Kanton.cs

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