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Geografien und andere Geschichten

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Im zweiten Stock haust ein Mann im Alter meines Vaters. Als ich ihm letztens von meinem Besuch bei meinen dänischen Freunden erzählte, sagte er, er wäre auch gerne auf Reisen gegangen und hätte gerne in ungeordneteren Zuständen gelebt. Bloss kam ihm dabei stets der Alltag in die Quere. Und dagegen könne man nichts unternehmen, fragte ich ihn, und er fragte mich, wie das denn gehen sollte. Er sei zu alt, um sein Leben zu ändern. Am selben Abend erhielt ich eine Postkarte von meinem Vater. Er sei noch immer in Nordafrika unterwegs und verlängere die Reise, ihm gefalle es eben so. Er fühle sich richtig lebendig.

Unsere Untermieterin, die oberhalb von uns wohnt, sei als Kind viel umgezogen. Eigentlich ständig. Ihre Mutter benötigte mit jeder Trennung auch einen Standortwechsel. Sie sei stets auf der Suche, jedoch nie auf dem Weg zum grossen Glück gewesen. Nebenbei erwähnte die Untermieterin, dass ihr die Hosen nicht mehr passen würden und ihr Liebhaber sie für ein Mädchen drei Blocks weiter habe sitzen lassen. Als ich sie zuletzt im Treppenhaus kreuzte, konnte sie ihre Schwangerschaft nicht mehr verstecken. Zudem weiss ich, dass ihr Mietvertrag befristet ist. Vielleicht muss das ja so sein, vielleicht ist das ja genetisch bedingt.

Ich bin hier aufgewachsen und fast erwachsen und besass einmal einen Kanarienvogel aus Kolumbien, der aber aus einem Zuchthaus in Zollikofen stammt. Ich nannte ihn Pipi. Er trug ein buntes Federkleid, und seine Lebenserwartung betrug nicht mehr drei Jahre. Als er nach fünf Wintern noch immer am Leben war, machte ich mir ernsthaft Sorgen um seinen Tod. Eines Abends vergass ich den Käfig zu schliessen und lüftete die Wohnung. Vor der Vorstellung, den leblosen Körper eines Morgens aus dem Käfig entfernen zu müssen, graute es mich einfach zu sehr. So war es einfacher, Dinge zu vergessen. Ich weiss nicht, wie weit es Pipi schliesslich geschafft hat.

Dirk ist vor kurzem mit meiner Schwester direkt neben uns eingezogen. Die Geschichte ging wie folgt: Dirk nimmt jeden Morgen den Zug auf Gleis drei Richtung Osten. Wegen einer Baustelle kam es an jenem Morgen zu einer Gleisänderung, und der Zug auf Gleis drei fuhr in die andere Richtung. Dirk bemerkte das erst, als er in Lausanne und nicht wie gewöhnlich in Bern am Bahnhof stand. Erst war er verärgert, dann aber sah er es als Zeichen. An jenem Abend nämlich fasste er seinen Mut und klingelte bei meiner Schwester, die er doch schon so lange von seiner Küche aus beobachtete, wenn sie in ihrer Tasche nach den Schlüsseln suchte, es jedoch nie wagte, sie anzusprechen. So scheu war er. Ein bisschen verklemmt, ja, aber meine Meinung will meine Schwester nicht wissen. Sie kennt die Antwort, darum fragt sie nicht. Im Erdgeschoss wohnt ein weiterer Mann, ein einsamer. Denn immer, wenn ich mit ihm sprechen möchte, läuft er davon. Also habe ich noch nie mit ihm gesprochen. Und ich weiss gar nichts über ihn. Vielleicht ist er stimmlos. Vielleicht mag er mich nicht, weil ich Dinge wie diese aufschreibe.

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