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«Haben einen zu hohen Preis bezahlt»

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

Die Freiburger Gesellschaft hat sich in den letzten 70 Jahren stark verändert. Auch im Sensebezirk blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Otto Piller, während 16 Jahren als SP-Ständerat aktiv, erinnert sich in seinem Buch «Erinnerungen und Geschichten aus einer bewegten Zeit» an Erfahrungen aus seiner Kindheit und Jugend in Alterswil. In 14 Kurzgeschichten, denen wahre Begebenheiten zugrunde liegen, erzählt Piller–mal amüsant, mal tragisch–von Vergangenem. Mit den FN sprach er über das Buch, über politisches Aufbegehren und die Sensler früher und heute.

 

 Otto Piller, mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre Kindheit zurück?

Ich erinnere mich, sehr glückliche Kinder- und Jugendjahre verlebt zu haben. Unsere Eltern haben es trotz eher ärmlicher Lebensverhältnisse geschafft, ihren acht Söhnen eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Wir mussten nie hungern und hatten nie das Gefühl, dass uns etwas fehlen würde. Ausserdem haben Vater und Mutter uns ein grosses Selbstbewusstsein mitgegeben. Mein Vater war immer jemand, der gegen die Obrigkeit angetreten ist. So haben wir uns bereits sehr früh zu wehren gelernt.

 

 Das war im Sensebezirk Ihrer Kinder- und Jugendjahre keine Selbstverständlichkeit.

Nein. Der Sensler wurde erzogen, um zu dienen. Der Freiburger Bundesrat Jean-Marie Musy hat an einer Wahlfeier einmal gesagt, er liebe die Sensler, denn sie würden gehorchen. Ich denke, die Sensler haben sich tatsächlich zu lange und zu stark ihrem Schicksal ergeben, ohne sich dagegen zu wehren. Dafür haben viele Generationen einen zu hohen Preis bezahlt.

 

 Auch Ihre Generation?

Ja, ganz klar. Der Sensebezirk war zu dieser Zeit ein kinderreicher, aber wirtschaftlich schwacher Bezirk. Eine Tante und ein Onkel von mir hatten je 18 Kinder. Von diesen beiden Familien konnten nur vier Kinder im Bezirk bleiben. Alle anderen mussten ausserhalb des Bezirks eine Arbeit finden. Die Perspektivlosigkeit war gerade für Jugendliche schlimm. Nur wenige Kinder durften die Sekundarschule besuchen.

 

 Aus welchem Grund?

Es war nicht erwünscht. Das Volk sollte gehorsam und treu ergeben leben. Dieses rückwärtsgerichtete Denken wurde durch die katholisch-konservative Obrigkeit initiiert und sorgte dafür, dass der Kanton Freiburg einen grossen Rückstand auf andere Gebiete der Schweiz aufwies. Und gerade der Bildungsauftrag wurde über lange Zeit hinweg sträflich vernachlässigt.

 

 Hat man sich damals zu naiv seinem Schicksal ergeben?

Der Sensebezirk war aufgrund einer doppelten Abgrenzung–konfessionell zu Bern und sprachlich zu Freiburg–in ein isoliertes Dasein gezwungen. So hat man geglaubt, was von der Autorität erzählt wurde. Und jeder, der dagegen aufbegehrte, wurde kleingehalten. Erst durch das Fernsehen hat man andere Realitäten zu sehen bekommen.

 

 In Ihrem Werk üben Sie diesbezüglich auch Kritik an den Freiburger Nachrichten.

In Deutschfreiburg hatten die Freiburger Nachrichten quasi ein Informationsmonopol. Weil sie einerseits kirchennah und andererseits regimetreu waren, berichteten sie–wie etwa auch La Liberté–während langer Zeit im Dienste des politischen Establishments. Die katholisch-konservativen Kräfte wussten die Freiburger Medien damals systematisch für sich zu nutzen. Aber ich kritisiere das nicht, ich möchte einfach von vergangenen Realitäten berichten. Durch das Abgeschlossensein und die mangelnde Information haben die Menschen im Sensebezirk vieles zu schnell akzeptiert. Und das ohnehin schon enge Korsett, in welchem die Bevölkerung von der Kirche und der Obrigkeit gehalten wurde, zog sich wegen der Armut noch stärker zusammen.

 

 Im Buch erinnern Sie sich an einen «sadistischen» Dorfpfarrer, der die Alterswiler 40 Jahre lang terrorisierte.

 Er war ein Meister der Angst und der Züchtigung. Bei ihm mussten sogar die Bauern jeweils um Erlaubnis fragen, wenn sie am Sonntag das Heu zusammentragen wollten. Dabei hatte der Pfarrer eigentlich gar keine Kompetenzen dieser Art; weder im Gesetz noch in der Verfassung. Aber er hat entschieden. Und das wurde von der Bevölkerung brav akzeptiert. Darüber wird natürlich nicht gerne geredet, und gerade deshalb war es mir ein ganz besonderes Bedürfnis, auch über diesen Aspekt zu berichten. Zumal ich als Messdiener die eine oder andere prägende Story erlebt habe.

 

 Wann begannen sich die Menschen zu wehren?

Die grosse Aufbruchstimmung rund um das Zweite Vatikanische Konzil hat dazu geführt, dass sich die Theologische Fakultät der Universität Freiburg komplett veränderte. Die Uni war damit ein Ort für neue Ideen. Durch die 1968er-Bewegung brodelte es auch in Freiburg stark. Ich glaube, all diese Erfahrungen haben die Bevölkerung zum politischen Aufbegehren bewegt.

 

 Der Flamatter Arzt und Begründer der Deutschfreiburgischen Arbeitsgemeinschaft Peter Boschung hatte von seinen Mitbürgern einst verlangt: «Seisler, erhäpti u stan!» Was würden Sie Boschung heute antworten?

«Wier stane!» Auch wenn in einigen Punkten noch Nachholbedarf besteht, hat sich der Sensebezirk enorm gewandelt. Für mich ist die fortschrittliche Umsetzung des Bildungsauftrages die grösste Errungenschaft. Hier wurde gewaltiges geleistet. Wenn ich heute die Jugend sehe, wie sie selbstbewusst und stolz ins Leben schreitet, dann weiss ich, dass die alten Zeiten nie mehr wiederkommen. Zum Glück.

Zur Person

Erfolgreich in Politik, Beruf und Familienleben

Otto Piller wurde 1942 in Alterswil geboren, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Nach einer vierjährigen Berufslehre im Bereich Messtechnik bei der Vibro-Meter AG (heute Meggitt AG) in Freiburg absolvierte er am Technikum Burgdorf ein Elektronikstudium. Dann studierte er an der Universität Freiburg als Werkstudent Mathematik und Physik. Er doktorierte auf dem Feld der Kernphysik und trat 1972–nach einigen Jahren in der Privatwirtschaft–ins Bundesamt für Messwesen ein, dem er von 1984 bis 1996 als Direktor vorstand. Von 1997 bis 2003 leitete er das Bundesamt für Sozialversicherungen. Otto Piller (SP) vertrat Freiburg während 16 Jahren, von 1979 bis 1995, im Ständerat. Nachdem er den Ständerat 1992/93 präsidiert hatte, war er 1995 als Bundesratskandidat und Konkurrent von Moritz Leuenberger bei der Ersatzwahl von SP-Bundesrat Otto Stich involviert. Otto Piller ist verheiratet, hat zwei Kinder und fünf Enkelkinder.mz

Zum Werk

Für Familie geplant, von Öffentlichkeit geschätzt

Die «Erinnerungen und Geschichten aus einer bewegten Zeit» wurden im April fertiggestellt und sind den Enkelkindern von Otto Piller gewidmet. Die 100 Exemplare, die Piller anfertigen liess, verteilte er im engen Familien- und Freundeskreis und waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Durch einen Freund Pillers gelangte das Werk an ein breiteres Publikum, wo es auf grosses Interesse stiess. Es entstanden deshalb weitere Buchexemplare.Das Buch kann nun bei der Kanisiusbuchhandlung in Freiburg, unter der Telefonnummer 026 322 13 45 oder im Internet unter www.kanisius.ch für 19.80 Franken bestellt werden.mz

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