Freiburg 19.09.2018

Die Zweisprachigkeit und der Fusionsprozess

Der Freiburger Gemeinderat will Deutsch nicht sofort als zweite Amtssprache einführen. Der Generalrat hat gestern Abend mehr Mut gefordert. Gerade im Fusionsprozess müsse der Gemeinderat die Zweisprachigkeit verteidigen.

Soll die Stadt Freiburg Deutsch als zweite Amtssprache einführen? Dieser Frage ist der Gemeinderat im Auftrag mehrerer Generalratsmitglieder nachgegangen. «Weil die Frage eine grosse strategische Tragweite, aber auch eine hochemotionale Komponente hat, haben wir einen umfassenden Bericht in Auftrag gegeben», sagte Syndic Thierry Steiert (SP) gestern Abend im Generalrat. «Der Bericht des Instituts für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg und der Pädagogischen Hochschule zeigt, dass die mate­riellen Voraussetzungen erfüllt sind», sagte Steiert. Doch fehle dem Gemeinderat eine gesetzliche Grundlage. «Ein solcher Entscheid muss breit abgestützt sein und nicht nur vom Gemeinderat alleine gefällt werden.» Darum habe er im Grossen Rat eine parlamentarische Anfrage eingereicht, um den gesetzgeberischen Prozess wieder zu aktivieren. Laut Steiert spricht auch die geplante Fusion Grossfreiburgs gegen eine sofortige Einführung der zweiten Amtssprache. Der Gemeinderat wolle aber die Zweisprachigkeit stark fördern, gerade auch in der Verwaltung.

Identitätsstiftende Sprache

Die Postulantinnen und Postulanten waren mit der gemeinderätlichen Antwort nicht rundum zufrieden. Gisela Kilde (GLP) begrüsste die zahlreichen Massnahmen, mit denen die Stadt die Zweisprachigkeit fördern will. «Es genügt aber nicht, Texte systematischer zu übersetzen: Das muss systematisch geschehen.»

Vincenzo Abate (Grüne) betonte, dass die Sprache auch Teil der Identität ist. Der Gemeinderat müsse mehr für die kulturelle Integration der Deutschsprachigen tun und bei den Frankofonen Ängste abbauen. So solle der Austausch zwischen den Sprachgruppen bereits ab dem Kindergarten gefördert werden. Es sei wichtig, die Zweisprachigkeit als Teil der Identität der Stadt Freiburg zu verteidigen – gerade im jetzigen Fusionsprozess.

Dies betonte auch Tina Odermatt (SP): «Im Rahmen der Fusion muss die Zweisprachigkeit erhalten bleiben und darf nicht angetastet werden.» Manchmal führten kleine Schritte weiter als ein grosser Sprung. «Dazu muss der Gemeinderat aber das Ziel klar vor Augen haben und darf die pragmatische Zweisprachigkeit nicht mit einer opportunistischen Zweisprachigkeit verwechseln.»

Kein neues Logo

Ein zweites Postulat hatte ein zweisprachiges Logo gefordert; auch das will der Gemeinderat nicht einführen. Er begründet dies vor allem mit der anstehenden Fusion. Postulant Bernhard Altermatt (CVP) nannte die Antworten des Gemeinderats «zögerlich, nicht mutig, nicht genügend». Er betonte, dass gerade in kulturellen Themen wie der Zweisprachigkeit auch die symbolische Politik sehr wichtig sei.

Altermatt zeigte sich erstaunt darüber, dass der Gemeinderat in seiner Antwort von einer perfekten Zweisprachigkeit ausgehe. «Es geht aber nicht um Perfektion, wir fordern nichts Übertriebenes.» Er fragte zudem: «Warum braucht es eine gesetzliche Grundlage, damit eine Gemeinde eine eigene Sprachpolitik einführen kann?» Der Gemeinderat solle die fehlende gesetzliche Grundlage vielmehr als gros­sen Spielraum betrachten, der genutzt werden solle.

Mario Parpan (CSP) meinte: «Es ist nicht zu erwarten, dass uns das Thema in den nächsten Jahrzehnten abhandenkommen wird.» Zweisprachigkeit sei eine Quelle für Reibungen, aber auch eine Quelle der Bereicherung.