30.09.2019

Die Bibliothek und ihre Verwandten

Charles Ellena/a

Die Bibliothek kennt jeder, wenn auch nicht von innen. Aber wie sieht es mit ihrer Verwandtschaft aus? Häufig verwechselt wird die Bibliothek mit ihrer frommen Tante, der Bibelthek, dabei sind die beiden leicht zu unter­scheiden. In der Bibelthek steht nämlich in der Regel nur ein einziges Buch – oder aber ­ein dyslexischer Primar­schüler –, und es ist doch eine Bibliothek.

 

Eng verwandt mit den Bi­blio­theken sind die Fleisch­theken. Bei beiden ist die Auslage ähnlich blutig, wobei sich in der Thriller-Abteilung der Bibliotheken in der Regel Körperteile nicht tierischen Ursprungs stapeln. Das Gute an den Bibliotheken: Im Gegensatz zu den Fleischtheken kann man die dicken Schinken hier wieder zurückbringen, wenn man sie verschlungen hat. Tut man es nicht, muss man eine Hypothek aufnehmen, um die ­horrenden Mahngebühren zu tilgen.

Ein Vetter der Bibliothek ist der Schulthek, der aber trotz eines grossen Ranzens in der Regel weitaus weniger Bücher enthält als eine Bibliothek. Unter ihren Geschwistern ist die Bibliothek die introvertierteste: nicht so verspielt wie die Ludothek, nicht grosses Kino wie die Cinemathek, und sie geht auch nicht so ab wie ihre partygeile Schwester, die Discothek. Was mit ein Grund dafür ist, dass die Bibliothek eher von älteren Semestern frequentiert wird, die neben den mittagsschlafkompatiblen Nachmittagsöffnungszeiten auch das Angebot an Grossdruck-Büchern schätzen. Das Kleingedruckte hingegen ist die Spezialität der Apotheke. Wobei Beipackzettel lesen häufig mehr Alpträume verursacht als die blutigsten Thriller aus der Bibliothek.

Irgendwann in der vorletzten Eiszeit ausgestorben ist die Videothek, eine Coucousine der Bibliothek mit eher zweifelhaftem Ruf. Auch von der Bildfläche verschwunden ist der südamerikanische Onkel, der Azteke, dem die Spanier nicht nur Land und Gold raubten, sondern auch das h nach dem t. Im Gegensatz zur Videothek gehörte der Azteke jedoch, genau wie die Bibliothek, zur Hochkultur.

Bis heute umstritten ist übrigens die Frage, wie viele Bücher es braucht, damit überhaupt von einer Bibliothek gesprochen werden kann. Die Franzosen ziehen sich wie immer ganz elegant aus der Affäre. Bei ihnen ist jedes Bücherregal eine bibliothèque. Ganz egal, ob ein Buch drinsteht oder nicht.

Und nein, eine Stiftsbibliothek wird nicht vom Lehrling geführt.