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Fuss vor Fuss

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Gastkolumne

Als es so weit war, der Zeitpunkt der Abreise feststand, kamen mit der Vorfreude auch die Bedenken: «Was ist, wenn das Klima unerträglich wird, mein Partner oder ich verletzt wären, wir uns verlaufen, eine Massenwanderung uns erwartet?» Und von Freundesseite kam die Fürsorge: «Wollt ihr nur zu zweit gehen, könnt ihr denn so lange laufen, ist das nicht zu anstrengend, täglich einen Rucksack zu tragen?»

Es gab nur eines: gehen, einfach gehen. Wir hatten uns entschlossen, während zweier Wochen von einem Tag zum andern zu wandern. Mit dem allernötigsten Gepäck am Rücken und dies ohne Wünsche, wie es sein sollte, könnte. Das Gehen zur Hauptsache zu machen.

Vom Jakobsweg hatten wir schon oft gehört, und «eines Tages werde ich den gehen», hatte ich auch schon ein paar Mal gedacht. Man ist ein Pilger, eine pèlerine, ein pèlerin, wenn man auf diesem alten Weg geht, dessen Ziel Santiago de Compostela in Spanien ist. Im Jahr 950 begab sich der Bischof von Le Puy-en-Velay in Frankreich mit einem Riesengefolge nach Santiago, in Galizien. Er war der erste französische Pilger, über den es Berichte gibt. Als einige andere hohe Würdenträger später ebenfalls von Le Puy nach Spanien pilgerten, wurde der Weg nach Santiago de Compostela offiziell eröffnet und in ganz Europa bekannt.

Es ist die uralte Legende, die diese Menschen auf die Füsse rief. Die Legende vom Apostel Jakobus, der auf der Iberischen Halbinsel missioniert habe und dessen Gebeine in Galizien bestattet sein sollen. Unser Motiv waren nicht die Gebeine, unser Motiv war das Gehen, etwas Alltägliches zum Einzigen zu machen. Ohne Hilfsmittel und Fahrzeuge die eigenen Körperkräfte zu aktivieren, und das Wichtigste, dies quasi in Abgeschiedenheit, auf uns allein gestellt, so gut es eben möglich war.

Als es so weit war, holte ich die Küchenwaage: T-Shirts 418 Gramm, Wäsche 247 Gramm, Notizbuch 142 Gramm, Regenjacke 350 Gramm… Wissen Sie, wie schwer eine Zahnpasta ist, eine leere Essdose? Das Leichteste vom Nötigsten wählen, hiess, sich einen Tragkomfort leisten!

Und dann wurde es vierzehn Tage lang immer wieder Morgen, und wir nahmen den Chemin Saint-Jacques in Frankreich und gingen Tag für Tag ein Stück weiter. An Sonnenblumen-, Mais-, Kornfeldern vorbei, an Tausenden von Gänsen, wundervollen Bäumen, über Hügel, durch Wälder, ausrangierten Bahntrassees und Kanälen entlang, sahen, wie sich die Landschaft, die Haustypen, die Charaktere der Menschen veränderten, Fuss vor Fuss vor Fuss.

Man freut sich auf ein petit déjeuner, packt mit immer geübteren Griffen den Rucksack, die Füsse bereit, den Kopf erwacht zu neuen Taten: Immer dasselbe und immer ungewiss. Ein paar Mal hatte es geregnet in der Nacht, da quälten uns die Mücken durch den feuchten Morgen, ein paar Mal warf der Asphalt Blasen, als die Sonne uns kochte und der Weg ins nächste Etappenziel nicht enden wollte.

Viele traumhafte Wegstrecken ohne Asphalt haben Herz und Fuss erfreut. Immer nach vorne schauend, füsselt man da, weil das Kommende wartet. Was ist’s, wenn nicht die Gebeine des Saint Jacques? Wir wussten es nicht, wir sprachen darüber, was es sein könnte, das uns antrieb. Und es war auch unwichtig, das Sprechen wich mehr und mehr dem Rhythmus des Vorwärtsgehens durch endloses Grün und des guten Müdewerdens.

«Vous êtes des pèlerins!» Die einheimischen Leute sind immer erfreut, solche zu treffen, wünschen «bon courage», «bonne route», halten gern einen Schwatz. Als Wanderer haben wir dieselbe Hitze zu ertragen wie sie, stehen vor ihnen mit nichts als unserer kleinen Habe am Rücken und sind, obwohl Fremde, keine Touristen, sondern einfach Mitmenschen.

Wir sind ein Teil Kulturstrasse Europas gegangen, uns haben weder Wegelagerer noch Bären angegriffen, wie das in frühen Zeiten den Pilgern geschah. Doch wir haben ein grosses, wildes Feld mit Wegwarten gesehen, wir sind durch hundert Duftwolken gewandert, wir haben kurz vor dem Hitzetod die grosse Eiche von weit her gesehen, und ich bin, meinen Rucksack fallen lassend, ein Stück weit auf diesen erlösenden Schatten zugerannt, was gab es mehr? Es ist wie kühles Wasser trinken, der Schatten eines solchen Baumes.

Sus Heinigerist Kunstmalerin und lebt in Murten. Als Kulturschaffende ist sie in einem FN-Kolumnistenkollektiv tätig, das in regelmässigem Rhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

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