Daniel Wegmann 23.01.2020

Lügner!

Zusammen mit einem guten Freund bestieg ich im September 2010 den Mount Langley und genoss die traumhafte Aussicht über die Sierra Nevada. Die Nacht davor hatten wir unser Zelt an einem einsamen Bergsee aufgeschlagen und versucht, uns an der Milchstrasse sattzusehen. Auf dem Gipfel schweiften unser Blicke von der Wüste im Death Valley bis zu den Coastal Mountains, und mit reichlich Fantasie glaubten wir dahinter auch noch den Pazifik zu erkennen.

Während sich meine Zunge noch mit den hartnäckigsten Nougatstücken der Gipfeltoblerone abmühte, betrachtete ich mit meinen Feldstecher den knapp acht Kilometer entfernen Mount Whitney, dem mit 4421 Metern höchsten Gipfel der USA ausserhalb Alaskas. Dort oben drängte sich ein Haufen greller Outdoorjacken, darin eingepackt die glücklichen Gewinnerinnen und Gewinner der begehrten Be­steigungsbewilligungen für diesen Tag.

Warum wollen alle nur immer genau an denselben Ort? Die Welt bietet fast unendlich viele traumhafte Plätze, aber manchmal scheint es mir, im Internet hätte es nur Platz für einige wenige. Kein Wunder: Es glaubt mir ja auch niemand, ich sei in Paris gewesen, ohne Selfie vor dem Eiffelturm. Und sowieso: Nur Aussteiger geben sich mit dem siebthöchsten Gipfel zufrieden, wenn man doch auf den höchsten kann!

Das haben sich bestimmt auch die 5780 Personen gedacht, die bis jetzt den Mount Everest erklommen haben. Die Suche nach Einsamkeit kann es nicht sein, denn an guten Tag muss man auf 8800 Metern bis zu eineinhalb Stunden anstehen, um auf den Gipfel zu kommen. Das kann gefährlich sein: Die Mehrheit der bis jetzt 305 Verunglückten starben auf dem Rückweg.

Deutlich einsamer ist es am tiefsten Punkt der Erde. Vor genau 60 Jahren, am 23.  Ja­nuar  1960, haben Jacques Piccard und Don Walsh als erste die als Challengertiefe bekannte Stelle im Marianengraben aufgesucht. Nur zwei weitere Menschen waren seither in einer solche Tiefe, und damit nur ein Drittel so viele wie auf dem Mond. Zugegeben, ein Selfie aus der dunklen Tiefsee ist halt schon nicht so spektakulär.

Nicht, dass ein Selfie immer genügen würde. Gemäss einer kürzlichen Umfrage in den USA glauben rund sechs Prozent, dass die Mondlandung nie stattgefunden hat. In Russland sollen es sogar mehr als 25  Prozent sein. Und das, obwohl seither verschiedene Satelliten die Landeplätze fotografiert haben.

Was bringt Menschen dazu, vehement an sich widerlegbare Unwahrheiten zu verbreiten? Klar, nicht alles im Leben ist überprüfbar. Manche mögen sogar einwerfen, dass es Wahrheit an sich nicht gibt. Das mag für philosophische Ohren nach reinster Poesie klingen, ist aber wenig alltagstauglich. Und so bekennen sich die Naturwissenschaften dazu, überprüfbare Wahrheiten unserer Welt zu ergründen.

Das heisst aber noch lange nicht, dass sich jede Wahrheit unseren Messungen und Beobachtungen erschliesst. Wo genau die tiefste Stelle im ­Marianengraben liegt, ist zum Beispiel immer noch umstritten, denn eine genau Messung bleibt technisch anspruchsvoll. Entscheidend ist aber nicht, wie gross die Messfehler an sich sind, sondern wie sie im Verhältnis zur Messgrösse stehen. Und so ist die Challengertiefe ganz bestimmt über 10 900 Meter tief, und ein darin versenkter Mount Everest würde mit Sicherheit nicht aus dem Meer ragen. Wer es bezweifelt, möge sich einen grossen Bagger leihen.

Menschen, die sich wissentlich um überprüfbare Fakten scheren, bezeichnen wir gemeinhin als Lügner. Und Lügner, denken wir, hätten in unserer Gesellschaft keinen Platz. Und dennoch sind sie oft unheimlich erfolgreich, gerade in der gegenwärtigen Politik. Woran mag das liegen?

Vielleicht, weil wir alle Mühe damit haben, unser Weltverständnis zu hinterfragen. Das lässt sich experimentell zeigen: Kürzlich wurden in den USA Probanden zuerst über ihre Einstellung zu Waffen befragt. Danach wurde ihnen eine Studie gezeigt, die angeblich einen positiven oder negativen Effekt eines neu erlassenen Waffenverbots in einem anderen Staat der USA beschrieb. Beide Studien waren exakt identisch, sie zeigen einfach vertauschte Zahlen. Dennoch beurteilten die Personen die vorgelegte Studie immer dann als robust und gut gemacht, wenn sie ihrer Meinung entsprach, und als zweifelhaft und nicht aussagekräftig, wenn sie ihrer Meinung widersprach.

Geschickte Lügner nutzen das gezielt aus: Sie bezweifeln nicht nur die Fakten an sich, sie bemühen sich vor allem auch darum, die Quelle der Fakten in Zweifel zu ziehen. Professionelle Lügner erkennt man darum am besten daran, dass sie weniger gerne über Zahlen reden, als anderen Böswilligkeit zu unterstellen. Gehen Sie ihnen nicht auf den Leim!

Daniel Wegmann ist Professor für Bioinformatik an der Universität Freiburg und entwickelt statistische Verfahren, um evolutive und ökologische Prozesse auf Grund grosser Datensätze zu beschreiben. Er hat in Bern und den USA studiert und ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die regelmässig naturwissenschaftliche Themen bearbeitet.