Kritik 29.10.2016

Die Wut trägt blonde Locken

Kate Tempest kritisierte im Fri-Son eine Gesellschaft, die sich zunehmend ins Private zurückzieht.
Die Londoner Rapperin und Lyrikerin Kate Tempest hat am Donnerstag im Fri-Son ihre Europatournee lanciert – mit einer Show, in der nichts nur Show war.

Sie kommt und gibt zuerst mal eine Minute lang die Regeln durch: «Smartphones bleiben in den Taschen. Ich will, dass ihr ganz bei mir seid. Das bringt euch mehr als viele Fotos, die ihr nie mehr anschaut.» Sie erklärt, sie werde nun erstmals live ihr neues Album «Let Them Eat Chaos» präsentieren. Alle 13 Songs in der Original-Reihenfolge, und dazwischen werde sie kein Wort sagen, denn das Album sei eine Einheit. «It’s a story», sagt Kate Tempest, und sie hat schon während dieser ersten Minute mehr Flow, mehr Sprachrhythmus als so mancher Rap-Star bei seinen grössten Hits. Und dabei hat sie erst geredet.

Gegen die Sprachlosigkeit

Kate Tempest steht für alles, was mit Sprache zu tun hat. Die 30-Jährige beschreibt bildhaft, wie Leute leben, die zu den Verlierern des Kapitalismus zählen. Davon gibt es in Europa viele, auch im Süden Londons, wo Tempest aufgewachsen ist. Die Verhältnisse dort beschreibt sie in Gedichtbänden, Theaterstücken, in einem Roman und – vielleicht am wirkungsvollsten – als Rapperin. Immer zeigt sie sich als radikale Kritikerin einer Gesellschaft, die sich zunehmend ins Private zurückzieht. Einer Gesellschaft, die – laut Kate Tempest – Selbstporträt um Selbstporträt in technischen Geräten abspeichert und ansonsten nicht viel wahrnimmt. «Währenddessen sterben Menschen zuhauf, aber niemand nimmt Notiz davon», rappt Tempest im Song «Europe Is Lost». Und dann korrigiert sie sich: «Doch, einige Leute nehmen Notiz davon. Man kann es an den Emojis erraten, die sie posten.»

Tempest schreit an dieser Stelle ihren Frust ins Freiburger Publikum, ihre Wut über eine verstümmelte Kommunikation, die oft nicht über Smileys, Klatschhände und andere lustige Bilder hinausgeht: «The fucking emoji they post!»

Hauptsache neue Schuhe

Die Menschen in Tempests neuen Songtexten finden keinen Schlaf; in mehreren Songs sind sie morgens nach vier Uhr noch wach. Weil sie arbeiten müssen, immerzu arbeiten, doppelte Schichten, um über die Runden zu kommen. Weil sie nachts Bier trinken. Oder einfach verzweifelt sind. Kate Tempest gibt ihnen allen eine Stimme, stellvertretend. In ihren Texten schwingt vieles mit, das nicht explizit ausgesprochen wird, und so geht es plötzlich auch im Fri-Son um den Brexit, um Globalisierung, um Rechtspopulisten, um soziale Vereinsamung trotz oder wegen Facebook. Und immer wieder um die Gleichgültigkeit, welche Tempest am meisten anprangert; manchmal reichen ihr dazu fünf Worte: «Massaker, Massaker, Massaker... Neue Schuhe!»

Rage in Reimform

Die Band – ein Schlagzeuger, eine Frau und ein Mann an Keyboards – spielt ausgeklügelte, minimalistische Beats und sorgt dafür, dass Tempest nicht wie eine Slam-Poetin wirkt, sondern tatsächlich wie eine Rapperin. Doch dann kommen Momente, in denen die Band minutenlang zu schweigen hat, denn dann spricht Tempest, sie allein: Das Fri-Son erlebt eine Dichterin, die sich in Rage redet, in edel wirkendem Britisch-Englisch, immer in Reimform. Man hört dies und denkt zuerst: Das hier ist kein Konzert, es muss eine Shakespeare-Show sein, eine Rezitation alter Verse. Bis man merkt: Es ist das genaue Gegenteil einer Show; vielmehr ist es eine Predigt – und sie handelt vom Hier und Jetzt, vom Zustand der Welt im Jahr 2016.

Die ganze Andacht dauert weniger als eine Stunde. Dann ist die Geschichte erzählt, zumindest für dieses Mal. Die Dichterin verbeugt sich und geht – ohne Zugabe. Nur ihre Botschaft bleibt im Raum. Und das Smartphone noch eine Weile im Hosensack.

Jungstar

Rapper Nemo glänzt mit Zahnspange und grossen Worten

Im Vorprogramm von Kate Tempest rappte im Fri-Son der 17-jährige Nemo. Der Bieler gilt unter Fans und vielen Musikjournalisten als kommender Superstar der Schweizer Hip-Hop-Szene, und genau das kündigte er dem Publikum selbst immer wieder an. Seine typischen Rap-Texte tönen – ins Hochdeutsche übersetzt – beispielsweise so: «Ich habe einen grösseren Wortschatz als ein Germanistikstudent.» Oder so: «Lieber Bundesrat, sechs Leute weniger wäre wunderbar; im Parlament braucht es nicht hundert Mann, es braucht nur einen, ich fange nächsten Sonntag an.» Immerhin: Die grossen Worte tönten in Freiburg auch stimmlich gut. Nemo kratzt und krächzt bereits mit viel Charisma – auch wenn hinter dem Kragen seiner gleisarbeiterorangen Hip-Hop-Regenjacke noch Stimmbruchreste vermutet werden müssen. Da kann also noch einiges passieren, Gutes wie Schlechtes. Nemo zeigte sich vorgestern bereit für grosse Schritte. Gab aber in einem seiner Songs zu, dass er noch Zeit brauche: «Zuerst werden mir noch Schamhaare wachsen.»

mk