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«Jammern nützt nichts»

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Das ist ein bezahlter Beitrag mit kommerziellem Charakter. Text und Bild wurden von der Firma Muster AG aus Musterwil zur Verfügung gestellt oder im Auftrag der Muster AG erstellt.

«Ich muss schon die ganze Zeit rechnen, damit es am Ende des Monats reicht», sagt Frau S., die anonym bleiben will. Sie sitzt am Tisch ihres Wohnzimmers in einer Sensler Gemeinde und erzählt aus ihrem nicht immer leichten Leben, in dem das knappe Geld stets eine Rolle gespielt hat. Die 72-Jährige lebt sehr bescheiden. «Ich jammere nicht, denn ich kann jeden Monat meine Rechnungen bezahlen.» Wenn Miete, Krankenkasse und Versicherungen bezahlt sind, bleibt wenig mehr zum Leben. «Ich brauche aber auch nicht viel.» Sie müsse nicht shoppen gehen oder reisen. «Ferien habe ich sowieso nie gemacht in meinem Leben.»

Magd ohne Lohn

Aufgewachsen ist Frau S. im Sensebezirk. Der Vater war Bauarbeiter, die Mutter Putzfrau. Gerne hätte sie die Sekundarschule gemacht, doch ihr Vater meinte, für eine Arbeiterfamilie komme das nicht infrage. Nach der Schule hat sie im Verkauf und in Haushalten gearbeitet. Mit knapp 18 Jahren hat sie geheiratet. Ihr Mann war ein Bauernsohn, der auf dem Hof der Familie als Knecht angestellt war. Sie wurde Mutter von sieben Kindern. Es waren harte Zeiten. Die Familie ihres Mannes habe von ihr vollen Einsatz erwartet. «Ich war eine Magd ohne Lohn. Man hat das einfach gemacht, ohne zu hinterfragen.» Grosse Sprünge lagen nicht drin. Ihr war es aber wichtig, dass ihre Kinder mit dem Nötigsten, wie etwa Kleider, versorgt waren. Die Frage, ob sie gelitten hätten, verneint sie: «Sie haben mir später gesagt, dass es ihnen wichtiger war, dass ich immer für sie da war. Sie hätten viel Liebe, Zuneigung und Verständnis erfahren, dass sie nie etwas vermisst hätten.» Sie sei stolz, dass sie die Kinder mit wenig und fast allein grossgezogen habe und dass sie sich gut entwickelt hätten. «Es gibt mir eine gewisse Genugtuung, dass es sich gelohnt hat, durchzuhalten.»

Neue Chance

Mit 43 Jahren hat Frau S. ihr Leben geändert. Sie belegte einen Rotkreuzkurs, holte das Autopermis nach und erhielt die Gelegenheit, in einem Pflegeheim die zweijährige Lehre als Betagtenbetreuerin zu absolvieren. Ein grosser Schritt, der nicht einfach war. «Mein Mann hat das nicht verstanden. Er wollte, dass es so bleibt wie vorher», erzählt sie. Sie aber wollte die Chance packen. Ihr Wunsch, sich weiterzuentwickeln, führte zum Zerwürfnis. Sie zog mit einer ihrer Töchter in eine eigene Wohnung. Nach der Ausbildung habe sie gearbeitet «und gespart und gespart», bis es für ein Occasionauto reichte. Einige Jahre arbeitete sie dann in der Pflege. Bis zum Jahr 2000: Sie rutschte aus, fiel um und verletzte sich an der Achsel. Zusammen mit den Rückenschmerzen, ein Überbleibsel von der früheren Arbeit auf dem Hof, führte das dazu, dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Bis zur Pension bezog sie eine Invalidenrente. Hohe Beträge sind während der kurzen Berufstätigkeit nicht in die Sozialversicherungen eingeflossen. Entsprechend knapp fällt die Rente heute aus.

Sie komme einigermassen über die Runden, sagt Frau S. «Ich habe einfach keine Reserven.» Wenn eine grössere Ausgabe anfalle, etwa eine neue Brille, dann müsse sie die Hilfe ihrer Familie in Anspruch nehmen. Das tue sie aber ungern, weil sie niemandem zur Last fallen wolle. Für die Krankenkasse erhalte sie vom Kanton Unterstützung. «Sozialhilfe zu beziehen, daran habe ich nie gedacht. Ich denke mir, dass es andere gibt, die das Geld viel nötiger haben als ich.»

Der einzige Luxus, den sie sich gönnt, ist zwei- bis dreimal in der Woche einen Kaffee in einem Tearoom zu trinken; oft bezahlt sie mit Gutscheinen, die ihr die Familie geschenkt hat. Frau S. ist ein zufriedener Mensch. Sie geht spazieren, liest viel, löst Rätsel und verfolgt das Weltgeschehen. «Ich habe einen geregelten Tagesablauf und kann mich gut beschäftigen.» Einsam fühle sie sich nicht. Eine Enkelin habe sie das vor kurzem gefragt: «Groseli, fühlst Du Dich nicht manchmal traurig?»

Sie sei nicht neidisch auf Leute, die mehr Geld hätten als sie. Denn manchmal sehe sie, dass die auch nicht glücklicher seien. Sie hadere nicht mit ihrem Schicksal, und mit dem Herrgott schon gar nicht. «Wenn schon mit der Politik.» Dass die Asylbewerberfamilie im gleichen Haus sich mehr leisten könne als sie, gebe ihr zu denken. «Ich finde es nicht richtig, dass ich auf das wenige Einkommen, das ich habe, noch Steuern bezahlen muss.» Sie habe Steuern bezahlt, als sie noch gearbeitet habe. Aber jetzt? Die Steuern machen bei ihr immerhin die AHV-Rente eines Monats aus – Geld, das ihr an anderer Stelle fehlt. Sie lege gerne ein paar Batzen auf die Seite, um den jüngeren Grosskindern zum Geburtstag etwas Kleines schenken zu können. Gerne würde sie auch etwas sparen, damit die Kosten für ihre Beerdigung bezahlt wären. «Meine Kinder sagen mir zwar, dass sie das übernehmen würden, aber das will ich eigentlich nicht.»

Neuer Lebensmut durch Enkel

Eine Zeit lang hatte Frau S. Mühe mit ihrer Situation. «Ich hatte den ‹Läckmer›, sah keinen Sinn mehr weiterzuleben. Immer nur knorzen, um durchzukommen. Ich sagte mir, Du hast Dein Leben gehabt, was willst Du noch», erzählt sie. Es habe eine Weile gedauert, bis sie diese Phase überwunden habe. Sie habe mit ihrem Arzt gesprochen, sonst wollte sie niemanden belasten. Neue Lebensfreude bekam sie durch ihre zwei jüngsten Enkelkinder im Primarschulalter, die ab und zu bei ihr zum Mittagessen kommen. «Groseli, gell, Du stirbst noch lange nicht», habe eins davon gefragt. Das habe ihr vor Augen geführt, dass sie wohl doch ein wenig vermisst würde, wenn sie nicht mehr da sein würde. «Das gab mir neuen Auftrieb», erzählt die Grossmutter von zwölf Enkelkindern.

Was wäre, wenn …

Auf die Frage, was sie mit geschenkten 1000 Franken machen würde, lächelt sie und überlegt. «500 Franken würde ich wohl in die Schublade legen.» Und mit dem Rest? «Damit würde ich wohl wieder einmal in die Stadt fahren und mir ein paar T-Shirts und Hosen kaufen, ohne das Gefühl zu haben, das ich das eigentlich nicht unbedingt nötig hätte.» Die Frage, was sie anders machen würde, wenn sie noch einmal jung wäre, stimmt sie nachdenklich. Eine Familie würde sie gerne wieder haben. «Ich würde mich wohl früher wehren und mir nicht alles gefallen lassen.» Hätte sie die Möglichkeit gehabt, hätte sie gerne studiert. «Anwältin oder Ärztin, das wäre mein Traumberuf gewesen.» Aber voilà, sagt sie. «Ich denke nicht darüber nach. Das nützt nichts, sonst wird man nur verbittert. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe.»

In einer Herbstserie geben die «Freiburger Nachrichten» der Armut in diesem Kanton ein Gesicht. Wir gehen der Frage nach, was Armut ist und wo sie fundamentale Bedürfnisse tangiert.

Menschen in Not

Vinzenzvereine und Cartons du Coeur helfen

Genaue Zahlen gibt es nicht, wie viele Menschen in der Schweiz am Rande der Armut leben. Die Schamgrenze, Hilfe anzufordern, ist bei vielen zu hoch. Hilfsorganisationen wie Cartons du Coeur oder die Vinzenzgemeinschaften sind mögliche Anlaufstellen. Die Organisation Cartons du Coeur spendet Menschen in Notsituationen Pakete mit Grundnahrungsmitteln und Haushaltsartikeln. Damit sollen sie zwei bis vier Wochen überbrücken können. Im Sensebezirk arbeiten für Cartons du Coeur rund 40 Personen ehrenamtlich. Sehr aktiv sind auch die Vinzenzgemeinschaften, eine karitative christliche Vereinigung, die auf den heiligen Vinzenz von Paul zurückgeht. In Deutschfreiburg gibt es 16 Vinzenzvereine, die sich diskret für Notleidende, Alleinstehende, Kranke oder Ratsuchende, unabhängig von Geschlecht, Stand, Herkunft, Kultur, Sprache, Rasse und Religion einsetzen. Die Mitglieder leisten unbürokratisch persönliche und materielle Hilfe.

im

Mehr Infos: cartonsducoeur.senseweb.ch oder Tel. 079 283 20 24; www.kath-fr.ch/vinzenz

«Ferien habe ich in meinem Leben sowieso nie gemacht.»

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