Katharina M. Fromm 13.07.2017

Sommerzeit – Ferienzeit, und von einem Konzertbesuch

 

E

s ist wieder so weit: Alle Jahre wieder packen wir die Koffer für die Ferien an der Ostsee mit einem Querschnitt durch den ganzen Kleiderschrank, denn das Wetter dort oben ist unberechenbar. Unter Schimpfen (das Fluchen überhöre ich geflissentlich) wird das Auto bis unters Dach vollgepackt und schon geht es los Richtung Norden bei strahlendem Sonnenschein und 35 Grad Celsius im Schatten.

 

 

Die erste Etappe endet entnervt bereits auf der Höhe von Freiburg im Breisgau, nach Staus hinter Bern und vor Basel. Nach Staus bei Karlsruhe, Hannover und am Hamburger Kreuz sowie irgendwo zwischen Hamburg und Lübeck, Ankunft an Tag zwei gegen 17 Uhr bei Regen, 14 Grad. Am nächsten Tag gesellt sich Windstärke 8 bis 9 dazu. Da hilft nur Kultur, also ab nach Hamburg in die Elbphilharmonie, zu Hélène Grimaud.

Wir sind gespannt auf das Gebäude und die Musik, schliesslich soll die Akustik ja einmalig klar und präzise sein! Wir nehmen unsere Plätze auf bequem gepolsterten Sitzen ein. Der Saal ist voll, als das Licht gedimmt wird und eine erwartungsvolle Stille eintritt. Die ersten Huster platzen in den Raum hinein, und tatsächlich, die Akustik ist bestens!

Endlich geht es los, Hélène Grimaud setzt sich ans Klavier, das vor einem riesigen Bildschirm steht, und beginnt zu spielen. Ganz sanft, fast zögerlich, plätschert die Musik los – passend zum Thema Natur, speziell Wald und Wasser, fliessen auf der Leinwand poetische Bilder ineinander. Man spürt das Anliegen der Künstler, auf die wertvolle Natur hinzuweisen.

Und ja, man hört auch die Natur des Menschen: ein wahres Hustenkonzert. Das tiefe Räuspern meines Nachbarn zur Rechten (übrigens ein Schweizer, wie ich vernehmen konnte), dann auf Ebene 16, Reihe U.1.11 ein Raucherhusten (ich höre es genau!), das Klicken eines Fotoapparats in Block 15 von Sitz L.1.3, die korpulente Dame von Ebene 12, Sitz B.1.1 erleichtert sich regelmässig hustentechnisch, von Reihe L. 3.11 auf Ebene 15 tönt ein trockener, irritierter Husten zu Ravel, gefolgt vom allergischen Husten von Balkon 16, Y.2.11, und dem Schnupfen von Block 15, K.2.6., die «hervorragend» Liszt untermalen.

Der Herr vor mir zückt alle fünf Minuten sein Natel, hebt es leicht über seinen Kopf und schiesst ein paar Bilder – ich sehe Hélène Grimaud nur noch durch seinen Bildschirm. Der Po meines Nachbarn brummt, er zückt sein Telefon aus der rechten Potasche seiner Jeans und stellt es ab. Die Frau meines Vordermanns packt nun ihrerseits ihr Natel aus und knipst auch ein paar Bilder, da hat ihr Mann auch schon wieder seines im Anschlag.

Ich denke sehr laut darüber nach, was ich ihm antue, wenn er das nächste Mal fotografiert, als von Block 13, I.5.2. das «Whoop» einer frisch verschickten SMS erschallt. Mein Vordermann zückt schon wieder sein Telefon, diesmal um seine Nachrichten zu prüfen.

Die letzten sanften Töne klingen spannungsvoll von den Klaviersaiten, als das Niesen der Person hinter mir den Schlussakkord, und damit wohl auch die Liveaufnahme, versaut. Ist es den Menschen schlichtweg nicht mehr möglich, eine Stunde ohne Husten und Natel still zu sitzen und toller Musik zu lauschen? Davon muss nach dem heutigen Experiment dringend ausgegangen werden … Hatschi.

Katharina M. Fromm wohnt in Freiburg und ist seit 2006 Professorin für Chemie an der Universität Freiburg. Sie ist Mitglied einer FN-Autoren-Gruppe, die im Monatsrhythmus frei gewählte Themen bearbeitet.

Gastkolumne