Freiburg 08.11.2019

Nach dem Frust der Aufbruch

Wie kann die Altstadt wiederbelebt werden? Mit dieser Frage setzten sich Experten auseinander.
In zahlreichen Workshops, Gesprächen und Sitzungen hat sich Espace Suisse der Probleme von Anwohnern und Gewerbetreibenden in der Freiburger Altstadt angenommen. Nun liegt der Schlussbericht vor.

Wie so oft in Krisensituationen laufen die Betroffenen Gefahr, sich gegenseitig zu zerfleischen, statt gemeinsam an einem Strick zu ziehen. So geschehen in der Freiburger Altstadt. Die Schliessung der Zähringerbrücke für den Verkehr und sich wandelnde Lebensgewohnheiten, wie das Einkaufen im Internet, führten dazu, dass sich die Gewerbetreibenden zunehmend in ihrer Existenz bedroht sahen. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Burgquartiers, aber auch des Au- und Neustadtquartiers, fühlten sich in ihrer Misere alleine gelassen. Auch die Umgestaltungspläne der Stadtregierung für das Burgquartier vermochten nicht nur zu begeistern, zumal viele befürchteten, dass die Altstadt so zu einem Museum ohne Leben verkommt. Die Versammlungen der verschiedenen Interessengruppen endeten nicht selten im Tumult, die Aggressionen gegen die Behörden traten unverhohlen zutage.

Mediation gelungen

Und so kam es, dass sich der Gemeinderat im Juni 2017 Hilfe von aussen holte. Das Kompetenzzentrum für Altstadtfragen «Netzwerk Altstadt», Teil von Espace Suisse, sollte Wege aufzeigen, wie die Freiburger Altstadt wiederbelebt werden kann. Am Mittwochabend stellten die Raumplanungsexperten im Grenette-Saal nun ihren Schlussbericht vor. Er beinhaltet eine Strategie mit sieben Stossrichtungen und 22 konkreten Massnahmen.

Gekommen sind rund 150 Personen – Liegenschaftseigentümer, Gewerbetreibende, Mitglieder der Quartiervereine, Bewohner und der Gemeinderat in corpore. Und um es gleich vorwegzunehmen: Die Stimmung verhiess Gutes. Es fand sich eine regelrecht geläuterte Gesellschaft vor – eine Gemeinschaft eben. «Das ist vielleicht das grösste Ergebnis», bestätigt Syndic Thierry Steiert (SP) gegenüber den FN. «Die Experten haben zur Deeskalation der Situation beigetragen.» Einzig Gastro Freiburg konnten mit der Aktion nicht erreicht werden (siehe Kasten).

Aber nicht nur der Dialog war erschwert. Im Fall von Freiburg stiessen die Experten auch auf eine andere Besonderheit, wie Espace-Suisse-Berater Martin Beutler sagte: «Kaum ein anderer Kanton begünstigte den Bau von Einfamilienquartieren am Stadtrand, ohne sich zu überlegen, wie diese verkehrstechnisch angebunden werden sollen. Einkaufszentren auf der grünen Wiese konkurrenzieren zudem den Detailhandel im Zentrum.»

Knackpunkt Verkehr

Mit dieser Situation seien die Gewerbetreibenden in der Altstadt allzu lange alleingelassen worden, so Beutler. Die externen Berater schenkten ihnen nun nicht nur Gehör, sondern griffen auch zu einem besonderen Schachzug. «Wir befürworten entgegen unseren Empfehlungen in anderen Städten den Bau eines unterirdischen Parkhauses beim Klein-Paradiesplatz», erklärte Beutler. Nur so könne verhindert werden, dass die ewigen Streitereien um die Parkplatzfrage ein Vorankommen behindern. Ein Parkhaus könnte zudem neben dem Bahnhof als zweite Eintrittspforte in die Stadt dienen.

Erdgeschosse aufwerten

Gemäss den Experten muss der öffentliche Raum im Gebiet zwischen Linde und Kathedrale zudem eine klare Identität bekommen, etwa durch eine neue Bezeichnung des ganzen Platzes, mithilfe von temporären Aktionen, wie einem Sandkasten hinter der Kathedrale während der Sommermonate, oder aber mit Blumen. Wichtig sei aber auch eine bessere Nutzung leer stehender Erdgeschosse, zum Beispiel durch Pop-ups. Zu überlegen sei weiter, wie man die Erdgeschosse des Kantonalbankgebäudes und der Verwaltungsgebäude für die Öffentlichkeit nutzbar machen könne.

Schaffen einer Plattform

Ein anderer Vorschlag von Espace Suisse ist die Schaffung einer Art Dachorganisation oder Plattform aller Interessenvereinigungen – ähnlich den Quartierorganisationen in der Stadt Bern. Diese würden den Austausch von Ideen unterei­nander und mit dem Gemeinderat begünstigen.

Stadt der Dienstleistung

Martin Beutler machte deutlich, dass alle involvierten Parteien gefordert seien: «Wir können keine Wunder bewirken.» Sich neuen Entwicklungen anzupassen, könne den Gewerblern nicht abgenommen werden. «Doch die Stadt muss Verantwortung übernehmen.» Sprich, sie muss reinen Wein einschenken und den Menschen bei der Umsetzung ihrer Projekte helfen. Wichtig sei auch, dass die Stadt ein eigenes Tourismuskonzept entwickle. «Will man Pilger anlocken, braucht es unbedingt ein Geschäft, das Kruzifixe verkauft.» Die Gewerbetreibenden müssten ihrerseits die Öffnungszeiten aufeinander abstimmen. «So dass sich der Besucher aus Bern sicher sein kann: Am Samstag zwischen 14 und 18 Uhr sind alle Läden offen.»­­

Aufwertungsprojekt

Einsprecher sind gespalten

Die Revitalisierungsmassnahmen von Espace Suis­se sind teilweise schon angelaufen oder bereits budgetiert. Sie ergänzen die raumplanerische Neugestaltung des Burgquartiers. Diese ist allerdings durch Einsprachen blockiert. So wehrt sich Gastro Freiburg gegen die Streichung von Parkplätzen. Dieser Einsprache hatte sich der Gewerbeverein der Lausannegasse und des Burgquartiers angeschlossen. Dem Vernehmen nach hat unter seinen Mitgliedern allerdings ein Gesinnungswandel stattgefunden. Präsident Jean-Pascal Graf bestätigt: «Ja, wir haben den Eindruck, dass der Gemeinderat sensibler für unsere Probleme geworden ist.» Aus dem laufenden Einspracheverfahren auszusteigen, sei zurzeit aber nicht opportun, so Graf.

rsa