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Frau Staehelin im Freiburgerland

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

«Frau Staehelin» war ihr Deckname, und niemand wusste, wer sich vom März bis April 1967 unter strenger Geheimhaltung in zwei Klöstern im Kanton Freiburg aufhielt, nämlich zuerst bei den Klarissinnenschwestern in St. Antoni im Senseland und dann im Visitantinnenkloster in Freiburg. Es war die 41-jährige Swetlana Allilujewa. Geboren wurde sie 1926 in Moskau unter dem Namen Swetlana Stalina als einzige Tochter des sowjetischen Diktators Josef Stalin (eigentlich: Dschugaschwili). Gestorben ist sie 2011 in einem Altersheim im US-Bundesstaat Wisconsin unter dem Namen Lana Peters. Dieser Nachname stammt von ihrem vierten Ehemann.

Historikerin und Philologin

Die permanenten Namensänderungen sind prägend für ein Leben, das unter der schweren Hypothek stand, das Kind eines der schlimmsten Diktatoren und Massenmörder der Menschheitsgeschichte zu sein. 1957, vier Jahre nach dem Tod ihres Vaters, nahm sie den Nachnamen ihrer Mutter Nadeschda Allilujewa an, welche bereits 1932 Selbstmord begangen hatte. Als Kind gehörte Swetlana zur propagandistischen Selbstinszenierung ihres Vaters. Später versuchte sie, sich von ihm zu distanzieren: Sie arbeitete als Historikerin und Philologin. Im Jahr 1963 verliebte sie sich in den indischen Kommunisten Brajesh Singh. Allerdings verbot ihr die sowjetische Regierung eine Hochzeit. Als Singh 1966 starb und sie die Erlaubnis erhielt, seine Asche in den heiligen Fluss der Hindus, den Ganges, zu streuen, sah sie ihre Gelegenheit zur Flucht gekommen.

Der streng geheime Gast

Was nun folgte, könnte einem Thriller entstammen. Allilujewa begab sich unangemeldet in die amerikanische Botschaft in Delhi und verlangte Asyl in den Vereinigten Staaten. Mitten im Kalten Krieg war eine so prominente Überläuferin an sich sehr willkommen. Doch ein direkter Transfer erschien den Amerikanern nicht opportun. Seit 1963 waren Washington und Moskau um Annäherung und Abrüstung bemüht. Swetlana passte da gar nicht ins Spiel, zumal sie das Manuskript ihrer Memoiren im Gepäck hatte, welche Brisantes über ihren Vater zu enthüllen versprachen. In einer überstürzten Aktion wurde Allilujewa deshalb über Rom nach Genf geflogen, wo sie am 11. März 1967 ankam. Im Unterschied zu Italien erlaubte ihr die Schweiz die Einreise. Allerdings entschied der Bundesrat, dem speziellen Gast lediglich ein Touristenvisum zu geben. Die vom Eidgenössischen Politischen Departement (EPD) gewünschte diskrete Übernahme durch die Bundespolizei wurde zudem vereitelt, weil die Presse vorgängig Wind von Allilujewas Ankunft bekommen hatte und sie am Flughafen erwartete. Noch am gleichen Tag wurde der streng geheime «Feriengast» ins Berner Oberland gebracht und unter falschem Namen im Hotel Jungfraublick in Beatenberg einquartiert. Bundesrat Ludwig von Moos hielt eine Pressekonferenz ab, bei der er betonte, dass Frau Allilujewa erholungsbedürftig sei und in Ruhe gelassen werden möchte. Schnell wimmelte es aber im Berner Oberland von Journalisten, Verlegern und wohl auch Geheimdienstagenten. In einer Undercover-Aktion musste die Bundespolizei Stalins Tochter wegbringen. Und so kam sie am 14. März ins Freiburgerland, als «Miss aus Irland» zu den Nonnen der heiligen Klara – in das Haus des heutigen Bildungszentrums Burgbühl. Die halbe Welt suchte sie, doch niemand erwartete sie in St. Antoni. «Sie zog es vor, sich in klösterlicher Abgeschiedenheit auf den gros­sen Sprung in die Freiheit vorzubereiten», schrieb Antonino Janner, Chefbeamter beim damaligen EPD. Ab dem 3. April war Allilujewa im Freiburger Visitantinnenkloster untergebracht. Der ganze diplomatische Krimi endete für die Schweiz erst nach sechs Wochen, als Stalins Tochter am 21. April 1967 unter dem Decknamen «Frau Staehelin» eine Swissair-Maschine nach New York bestieg. Dort wurde sie mit grossem Medienrummel empfangen.

«Das Warten lastet schwer»

Auch in den Schweizer Geheimdienstunterlagen aus der damaligen Zeit taucht der Fall auf. So gibt es einen von Antonino Janner maschinengeschriebenen «Bericht über den Verlauf des Aufenthaltes von Svetlana Allilujeva in der Schweiz mit dazugehörigen Dokumenten». In grossen Lettern steht über diesem Titel der handschriftliche Vermerk «Geheim».

Allerdings enthält dieser Bericht keine Details zu Allilujewas Aufenthalt im Kanton Freiburg. Es heisst lediglich unter anderem: «10. März … Nach erfolgter Einreise und gelungener Übernahme in Genf publiziert das EJPD ein Communiqué. … Am 13. März, 11.30 bis 12.25  Uhr, findet die von Herrn Bundesrat von Moos … geleitete Monster-Presseorientierung statt. … Am 14. März … Fahrt vom zweiten Aufenthaltsort zum dritten. (das heisst vom Thunersee in das Exerzitien-Heim in St. Antoni/Freiburg). … 17. März … Der Bundesrat ist sich einig, dass Swetlana mit allfälligen Verlegern Besprechungen soll aufnehmen können, ausgehend von der im Visumsformular unterzeichneten Verpflichtung. Publikationen bzw. öffentliche Erklärungen sind im weitesten Sinne zu unterlassen. … 31. März … Das Warten darauf, wie und wann es weiter geht, lastet schwer auf Swetlana. … 3. April. Da Gefahr besteht, dass Swetlana in St. Antoni entdeckt wird, wird sie am 3. April in das Klausur-Kloster La Visitation in der Stadt Freiburg disloziert, wo sie bis zu ihrer Abreise ungestört bleiben wird. … Swetlana hat ohne den geringsten Zwischenfall und unbemerkt, wie gewollt und mit Washington abgesprochen, Zürich am 21. April mit Swissairkurs von 12.00  Uhr Non-stop nach New York in Begleitung von Rechtsanwalt Schwartz verlassen. … Am 25. April fand eine abschliessende Pressekonferenz für die Bundeshaus-Journalisten statt».

Der Bericht ist zusammen mit diversen weiteren kleineren Dokumenten – die aber für Allilujewas Aufenthalt im Kanton Freiburg allesamt irrelevant sind – im Jahr 2011 auf der Website der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis) publiziert worden. Aus den ebenfalls veröffentlichten Sitzungsprotokollen des Bundesrats geht zudem hervor, dass die Situation für die Landesregierung ausgesprochen unangenehm war. Sie diskutierte mehrfach über den Fall, entschied sich aber dafür, über den wahren Grund von Allilujewas Aufenthalt in der Schweiz den Mantel des Schweigens zu legen.

Buch geplant

Der Freiburger Autor und Journalist Jean-Christophe Emmenegger plant ein Buch zum Aufenthalt der Stalin-Tochter in der Schweiz. Dieses soll gemäss seiner Website diesen August unter dem Titel «Opération Svetlana – La fille de Staline en Suisse» erscheinen. In einer auf der Internetplattform «­Sept.­info» publizierten Artikelreihe zum Thema bemerkt Emmenegger: «Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Wahl Freiburgs mit der Versicherung verbunden war, dass die lokale Presse nicht über den Fall sprechen würde», zumal der damalige Chefredaktor der «Liberté» ehemaliger Kantonsrichter und Sekretär der Studentenvereinigung Pax Romana gewesen sei – ein Mann, der Verschwiegenheit sicher zu schätzen wusste.

Emmenegger erwähnt gleichenorts eine Nonne des Freiburger Visitantinnenklosters, die anonym bleiben möchte und in jungen Jahren den Aufenthalt von Swetlana Allilujewa miterlebte. Sie erzählt dort: «Swetlana wurde uns wie eine einfache Pensionärin präsentiert, aber wir bemerkten, dass ihr Status ein besonderer war. … Nur die Mutter Oberin war auf dem Laufenden, was ihre wahre Identität betraf.»

Das Buch

«Eine wunderbar ruhige Landschaft mit fernen Wäldern»

In ihrem autobiografischen Buch «Das erste Jahr» kommt Swetlana Allilujewa ebenfalls auf ihre Zeit im Kanton Freiburg zu sprechen. Das Kapitel «Schweizer Tagebuch» umfasst 21 Seiten und ist höchst spannend zu lesen:

«Ich erwartete die Schweiz etwa so zu sehen, wie ich sie vor einer Woche in Lucknow in einem Film (mit Julie Andrews in der Hauptrolle) gesehen hatte. … Die eineinhalb Monate in der Schweiz waren für mich tatsächlich eine Atempause. … 14. März. … Wir fuhren nach St. Antoni; wir kamen spätabends an, und ich muss zugeben, dass meine Knie schwach wurden. Mich überkommt immer abergläubische Furcht vor Domen, Klöstern und Mönchen. Die katholischen Nonnen in ihrer schwarzen Tracht und den weissen Schleiern führten mich in ein kleines, sauberes Zimmer mit einem Kruzifix, einem Waschtisch und einem sauberen modernen Bett. Wenn das Kruzifix nicht gewesen wäre, hätte man glauben können, man befinde sich in dem sauberen Gastzimmer eines billigen Gasthofs. Offiziell galt ich hier als Miss Karleen, als Irländerin, die aus Indien hier angekommen war.

15. März. Ein sonniger, ruhiger Tag. Mein Asyl stand auf einem Hügel, vor dem sich eine wunderbar ruhige Landschaft auftat mit Feldern, fernen blauen Wäldern, einer Bergkette am Horizont und winzigen, da und dort verstreuten Häuschen mit hohen Giebeln. Hier befanden sich nur sechs Schwestern. Es war in der Tat eine Art Gasthof für katholische Geistliche. Schwester Florentina, eine füllige, gemütliche Person, rief mich zum Frühstück in den Speisesaal. Die deutsche Sprache, die ich als Kind gelernt hatte, kam wieder zum Leben, und mein primitiver Wortschatz erwies sich als ausreichend, um sich der Schwester verständlich zu machen. Ich räumte das Geschirr ab, trug es in die Küche, und Schwester Florentina lächelte zufrieden. Mir wurde es wieder leicht und wohl zumute: Alles wird sich ‹einrenken›. …

16. März. Die zwei Geheimpolizisten aus dem Kanton Fribourg machten den Vorschlag, die Umgebung zu besichtigen. Wir fuhren im Auto, und die Fahrt war angenehm. Ich erinnerte mich meiner deutschen und der auf der Universität erworbenen französischen Sprachkenntnisse und war imstande, meinen Begleitern zu erklären, dass mir in der Seilbahn auf den 2000  Meter hohen Moléson schwindlig wurde und ich es vorzöge, eine ruhigere Landschaft aufzusuchen. Wir lachten und scherzten, tranken in dem kleinen Café in Gesellschaft von Skifahrern eine Tasse Kaffee, und mir wurde für den nächsten Tag ein Ausflug in die Ebene versprochen. … Ich wäre ganz gern in der Schweiz geblieben. Hier ist es ruhig und angenehm, doch wird man es mir nicht gestatten, mein Buch zu veröffentlichen. Hier bin ich zum Schweigen verurteilt … 26. März. Ein Sonntag. Es war das römisch-katholische Osterfest; auch ich wollte diesen Feiertag begehen, denn ich fühlte mich feiertäglich gestimmt. Ich ging in die Sankt-Nikolaus-Kathedrale; mein Leibwächter begleitete mich, er war Katholik und sang während des Gottesdienstes mit der Gemeinde die Lieder französisch und lateinisch. Der Bischof von Freiburg hielt eine französische Predigt. Er sprach ewig gültige, allgemein menschliche Worte über die Liebe und die Brüderlichkeit. Der mächtige Atem der Orgel dröhnte, wie leicht klangen doch die Stimmen im Chor, ringsum war alles voll Blumen, Kerzen brannten, alle lagen auf den Knien. Auch ich betete – ein einfaches Gebet. … Niemals und nirgends hatte ich mit solcher Inbrunst gebetet wie an diesem Ostersonntag in Freiburg. Meine Tränen strömten, ich vermochte mich kaum aufrecht zu halten. Die Ostermesse war prunkvoll feierlich und lang … 3. April. Ich musste aus dem Sankt-Antoni-Hospiz in ein Kloster in Fribourg übersiedeln, wo die Bedingungen für mich günstiger waren und ich mehr Unabhängigkeit hatte. Die Oberschwester Margarita-Maria gab mir drei Schlüssel, mit welchen ich drei Türen aufschliessen musste, wenn ich nach acht Uhr abends nach Hause kam. Das geschah sehr oft, wenn ich nach Bern fuhr, und ich schlich mich im Finstern mit einer Taschenlampe in der Hand durch die langen Korridore, die ich zu durchschreiten hatte, immer in der Angst, die Schlüssel zu verwechseln, vor allem aber davor, jemanden in der Klosterpension zu stören. Bei Tag ging ich aus, um durch die Strassen Freiburgs zu spazieren, ging zur Bank, besichtigte Kaufläden … Man konnte auch im Park spazieren gehen, der sich längs des hohen, steilen Ufers der smaragdgrünen Saane hinzog. Niemand bespitzelte mich oder folgte mir nach. … Das alte Freiburg war malerisch, die schmalen Gässchen, die gewölbten Brücken über die Saane, die moderne Universität und die leichten Bogen der zweistöckigen Brücken harmonierten mit dem gotischen Dom, ohne den Gesamteindruck zu stören. Die anheimelnden Kapellen, die auf jedem Schritt zum Eintreten einluden, zum stillen Verweilen – die Türen standen jederzeit offen. … In meinem Zimmer, das auf den Fluss und die unendliche Ferne hinausging, war es ruhig. Ich begann zu arbeiten, ich hatte grosse Lust zu schreiben. … Wir fuhren zu dem kleinen Gasthaus Murten, nicht weit von Freiburg, nahmen ein Zimmer mit Telefon und meldeten meine Moskauer Telefonnummer an, wobei ich einen angenommenen Namen aus der Schweiz nannte. Wir mussten 20 Minuten warten, und ich verging fast vor Aufregung. … Ein Signal. Moskau. Mein Sohn ist am Telefon.»

jcg

 

Swetlana Allilujewa. Das erste Jahr. Wien (Molden): 1969.

 

Cornelio Sommaruga: «Es war genau wie in einer James-Bond-Geschichte»

 

Cornelio Sommaruga ist 1932 in Rom in eine Diplomatenfamilie geboren worden. Auch er war von 1960 bis 1987 in verschiedenen Ländern als Diplomat sowie als Chefbeamter tätig. Von 1987 bis 1999 war er Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. Er ist verheiratet, Vater von sechs Kindern und ein Cousin vierten Grades der SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga. In seiner Wohnung voller Bücher und Erinnerungen im Genfer Champel-Quartier blickt der mit einem messerscharfen Gedächtnis ausgestattete 85-Jährige im Gespräch mit den FN auf jenes Wochenende im März 1967 zurück, das er sein Leben lang nie vergessen wird.

Wie kam es dazu, dass Sie Swetlana Allilujewa trafen?

Es war genau wie in einer James-Bond-Geschichte. Swetlana hatte die Asche ihres Geliebten nach indischer Tradition im Ganges zerstreut. Aber statt ins Hotel zurückzukehren, ist sie in die amerikanische Botschaft geflohen. Dort war der Botschafter etwas aufgeregt, weil die USA mit der Sowjetunion gerade über Abrüstungsfragen verhandelten. So flog die Stalin-Tochter zuerst einmal nach Rom, und zwar als Mrs.  Brown. In Rom wurde die ganze Sache nach Washington gemeldet. Doch das State Departement wollte Allilujewa nicht aufnehmen. So blieb sie zunächst einmal in Rom, in der Wohnung eines CIA-Agenten.

Und wie kamen Sie ins Spiel?

Ich kannte den Verantwortlichen des Aussendepartements, Antonino Janner, durch meinen Vater. Eines Nachmittags bekam ich einen Telefonanruf von ihm aus Bern. Er sprach halb auf Schweizerdeutsch, halb in Tessiner Dialekt mit mir. Er sagte, ich solle alle Verpflichtungen für den heutigen Abend annullieren. Er sei gerade im Vorzimmer des Bundesrats und werde mich wieder anrufen.

Wussten Sie schon, worum es ging?

Nein. Zufälligerweise las ich aber in einer Römer Abendzeitung die Meldung: «La figlia di Baffone a Roma?». «Baffone» – Schnurrbart – war der italienische Codename für Stalin.

Und wie ging es weiter?

Gegen 16.30  Uhr kam ein zweiter Anruf aus Bern. «Es ist eigentlich geheim, was ich dir sage», sagte Janner. Es gehe um die Tochter des «Baffone». Die Amerikaner wünschten einen Aufenthalt derselben in der Schweiz, und er werde mich beauftragen, ein Touristenvisum für maximal drei Monate auszustellen. Die Amerikaner würden mit mir Kontakt aufnehmen. Und ich solle ja nichts dem Botschafter, meinem Chef, sagen. Glücklicherweise wusste ich, dass der am Freitagnachmittag immer am Ausreiten war. Pro forma habe ich dennoch bei seiner Sekretärin angefragt, wo er sei – bekam aber eine abschlägige Antwort. Dann habe ich zunächst einmal gewartet und eine Sekretärin der Konsulatskanzlei zu mir beordert. Denn ich selbst hatte ja noch nie im Leben ein Visum ausgestellt. Ausserdem hatte ich eine Erklärung auf Englisch vorbereitet, mit der sich Swetlana verpflichten sollte, während ihres Aufenthalts in der Schweiz keinerlei Kontakte politischer Natur mit Journalisten zu suchen. Als ich alles vorbereitet hatte, erwartete ich die Amerikaner. Swetlana sollte mit dem letzten Abendflug, startend um 20  Uhr, nach Genf fliegen.

Und dann kam ein Anruf der Amerikaner?

Ja, aber erst um 20.15  Uhr. Ein Agent sagte, er könne die Dame nicht zu mir bringen, es sei zu spät. Da antwortete ich, dass sie ohne Visum nicht in die Schweiz werde einreisen können. Wir verabredeten uns dann am Römer Flughafen, mit den Worten «in 20 Minuten vor dem Swissair-Schalter in Fiumicino». Ich fuhr mit meinem Mercedes sehr rasch dorthin. Und vor dem Schalter fand ich tatsächlich zwei Männer, die aussahen wie Laurel und Hardy, ein Dicker und ein Dünner, mit Regenmantel und Hut. «Mister Sommaruga, let’s go», sagten sie. Ich schlug vor, meinen Wagen zu nehmen, da dieser eine Diplomatennummer hatte. Das gab uns einen gewissen Schutz gegenüber möglichen weiteren Geheimdienstaktionen. Bevor wir gingen, sah ich, dass der Swissair-Flug zwei Stunden Verspätung hatte.

Und wo war Swetlana?

Es war dunkel links und rechts, und wir fuhren mit offenem Fenster. Plötzlich hörte man einen Pfiff in der Nacht. Der eine Amerikaner sagte mir «Stop here without lights», und so hielt ich an. Und da stand sie. Sie stieg in den Wagen ein, wo wir ihr das Visum ausstellten. Sie wirkte etwas erschöpft, sprach aber gut Englisch. Als ich sie fragte, ob sie in die Schweiz reisen wolle, antwortete sie mit folgenden Worten, die ich nie vergessen werde: «Well yes, mein Vater sagte mir immer, dass das ein fantastisches Land sei.» In dem Moment kam einer der beiden Amerikaner und sagte uns, wir müssen dringend gehen. Da der Fahrersitz frei war, fuhr er. So fuhr ich neben Swetlana vielleicht fünf Minuten durch die Nacht, wobei wir den Eindruck hatten, dass hinter uns ein anderes Auto war, wohl mit sowjetischen Agenten. Wir fuhren so schnell durch diese engen Gässchen, dass ich um mein Auto fürchtete. Schliesslich stieg sie aus. Und so endete eigentlich meine Begegnung mit ihr bereits wieder.

Flog sie am selben Abend ab?

Nein. Es stellte sich heraus, dass auf dem Nachtflug lauter Journalisten und sowjetische Agenten waren. Daher wurde am nächsten Morgen eine Maschine gechartert.

Wie reagierte die Presse?

Kurz darauf erhielt ich bereits Telefonate von Journalisten, die fragten, was passiert sei und ob Swetlana ein Visum bekommen habe. Meine Antwort war immer die gleiche: «Kein Kommentar.»

Welche Erinnerungen haben Sie an Swetlana als Person?

Sie war sympathisch und intelligent. Allerdings verlief ihr Leben alles in allem ziemlich unglücklich. Mit ihrem Vater – den ich nur aus Büchern kenne – hatte sie meiner Meinung nach gar keine Ähnlichkeit.

Waren Sie nicht schockiert, als Ihnen bewusst wurde, dass Sie neben der Tochter Stalins sitzen?

Nein, eher irgendwie stolz. Diese Dame unter diesen Umständen zu treffen, war sicher ein Erlebnis. Letztlich musste ich mich aber vor allem auf meine Aufgabe konzentrieren. Ich fuhr nie im Leben so rasch nach Fiumicino wie an diesem Abend. Das Ganze hatte etwas Abenteuerliches.

War es richtig von der Schweiz, sie aufzunehmen?

Ja, auf jeden Fall. Das Einzige, was mir auch heute noch ein Rätsel ist, ist die Frage, wieso ausgerechnet ich ausgewählt wurde. Aber ich war damals ein junger Diplomat. Und wenn etwas schiefgegangen wäre, wäre es für meine Vorgesetzten ein Leichtes gewesen, den Fehler auf mich zu schieben und mich zu versetzen. Eine Erklärung erhielt ich nie.

Hat es Ihrer Karriere genützt, dass Sie diese Affäre gut über die Bühne gebracht haben?

Ich würde sagen: Ja. 1968 bekam ich Besuch des EDA-Personalchefs. Ich übernahm dann bis 1973 das Amt des stellvertretenden Leiters der Schweizer Delegation bei der Europäischen Freihandelsassoziation, der Welthandelskonferenz, den Vereinten Nationen und dem Allgemeinen Zoll- und Handels­abkommen. Ich musste auch zeitlebens nie mehr ein Bewerbungsschreiben verfassen, sondern wurde immer von anderen an neue Posten berufen.

Mit Ihrer Berufung zum IKRK-Präsidenten hatte die Affäre Allilujewa aber nichts zu tun?

Nein. Ich war ja 1986 schon seit längerem Staatssekretär für Aussenwirtschaft. Als ich meine Nomination meinem damaligen Chef, Bundesrat Kurt Furgler, meldete, reagierte der überhaupt nicht so erfreut, wie ich mir das erhofft hätte. Später fand ich heraus, dass er die IKRK-­Präsidentschaft selbst angestrebt hatte.

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