Freiburg 15.01.2020

Lädelibesitzer testen die neuen Optionen bei den Öffnungszeiten

Seit Dezember gilt für die Freiburger Altstadt der Status eines touristischen Orts. Dieser erlaubt längere Ladenöffnungszeiten. Die Gewerbler tasten sich langsam an die neuen Möglichkeiten heran.

Plötzlich ging es ganz schnell: Im April 2019 genehmigte der Generalrat die Änderung des Reglements über die Ladenöffnungszeiten, im November wurden die neuen Regeln von der kantonalen Sicherheits- und Justizdirektion abgesegnet, Ende November traten sie in Kraft. Seither geniessen die Geschäftsleute im Burg-, Au- und Neustadtquartier die Privilegien eines touristischen Orts. Sie haben die Möglichkeit, die Läden von Montag bis Samstag bis 22  Uhr und an Sonn- und Feiertagen bis 20  Uhr geöffnet zu haben. Viele Ladenbetreiber wurden von der Neuigkeit fast ein wenig überrumpelt, so dass sie sich noch nicht richtig auf die neue Situation einstellen konnten. Einige haben dennoch sofort reagiert.

«Das hat sich klar gelohnt»

Seit Dezember öffnet Marie-Dominique Zurkinden ihr Blumengeschäft Aux Fleurs an der Lausannegasse samstags bis 17  Uhr. Sofort habe sich ein positiver Effekt eingestellt, erzählt sie: «Wir haben viel mehr Kundinnen und Kunden. Kamen sie früher kurz vor Ladenschluss gehetzt herein, tätigen sie heute ihren Einkauf gelassen um 16.15  Uhr.» Zurkinden überlegt sich, die Öffnungszeiten noch mehr auszuweiten, «doch noch ist nichts spruchreif».

Michael Deforné handelte ebenfalls und öffnete sein Geschäft Audio Pur an den fünf Sonntagen im Dezember. «Nur am ersten kam keiner, der zweite ‹het gfägt›, und danach lief es von allein.»

Auch Sara Volpy von Dédé und Charlotte war an den Sonntagen im Dezember für ihre Kunden da; an den Samstagen weitete sie die Öffnungszeiten bis 19  Uhr aus. «Das hat sich klar gelohnt», sagt sie. Nach den Festtagen gab es für sie aber keinen Grund mehr, das Geschäft am Sonntag offen zu halten. Bei der Ausweitung am Samstag – bis 18.30  Uhr – ist es aber geblieben.

Catherine Trouplin von Crea Boutik und Dolores Braun von Emporion an der Lausannegasse haben bisher ebenfalls gute Erfahrungen mit längeren Öffnungszeiten am Samstag gemacht. Trouplin öffnet bis 19  Uhr, Braun bis 17  Uhr.

Vom Tourismusstatus profitiert auch Dominique Weislo vom Petit Marché in der Neustadtgasse kurz vor der St.-Johann-Brücke. Neu ist sein Geschäft auch am Samstag bis 19  Uhr geöffnet. Er arbeitet damit an sieben Tagen die Woche von 8 bis 19  Uhr. Das war mit Ausnahme vom Samstag allerdings schon immer so. «Manchmal hilft mir mein Sohn, ansonsten habe ich keine Angestellten. Ob ich länger öffne oder nicht, für mich entstehen keine Mehrkosten.»

Warten auf den Sommer

Eine Umsatzsteigerung durch die neuen Öffnungsoptionen erhofft sich Weislo vor allem in der wärmeren Jahreszeit, wenn die Menschen zum Verweilen an die Saane pilgern. Dann kann er sich gar vorstellen, sein Lebensmittelgeschäft unter der Woche bis 20  Uhr und am Sonntag bis 22  Uhr zu öffnen, je nach Kundschaft. «Das ist das Gute an der neuen Regelung. Man kann es machen, wie man will.»

Besonders auf den Sommer setzt auch Emporion-Besitzerin Braun. Sie kann sich vorstellen, im Frühling und Sommer bei schönem Wetter auch am Sonntagnachmittag zwischen 13.30 und 16  Uhr zu öffnen. «Ich sehe die neuen Möglichkeiten positiv, mal schauen, wie es sich entwickelt», sagt Braun. Das sieht auch Michael Deforné von Audio Pur so. Weil er nächstens in ein Lokal weiter oben an der Lausannegasse ziehen wird, hält er vorerst an den bisherigen Öffnungszeiten fest. Danach könne er sich aber vorstellen, etwa einmal pro Monat einen Sonntagsverkauf zu machen. «Gerade im Sommer könnte der Sonntagnachmittag spannend sein.» Angesichts des Klimawandels sei auch denkbar, das Geschäft erst nach der Siesta um 16  Uhr zu öffnen. Deforné würde es aber grundsätzlich begrüssen, wenn sich die Gewerbetreibenden auf gewisse Sonntage im Jahr einigen könnten – und auch in Bezug auf die Öffnungszeiten an den anderen Tagen.

«Wir sind stark vom Tourismus abhängig, darum machen Sonntagsverkäufe für mich vor allem dann Sinn, wenn sie animiert sind oder wenn ein Fest stattfindet oder wenn die anderen Läden mitziehen», sagt auch Sara Volpy von Dédé und Charlotte.

Beschränkter Nutzen

Zurückhaltend bis pessimistisch zeigt sich Marie-Claire Lauper, Gründerin des Blumengeschäfts L’artisan fleu­riste in der Neustadt. «Im Dezember haben wir am Samstag bis 17  Uhr offen gehabt. In der zusätzlichen Stunde hatten wir keinen einzigen Kunden, abgesehen von einer Person am Tag des Nikolaus-Umzugs.» Lauper ist der Ansicht, dass längere Öffnungszeiten für sich allein nichts bringen. «Zuerst braucht es die Anlässe, die den Tourismus ankurbeln.» Wegen der betrüblichen Verkehrssituation in der Neustadtgasse würden die Leute zudem bloss an den Geschäften vorbeigehen. «Seit die Autos auf die Trottoirs ausweichen, ist vor den Schaufenstern kein Leben mehr möglich.»

Wenig euphorisch zeigt sich auch Laurent Simon vom Comptoir des Thés an der Lausannegasse. Er wiederholt seine alte These: Ist kein grosses Warenhaus oder grosser Supermarkt offen, funktionieren die anderen Läden nicht. «Wir müssen aufhören, die grossen und die kleinen Verkaufsflächen gegeneinander auszuspielen», sagt Simon. Noch hält er an seinen alten Öffnungszeiten fest. Allenfalls könne er sich vorstellen, samstags bis 17  Uhr zu öffnen. Abendverkäufe würden dagegen nicht genutzt, ist er überzeugt. Für Simon ist klar: «Der Bedarf an längeren Öffnungszeiten muss grundsätzlich erst noch unter Beweis gestellt werden.» Er räumt aber ein, dass gemeinsame Aktionen des Gewerbes helfen könnten, das Inte­resse der Kundschaft zu wecken. Simon geht es dabei nicht unbedingt nur darum, mehr Umsatz zu erzielen. «Der Vorteil der Neuregelung besteht für mich vor allem in der Freiheit, mal einen Abend für Kunden gestalten zu können, ohne dass dafür eine Bewilligung nötig ist.»

Dem schliesst sich Patrick Riedo von der Weinhandlung Cantina del mulino auf dem Ulmenplatz an. «So können wir problemlos Degustationen an einem Sonntag durchführen.» Ansonsten sieht er keinen Vorteil in der Neuregelung: «Touristen kaufen bei uns nicht ein. Wir leben von unseren Stammkunden.» Damit es sich lohnen würde, an einem Sonntag zu öffnen, müsste dies nicht nur koordiniert mit den anderen Geschäften geschehen, er müsste auch sehr viel Wein verkaufen können. Gleich argumentiert Metzgermeister Nicolas Bertschy in der Neustadt: «Mir bringen längere Öffnungszeiten nichts.»

Neues braucht Zeit

Auch Donata Paganini von der Bottega ethica an der Lausannegasse kann sich vorstellen, an Samstagen künftig bis 17  Uhr zu öffnen. «Ich muss das aber noch mit meinen Mitarbeiterinnen besprechen.» Bei einem Event würde sie auch an vereinzelten Sonntagen aufmachen. «Es braucht aber eine Koordination unter den Gewerbetreibenden.» Grundsätzlich passe die Liberalisierung der Öffnungszeiten zu ihrem Geschäftskonzept. «Wir sind nicht nur ein Verkaufsraum, sondern auch ein Treffpunkt. Wer will, kann etwas kaufen, muss aber nicht.»

Auch der Mangastore Yokamy an der Lausannegasse will zu einem Ort werden, wo sich Jugendliche treffen, Kaffee oder japanischen The trinken, Geburtstag feiern oder Turniere spielen. Seit der Neuregelung öffnet Inhaber Vincent Gyselinck das Geschäft jeden Tag bis 22  Uhr und am Sonntag bis 20  Uhr. «Wir sind gut gestartet. Aber noch müssen sich die Leute an die neuen Gepflogenheiten gewöhnen.»

Gewerbeverein koordiniert

Der Gewerbeverein der Lausannegasse und des Burgquartiers ist laut Präsident Jean-Pascal Graf bereits daran, sich einen Überblick über die konkreten und geplanten Praxisänderungen zu verschaffen. «Wir holen Informationen zu den Öffnungszeiten der Mitglieder ein und planen punktuell gemeinsame Öffnungszeiten», zum Beispiel anlässlich des Filmfestivals. Einen ersten koordinierten Verkaufssamstag oder -sonntag könnte es schon beim Zähringer Narrentreffen vom 25./26. Januar geben.

Arbeitsrecht

Mit Freiburg wird die Büchse der Pandora geöffnet

Die Geschäftsinhaber in der Freiburger Altstadt, die den Sonderstatuts des touristischen Orts bereits nutzen und ihre Geschäfte länger öffnen, übernehmen in der Regel selber die «Zusatzschicht». Zwischen Montag früh und Samstagabend würde es auch kein Problem darstellen, wenn sie dafür Angestellte einsetzten. An Sonn- und Feiertagen hingegen ist dies nicht so einfach. Denn dann brauchen die Geschäftsinhaber für ihre Angestellten eine Bewilligung des Arbeitsinspektorats. Weil das kantonale Gesetz über die Ausübung des Handels die touristische Zone aber nicht gleich definiert wie das Bundesgesetz über die Arbeit, kann es zu Problemen kommen. Zum einen erlaubt der Bund keine ganzjährigen touristischen Zonen, was der Kanton aber tut. Und zum andern knüpft das Bundesgesetz eine Arbeitsbewilligung klar an die spezifischen Bedürfnisse eines Touristen. «Dekorationsartikel gehören nicht dazu», erklärt Charles de Reyff, Chef des kantonalen Amts für den Arbeitsmarkt. «Das ist simples Shopping.»

Aus diesem Grund erhielt Carèle Baudet für ihre Angestellten im Dekogeschäft schräg gegenüber der Kathedrale keine Arbeitsbewilligungen. Die Sonntagsverkäufe vom 15. und 22. Dezember musste sie deshalb mit ihrer Tochter bestreiten. «Das war sehr schade. Denn die Geschäfte liefen sehr gut, und die Verkäuferinnen hätten es gerne gemacht, denn sie wären zu 150 Prozent bezahlt gewesen», sagt sie gegenüber den FN. Das Amt für den Arbeitsmarkt wies auch eine Einsprache ihres Anwalts Claude Gremion ab. «Wir befinden uns in einem Regime der zwei Geschwindigkeiten: Einerseits wollen die Stadt und der Kanton die lokale Wirtschaft fördern, andererseits wird die Ausführungsverordnung zum Arbeitsgesetz noch immer sehr buchstabengetreu, wenn nicht gar rückwärtsgewandt ausgelegt», sagt Gre­mion. «Entweder wird die Interpretation der spezifischen Bedürfnisse von Touristen der heutigen Realität angepasst, oder aber die Verordnung muss auf eidgenössischer Ebene revidiert werden», so Gremion. Auch de Reyff vertritt die Auffassung, dass nach heutigem Verständnis Shopping zu den touristischen Aktivitäten zählt. «Doch leider befinden wir uns heute in einer gesetzlichen Grauzone.»

Druck der Gewerkschaften

Unter dem Druck der Gewerkschaften, die sich in der Stadt Freiburg mit den Behörden einen Kampf um die Ladenöffnungszeiten liefern, wollte es das Arbeitsinspektorat diesmal ganz korrekt machen. Denn eigentlich müsste es aufgrund des Arbeitsgesetzes auch mit den anderen touristischen Orten und Regionen strenger sein, sagt de Reyff. In Murten beispielsweise seien die Geschäftsbetreiber von der Einholung einer Arbeitsbewilligung an Sonntagen dispensiert. «Man spricht nicht darüber, und so wird es zu einer Gewohnheit.» Und das Bundesgericht urteilte im Fall der Migros Murten, dass zu den Bedürfnissen eines Sommertouristen, der am See campiert, salopp gesagt nicht nur die Badeschlappen gehören, sondern auch das Klopapier. Darum darf die Migros am Sonntag öffnen. Anders entschied das Kantonsgericht bei einem Rekurs der Gewerkschaft Unia zu Estavayer-le-Lac. Es wies das Dossier an das Amt für den Arbeitsmarkt zurück, weil dieses nicht geprüft habe, wie stark die örtliche Wirtschaft tatsächlich vom Tourismus abhänge. «Wie auch immer das Arbeitsinspektorat entscheidet, entweder rekurrieren die Gewerkschaften oder die Geschäftsbetreiber. Mit dem neu eingeführten Tourismusstatus im Burg-, Au- und Neustadtquartier wurde jedenfalls die Büchse der Pandora geöffnet. Es bahnt sich ein grosses Problem an», sagt de Reyff. Laut ihm stellt sich das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) auf den Standpunkt, dass das Problem in die Autonomie der Kantone falle. «Solange dem so ist, warten wir auf eine Klärung der Fragen durch die Gerichte», sagt de Reyff. Das Seco war gestern nicht in der Lage, auf die von den FN gestellten Fragen zu antworten.