Freiburg 14.09.2018

Die Schaffenskraft der Saane

Urs Känzig, Chef der Abteilung Naturförderung des Kantons Bern, am Saanespitz – links die Saane, rechts die Aare.
Die Saane mündet bei Mühleberg im Kanton Bern in die Aare. Beim sogenannten Saanespitz ist dank der beiden Flüsse ein Auen- und Flachmoorgebiet von nationaler Bedeutung entstanden.

Im Zeitalter der sozialen Medien existiert der Geheimtipp nicht mehr. Bilder von schönen Orten werden sofort gepostet, diese machen dann in Windeseile die Runde, und schon reisen die Touristen in Scharen dahin. Mit einer Ausnahme – vielleicht – noch: das Naturschutzgebiet Niederried-Oltigenmatt. Dort, wo die Saane in die Aare mündet, beenden die FN ihre Reise entlang der Saane, die bei der Quelle im Sanetschgebiet begann.

Im breiten Tal, wo heute das Gümmenen-Viadukt steht, mäanderte die Saane einst von einer Seite zur anderen. Bis der Fluss kanalisiert wurde, zwecks Land- und Stromgewinnung. Das Landschaftsbild, welches sich früher durch Saane und Aare ständig veränderte, wurde zu jenem Zeitpunkt eingefroren. Ackerbau und Viehwirtschaft verdrängten eine vielfältige Fauna und Flora. Auenlandschaften verschwanden. Zwar stellte der Kanton Bern das Gebiet Niederried-Oltigenmatt schon 1966 unter Schutz, ohne aber konkrete Massnahmen einzuleiten. Erst als der Bund anfangs der 1990er-Jahre den Landstreifen in die Inventare der Auengebiete, Amphibienlaichgebiete und Flachmoore von nationaler Bedeutung aufnahm, drohte ein Vollzugsdefizit, wie Urs Känzig, Chef der Abteilung Naturförderung des Kantons Bern, erklärt. «Früher dachte man, es reiche, wenn man eine grüne Tafel hinstellt. Erst mit der Zeit realisierte man, dass etwas geschehen muss.» Beim Hochwasser 2005 brach schliesslich der Damm unmittelbar nach der Mündung der Saane in die Aare. Es stellte sich die Frage: flicken oder nicht? «Da kamen die Bernischen Kraftwerke BKW auf uns zu und sagten, sie wollten etwas mit dem Geld aus ihrem Ökofonds tun.» Und so beschloss der Kanton, dem Wasser fortan freien Lauf zu lassen. Dazu gab es 2013 einen neuen Schutzbeschluss, der unter anderem den Erhalt und die Förderung der Wasserdynamik beinhaltet. Und so gedeiht heute da, wo früher Maisfelder standen, eine wilde Graslandschaft mit einer beeindruckenden Vielfalt an Flora und Fauna. Am Wegesrand erfreuen Wilder Hopfen, Winterschachtelhalme, Pfaffenhütchen, Bittersüsser Nachtschatten und andere Pflanzen das Auge. Und irgendwo, versteckt in all dem Wildwuchs, sagen sich Biber, Laubfrösche, Ringelnattern, Grau- und Silberreiher gute Nacht. Es ist ein Bild, das in der aufgeräumten Schweiz selten zu sehen ist. Abgestorbene Bäume ragen in die Höhe. «Die sind tot, weil es für sie zu feucht ist», bemerkt Känzig.

Am Rand des Sumpfgebiets steht der Hof jenes Landwirts, der das Gebiet bewirtschaftet. Weil hier intensive Landwirtschaft nicht mehr möglich war, musste er seinen Betrieb umstellen. Auf der Suche nach einer alternativen Bewirtschaftung sei man auf das robuste Schottische Hochlandrind gekommen, erzählt Känzig. «Aber auch da musste abgewogen werden, wie viele Tiere mit dem Schutzziel noch kompatibel sind.» Der Bauer wurde bei der Umstellung durch den Fonds der BKW unterstützt. Für Mehraufwand und Mindererträge entschädigt ihn der Kanton. 80  Prozent des Naturschutzbudgets gibt der Kanton Bern für entsprechende Bewirtschaftungsverträge mit Bauern aus.

Mit den Bernischen Kraftwerken vereinbarte der Kanton, dass sie ihr Wasserregime den natürlichen Abflussmengen annähern: So turbinieren sie im Sommer mehr, was zu einer stärken Auendynamik führt.

«Was wir hier machen, ist grossmassstäbliche Landschaftsgärtnerei», sagt Känzig. Wie das zu verstehen ist, erklärt der Biologe so: «Der Fluss Tagliamento im Friaul ist einer der letzten unverbauten Flüsse in Europa. Durch seine Dynamik lagert er die Landschaft ständig um. Das Gebiet, durch das er fliesst, sieht jedes Jahr anders aus. Wir ahmen das hier nach, indem wir auf begrenztem Raum künstlich ein Landschaftsmosaik erhalten.» Diese Art von Naturschutz ist für Känzig nicht nur aus ethischen Gründen geboten, weil jedes Lebewesen ein Existenzrecht hat, sondern auch, weil stabile Ökosysteme Leistungen erbringen, die für den Menschen von Nutzen sind. «Zum einen dienen Auengebiete dem Hochwasserschutz und zum anderen der Grundwasseranreicherung. Das Wasser, das durch die Kieskörper der Auen fliesst, wird gratis gereinigt.» Diesen Mehrwert von Naturschutz der Politik näherzubringen, sei nicht immer einfach. Vor allem, wenn wirtschaftliche Interessen wie die Stromproduktion im Spiel seien. Aber es könne funktionieren, wie das Beispiel des Naturschutzgebiets Niederried-Oltigenmatt zeige, wo das Wasserkraftwerk integraler Bestandteil ist. «Es braucht die Bereitschaft zu Kompensationsleistungen, wie hier für die Umstellung des Landwirtschaftsbetriebs. Und das ist eine Frage des politischen Willens.»

In einer Sommerserie reisen die FN entlang der Saane von der Quelle bis zur Mündung: zu Fuss, mit dem Zug und mit dem Boot.

Aktionsplan Biodiversität

Beitrag der Saane an die überregionale Vernetzung?

Der Bund verabschiedete 2017 einen Aktionsplan zur Förderung der Biodiversität. Dabei will er eine ökologische Infrastruktur aufbauen. Diese besteht aus Kerngebieten und Vernetzungsgebieten. Vernetzen können Flüsse, indem sie Gebiete miteinander verbinden und den genetischen Austausch ermöglichen. Welchen Beitrag liefert die Saane heute an die überregionale Vernetzung, und welchen sollte sie in Zukunft leisten? «Die Biodiversität im Saanebett ist hoch, verglichen mit den Landwirtschaftsflächen und den Industriezonen links und rechts des Flusses», sagt Biologe Jacques Studer. Das Potenzial sei aber noch gross. Marius Achermann, Leiter des Amts für Natur und Landschaft des Kantons Freiburg, erklärt, dass dort, wo die Saane in ihrem natürlichen Bett verläuft, wie im Intyamon oder mit Abstrichen auch zwischen Rossens und dem Perollessee, Renaturierungsmassnahmen relativ einfach zu bewerkstelligen wären. Nicht so unterhalb der Schiffenenstaumauer, wo das Flussbett künstlich um mehrere Meter gesenkt wurde. «Eine Korrektur wäre so teuer, dass ich die Mittel lieber in andere Aufwertungsprojekte investiere.» Leider verfüge der Kanton Freiburg nicht über einen Fonds wie die BKW (siehe Haupttext). Punktuelle Massnahmen wie Trittsteinbiotope seien dennoch möglich.

rsa