Freiburg 09.06.2020

«Überall auf der Welt sind wir schwarz»

Chancel Soki ist in diesen Zeiten ein gefragter Interviewpartner.
Der Freiburger Chancel Soki setzt sich als Präsident des Vereins À qui le tour gegen Rassismus ein. Im Interview erklärt er, warum die aktuellen Proteste im Zusammenhang mit dem Tod von George Floyd in den USA auch Freiburg etwas angehen.

Der Tod von George Floyd erschüttert derzeit die Welt. Polizisten töteten den Afroamerikaner in Minnesota vor laufender Handykamera. Seither protestieren Tausende in den USA und in anderen Ländern. Doch was hat der Tod von George Floyd mit Freiburg zu tun? Ziemlich viel, sagt Chancel Soki. Er hat Wurzeln in der Demokratischen Republik Kongo, ist in Freiburg geboren, im Schönbergquartier aufgewachsen und wohnt heute in Neuenburg. Er präsidiert den Verein À qui le tour, der sich gegen Rassismus und für Menschen mit afrikanischen Wurzeln in der Schweiz einsetzt (siehe Kasten).

Was haben Sie gedacht, als Sie vom Tod von George Floyd erfahren haben?

Chancel Soki: Ich war erschüttert, so wie viele andere afrikanischstämmige Menschen in der Schweiz. Das trifft uns alle auf einer sehr persönlichen Ebene: Wir haben Angst, wir denken, das hätten auch wir sein können. Nicht zuletzt sehen wir in diesem Video jemanden, der während Minuten gequält wird und schliesslich stirbt. Das ist sehr traumatisierend.

Der Vorfall hat auch in Freiburg Wellen geschlagen, und viele fragen sich jetzt, ob wir hier ebenfalls ein Problem haben.

Die Schweiz ist keine Ausnahme, wenn es um Rassismus geht. Ich bin im Schönbergquartier aufgewachsen, einem wahnsinnig multikulturellen Quartier. Wenn ich mit meinen Freunden das Quartier verlassen habe und wir zum Beispiel in die Innenstadt gegangen sind, wurden wir sofort anders behandelt als im Schönberg. Das führt dazu, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von sehr multikulturellen Quartieren wie dem Schönberg, aber auch aus Villars-Vert oder dem Pérolles, unter sich bleiben, auch wenn sie ihre Quartiere verlassen.

Haben Sie Diskriminierung in Freiburg erlebt?

Ja, da gibt es viele Beispiele. Wenn ich mich etwa an die OS zurückerinnere: Wenn etwas gestohlen wurde, standen wir Schüler vom Schönberg oft sofort unter Verdacht. Auch wenn wir gar nichts mit der Sache zu tun hatten, wurden wir befragt wie von der Polizei.

Gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem Rassismus in der Schweiz und dem Rassismus in den USA?

Man muss zunächst einmal festhalten, dass es verschiedene Ausformungen von Rassismus gibt. Die Negrophobie, also der Hass gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe, ist sicher eine der stärksten Formen, es gibt sie überall auf der Welt. Unsere Hautfarbe können wir schliesslich nicht verstecken, wir sind überall auf der Welt schwarz. Fast überall hat diese Negrophobie ihren Ursprung in der Kolonialzeit.

Gibt es auch Unterschiede in der Ausprägung in verschiedenen Ländern?

Ja. In den USA ist Rassismus meistens viel gewalttätiger als in der Schweiz. Das liegt aber auch daran, dass die Gesellschaft in den USA extrem gewalttätig ist, es gibt viel mehr Waffen. Aber selbst in der Schweiz gibt es Fälle, in denen Schwarze durch einen Polizeieinsatz ums Leben kamen. Und das ist ein Problem.

«Es muss in den Köpfen der Leute ankommen, dass Rassismus ein Problem ist.»

Chancel Soki

Präsident Verein À qui le tour

In Freiburg gibt es die Woche gegen Rassismus. Nützen solche Aktionen etwas?

Auf jeden Fall, denn sie sensibilisieren die Bevölkerung. Die Organisatoren leisten hier sehr gute Arbeit, aber es bleibt noch viel zu tun. Es muss in den Köpfen der Leute ankommen, dass Rassismus ein Problem ist. Aber es braucht auch den Staat: Es gibt zwar Gesetze gegen Rassismus, diese müssen aber durchgesetzt werden. Wenn sich jemand rassistisch äussert, sollte er genau so konsequent eine Busse erhalten, wie wenn er über ein Rotlicht fährt.

Was können Weisse konkret tun, um die Anliegen von Menschen mit dunkler Hautfarbe zu unter- stützen?

Ein erster Schritt ist sicherlich, anzuerkennen, dass man als Person mit weisser Hautfarbe privilegiert ist. Das Zweite ist, mit anderen Weissen über Rassismus zu sprechen. Häufig wird den Schwarzen die Rolle zuteil, den Weissen das Problem zu erklären. Dabei ist Rassismus eigentlich kein Problem der Schwarzen, sondern wurde von Weissen kreiert. Und das Dritte: Weisse können Schwarze sichtbar machen, indem sie ihnen Zugang zu Plattformen bieten, um sich zu äussern, zu denen sie sonst vielleicht keinen Zugang hätten.

Wie erleben Sie die Gemeinschaft afrikanischstämmiger Menschen in der Schweiz in dieser Zeit der Proteste?

Als sehr engagiert. Wir Schweizer Schwarzen, wir sind eine neue Generation, wir haben eine gute Ausbildung, und wir sind stolz. Wir zahlen unsere Steuern und wollen behandelt werden wie alle anderen Bürgerinnen und Bürger des Landes. Rassismus akzeptieren wir nicht.

Verein

Gegen Rassismus, für Aufklärung

Der Westschweizer Verein À qui le tour war zunächst ein Kollektiv, gegründet nach dem Tod des in der Schweiz aufgewachsenen Kongolesen Hervé Mandundu bei einem Polizeieinsatz in Bex. Später wurde es zu einem Verein. Ziel der Organisation ist es, gegen systemischen Rassismus zu kämpfen, wie Präsident Chancel Soki gegenüber den FN sagt. Daneben geht es auch darum, afrikanischstämmigen Menschen in der Schweiz zu erklären, wie das Land funktioniert. «Viele von ihnen wissen zum Beispiel nicht, dass es in der Vorsorge eine dritte Säule gibt», sagt Chancel Soki. Nur wenn die Menschen sich zurechtfinden und ihre Rechte und Möglichkeiten kennen würden, könnten sie sich auch gegen Rassismus wehren. Der Verein ist in der ganzen Westschweiz aktiv, auch in Freiburg.

nas