06.04.2018

Freiburg – ein Zentrum jenischen Lebens

Der Geschäftsführer der Radgenossenschaft, Willi Wottreng, freut sich auf die Feckerchilbi in Freiburg.
Im August findet am Saaneufer in Freiburg die Feckerchilbi statt. Sie schlägt Brücken zwischen Jenischen, Sinti und der Mehrheitsbevölkerung. Die FN sprachen mit Willi Wottreng von der Radgenossenschaft.

Willi Wottreng, vom 9. bis 12. August findet auf der Wiese der Grossrahmengasse die Feckerchilbi statt. Was muss man sich darunter vorstellen?

«Fecker» ist ein Deutschschweizer Wort für fahrendes Volk. Die Chilbi besteht aus einem Festzelt mit Musik und einem Jahrmarkt auf der Wiese. Und das alles vor einer Wohnwagenkulisse. Eine Wanderausstellung und Filmvorführungen zur Kultur und Geschichte der Jenischen und Sinti stehen ebenfalls auf dem Programm. Familien können durchs Gelände flanieren, Schulklassen sind willkommen.

Was ist die Idee der Feckerchilbi?

Die Bevölkerung wird eingeladen, die Menschen und die Kultur der Jenischen, Sinti und Roma kennenzulernen. Der Bundesrat hat Jenische und Sinti 2016 als nationale Minderheit anerkannt. Die Feckerchilbi gibt einen Einblick in die Lebensweise der als «Zigeuner» verrufenen Minderheiten. Wir möchten eine möglichst authentische Atmosphäre und wünschen uns, dass viele spontane Initiativen von Jenischen und Sinti entstehen: bei Musik, Markt und Gesprächen.

Warum hat die Radgenossenschaft, die die Chilbi organisiert, Freiburg als Austragungsort gewählt?

Die Freiburger Unterstadt war früher ein Zentrum jenischen Lebens wie die Vorstädte und gewisse Quartiere in Basel, Bern, Chur und Zürich. Es soll daran erinnert werden, dass Jenische zur Geschichte der Schweiz gehören. Im zweisprachigen Freiburg, wo Deutsch und Französisch aufeinandertreffen, wollen wir mit der Feckerchilbi zudem eine kulturelle Brücke zwischen den Landesteilen schlagen.

Geht es der Radgenossenschaft mit Sitz in Zürich um eine Annäherung an die Mehrheitsbevölkerung oder eher um eine Annäherung an die Westschweizer Fahrenden?

Wir wollen Sympathien bei der Mehrheitsbevölkerung gewinnen. Denn in der Westschweiz haben unsere Schweizer Fahrenden mehr Mühe, zu erreichen, dass dringend nötige Stand- und Durchgangsplätze geschaffen werden.

Freiburg war zumindest früher sehr offen für die jenische Kultur, wie haben die Freiburger Behörden auf Ihre Anfrage reagiert?

Sehr offen und freundschaftlich. In Freiburg hat sich ein Empfangskomitee gebildet, das die Feckerchilbi unterstützt. Es wird sich selber vorstellen, wenn es so weit ist. Das Théâtre de la Cité gibt uns für Filmvorführungen und die Ausstellung zudem ein Gastrecht.

Welche zentralen Forderungen haben Fahrende heute?

Zum einen geht es um Lebensraum. Die Jenischen fordern, dass der Kanton Freiburg einen Standplatz sowie zwei bis drei Durchgangsplätze für reisende Angehörige unserer Minderheiten schafft. Weiter ist es wichtig, dass den Fahrenden die Handels- und Gewerbefreiheit vollständig gewährt wird. Gerade in letzter Zeit wurde diese infrage gestellt.

Etwa von der Vereinigung Holzbau Schweiz sowie dem Verband Schweizer Schreinermeister und Möbelfabrikanten, die in einem gemeinsamen Zeitungsinserat die Bevölkerung davor warnten, «Fahrenden» Gipser- oder Malerarbeiten, Plattenlegen, Schreiner- oder Zimmerarbeiten anzuvertrauen. Gegen das Inserat wurde Strafanzeige wegen Verletzung der Rassismusstrafnorm eingereicht. Worauf führen Sie die Haltung des Gewerbes zurück?

Reisende Gewerbetreibende wurden schon immer diskriminiert, schon zur Zeit der Zünfte. Man nutzt die Probleme, die einige schwarze Schafe verursachen, um eine unliebsame Konkurrenz loszuwerden. Das mischt sich mit purer Unkenntnis und Rassismus.

Zur Serie

Jenische und Sinti in Freiburg

Vom 9. bis 12. August findet auf der Wiese der Grossrahmengasse in der Freiburger Unterstadt die Feckerchilbi statt. Die Feckerchilbi ist ein jahrhundertealtes Treffen der Jenischen und aller «Fecker» und «Fahrenden». «Fecker» ist ein altes Innerschweizer Wort für herumziehende Gewerbetreibende, also für Jenische, Sinti und andere Händler und Hausierer, die an die Türe klopften und Waren und Dienstleistungen anboten. Heute ist es ein Fest der Jenischen und Sinti der Schweiz und dient der Begegnung mit der Mehrheitsgesellschaft. Im Hinblick auf die Chilbi widmen die «Freiburger Nachrichten» den Jenischen und Sinti in Freiburg eine Serie.

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Fakten

Radgenossenschaft und ihre Freunde

Die Radgenossenschaft der Landstrasse ist die Dachorganisation der Schweizer Jenischen und Sinti. Sie organisiert die Feckerchilbi. Die Radgenossenschaft wird vom Bund unterstützt und beschäftigt sich mit allen Themen und Fragen, die Jenische und Sinti betreffen, vom Kampf für mehr Lebensraum über Einzelfallhilfe etwa bei Schul- und Sozialfragen bis hin zum wichtigen Anliegen der Stärkung von Kultur und Sprache.

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