Fussball 25.01.2020

Aller guten Dinge sind drei

Michel Aebischer strebt mit den Berner Young Boys in der heute beginnenden Rückrunde der Super League die Titelverteidigung an. Für den 23-jährigen Heitenrieder wäre es der dritte Meistertitel mit YB in Folge – und vielleicht auch der letzte.

Wenn es noch einen letzten Beweis gebraucht hat, dass Michel Aebischer endgültig in der Elite des Schweizer Fussballs angekommen ist, dann wurde der am vergangenen Montag geliefert: Bei der SFL-Award Night, bei der sich jedes Jahr kurz vor Ende der Winterpause die Elite des Schweizer Profifussballs trifft und die Besten des abgelaufenen Kalenderjahres kürt, ist der 23-jährige Heitenrieder in die Golden 11 der Super League gewählt worden. Zum «Dream Team» der Liga gehören neben Aebischer auch illustre Spieler wie Jonas Omlin (Basel), Nicolas Ngamaleu (YB), Cedric Itten (St. Gallen), Christian Fassnacht (YB) oder Jean-Pierre Nsame (YB). «Es ist toll, zu merken, dass meine Leistungen nicht nur bei YB geschätzt, sondern in der ganzen Liga wahrgenommen werden», freute sich der Freiburger.

Kämpferherz und Bescheidenheit

Die Auszeichnung ist ein weiterer Glanzpunkt in Aebischers Karriere. Eine Karriere, die bisher kontinuierlich nach oben verlaufen ist. Der Mittelfeldstratege hat bei YB nicht nur ohne Umschweife den Durchbruch vom Nachwuchs- zum Profispieler geschafft, er hat sich auch in Windeseile vom Youngster zum Teamleader entwickelt. Vor einem Jahr sass Aebischer bei den Gelb-Schwarzen noch regelmässig auf der Bank, inzwischen gehört er zur Stammelf. Von den 18 Vorrundenspielen hat er 16 bestritten – einmal wurde er geschont, einmal war er gesperrt. Und seit dem EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar vom 18. November ist er auch Schweizer Nationalspieler.

Phasen der Stagnation oder des Rückschritts, die jeden Fussballer früher oder später heimsuchen, hat Aebischer noch keine nennenswerten durchlebt. «Es ist das Ergebnis harter Arbeit», versucht Aebischer zu erklären, warum seine Entwicklung konstant in eine Richtung geht. «Wenn ich einmal nicht gespielt habe, dann bin ich nicht zum Coach gerannt und habe mich beklagt. Stattdessen habe ich noch härter trainiert und mich mit Leistung ins Team zurückgekämpft.»

Es ist diese Kombination von Kämpferherz und Bescheidenheit, die Aebischer auszeichnen. Obwohl er aufgrund seiner Erfolge durchaus Anlass hätte abzuheben, bleibt er auf dem Boden. Selbst die Tatsache, dass sein Marktwert gemäss transfermarkt.ch inzwischen auf stolze 5,5 Millionen Franken geklettert ist, lässt den Heitenrieder nicht übermütig werden. «Ich denke, ich bin von meinen Eltern gut erzogen worden. Sie haben mir eine grosse Portion Bescheidenheit mit auf meinen Lebensweg gegeben.» Die 5,5 Millionen seien bloss eine Zahl. «Die bedeutet mir nichts.»

Grössere Konkurrenz

Warum man Aebischer das alles abnimmt? Weil er spricht, wie er Fussball spielt: ruhig, überlegt, souverän. Auf seinen Lorbeeren ausruhen kann er sich im schnelllebigen Fussballbusiness allerdings nicht. Auch wenn der Blondschopf bei YB bisher gesetzt war und es zumindest Anfang der Rückrunde auch weiterhin sein dürfte, so kann sich dies jederzeit ändern. Mit Christopher Martins Pereira, Vincent Sierro und Gianluca Gaudino sind drei verletzt gewesene Spieler in der Winterpause zurückgekehrt. Sie wollen, ebenso wie Sandro Lauper, der im Februar wieder ins Geschehen eingreifen dürfte, Aebischer seinen Platz im Mittelfeld streitig machen. «Wir haben noch andere Spieler wie Fabian Lustenberger und Miralem Sulejmani, die von Verletzungen zurück sind. Dadurch haben wir mehr Qualität in der Mannschaft. Wir können vermehrt rotieren und haben grössere Kraftreserven», sagt Aebischer. Dass er die neue Konkurrenz als Ansporn sieht, um noch besser zu werden, versteht sich von selbst. «Jeder muss sich immer wieder neu beweisen. So macht uns die Konkurrenzsituation alle besser.»

Das Ausland reizt

So überlegen wie in den letzten Saisons ist YB heuer nicht. Der Vorsprung auf Basel beträgt nur zwei Punkte. Erstmals seit langem könnte der Titelkampf bis zuletzt oder zumindest lange offen sein. Der neutrale Fan würde es den Protagonisten danken – zu oft hatte in den letzten Jahren jeweils im Frühling die Langeweile um sich gegriffen. «Für die Fans ist es gut, dass der Titelkampf spannend ist, für uns etwas weniger», sagt Aebischer mit einem Lachen. «Unser Vorsprung ist nicht so komfortabel wie in den letzten Jahren, aber das ändert nicht viel. Wenn wir gleich weiterarbeiten wie bisher, sollten wir dank unseren Rückkehrern noch stärker sein.»

Für Aebischer wäre es der dritte Meistertitel in Folge mit den Young Boys. Könnte es auch der letzte sein? «Mein Ziel ist es schon, eines Tages im Ausland zu spielen», sagt der 23-Jährige, der in Bern noch einen Vertrag bis Ende Saison 2020/21 hat. «Ich mache mir aber keinen Druck, dass ich im Sommer unbedingt wegwill.» Er habe eine Beraterfirma, die ihn unterstütze, wenn ein Angebot kommen sollte. «Ich konzentriere mich lieber auf das, was ich beeinflussen kann: meine Leistungen auf dem Rasen.»

Diese Leistungen muss Aebischer am Sonntag im Spitzenkampf gegen den FC Basel (16  Uhr) ein erstes Mal abrufen. «Durch die vielen Rückkehrer ist im Team eine etwas neue Dynamik entstanden. Wir müssen uns erst wieder ein bisschen finden», sagt der Freiburger. «Mit einem Sieg können wir ein erstes Zeichen setzen und zeigen, weshalb wir Tabellenleader sind.»

Meistertitel

Die Statistik spricht für YB

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Herbstmeister der Super League am Ende der Saison auch Meister wird, liegt bei 75 Prozent. In 12 der bislang 16 Super-League-Saisons stand der Leader nach 18 Runden auch nach 36 Runden an der Spitze. Gemäss dieser Statistik stehen die Chancen der Young Boys, zum dritten Mal in Folge Schweizer Meister zu werden, sehr gut.sda

 

 

Xamax - Servette Sa. 19.00

Zürich - Luzern Sa. 19.00

Thun - Sion So. 16.00

St. Gallen - Lugano So. 16.00

Young Boys - Basel So. 16.00

Super League

Die Titelverteidiger, die Herausforderer oder die Jüngsten?

Falls der FC Zürich nicht auch noch ernsthaft ins Geschehen eingreift, wird die Schweizer Fussballmeisterschaft in der am Wochenende beginnenden Rückrunde im Dreieck YB/Basel/St. Gallen entschieden.

Nur drei Punkte liegen die drei Mannschaften vor den zweiten 18 Runden der Super-League-Saison 2019/20 auseinander. Nach dem heutigen Stand ist also für Spannung gesorgt. Und wieso sollte die Meisterschaft nicht sogar in der Nachspielzeit der letzten Runde entschieden werden? Wie am denkwürdigen 13. Mai 2006, als Iulian Filipescu den FCZ in Basel in der 93. Minute zum 2:1-Sieg und zum Titel schoss?

Titelverteidiger YB

Wer immer für die drei Titelanwärter Plädoyers zusammenstellt, wird für alle drei fündig. YB wie auch Basel und St. Gallen vereinigen gute Argumente auf sich.

Die Young Boys, die Titelverteidiger, haben als Leader mit zwei respektive drei Punkten Vorsprung überwintert, obwohl das Kader letzten Sommer einen markanten Umbruch erfuhr und obwohl YB im Lauf des Herbsts die Mannschaft mit den mit Abstand meisten verletzten potenziellen Leistungsträgern war. Zeitweise fehlten neun Spieler. Sechs Absenzen betrafen allein die Achse in der Abwehr und im Mittelfeld, so dass Trainer Gerardo Seoane kaum noch valable Wechselmöglichkeiten hatte – und dies bei der Dauerbelastung mit insgesamt neun englischen Wochen. Im Dezember waren die Mannschaft und die Spieler – es war an zwei, drei matten Leistungen zu sehen – auf den Felgen. Verletzt gewesene Spieler wie Fabian Lustenberger und Miralem Sulejmani sind in der Winterpause zurückgekehrt. Andere wie Sandro Lauper – er wurde im Herbst besonders schmerzlich vermisst – und Ali Camara sind wieder im Training und werden wohl schon im Februar eingreifen können. Sobald Trainer Seoane aus dem Vollen schöpfen kann, könnte YB wieder die dominierende Mannschaft der Liga werden.

Herausforderer Basel

Der FC Basel, der Herausforderer, weiss die Kontinuität als grosse Stärke an seiner Seite. Klammert man die Unstimmigkeiten in der Vereinsleitung im Spätherbst 2018 aus, darf man sagen, dass Trainer Marcel Koller schon seit fast anderthalb Jahren in Ruhe und zielgerichtet arbeiten kann. Die Veränderungen im Kader waren bei weitem nicht so gross wie jene im Kader der Young Boys. Schwächungen bedeuteten nur der Wegzug von Albian Ajeti und der lange Ausfall von Ricky van Wolfswinkel. Dafür hat sich Noah Okafor an die Tür zur Nationalmannschaft gespielt, und Edon Zhegrova ist eine Trouvaille. Den Spielern tut es gut zu merken, dass sie mit den Young Boys wieder auf Tuchfühlung sind.

St. Gallens jugendlicher Elan

Die St. Galler, die Jüngsten der Liga, würden als Meister ein Kapitel der Schweizer Fussballgeschichte schreiben. Die Ostschweiz ist nebst der Innerschweiz die titelärmste Region des Landes. Der FCSG wurde 1904 Meister und danach 96  Jahre lang nicht mehr. Jetzt könnten die Küken dem FC  Ostschweiz zu einem Coup verhelfen, der nicht minder sensationell wäre als jener vor genau 20 Jahren (unter Trainer Marcel Koller). Die zehn Feldspieler, die am meisten in der Startformation von Trainer Peter Zeidler standen, waren im Durchschnitt 21,8 Jahre alt. Um die Fähigkeiten von beispielsweise Jordi Quintilla und Cedric Itten wusste man schon vor der Saison. Und heute weiss man, dass es die zu Saisonbeginn unbekannten Boris Babic, Ermedin Demirovic und – in der Defensive – Yannis Letard ebenso gut machen können. Im Herbst waren die St. Galler eine erfrischende Bereicherung, im Frühling könnten sie es bleiben. Die Haupttrümpfe der St.  Galler sind in Bern und Basel zu finden. In Bern herrscht die Erwartung, dass YB den Titelhattrick realisiert. In Basel ist der Druck auf die Mannschaft noch grösser. Man will unbedingt dorthin zurückkehren, wo man von 2010 bis 2017 war – ganz an die Spitze.sda

Transfers Winterpause

YOUNG BOYS. Zugang: –. Abgang: –.

BASEL. Zuzüge: Jasper van der Werff (SUI/NED, Salzburg). Abgänge: Konstantinos Dimitrou (GRE, Wil), Yves Kaiser (Schaffhausen).

ST. GALLEN. Zuzug: Lawrence Ati Zigi (GHA, Sochaux-Montbéliard). Lorenzo José Gonzalez (SUI/Malaga). Abgänge: Dejan Stojanovic (AUT, Middlesbrough), Alain Wiss (Altach/AUT).

ZÜRICH. Zuzug: –. Abgänge: Izer Aliu (SUI/MKD, Chiasso), Nicolas Andereggen (SUI/ARG, Alvarado Mar del Plata/ARG, 2. Div.), Osman Hadzikic (AUT/BIH, Zapresic/CRO).

SERVETTE. Zuzug: –. Abgang: Mychell Chagas (BRA, –).

LUGANO. Zuzug: –. Abgänge: Carlinhos Junior (BRA, Shimizu/JPN), Nicola Dalmonte (ITA, Trapani/ITA, Serie B), Balint Vecsei (HUN, Ferencvaros Budapest), Alexander Muci (ITA, Latina/ITA, Serie D).

SION. Zuzug: Ricardo Dionisio (Trainer, POR, Nyon). Abgänge: Valon Behrami (SUI/KOS, Genoa).

LUZERN. Zuzug: Fabio Celestini (Trainer, SUI/ITA, Lugano). Abgänge: Thomas Häberli (Trainer, –), Remo Arnold (Winterthur).

XAMAX. Zuzüge: Geoffrey Serey Dié (CIV, Aarau), Yannis Tafer (ALG/FRA, Etoile du Sahel Sousse/TUN). Abgang: Pietro Di Nardo (SUI/ITA, Yverdon).

THUN. Zuzüge: Leonardo Bertone (SUI/ITA, FC Cincinnati/USA), Nicolas Hasler (LIE, Kansas City/USA). Abgang: –.