Freiburg 19.02.2020

Wenn das sehr wichtige erste Gespräch der Online-Anmeldung weicht

Michel Schultheiss arbeitete während 43 Jahren beim Arbeitsamt der Stadt Freiburg, 29 Jahre lang stand er ihm vor. Eine Zeit, in der sich der Umgang mit Arbeitslosigkeit stark verändert hat.

Mit gerade Mal 19 Jahren betrat der frisch gebackene Bankkaufmann zum ersten Mal die Büros des Arbeitsamts an der Reichengasse in der Stadt Freiburg. Hier begann 1976 die Karriere von Michel Schultheiss, die 43 Jahre später im selben Amt, aber an einem anderen Ort – das Arbeitsamt zog unterdessen ins alte Bürgerspital – endete.

Schlangen in der Reichengasse

Schultheiss kann sich gut an die Anfänge erinnern, als die Aufgabe des Arbeitsamts vor allem in der Kontrolle und der Entrichtung der Taggelder bestand. Damals mussten die Arbeitslosen noch jeden Tag aufs Amt kommen, was mit einem Stempel quittiert wurde. «Obwohl die Arbeitslosigkeit eher tief war, reichte die Menschenschlange manchmal von der Käserei Sciboz bis zur Käserei Brechbühl. Und wenn im Winter viel Schnee lag, profitierte die Stadt von den Arbeitslosen und setzte sie zum Schneeschaufeln ein. Die jungen Leute, die das wussten, kamen dann einfach später», erzählt Schultheiss lachend.

Durch das Stempeln sei die Arbeitslosigkeit sichtbarer gewesen als heute, «aber das Schlangestehen war für viele schwierig und entwürdigend». Wenn der Kaderangestellte mit dem untergebenen Personal in einer Reihe stand, habe sich so manch einer den Schal ins Gesicht gezogen. Dafür war es damals auch nicht so schwer, wieder eine Stelle zu finden, wie Schultheiss sagt. «Wenn eine Person mit 50 Jahren ihre Arbeit verlor, kam sie oft bei der Stadt irgendwo unter.»

Engagierte Stadt

Die Stadt Freiburg habe sowieso viel für die Beschäftigung von Arbeitslosen gemacht, und zwar lange bevor der Bund die Kantone 1997 verpflichtete, Regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV) zu eröffnen. So waren der Nachbau des Martini-Stadtplans und die Betreuung von Kindern ausserhalb der Schulzeit in den Anfängen städtische Beschäftigungsprogramme. Während die Beschäftigungsprogramme für die vielen unqualifizierten Arbeitsuchenden in den 1980er-Jahren noch als Überbrückungslösung genügten, wurde die Situation Mitte der 1990er-Jahre schwieriger.

RAV übernimmt

Nebst Beschäftigungsprogrammen wurden Qualifizierungskurse und andere arbeitsmarktliche Massnahmen erforderlich, die neu von den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren angeboten respektive ergriffen wurden. Das Vermitteln von Arbeitsstellen fiel immer weniger in den Aufgabenbereich des städtischen Arbeitsamts. Dieses war schliesslich fast nur noch für die Anmeldung von Stellensuchenden zuständig.

Zuletzt hatte es Michel Schultheiss vor allem noch mit älteren Arbeitnehmern zu tun, die aufgrund des Strukturwandels kurz vor ihrer Pensionierung ihre Lebensstellen verloren hatten – Ciba-, Cardinal- und Polytyp-Angestellte, die kaum mehr eine Chance auf eine Neuanstellung hatten, Menschen, denen Schultheiss in erster Linie sein Gehör schenken konnte. Im vergangenen Dezember löste sich dann das städtische Arbeitsamt auf. Für die Anmeldung von Stellensuchenden ist neu ebenfalls das RAV zuständig. Ende Januar ging Schultheiss in Rente.

Mit ihm geht das Persönliche

Fehlen werden ihm hauptsächlich die vielen Kontakte, jene zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und jene zu den Klienten, die Schultheiss oft über Jahre hinweg wiederkehrend begleitete. «Das Schöne war, wenn man jemand vermitteln konnte. Darum habe ich es wahrscheinlich so lange ausgehalten», sagt er lachend.

Und möglicherweise ist es genau das Persönliche, was unter den neuen arbeitsmarktpolitischen Vorgaben verloren gehen wird. «Ich habe zu meinen Mitarbeitern immer gesagt: Bei der Anmeldung findet das erste, sehr wichtige Gespräch statt. Da müssen wir behilflich sein», sagt Schultheiss. Denn auch wenn Arbeitslosigkeit heutzutage vielleicht weniger mit Vorurteilen behaftet sei: Der Gang zum Arbeitsamt war und bleibt unangenehm. «Ich habe es mehrmals erlebt, dass ein Familienvater so getan hat, als ob er zur Arbeit gehen würde, damit seine Frau es nicht mitbekommt.»

Mit der geplanten Einführung der Online-Anmeldung von Stellensuchenden wird dieses sehr wichtige erste Gespräch wegfallen.