Kritik 31.12.2016

Die Freiburger Oper zwischen Haydn und Disney

Im Finale der Oper können die Verliebten dank den Kräften von Zauberin Alcina (rechts) sorglos heiraten.
Die neue Freiburger Oper «Orlando Paladino» von Joseph Haydn überzeugt mit einer gelungenen Inszenierung.

«Die Schöpfung», «Die Jahreszeiten» sowie über 100 Sinfonien: Das sind die berühmtesten Werke von Josef Haydn. Etwas weniger bekannt sind seine Opern. Eigentlich schade, diese hätten einiges zu bieten, wie die neue Produktion «Orlando Paladino» der Freiburger Oper zeigt. Am Donnerstag feierte die Oper im Freiburger Equilibre Premiere.

Die Handlung des Werkes stützt sich auf das Renaissance-Epos «Orlando furioso», das vor allem im Barock mehrfach vertont wurde. Der Ritter Orlando begehrt die Königin Angelica wie besessen. Aus Eifersucht trachtet er deren Liebhaber Medoro nach dem Leben. Der Heidenkönig Rodomonte will die Liebe von Angelica und Medoro beschützen. Gleichzeitig nähern sich Angelicas Dienerin Eurilla und Orlandos ungehobelter Diener Pasquale an. Die Zauberin Alcina kommt den Liebenden zu Hilfe. Sie verwandelt Orlando zuerst in einen Stein. Später lässt sie ihn im Fluss Lethe baden. Das Bad wirkt: Orlando ist von seiner Obsession geheilt. Angelica und Medoro sowie ihre Diener können heiraten.

Gelungene Inszenierung

«Orlando Paladino» überzeugt besonders mit der fantasievollen Inszenierung. Regisseur Cédric Dorier schaffte den Spagat, das Thema aus der Renaissance in die Moderne zu übertragen, ohne ihr ein gesuchtes Konzept überzustülpen. Trotz Modernisierungen bleibt die zugrunde liegende Dreiecksgeschichte zwischen einer Königin, ihrem Liebhaber und einem eifersüchtigen Ritter erhalten.

Dorier spielt mit Kitschelementen und betont so die absurde Komik der Geschichte. So schwebt Zauberin Alcina vom Himmel Königin Angelica zu Hilfe, im glitzernden silbrigen Kleid und exzessiv silbrig geschminkt. Zusammen mit dem bauschigen, rosaroten Kleid von Angelica fühlte man sich streckenweise fast in einen Disney-Film versetzt. Die absurde Komik erscheint auch in der Figurenzeichnung. So will Rodomonte die Liebenden beschützen, erscheint zum Duell aber unter dem Gelächter des Publikums mit einem Rollkoffer, aus dem die Hellebarden hervorragen. Diener Pasquale trägt unter seinem Brustpanzer ein oranges T-Shirt, dazu kurze Hosen und Converse-Schuhe. Statt seinem Herrn Orlando zu folgen, gibt er sich lieber dem Essen und Eurilla hin. Angelicas Liebhaber Medoro erscheint im türkisblauen Traineranzug und sprüht seine Liebeserklärung mittels Spraydose an einen Baum. Der Regisseur schreibt im Programmheft, er sehe in den Liebenden die selbstbezogenen Pärchen von heute. Im Kontrast zu den opulenten Farben steht die Heilungsszene in der Unterwelt, in der die Regie auf eine minimalistische Bühne und das Spiel mit Schwarz und Weiss setzt.

Hervorragende Tenöre

Auch musikalisch ist die Oper reizvoll. Orlando (Carlos Natale) vermittelt mit seinem hellen, brillanten Tenor das Schwanken zwischen Liebesfreuden und obsessiver Eifersucht berührend. Ebenso Christos Kechris als Liebhaber Medoro, der mit einem kräftigen Tenor mit wenig Vibrato überzeugt. Im Vergleich zu den beiden Männern fällt insbesondere Rosaria Angotti als Angelica ab. Die Sopranistin setzt dermassen viel Vibrato ein, dass die Eindringlichkeit ihrer Emotionen verloren geht. Es ist bedauerlich, dass ihr Vibrato in Duett- und Ensembleszenen die anderen Stimmen streckenweise überdeckt. Eurilla (Marie Lys) zeigt eine kräftige Stimme, der aber die musikalische Beweglichkeit abgeht.

Alberto Sousa setzt die Vorlage des ungehobelten Dieners Pasquale mit rauhen, nicht immer ganz reinen Tönen perfekt um. Anas Seguin verkörpert Heidenkönig Rodomonte mit dunkler Stimme, die gut zur Rolle passt. Zauberin Alcina (Héloïse Mas) zeigt die stimmliche Wärme, die ihren Ensemble­kolleginnen fehlt. René Perler, der einzige Freiburger Sänger, spielt mit dem Vater von Dienerin Eurilla sowie dem Unterweltkönig Caronte zwei Nebenrollen. Vor allem als Caronte verstärkt sein tragender Bass den Eindruck der Unterweltszene.

Das Freiburger Kammerorchester unter der Leitung von Laurent Gendre spielt die Partitur mit viel Zug, was die Musik von Haydn gut zur Geltung bringt. Im dreissigköpfigen Ensemble treten die tiefen Lagen besonders deutlich hervor, was für das Ohr einen angenehmen Klang erzeugt. Alles in allem ist der Freiburger «Orlando Paladino» ein lohnenswertes Erlebnis.

Weitere Aufführungen: www.operafribourg.ch/saison-2016-2017/agenda.html