Freiburg 15.05.2019

Klösterlicher Schatz wird gehoben

Pater Pascal Marquard, Guardian des Franziskanerklosters, freut sich sehr darauf, die Bücher allen zugänglich zu machen.
Das Franziskanerkloster Freiburg besitzt viele alte Handschriften, deren Inhalt und Entstehungsgeschichte es nicht kennt. Ein Störteam analysiert und katalogisiert sie nun im Rahmen eines Nationalfonds-Projekts.

Es muss aufregend sein, den Deckel eines alten Buchs zu öffnen und sich nach und nach der Geschichten gewahr zu werden, die es enthält. Dieses Privileg haben in den kommenden vier Jahren die beiden Wissenschaftler Dörthe Führer und Mikkel Mangold. Sie werden den wertvollen Handschriftenbestand des Freiburger Franziskanerklosters erfassen und katalogisieren. Dies geschieht im Rahmen eines Nationalfonds-Projekts, das zum Ziel hat, die rund tausend mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften, welche in kleinen und mittelgrossen Bibliotheken der Schweiz liegen, zu erschliessen (siehe Kasten).

«Handschriften sind ein Garten mit sieben Mauern», erklärte gestern der Basler Handschriftenkundler Ueli Dill zum Start der Arbeiten in Freiburg. Er präsidiert das mit der Katalogisierung befasste Kuratorium der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. «Oft sind die Handschriften in einer Sprache geschrieben, die nicht nur schwer zu entziffern, sondern auch schwer zu verstehen ist. Sie haben keinen Titel, kein Inhaltsverzeichnis. All dies gilt es zu entschlüsseln.» Bei seiner Arbeit gehe das Störteam nach den Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft vor. Für die physische und inhaltliche Beschreibung eines Buchs seien zehn Tage nötig. Insgesamt liegen in der Klosterbibliothek 92 mittelalterliche und frühneuzeitliche Bücher.

Nutzbar für alle machen

Pater Pascal Marquard, Guardian des Freiburger Franziskanerklosters, drückte seine Dankbarkeit über die Zusammenarbeit mit dem Kuratorium aus. «Es ist uns wichtig, dass dank der Katalogisierung unsere Bibliothek nicht vergessen geht, dass unsere Werke auffindbar sind und genutzt werden können.» Bei vielen Werken sei nicht bekannt, wie sie in den Besitz des Franziskanerordens gekommen seien, ebenso wenig, auf welche Weise das Kreuz Karls des Kühnen den Weg vom Schlachtfeld in Murten ins Kloster gefunden habe. Die Klostergemeinschaft hofft, dass bei der Sichtung des Bestandes der eine oder andere Zusammenhang aufgeklärt werden kann.

Stör-Bibliothekar Mikkel Mangold geht davon aus, einige Entdeckungen machen zu können. Bei einem Gebetsbuch aus dem 14. Jahrhundert fand er bereits heraus, dass es dem Chorherren Johannes Artuti aus Flandern gehörte. «Plötzlich konnte ich den Namen des Besitzers entziffern, der mir auch schon andernorts begegnet war.» Es sei die Summe der Erkenntnisse, die fasziniere.

Innerhalb eines Buchs seien häufig mehrere verschiedene Schriften mit unterschiedlicher Herkunft und Autorenschaft eingebunden, erklärte Dörthe Führer. Es handle sich nicht bloss um religiöse Schriften. Die Archiv- und Bibliotheksleiterin des Franziskanerklosters, Petra Zimmer, ergänzte: «Die Bücher waren oft im Privatbesitz der Patres und wurden im Todesfall den Klöstern vermacht.» Die Texte seien von den Besitzern unter anderem von Studienaufenthalten in anderen Ländern mitgebracht worden.

Alt-Staatsrat Pascal Corminboeuf wies als Präsident der Stiftung für die Renovation und den Unterhalt des Franziskanerklosters darauf hin, wie wichtig es sei, auf den einzigartigen und unersetzlichen Reichtum der Franziskaner-Bibliothek aufzupassen.

Was es bedeute, wenn das nicht geschehe, habe er beim Kapuzinerkloster in Bulle erlebt. Zahlreiche Schriften seien dort an Klöster in Italien verloren gegangen. Glücklicherweise sei den Verantwortlichen des Franziskanerordens bewusst gewesen, dass es besonderer Anstrengungen bedürfe, um solches zu verhindern. Mit dem Bau einer neuen Bibliothek habe man 2014 die Voraussetzungen für beste Konservierungsbedingungen geschaffen. «Die Lokalitäten wurden geschaffen, jetzt muss noch Leben in die Bibliothek kommen», fasste Baukommissionspräsident Felix Bürdel zusammen.

Zahlen und Fakten

700 000 Franken kostet das Projekt

An die Katalogisierung der 92 mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften-Codices des Franziskanerklosters steuert der Schweizerische Nationalfonds 300 000 Franken bei. Der Anteil des Franziskanerklosters von 400 000 Franken wurde mithilfe der Loterie Romande (330 000 Franken), der Ernst-Göhner-Stiftung sowie der Sophie-und-Karl-Binding-Stiftung aufgebracht. 20 000 Franken fehlen noch. Initiiert wurde die Katalogisierung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften in der Schweiz Anfang der 1980er-Jahre. Das entsprechende Kuratorium der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften betreut die kleineren und mittleren Bibliotheken. Die grossen Bibliotheken katalogisieren ihre Bestände selber.

rsa