Freiburg 21.11.2020

Ein Archiv des Lebens

Noch befindet sich die Sammlung im museumseigenen Depot, dereinst soll sie in das geplante kantonale Kulturgüterlager ziehen.
Über 240 000 Objekte schlummern im Depot des Naturhistorischen Museums Freiburg. Die FN haben aus Anlass des nationalen Tags der naturhistorischen Sammlungen einen Blick in die Schränke, Regale und Schubladen geworfen.

Systematische Sammlungen von Käfern oder Schmetterlingen, Schränke voller präparierter Vögel und ausgestopfter Säugetiere, Schachteln mit Gesteinsproben oder Regale voll mit Herbarien: Die Sammlung des Naturhistorischen Museums Freiburg umfasst mehr als 240 000 Objekte aus den Bereichen Zoologie, Geowissenschaften, Botanik und Mykologie (Wissenschaft der Pilze). Ähnliche Sammlungen gibt es in zahlreichen Museen und Institutionen in der ganzen Schweiz. Insgesamt dürften es etwa sechzig Millionen naturkundliche Objekte sein, die dort verwahrt sind, wie die Swiss Systematics Society schreibt. Die Gesellschaft beschäftigt sich mit Systematik und Klassifikation und will ihre Anliegen auch einer breiten Bevölkerung bekannt machen. Darum organisiert sie den nationalen Tag der naturhistorischen Sammlungen, der morgen Sonntag stattfindet (siehe Kasten).

«Es geht um die Zukunft»

Obwohl das Naturhistorische Museum Freiburg derzeit Corona-bedingt geschlossen ist, beteiligt es sich am nationalen Sammlungstag. «Naturhistorische Sammlungen sind Archive des Lebens und der Natur», sagt Sophie Giriens, Konservatorin der zoologischen Sammlungen. Sie seien von unschätzbarer Bedeutung, nicht nur für Wissenschaft und Forschung, sondern auch für das breite Publikum und vor allem die junge Generation. «Es geht nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Zukunft. Die Sammlungen dokumentieren die Artenvielfalt im Laufe der Geschichte, erzählen, wie sich die Verbreitung der Arten entwickelt – und welche Arten ausgestorben sind.»

Manche Objekte, etwa aus den mineralogischen Sammlungen, hätten auch schlicht einen grossen materiellen Wert, ergänzt Emanuel Gerber, Vizedirektor des Museums und Konservator der geowissenschaftlichen Sammlungen. Andere Stücke seien von kulturhistorischer Bedeutung, so etwa die über tausend Gesteinsproben von Tunnelbauprojekten wie dem Simplon-Basistunnel, dem Albula- oder dem Gotthard-Scheiteltunnel.

Die Freiburger Sammlung mag im internationalen Vergleich zu den kleineren gehören, doch enthält sie durchaus Objekte von weltweiter Bedeutung. Emanuel Gerber denkt etwa an sogenannte Typusexemplare, wie sie sich zum Beispiel in den Herbarien oder in der paläontologischen Sammlung finden. Ein Typus ist ein Referenzexemplar, das die Grundlage für die Beschreibung einer Art bildet. Diese Typen sind in der Biologie von grossem Wert. Andere Teile der Sammlung haben eine grosse regionale Bedeutung, so etwa das Herbarium Friburgense des Freiburger Botanikers Firmin Jaquet (1858–1933). Diese Sammlung enthält über 2000 Belege und dokumentiert praktisch alle Pflanzenarten des Kantons.

Gesteinsproben und Tierpräparate

Die Sammlung des Naturhistorischen Museums soll dereinst in das geplante kantonale Kulturgüterlager in Givisiez ziehen. Bis es so weit ist, befindet sich ein Grossteil davon in einem Depot in der Nähe des Museums, der Rest im Museumsgebäude selbst. Beim Rundgang durchs Depot wird schnell klar, welche Vielfalt an naturhistorischen Schätzen hier schlummert. Emanuel Gerber weist auf eine historische Gesteinssammlung des Berner Geologen Bernhard Studer (1794–1887) hin und zeigt die Gesteinsproben vom Bau des Simplon-Basistunnels Anfang des 20. Jahrhunderts. Geologen hätten solche Bauprojekte systematisch dokumentiert und interessierte Institutionen wie das Naturhistorische Museum Freiburg mit Proben versorgt.

Eine Etage weiter oben begegnet man der ganzen Vielfalt der Tierwelt. Insekten, Reptilien und Säugetiere sind hier versammelt, einheimische Tiere ebenso wie Arten aus aller Welt. In unzähligen Schubladen ist die umfangreiche Käfer- und Schmetterlingssammlung des Museums untergebracht. Glasbehälter mit Alkohol oder Formalin enthalten verschiedene Reptilien. In Schränken und Gängen finden sich Präparate von europäischen und exotischen Vögeln und von verschiedenen Säugetieren, von einem Albino-Reh aus dem Sensebezirk bis zu einem Känguru.

Die Aufgabe des Museums ist nicht nur die sachgerechte Verwahrung seiner Sammlung. Vielmehr wird diese laufend ergänzt, bearbeitet und erforscht. Um sie zu vervollständigen, verfügt das Museum über ein Akquisitionsbudget. Allerdings würden nicht beliebig Ankäufe getätigt, betont Emanuel Gerber: «Es gibt einen klaren Kriterienkatalog. So müssen die Objekte unseren Qualitätsansprüchen genügen und in unsere Sammlung passen.»

«Man ist niemals fertig damit»

Ein zentrales Ziel jeder Sammlung ist es, die Objekte für Wissenschaft und Publikum zugänglich zu machen. Auch das ist mit viel Arbeit verbunden. Grosse Teile der zoologischen Sammlungen etwa seien noch nicht ausreichend dokumentiert, sagt Sophie Giriens. Aktuell laufen Arbeiten, um die Objekte aus Freiburg in die internationale Biodiversitäts-Datenbank Global Biodiversity Information Facility zu integrieren. In einer Sammlung gebe es immer etwas zu tun, um sie in Ordnung zu halten und zugänglich zu machen, betont Sophie Giriens. «Man ist niemals fertig damit.»

Programm

Wer erkennt die Lügengeschichten?

26 Museen und botanische Gärten der Schweiz beteiligen sich am morgigen nationalen Tag der naturhistorischen Sammlungen. Dieser unterliegt der Verantwortung der Swiss Systematics Society und wird von der Akademie der Naturwissenschaften und dem Schweizerischen Nationalfonds unterstützt. Ziel ist, das Publikum auf die Vielfalt und die Bedeutung der Sammlungen aufmerksam zu machen. Auch wenn viele geplante Aktivitäten den Corona-Massnahmen zum Opfer fallen, bleibt die Möglichkeit eines virtuellen Eintauchens in die Sammlungen: Alle teilnehmenden Institutionen haben drei Objekte ausgewählt und erzählen in kurzen Videos deren fantastische Geschichten. «Diese drehen sich um skurrile Lebewesen und abenteuerliche Entdeckungen, um Seltenheit und Bedrohung oder um exzentrische Sammler», schreibt die Swiss Systematics Society. Allerdings sind jeweils nur zwei der Geschichten wahr, eine ist frei erfunden. In einem Wettbewerb geht es darum, die Lügengeschichten zu erkennen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums Freiburg erzählen die Geschichten des Herbariums von Georg Wilhelm Schimper, eines Meteoriten aus Menziswil und natürlich des berühmten Freiburger Seiwals. Wer die falsche Geschichte erkennt, kann eine Führung durch die Sammlung gewinnen. Die Auslosung findet am 15. Dezember statt.

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Videos und Wettbewerb: www.fantasticstories.ch