Freiburg 05.10.2019

Der Glaube an eine bessere Umwelt

Muslimische Umweltbewegungen ermutigen die Gläubigen zu ökologischem Handeln. Aber was hat Religion mit Ökologie zu tun? Was sagen dazu Koran und Bibel? Der Theologe Hansjörg Schmid gibt Antworten.

Leugner des Klimawandels und reaktionäre Kreise stellen die klimastreikenden Jugendlichen und alle jene, die vor dem Klimakollaps warnen, gerne als missionarische Eiferer hin. Dass der Klimawandel Tatsache und keine Glaubensfrage ist, beweisen zahlreiche wissenschaftliche Studien.

Doch was hat der Klimawandel mit Religion zu tun? Und inwiefern hält Religion zu nachhaltigem Tun an? Die FN haben diese Fragen dem katholischen Theologen Hansjörg Schmid gestellt. Er ist Co-Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg und Professor für interreligiöse Ethik und christlich-muslimische Beziehungen. Dabei hat er sich unter anderem mit dem Öko-Jihad beschäftigt.

 

Hansjörg Schmid, was würden Jesus und Mohammed den Menschen heute in Bezug auf den Klimawandel sagen?

Glaubt an Gott den Schöpfer, vor ihm tragt ihr Verantwortung. Ihr sollt dementsprechend handeln und der Schöpfung Respekt zollen und sie nicht einseitig ausbeuten.

In den Zehn Geboten steht dazu aber nichts. Im Gegenteil – in der Bibel ist zu lesen: «Macht euch die Erde untertan.» Ist das Christentum Schuld an der Umweltzerstörung?

Dazu gibt es zwei Positionen: Die eine, die seit Ende der 1960er-Jahre diskutiert wird, besagt, dass die Umweltzerstörung in einem Menschenbild des Judentums und des Christentums begründet liegt, das den Menschen als Beherrscher der Natur sieht. Vertreter der Gegenposition versuchen hingegen nachzuweisen, dass erst die säkulare Moderne zu einer einseitigen Instrumentalisierung der Natur geführt hat.

Wie wird im ersten Fall argumentiert?

Es wird gesagt, dass die biblische Schöpfungsgeschichte und die Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit eine Überlegenheit des Menschen zum Ausdruck bringen. Dies habe verbunden mit einem Fortschrittsglauben zur Ausbeutung der Natur geführt. Der Mensch befindet sich dann nicht in einer Gemeinschaft mit der Schöpfung oder einer Vernetzung, wie man das heute eher formulieren würde. Die Technologisierung und Umweltzerstörung in der Moderne sei eine Konsequenz davon. Ich denke aber, dass das eine zu enge Betrachtungsweise ist. Die Industrialisierung war eine Entwicklung, die weitgehend unabhängig von der Religion erfolgt ist. Es ist meines Ermessens wichtig, die vielfältigen Ursachen der ökologischen Krise in den Blick zu nehmen und einseitige Schuldzuweisungen zu vermeiden.

Kennt der Koran diese Herrschaftsformel auch?

Da gibt es tatsächlich einen Unterschied. Im Christentum hat der Gedanke der Herrschaft über die Schöpfung eine starke Rolle gespielt, auch wenn heutige Interpretationen stärker die Verantwortung für die Schöpfung betonen. Zwar hat auch im Islam der Mensch eine hervorgehobene Stellung. Es gibt eine Textstelle im Koran, die den Menschen auffordert, die Dinge und Tiere mit den Namen zu benennen, die Gott ihn lehrt. Aber anders als in der Bibel wird die Beziehung zur Schöpfung nicht als Herrschaft ausgedrückt. Jedoch sollte der Glaube nie nur aufgrund einer Textstelle ausgelegt werden.

Müsste man das Verhältnis Gott-Mensch neu definieren? Etwa so wie im Pantheismus, wo Gott eins ist mit dem Kosmos und der Natur? Oder ginge das aus christlicher Sicht zu weit?

Papst Franziskus hat in seiner Umweltenzyklika «Laudato si’» einen muslimischen Mystiker zitiert und betont, dass es in der heutigen Welt wichtig ist, von anderen Religionen und philosophischen Strömungen zu lernen. Neuere christlich-theologische Entwürfe knüpfen an die mystische Vorstellung an, Gott durch die Natur hindurch zu erkennen oder die Erde als Mutter zu sehen. Dies zwar nicht in einem pantheistischen Sinn, aber als ein ganzheitlicher Ansatz gemäss der Überlegung: Wenn Mensch und Schöpfung in einer engen Beziehung existieren, dann verpflichtet das auch zu einem grossen Respekt.

Und wie sehen das muslimische Gelehrte?

Seit den 1960er-Jahren hat sich der aus dem Iran stammende muslimische Denker Seyyed Hossein Nasr mit Umweltfragen beschäftigt und die westliche Moderne stark kritisiert. Oberflächliche Massnahmen, wie der Verzicht auf Plastikflaschen, genügten nicht, sondern man müsse die Heiligkeit der Natur wiederentdecken und sich ganz auf Gott ausrichten.

Wie ist das Verhältnis des modernen Islams zur Natur?

Es gibt in der muslimischen Welt kein einheitliches Bild. Es gibt jene, die wie Nasr die Moderne kritisieren. Es existiert aber genauso eine Normalität, sich mit Technik positiv auseinanderzusetzen und die menschliche Schaffenskraft und ihre Möglichkeiten sehr hoch zu bewerten. So können ja auch technische Errungenschaften zur Überwindung der ökologischen Krise eingesetzt werden.

Seit einigen Jahren gibt es eine Bewegung innerhalb des Islams, die den «Öko-Jihad» postuliert. Das klingt kriegerisch. Um was geht es genau?

Es geht darum, das menschliche Handeln und alle religiösen Grundvollzüge möglichst umweltfreundlich zu gestalten. «Öko-Jihad» bezeichnet im umfassenden Sinn einen friedlichen Einsatz gegen Umweltzerstörung. So wird Fleisch angeboten, das sowohl bio als auch halal ist. Grüne Moscheen mit Fotovoltaikanlagen auf den Dächern werden errichtet. Kampagnen für ein «Öco-Iftar» werden geführt: Beim gemeinschaftlichen Fastenbrechen soll so etwa nur wiederverwendbares Geschirr verwendet werden. Auf diese Weise sollen die Gläubigen auch zu einem ökologischen Handeln im Alltag motiviert werden. Um den ökologischen Fussabdruck zu reduzieren, soll die Pilgerfahrt nach Mekka nur einmal im Leben verrichtet werden.

Wer sind die Menschen hinter dem Öko-Jihad?

Vor allem in Grossbritannien sind Muslime im Sinne von Ökologie aktiv. Dort ist die islamische Gemeinschaft schon länger Teil der Gesellschaft. In der Schweiz sind die Muslime noch stärker mit anderen Themen der Integration und des Aufbaus ihrer Vereinsstrukturen beschäftigt. Der Öko-Jihad bringt eine neue Facette von Religion zutage, die den Zugang nicht über die Texte sucht, sondern auf der Handlungsebene. Die hier engagierten Muslime denken auch über religiöse Pflichten neu nach und hinterfragen sie. Etwa den Hadsch, bei dem jedes Jahr Hunderttausende nach Mekka pilgern oder eben fliegen. Sie fragen etwa: Soll ich diese Pflicht erfüllen und dabei der Umwelt schaden?

Solche Zielkonflikte stellen sich auch in einem nichtreligiösen Kontext. Bietet sich im Zusammendenken von Ökologie und Religion auch die Chance, Brücken zu Nichtgläubigen oder zwischen den Religionen zu schlagen?

Ja, sicherlich. Was ich aber auch interessant finde, ist, dass sich in der ökologischen Bewegung teilweise auch religiöse Züge zeigen. Etwa dann, wenn in der Klimadebatte das Wort Schöpfung verwendet wird, wenn auch nicht im streng biblischen oder koranischen Sinne. Es gibt ja auch die Forderung nach gewissen Regeln – was soll man essen und was nicht? – oder den Appell, gemeinschaftlich zu handeln. Das sind Verhaltensvorschriften, die Parallelen zur Religion aufweisen. Ich würde das allerdings nicht als Missionieren abtun. Es geht in der Regel vielmehr um den legitimen Wunsch, Rechenschaft über seine Überzeugungen abzulegen.