Freiburg 17.05.2019

«Frage der Identität steht im Zentrum»

Zur geplanten Fusion der Gemeinden im Grossraum Freiburg läuft derzeit eine breite Vernehmlassung.
Was bringt die Fusion von neun Gemeinden im Grossraum Freiburg? Der Verein Fusion 21 ist nach seiner Generalversammlung dieser Frage in einer Diskussionsrunde nachgegangen.

Die Fusion von neun Gemeinden im Grossraum Freiburg nimmt langsam Form an. Soeben wurde das Fusionskonzept in Avry, Belfaux, Corminboeuf, Freiburg, Givisiez, Granges-­Paccot, Marly, Matran und Villars-sur-­Glâne in die Vernehmlassung geschickt. Am Mittwochabend hat darum der Verein Fusion 21 einen runden Tisch organisiert zum Thema «Was haben wir zu gewinnen?» In der gut gefüllten Aula der Freiburger Hochschule für Wirtschaft sassen zahlreiche Gemeindepolitikerinnen und -politiker.

Unter der Leitung von Magalie Goumaz, der stellvertretenden Chefredaktorin der Zeitung La Liberté, diskutierte unter anderem Mathieu Fleury, der Präsident des Freiburger Filmfestivals. «Ich habe bereits heute das Gefühl, dass ich in Grossfreiburg lebe», sagte er: «Ich denke nie daran, dass das Nuithonie in Villars-sur-Glâne ist und das Freiburger Konservatorium in Granges-Paccot – ich bewege mich von einem zum anderen, ohne zu überlegen, wo ich bin.» Für ihn sei daher klar: «Die Fusion macht uns komplett.» Es sei aber wichtig, dass Grossfreiburg mehr als eine Anhäufung von Schlafgemeinden sei.

Für die Unternehmerin Marie-Claude Limat ist es wichtig, dass die neue Gemeinde dereinst einen Trumpf vorweisen kann. Zurzeit erkennt sie diesen noch nicht. Und vor allem fehlt ihr in den Unterlagen, welche die Arbeitsgruppen der konstituierenden Versammlung Grossfreiburg erarbeitet haben, der Aspekt der Wirtschaft. «Es geht um Fliessgewässer und Grünräume, aber die Bedürfnisse der Wirtschaft werden mit keinem Wort erwähnt.» Doch wenn die neue Gemeinde ein starker Wirtschaftspool zwischen Bern und Lausanne werden wolle, müsse sich eine Arbeitsgruppe um das Thema kümmern.

FDP-Staatsrat Didier Castella meinte dazu: «Die Fusion ist ein partizipativer Prozess, nun warten wir auf die Rückmeldungen und Ideen aus der Bevölkerung – auch von der Wirtschaft.» Der Fusionsprozess stehe noch ganz am Anfang. «Es ist nicht an den Arbeitsgruppen, eine fixfertige Lösung vorzulegen.» Er betonte, dass der Grossraum Freiburg heute schon die Wirtschafts­lunge des Kantons sei.

Für Mathieu Fleury ist die Idee von Quartierhäusern in den jetzigen Gemeinden eine gute Idee der Arbeitsgruppen. «Das kann die Leute zusammenbringen und ihnen die Angst davor nehmen, mit einer Fusion die Identität ihrer Gemeinde zu verlieren.» Für ihn ist klar: «Die Kultur wird einer der Erfolgsfaktoren der Fusion sein, denn die Frage der Identität steht im Zentrum, und die Kultur kann in diesem Bereich einiges leisten.»

Marie-Claude Limat brachte die Idee ein, in der neuen Gemeinde den öffentlichen Verkehr gratis zu machen. «Das könnte ein Ansporn für die Leute sein, der Fusion zuzustimmen.» Auch die Zweisprachigkeit ist für sie wichtig: «Das könnte ein grosser Trumpf der neuen Gemeinde werden.» Doch sei das Thema leider eher spaltend als einend.

Carl-Alex Ridoré, Oberamtmann des Saanebezirks und Präsident des Steuerungsausschusses des Fusionsprozesses, geht davon aus, dass es nicht ein einziges Projekt geben wird, das alle Stimmbürgerinnen und Stimmbürger dazu bringt, Ja zur Fusion zu sagen. «Es braucht mehrere kleine Projekte, die viele verschiedene Gruppen ansprechen.» Die Fusion werde oft mit einer Heirat verglichen. «Die Mitgift ist wie ein voller Korb, da können und sollten wir mehrere Dinge hineinlegen, nicht nur eine Flasche Wein.»

Laut Didier Castella ist es nun an den Gemeinderätinnen und Gemeinderäten, sich zu engagieren und für die Fusion einzusetzen. «Sie sollten auch merken, wenn eine Gemeinde nicht bereit ist, und sich in diesem Fall zurückziehen, um nicht die ganze Fusion zu gefährden», sagte er. Um schmunzelnd hinzuzufügen: «Die Stadt Freiburg jedoch sollte dabeibleiben.»

Verein Fusion 21

Alain Deschenaux ist Ko-Präsident

Die Generalversammlung des Vereins Fusion 21 hat am Mittwochabend einen neuen Ko-Präsidenten gewählt: Alain Deschenaux, der Generaldirektor von Nordmann Freiburg, folgt auf Dominique Clément. Dieser tritt zwar als Ko-Präsident zurück, bleibt aber im Vorstand und kümmert sich um die Buchhaltung. Nicolas Robert und Martine Jaquet traten aus beruflichen Gründen aus dem Vorstand zurück. Neu wurde Rico Baldegger, Direktor der Freiburger Hochschule für Wirtschaft, in den Vorstand gewählt. Die bisherigen neun Vorstandsmitglieder wurden für die nächsten drei Jahre bestätigt. Die Versammlung ernannte zudem Isabelle Varenne zur neuen Generalsekretärin, da Alexandra Stadler ihr Amt niedergelegt hat.

Ko-Präsidentin und alt Staatsrätin Ruth Lüthi wies darauf hin, dass wichtige Jahre auf den Verein zukommen, da es nun um die konkrete Ausgestaltung der Fusion geht. «Wir wollen in der Öffentlichkeit präsent sein und an der Debatte rund um die Vernehmlassung teilnehmen.»

Bei einem Gesamtaufwand von 13 200 Franken und Einnahmen von 25 600 Franken schliesst die Vereinsrechnung 2018 mit einem Gewinn von 12 400 Franken. Das Budget 2019 sieht nun deutlich höhere Ausgaben vor, nämlich 28 000 Franken. Dies, weil die Generalsekretärin mehr zu tun hat, wenn der Verein aktiver sein will.

njb