Freiburg 15.11.2019

Eine kleine Firma in der Berufsschule

Im zweisprachigen Lehratelier sind Schülerinnen und Schüler aller drei Lehrjahre gemischt.
Die Ecole de Couture Freiburg gibt es seit 25 Jahren. In den Lehrateliers werden Lernende auf ihr Berufsleben vorbereitet: Sie schneidern Kleider für reale Kundinnen und Kunden. Am Samstag feiert die Schule ihr Jubiläum in der Blue Factory.

Die Maschinen surren, das Dampfbügeleisen zischt. Konzentriert sitzen die jungen Erwachsenen an ihren Arbeiten. Unter ihren Händen entstehen Hosen, Blusen, kompliziert gesteppte Jacken und Jupes. Im Lehratelier an der Gewerblichen und Industriellen Berufsfachschule Freiburg bereiten sie das grosse Jubiläumsfest vom Samstag vor (siehe auch Kasten): Die Ecole de Couture, wie das Lehratelier heisst, feiert das 25-jährige Bestehen.

Zu wenige Lehrstellen

Früher arbeiteten die Lernenden in Privatateliers; doch weil es immer weniger Lehrmeister und damit Lehrstellen gab, wurden vor 25 Jahren in der ganzen Schweiz Lehrwerkstätten gegründet. «So können wir nun jedes Jahr zwölf Lehrstellen anbieten», sagt Marianne Rothenbühler, die deutschsprachige Leiterin des Ateliers 2. Die Ausbildung geht über drei Jahre. In den Klassen sind Lernende aller drei Lehrjahre gemischt, ebenso Französisch- und Deutschsprachige. An einem Tag gehen die Lernenden zur Schule, an vier Tagen arbeiten sie im Atelier. «Wir arbeiten für Kundinnen und Kunden», sagt Marianne Rothenbühler. «Wir sind an der Berufsfachschule, funktionieren aber auch wie ein Betrieb.» Das heisst: Die Lernenden müssen Termine einhalten und auch einmal etwas Gas geben, wenn eine Anprobe oder Auslieferung bevorsteht. «Wir bereiten sie auf das Berufsleben vor.»

Reale Aufträge

Und so üben die Lernenden nicht einfach an Mustern, sondern nähen für reale Aufträge. Ein Hochzeitskleid, das auf Mass geschneidert wird, kostet samt Stoff und Zutaten rund 1800 bis 2500 Franken. Blusen und Hosen gibt es für rund 300 Franken, Kleider für 350 bis 400 Franken; je nach Aufwand und Material variiert der Preis.

Trotz der praxisnahen Arbeit: Nach der Lehre eine Stelle zu finden, ist nicht einfach. «Wir bieten eine sehr gute Grundausbildung», sagt Marianne Rothenbühler. «Doch gibt es nicht mehr viele Ateliers, die unsere Lehrabgänger anstellen.» Oft absolvieren sie nach der Lehre weiterführende Praktika; einige gehen nach London oder Paris. Andere finden den Weg in den Verkauf oder in die Arbeitsagogik. Immer wieder hängen einige auch Zusatzausbildungen an, beispielsweise zur Theaterschneiderin. Oder sie besuchen eine Designerschule in Basel oder Genf.

Noëmi Henkel ist im zweiten Lehrjahr. Sie kann sich gut vorstellen, sich zur Theater­schneiderin weiterzubilden. Die Lehre gefällt ihr: «Ich wollte immer etwas machen, das mit Gestaltung zu tun hat, zudem habe ich früher schon gern genäht.» Die Arbeit sei sehr abwechslungsreich. «Wir machen immer etwas anderes, nähen immer wieder neue Sachen.»

Sven Schafer weiss, was er nach der Lehre will: sich selbstständig machen. Der 23-Jährige hat bereits eine erste Lehre als Metallbauer abgeschlossen und auch einige Zeit auf dem Beruf gearbeitet. Schon damals nähte er zu Hause Kleider. «Ich habe mir das Nähen selber beigebracht – und fragte mich, ob es nicht möglich wäre, mein Hobby zum Beruf zu machen.» Wichtig ist ihm, in der Schule die richtige Technik zu lernen. Er designt selber Kleider, vor allem Männerröcke und Hemden, aber auch Taschen. «Es ist ein etwas anderer Stil als die Arbeiten hier im Atelier.»

Keine Vorkenntnisse mehr

Sven Schafer musste sich das Nähen selber beibringen. Das beobachtet Marianne Rothenbühler auch sonst: «Wenn die Lernenden bei uns beginnen, bringen sie keinerlei Vorkenntnisse mit.» In der Schule werde nicht mehr im klassischen Sinn Handarbeit unterrichtet.

Auch das Lehratelier selber hat sich in den letzten 25 Jahren verändert. «Wir schauen darauf, dass wir unseren Lernenden ein möglichst rationelles Arbeiten mitgeben», sagt Marianne Rothenbühler. Was mit der Maschine genäht werden kann, wird mit der Maschine erledigt. «Damit sie mit ihrer Arbeit auch etwas verdienen können.» Auch so gebe es noch genug Handarbeit, beispielsweise, wenn Blumen auf ein Hochzeitskleid genäht werden. «Unsere Arbeit ist sehr abwechslungsreich und kreativ. Aber reich werden wir nicht damit.»

Zum Programm

25 Jahre wollen gefeiert sein

Morgen Samstag feiert das Freiburger Lehratelier Ecole de Couture das 25-jährige Bestehen – wie es sich gehört – mit einer Modeschau. Zwischen 11 und 19 Uhr ist das Lehratelier in der Blue Factory in Freiburg präsent. Modeschauen laufen um 11.25 Uhr, 14.25 Uhr, 16.25 Uhr und 18.25 Uhr. Dabei werden ebenso Kleidungsstücke aus dem Jahr 1994 gezeigt – aus dem Gründungsjahr des Lehrateliers – wie von heute; zudem schauen die Lehrlinge in die Zukunft und präsentieren Kleider, die 2044 aktuell sein könnten.

njb