Freiburg 10.08.2018

«Jenische gehören zu Freiburg»

Der Geschäftsführer der Radgenossenschaft, Willi Wottreng (links), und deren Präsident Daniel Huber (rechts) bei der Eröffnung.
Konflikte zwischen Jenischen, Sinti und der Mehrheitsbevölkerung bestehen – etwa, wenn es um Standplätze geht. Die Feckerchilbi in Freiburg soll helfen, Missverständnisse auszuräumen und Vorurteile abzubauen.

Zumindest zwischen ihnen sind die Missverständnisse ausgeräumt: Auf der Bühne im Festzelt an der Grossrahmengasse umarmen sich Daniel Huber und Fino Winter innig. Huber ist Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, der Dachorganisation der Jenischen und Sinti in der Schweiz; Winter ist Präsident von Sinti Schweiz. «Auch zwischen Jenischen und Sinti gibt es Vorurteile. Umso mehr freut es mich, dass wir die Feckerchilbi zusammen feiern», sagt Huber zur Eröffnung des Fests in der Freiburger Unterstadt gestern Nachmittag.

Freiburg ist prädestiniert als Austragungsort der Feckerchilbi. «Mit Freiburg sind viele jenische Familien verbunden: Die Werros, Mühlhausers und Nobels kommen von hier», sagt Huber. «Die jenischen Musiker brachten ihren ganz eigenen Charme in die Restaurants der Unterstadt.» Und Willi Wottreng, Geschäftsführer der Radgenossenschaft, fügt hinzu: «Jenische gehören zu Freiburg.»

Nicht gezögert

Der Gemeinderat von Freiburg habe nicht gezögert, als die Anfrage für die Feckerchilbi gekommen sei, sagt Gemeinderätin Andrea Burgener Woeffray (SP). Man habe rasch alle nötigen Bewilligungen erteilt. «Wir möchten, dass Freiburg in guter Erinnerung bleibt.» Trotz guter Zusammenarbeit: Verbesserungspotenzial besteht, wie Wottreng sagt. «Die Behörden müssen noch lernen, wie wichtig uns das Recht auf Selbstbezeichnung ist.» Jenische und Sinti wollten nicht einfach «Fahrende» genannt werden – sondern eben Jenische und Sinti. «Nur ein kleiner Teil ist noch unterwegs und in diesem Sinne fahrend», erklärt Wottreng.

Für sie allerdings setzt er sich ein: Im Kanton Freiburg gebe es zwar mit Châtillon einen sehr guten und geschätzten Standplatz. Er sei aber zu klein. Es brauche mindestens einen bis zwei weitere Standplätze und drei bis vier Durchgangsplätze. Der Durchgangsplatz beim Rastplatz La Joux-des-Ponts an der Autobahn A 12 im Glanebezirk zählt für ihn nicht; dieser sei hauptsächlich für ausländische Fahrende auf Durchreise vorgesehen. Mit ihnen gebe es wenig Austausch.

Staatsrat Jean-Pierre Siggen (CVP) sagt an der Chilbi-Eröffnung, dass momentan Gespräche für einen weiteren Platz am Laufen seien. Er plädiert für Pragmatismus im Umgang mit Jenischen und Sinti. Das gelte auch für die Schule: Weil die Kinder von Jenischen und Sinti, die unterwegs sind, oft ihren Wohnort wechseln, müssen sie auch immer wieder in eine andere Schule. Die Freiburger Gemeinden hätten aber einen Modus Vivendi gefunden und gliederten die Kinder ein, auch wenn sie nicht für das ganze Schuljahr blieben.

Für Sesshafte sei das manchmal wenig verständlich; gerade wenn sie ihre Kinder beispielsweise für eine mehrmonatige Weltreise aus der Schule nehmen wollten und dies nicht erlaubt werde. «Die Jenischen und Sinti reisen nicht zum Vergnügen. Es ist ihre Kultur und ihre Lebensweise, und die gilt es zu respektieren», sagt Siggen.

Verständnis fördern

Die Feckerchilbi soll helfen, dieses Verständnis zu fördern und der Mehrheitsbevölkerung die vielschichtige Kultur der Sinti und Jenischen näherzubringen. Die Menschen zeigen sich, voller Stolz. «Heute ist eine Jenische am Eingang der Feckerchilbi zu mir gekommen. Sie hat ihre unscheinbaren Ohrringe abgenommen und gesagt, jetzt ziehe sie den jenischen Schmuck an», erzählt Radgenossenschaft-Geschäftsführer Wottreng. Daraufhin habe die Frau grosse und prunkvolle Ohrringe aus der Handtasche geholt und angezogen.

«Die jenischen ­Musiker brachten ihren ganz eigenen Charme in die ­Restaurants der Unterstadt.»

Daniel Huber

Präsident Radgenossenschaft der Landstrasse

Programm

Film, Akrobatin und viel Musik

Die Feckerchilbi auf der Wiese an der Grossrahmengasse beginnt jeweils ab 10  Uhr. Tagsüber gibt es Marktstände und Musik im Festzelt, zudem tritt eine Akrobatin auf. Am Samstag ab 15  Uhr kann man sich im Bootschen, einem Wurfspiel, versuchen, und um 18  Uhr wird im Théâtre de la Cité der Film «Kinder der Landstrasse» gezeigt. Am Sonntag findet um 10  Uhr ein ökumenischer Gottesdienst statt. Danach gibt es wieder Musik im Zelt. Am Samstag und Sonntag gibt es für Kinder zudem ein Figurentheater (siehe Seite 8).

nas