FrEiburg 03.11.2017

Unermüdlicher Einsatz für Sexarbeiterinnen

Jacques Eschmann (links), Corinne Siffert und Bernard Carrel vor dem Büro von Grisélidis an der Perollesstrasse.
Seit zehn Jahren kümmert sich die Organisation Fri-Santé mit ihrem Programm Grisélidis um Sexarbeiterinnen und Drogenabhängige im Kanton Freiburg. Ein Grund zum Feiern? Das fragten die FN die Verantwortlichen von Grisélidis.

Grisélidis Real (1929-2005) war eine Schweizer Prostituierte, Künstlerin und Buchautorin. Sie kämpfte für die Rechte der Prostituierten. Am 8. März 2007 startete der Freiburger Verein Fri-Santé in Anlehnung an die Pionierin der Prostituierten-Bewegung das Programm Grisélidis (siehe Kasten). Die FN sprachen mit der Programmverantwortlichen ad interim, Corinne Siffert, sowie den Vorstandsmitgliedern Jacques Eschmann und Bernard Carrel über die Errungenschaften und Herausforderungen im Kampf um die Rechte von Sexarbeiterinnen.

Zehn Jahre Grisélidis: Gibt es überhaupt etwas zu feiern?

Bernard Carrel: Aber sicher.

Jacques Eschmann: Ja, zehn Jahre Arbeit auf dem Terrain ...

Corinne Siffert: ... und die Verteidigung der Rechte von Sexarbeiterinnen. Vorher gab es im Kanton Freiburg keine Struktur, die sich der Sexarbeiterinnen annahm.

Anders gefragt: Was haben Sie bisher erreicht?

Carrel: Wir haben eine Organisationsstruktur aufgebaut, die sich in einem schwierigen Spannungsfeld bewegt – zwischen Polizei, Barbetreibern, Sexarbeiterinnen, Freiern und Anwohnern. Zwischen diesen verschiedenen Akteuren hat sich Grisélidis einen Platz ergattert.

Welche Rolle kommt Grisélidis dabei genau zu?

Carrel: Wir arbeiten für die Autonomie der Sexarbeiterinnen gegenüber allen Akteuren. Grisélidis nimmt sich zum einen der Prostituierten anwaltschaftlich an. Zum anderen versteht sich Grisélidis auch als Bindeglied zum Staat. Denn wir sind nicht blind, wir sehen auch die Probleme, die es im Milieu gibt.

Siffert: Die Prävention und die gesundheitliche und soziale Betreuung der Sexarbeiterinnen ist ein klares Mandat, welches sich aus dem kantonalen Gesetz über die Ausübung der Prostitution ergibt. Wir helfen den Sexarbeiterinnen nicht nur, ihre Gesundheit zu schützen, sondern auch, die 90-tägige Arbeitsbewilligung oder eine B-Bewilligung zu erlangen.

Wie hat sich das Milieu in den vergangenen Jahren verändert?

Siffert: Das Personenfreizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU und das kantonale Gesetz über die Ausübung der Prostitution erfordern eine Melde- und Bewilligungspflicht für Sexarbeiterinnen. Damit hat sich das Gesicht der Strassenprostitution verändert. Die illegalen Sexarbeiterinnen haben diese Orte verlassen und den europäischen Sexarbeiterinnen überlassen.

Das heisst, Sexarbeiterinnen aus Nicht-EU-Staaten ...

Siffert: ... sind illegal.

Und nicht mehr in Ihrem Blickfeld?

Siffert: Ja, das ist leider so. Für diese Frauen ist es besonders schwer.

Grisélidis richtet sich zwar an Prostituierte im ganzen Kanton, aber das Aktivitätsgebiet ist vor allem die Alte Brunnengasse in Freiburg (Grand-Fontaine). Warum?

Eschmann: Das hat vor allem historische Gründe. Dort gab es schon immer Prostitution. Seit den 1980er-Jahren regelt ein städtisches Reglement, wo Strassenprostitution stattfinden darf und wo nicht. Erlaubt ist sie eben auch an der Alten Brunnengasse.

Siffert: Freiburg ist die einzige Gemeinde, die das regelt. Im Rest des Kantons gibt es keine vergleichbare Strassenprostitution, sie findet verteilt in Massagesalons statt.

Vor einigen Jahren gab es Überlegungen der Stadt, das Milieu aus der Alten Brunnengasse zu verbannen. Was ist damit?

Eschmann: Das war in den letzten Monaten kein Thema mehr.

Und was ist mit den Anwohnern, die sich beschwert hatten?

Siffert: Das hat sich auch beruhigt. Mit Gesprächen im Milieu haben wir versucht, für das Problem zu sensibilisieren.

Carrel: Und seit einigen Jahren sorgen an Wochenenden private Sicherheitsfirmen für mehr Ruhe.

Eschmann: Uns ist es wichtig, dass die Alte Brunnengasse oder auch die Alpenstrasse offen bleiben für die Prostitution. Denn dort herrscht eine gewisse soziale Kontrolle. Wenn die Prostitution in Industriegebiete verbannt wird, sind die Sexarbeiterinnen weniger sicher.

Carrel: Ja. Denn die Prostituierten sind vielen Gefahren ausgesetzt: dem Menschenhandel, Zuhältern, dem Drogenhandel. Das müssen wir beobachten können.

Ist Menschenhandel ein konkretes Thema in der Freiburger Strassenprostitution?

Siffert: Wir haben davon keine Kenntnis. Aber es ist schwierig, das herauszufinden. Kürzlich gab es erstmals in der langen Geschichte einer Genfer Partnerorganisation eine Frau, die den Mut hatte, Menschenhandel anzuzeigen.

Seit Grisélidis existiert, wenden sich immer mehr Frauen an Ihre Organisation. Ist das so, weil Grisélidis bekannter geworden ist, oder weil es mehr Probleme gibt?

Siffert: Zum einen sind wir im Milieu gut verankert, zum anderen haben wir unsere Kompetenzen immer weiter ausgebaut. Wir können den Frauen bei den Aufenthaltsbewilligungen weiterhelfen, bei den Steuern, den Sozialversicherungen und Krankenkassen.

Eschmann: Die behördlichen Anforderungen an die Sexarbeiterinnen sind hoch. Heute brauchen sie sogar einen Businessplan.

Neben den Sprechstunden in den Büroräumlichkeiten an der Perollesstrasse sind Sie einmal pro Woche mit einem Bus an der Alten Brunnengasse präsent, und einmal pro Woche gibt es eine Permanence in einer Bar. Mit welchen Anliegen kommen die Frauen zu Ihnen?

Siffert: Neben Fragen zur Aufenthaltsbewilligung und anderen administrativen Angelegenheiten ist vor allem der ungeschützte Geschlechtsverkehr ein Thema. Wir leiten die Frauen an andere Stellen weiter, in­formieren und verteilen Präservative.

Haben Sie den Eindruck, dass die Frauen selbstbewusst genug sind, um sich gegenüber Freiern durchzusetzen?

Siffert: Ja. Viele Frauen haben lange Erfahrungen in der Prostitution – auch in anderen Ländern. Aber bei jüngeren Frauen müssen wir manchmal schon schauen, dass sie den Freiern klarmachen, dass ohne Präservativ nichts geht.

Carrel: Gerade jüngere Frauen, die sich auf dem Markt neu behaupten müssen, gehen manchmal Konzessionen ein, die für die anderen Sexarbei­terinnen problematisch sind. Sie bieten zum Beispiel Sex zu tieferen Preisen an als ­üblich.

Siffert: Bei einer Aufenthaltsbewilligung von bloss 90  Tagen wollen die Frauen natürlich Geld verdienen. Es gibt Frauen, die nur für ein Wochenende oder nur während den Ferien nach Freiburg kommen. Oft reisen die Frauen von einem Ort zum anderen, weil sie dann interessanter sind. Die Konkurrenz gegenüber jenen Frauen, die sich an einem Ort etabliert haben, ist dafür umso grösser.

Eschmann: Zum Teil kommt es dann zu richtigen Handgreiflichkeiten.

Weil diese Sexarbeiterinnen mit tieferen Tarifen den Markt ruinieren?

Carrel: Ja. Und das macht die Sexarbeiterinnen von den Freiern abhängig, weil diese dann den Tarif durchgeben können.

Siffert: Darum ist es ratsam, dass die Sexarbeiterinnen ­solidarisch sind. Sie müssen das Heft in der Hand haben und bestimmen können, mit welchem Freier sie was zu welchem Preis machen.

Daher auch der Ausdruck Sexarbeiterinnen und nicht Prostituierte?

Siffert: Sexarbeit ist eine selbstständige Erwerbstätigkeit und nur als solche legal. Sexarbeiterinnen haben die gleichen Pflichten wie ein selbstständiger Taxifahrer oder ein Friseur.

Carrel: Dazu kommt, dass der Begriff «Prostituierte» eine moralisch abwertende Konnotation hat.

Erleben Sie es oft, dass Sexarbeiterinnen aus dem Beruf aussteigen?

Siffert: Nein, das ist selten. Viele glauben, dass sie mit dem Permis  B auch in einen anderen Beruf einsteigen können. Aber das ist nicht so. Es ist eine spezifisch für die Prostitution ausgestellte Aufenthaltsbewilligung.

Begreift man Prostitution als Sexarbeit, lenkt das aber auch von der Tatsache ab, dass Strassenprostituierte oft nicht freiwillig ihren Körper verkaufen.

Siffert: Ja. Die Prostitution ist nur eine Wahl in einer wirtschaftlich bedingten Wahllosigkeit der Sexarbeiterinnen. Ich empfinde viel Respekt ge­genüber den Frauen, die uns aufsuchen. Sie lassen nicht nur ihre Familien in der Heimat zurück, sondern finanzieren mithilfe ihrer Arbeit die Schulkosten ihrer Kinder und vieles mehr.

Das zweite Zielpublikum von Grisélidis sind die Drogenabhängigen. Einmal pro Monat bieten Sie Sprechstunden in der Drogenanlaufstelle Le Tremplin an. In Ihrem Jahresbericht schreiben Sie, dass Sexarbeit bei Drogensüchtigen ein Tabu sei. Wie ist das zu verstehen?

Siffert: Drogensüchtige bieten Sex in der Regel nur an, um ihre Sucht zu finanzieren. Darum sprechen wir mit den Betroffenen vor allem über ihre Gefühle in sexuellen Beziehungen und darüber, wie sie sich vor Krankheiten und Schwangerschaften schützen können.

Was wünscht sich Grisélidis für die Zukunft?

Siffert: Dass wir uns professionalisieren können. Dass wir für die Strassenarbeit Mitarbeiterinnen einstellen können, die aus dem Milieu ausgestiegen sind. Und dass wir auf administrativer Ebene mehr Zeit haben, um Verbesserungen anzustossen.

Woran denken Sie da?

Siffert: Es wäre gut, wenn es auch für Sexarbeiterinnen Pauschalabzüge bei den Steuern gäbe – für Kleidung, Schminke und so weiter. Hier harzt es im Kanton Freiburg immer noch.

Eschmann: In der Rechnung 2016 weist Grisélidis Ausgaben von 178 500  Franken auf. 90 000  Franken Einnahmen kommen von der Justizdirektion, 65 000  Franken von der Loterie Romande. Den Rest decken wir mit Spenden. Wenn es ein Staatsdienst wäre, würden bestimmt 500 000  Franken veranschlagt. Grisélidis braucht mehr Geld für eine stabile Personalstruktur.

Siffert: Im Moment können wir nur Basisarbeit leisten.

«Die Prostitution ist nur eine Wahl in einer wirtschaftlich bedingten Wahllosigkeit der Sexarbeiterinnen.»

Corinne Siffert

Verantwortliche Grisélidis

«Wenn die Prostitution in ­Industriegebiete verbannt wird, sind Sexarbeiterinnen weniger sicher.»

Jacques Eschmann

Vorstand Grisélidis

Zahlen und Fakten

Wichtige Arbeit mit 1,17 Vollzeitstellen

Grisélidis ist ein Programm von Fri-Santé, das sich mit der Prävention und der Gesundheitsförderung bei Sexarbeiterinnen und drogenabhängigen Menschen beschäftigt. Für das Programm stehen 1,17 Vollzeitstellen zur Verfügung: Sie umfassen die Programmleitung, das Sekretariat und fünf Mitarbeiterinnen im Stundenlohn. Hinzu kommen sieben Freiwillige. Jeden Donnerstagabend sind Sozialarbeiterinnen mit einem Bus am oberen Ende der Alten Brunnengasse (Grand-Fontaine) präsent. Dort können sich Sexarbeiterinnen zurückziehen, einen Imbiss geniessen und Präventions­material bekommen. Einmal pro Woche gibt es eine Permanence in der Bar an der Alten Brunnengasse. Mittwochs und freitags finden ohne Voranmeldung Sprechstunden für vertrauliche und administrative Fragen im Büro von Grisélidis an der Perollesstrasse  30 statt. An einem Halbtag pro Monat sind zwei Mitarbeiterinnen von Grisélidis im Tremplin anwesend. Sie informieren über Möglichkeiten der Risikoreduk­tion und beantworten Fragen zum Gefühls- und Sexualleben. Sofern es die personellen Ressourcen erlauben, besucht Grisélidis auch Massagesalons im ganzen Kanton. Im vergangenen Jahr leistete Grisélidis 1265 Einsätze in der Alten Brunnengasse. 844 Personen nutzten die Sprechstunden an der Perollesstrasse, 163 das Angebot im Tremplin. Grisélidis besuchte 116 Massagesalons.

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