Freiburg 22.10.2019

Zeitreise in die Arktis

Der Svalbardmohn auf Spitzbergen ist ein enger Verwandter des Westlichen Alpenmohns, der in den Freiburger Voralpen wächst.
Der Freiburger Biologe Gregor Kozlowski hat auf Spitzbergen Pflanzen untersucht, die enge Verwandte in den Freiburger Voralpen haben. Die Forschungsarbeit war wegen der vielen Eisbären nicht ungefährlich.

Was hat die arktische Insel Spitzbergen mit den Freiburger Voralpen zu tun? An beiden Orten wachsen hoch spezialisierte Mohnpflanzen, die eng miteinander verwandt sind. «Bei uns wächst der Westliche Alpenmohn auf rund 2000 Metern, auf Spitzbergen wächst sein Cousin, Papaver dahlianum, an der Küste», sagt Gregor Kozlowski, Leiter des Botanischen Gartens von Freiburg. Er hat diesen Sommer während rund zweier Wochen auf der polnischen Forschungsstation Hornsund auf Spitzbergen gelebt und eben Papaver dahlianum, auf Deutsch auch Svalbardmohn genannt, untersucht. Eingeladen hatte ihn ein polnischer Forschungskollege. Thematisch passte die Reise, denn der Botanische Garten der Universität Freiburg und das Naturhistorische Museum Freiburg führen ein grösseres Forschungsprojekt zum Westlichen Alpenmohn durch.

Eisbär vor dem Fenster

«Es war eine der eindrücklichsten und anstrengendsten Expeditionen, die ich je gemacht habe», sagt Kozlowski. Auf der Inselgruppe Spitzbergen, die zu Norwegen gehört, steigen die Temperaturen im August kaum über fünf Grad (siehe auch Kasten). Es gibt mehr Eisbären als Menschen, und gerade für Forscher, die konzentriert Pflanzen am Boden untersuchen, können die Tiere zur unangenehmen Überraschung werden.

Wegen der Bären darf man das Siedlungsgebiet oder die Forschungsstation nur zu zweit oder mehr verlassen. Dabei muss man immer Schusswaffen auf sich tragen – zur Abschreckung der unter Schutz stehenden Tiere. «Das war sehr ungewohnt für mich», sagt Gregor Kozlowski. Sein polnischer Kollege, mit dem er die Reise machte, habe zum Glück Erfahrung mit Schusswaffen. «Ich musste aber vor der Reise ausweisen, dass ich mit einer Waffe umgehen kann, und habe darum ein paar Mal mit meinem Schwiegervater, der Sportschütze ist, geübt.» Zweimal ist Kozlowski den Bären begegnet. Einmal war das Tier relativ weit weg, und die Forscher konnten ihm aus dem Weg gehen.

Ein anderes Mal besuchte ein Eisbär eine entlegene kleine Messstation, in der Kozlowski sich aufhielt. «Zuerst freuten wir uns, als wir den Bären vor dem Fenster sahen», sagt er. Dann hätten sich die Forscher daran erinnert, dass die Tür der Station gerade repariert wurde und sich nicht richtig schliessen liess. «Da waren wir dann ziemlich rasch still.» Der Eisbär schnüffelte ein wenig herum und ging dann wieder weg.

Genetische Analysen

Gregor Kozlowski hat aber nicht nur lebhafte Erinnerungen an Eisbären mit nach Hause genommen, sondern auch einige Pflanzenproben. «Für genetische Untersuchungen habe ich kleine Teile der Blätter abgetrennt und mitgenommen – das ist für die Pflanze selbst nicht tragisch.» Um zu erfahren, wo die Pflanzen wachsen, tauschte er sich im Vorfeld mit norwegischen Forschern aus. Dann hiess es vor allem: marschieren. «Wir machten rund zehn bis zwanzig Kilometer am Tag, bei teils harschen Wetterbedingungen», sagt Kozlowski. Auch deshalb sei die Reise sehr anstrengend gewesen.

Die genetischen Analysen, die die Universität Bern durchführt, sollen zeigen, wie eng der Westliche Alpenmohn und der Svalbardmohn miteinander verwandt sind. «Für mich war die Reise wichtig, um zu erfahren, aus welcher Welt der Westliche Alpenmohn kommt», erklärt Kozlowski. Auf Spitzbergen herrschten ähnliche Bedingungen wie in Europa nach der letzten Eiszeit vor rund 15 000 bis 20 000 Jahren. «Damals war der Westliche Alpenmohn weit verbreitet.» Mit der Erwärmung des Klimas zog er sich in die Alpen zurück und wächst heute nur noch auf einigen Schutthalden an Nordhängen der westlichen Voralpen. Die Reise in den Norden war also gewissermassen auch eine Reise zurück in der Zeit, um die Bedingungen zu untersuchen, die hierzulande nach dem Ende der Eiszeit herrschten.

Die Reise ermöglichte gleichzeitig aber auch einen Blick in die Zukunft. Denn auf Spitzbergen ist der Klimawandel viel stärker zu spüren als bei uns. «In den letzten Jahrzehnten stieg die Durchschnittstemperatur um ganze sechs Grad», sagt Kozlowski. So untersuchte er auch, welche Auswirkungen diese Erwärmung auf die arktischen Mohnarten hat – was wiederum Rückschlüsse auf den Westlichen Alpenmohn erlaubt.

Kozlowski und sein Team haben Berechnungen angestellt und sagen: «Steigt die Durchschnittstemperatur in den westlichen Voralpen ebenfalls so rasch an, ist der Westliche Alpenmohn wohl in fünfzig Jahren ausgestorben.» Für die auf Kälte spezialisierte Pflanze wäre es dann hierzulande definitiv zu warm. «Für den Svalbardmohn auf Spitzbergen dürfte es immerhin noch etwas länger kalt genug bleiben.»

Zahlen und Fakten

Archipel nördlich des Polarkreises

Die Inselgruppe Spitzbergen umfasst rund 400 Inseln und gehört zu Norwegen. Im Hauptort Longyearbyen wohnen rund 2000 Menschen. Daneben gibt es einige kleinere, zum Teil nicht permanent bewohnte Siedlungen sowie Forschungsstationen. Die Inseln sind zentral für die Erforschung der Arktis. Sie liegen nördlich des Polarkreises zwischen 74 und 81 Grad nördlicher Breite. In den Sommermonaten betragen die Durchschnittstemperaturen um 0 Grad, im Winter fallen sie auf bis zu minus 25 Grad. Auf Spitzbergen gibt es rund 150 Pflanzenarten, die meist kleinwüchsig sind. Nur drei grössere Säugetierarten leben auf den Inseln: Rentiere, Polarfüchse und Eisbären.

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