Freiburg 26.09.2020

«Die Bedeutung der Zukunft erhöhen»

In der Transition zu einer nachhaltigeren Wirtschaft stehen wir vor einer Entscheidung: Wie viel ist uns das, was noch kommt, wert? David Maradan, Professor für Umweltökonomie, über den Trend zur Kreislaufwirtschaft.

Produzieren, nutzen, wegwerfen und neu produzieren: In der linearen Wirtschaft wird ein grosser Teil der Rohstoffe verschwendet. Der Wechsel zu einer Kreislaufwirtschaft würde bedeuten, dass Ressourcen und Produkte länger im Umlauf gehalten werden. Rohstoffaufbereitung, Produktion, Nutzung und Recycling bilden dabei einen Kreislauf, der schädliche Emissionen verringert. David Maradan unterrichtet an der Universität Freiburg Umweltökonomie und ist Präsident des Beratungsunternehmens Ecosys AG, das ebenfalls auf Umweltökonomie spezialisiert ist. Die FN haben ihn gefragt, wann der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft stattfinden wird und was die Einzelperson dazu beitragen kann.

David Maradan, befinden wir uns in einer linearen Wirtschaft oder bereits im Übergang zur Kreislaufwirtschaft?

Momentan ist unsere Wirtschaft mehrheitlich noch linear. Was sich aber verändert hat, ist die Art, wie wir über unser Wirtschaftssystem denken. Vor allem private Unternehmen schenken der Nachhaltigkeit mehr Beachtung. Nur hat das leider noch keine grosse Wirkung gezeigt. Ein grosser Teil der Wirtschaft handelt nämlich noch nicht so – die Prozesse einer Kreislaufwirtschaft sind teuer. Damit umweltbewusst gedacht wird, muss in der Wirtschaft oft zuerst auch ein ökonomischer Vorteil bestehen.

Recommerce ist nur ein Teil des Kreislaufs. Welchen Abläufen sollte man sonst noch Beachtung schenken?

Oft denkt man bei der Kreislaufwirtschaft nur an den materiellen Kreislauf. Wir müssen aufpassen, dass es auch aus sozialer und ökonomischer Sicht wirklich Sinn ergibt, ein bestimmtes Material im Kreislauf zu behalten. Beispielsweise ist es ökonomische gesehen manchmal sogar sinnvoller, aus einem Material wie Glas nicht wieder Glas, sondern ein ökologisches Isolationsmaterial herzustellen. Auch ist der sogenannte «Rebound-Effekt» zu beachten: Den Konsumenten gegenüber wird etwas als «nachhaltig» beworben, das in seinen Grundsätzen gar nicht wirklich ökologisch ist. Beispielsweise werden recycelbare Kaffeekapseln angeboten. Mehr Personen kaufen dann diese Kapseln, obwohl es viel nachhaltiger wäre, stattdessen auf Kaffeepulver zu wechseln.

Wann ist Kreislaufwirtschaft aus sozialer Sicht sinnvoll?

Der Blick auf die soziale Dimension wirft die Frage nach den Arbeitsbedingungen in den Recyclingaktivitäten auf. Ist die Sicherheit der daran beteiligten Personen gewährleistet und ihr Einkommen ausreichend? In vielen Ländern wird Recycling ohne Einhaltung grundlegender Sicherheitsnormen durchgeführt.

Grundsätzlich sieht man also einen Trend hin zur Kreislaufwirtschaft?

Es ist klar ein Trend zu erkennen. Viele, vorwiegend private Unternehmen schreiben Nachhaltigkeitsberichte. Teils aus eigener Motivation und teils auch, weil sie erkannt haben, dass früher oder später mehr Transparenz gewährleistet sein muss. Deshalb führen sie ökologisches Denken in ihre Strategie ein und versuchen, Nachhaltigkeit in ihre Entscheidungen miteinzubeziehen: Wir sprechen das Problem jetzt an, haben es aber noch nicht gelöst.

Wie könnte man diesen Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft beschleunigen?

Was fehlt, sind gültige Indikatoren zur Messung des Effekts der Kreislaufwirtschaft. Es ist nicht einfach, die ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen akkurat zu bewerten. Es braucht mehr als nur einen Indikator, um eine gültige Aussage zu machen. Entscheidungen auf der Grundlage mehrerer, potenziell unterschiedlichen Indikatoren zu treffen ist wiederum sehr anspruchsvoll.

Wird der komplette Übergang zur Kreislaufwirtschaft jemals stattfinden?

Ja, keine Frage. Es wird Zeit, die Wirtschaft unter Druck zu setzen. Die Frage ist nämlich: Können wir die Auswirkungen des Klimawandels in Zukunft immer noch bewältigen? Die Schwierigkeit besteht für den Menschen darin, sich vorzustellen, was in fünfzig oder hundert Jahren geschieht – und sein heutiges Verhalten dem anzupassen. Es kommt also darauf an, welche Bedeutung wir der Zukunft zuschreiben. Es ist jetzt extrem wichtig, diese Bedeutung zu erhöhen.

 

Was kann man da als individuelle Person dafür tun – Secondhand-Produkte einkaufen?

Das ist sehr sinnvoll. So kann man Ressourcen im Kreislauf halten und erzeugt weder Abfall noch ein neues Produkt. Natürlich macht es auch nur dann Sinn, wenn der Gewinn an Ressourcen gross genug ist, um die Emissionen zu kompensieren, die man beim Gebrauch verursacht. Beim Kauf von älteren Geräten sollte man darauf achten, dass die Technologie noch genug effizient ist für den heutigen Standard. Sonst hat man einen gegenteiligen Effekt.

Secondhandläden und Occasionmärkte haben sich etabliert. Trotzdem sind laut den Initianten des Secondhand Day nur zwei Prozent der in der Schweiz gehandelten Güter aus zweiter Hand. Warum?

Der Kauf von Gebrauchtware bringt Risiken mit sich. Es gibt keine Garantie, dass das Produkt einwandfrei funktioniert. Manchmal ist auch die Preisdifferenz nicht gross genug, damit sich Secondhand auch wirklich lohnt. Deswegen sind Shops oder Plattformen wichtig: Sie überprüfen die Produkte und garantieren, dass es gute Ware ist – oder weniger gute Ware, dafür zu einem guten Preis.

Dann reicht es, wenn wir uns des Problems bewusst sind?

Nein, das reicht nicht. Eigene Motivierung ist zwar wichtig, aber nicht genug. Es braucht unbedingt Gesetze, Steuern und Regulationen. Aber bevor wir Gesetze einführen, benötigen wir Lösungen wie geeignete Technologien. Ohne Alternativen anzubieten macht es keinen Sinn, etwas zu verteuern.

Ist eine solche Lösung beispielsweise, dass das Unternehmen Ricardo zum Secondhand Day Bäume anpflanzt, um den CO2-Ausstoss zu kompensieren?

Hier schlägt ein Unternehmen den Kunden vor, mehr zu bezahlen, damit der negative Einfluss auf die Umwelt verringert wird. Solche aktiven Massnahmen sind ein Schritt zu einer ökologischeren Wirtschaft. Es ist jedoch wichtig, Regeln für diese Praktiken festzulegen. Insbesondere im Hinblick auf den Nachweis der getätigten Investitionen und ihrer tatsächlichen Auswirkungen.