Freiburg 11.02.2019

Die Menschenkenner vom Arbeitsamt

Ein Kontrolleur mit Kamera: Damit kann er Dokumente wie Arbeitsverträge fotografieren.
Rund 600 Kontrollen pro Jahr führen die Freiburger Schwarzarbeitsinspektoren durch. Dabei gilt es nicht nur, Dokumente zu überprüfen, sondern auch Gesichter zu lesen. Die FN waren bei einer Inspektion im Sensebezirk dabei.

Als Sébastien die Garage betritt, fühlt sich der Arbeiter offensichtlich ertappt. Er lässt seine Werkzeuge fallen und eilt zur Tür auf der anderen Seite der Garage. Doch dort wartet bereits Sébastiens Kollege Charles. «Arbeiten Sie hier? Wir würden gern Ihren Ausweis sehen», sagt er freundlich, aber bestimmt.

Sébastien und Charles heis­sen in der Realität anders, ebenso wie ihre Kollegen Olivia und Christian, die ebenfalls bei der Kontrolle dabei sind. Sie alle arbeiten beim kantonalen Arbeitsamt als Schwarzarbeitsinspektoren und möchten lieber anonym bleiben. Pro Jahr führen sie rund 600 Kontrollen bei Betrieben im ganzen Kanton durch, auch nachts und am Wochenende. Sie prüfen, ob Sozialversicherungsbeiträge und die Quellensteuer bezahlt werden und ausländische Arbeitnehmer eine Arbeitsbewilligung haben. Die Hälfte der Kontrollen wird nach dem Zufallsprinzip durchgeführt, die andere Hälfte nach Hinweisen anderer Ämter, etwa des Migrationsamts. Die In­spektoren melden verdächtige Fälle den zuständigen Ämtern weiter; sie selbst können keine Sanktionen aussprechen.

Heute sind sie bei einer gros­sen Garage im Sensebezirk. Es ist eine Nachkontrolle; bei früheren Kontrollen hatten sie bereits Unregelmässigkeiten festgestellt. Charles befragt nun den Arbeiter, der gebrochen Deutsch spricht. Sébastien spricht mit dem Patron der Garage. Die Inspektoren befragen die beiden in verschiedenen Ecken der Garage, damit sie sich nicht absprechen können.

Heftige Diskussion

«Das ist mein Bruder, er ist hier in den Ferien und hilft aus», sagt der Patron zu Sébastien. «Seit wann ist er hier?», fragt Sébastien. «Eine Woche, ungefähr, vielleicht zehn Tage.» Der Patron blickt zu seinem Bruder, doch der steht hinter einem halb reparierten Auto. Sébastien hakt nach. «Sie wissen das Datum also nicht genau?» Der Mann murmelt etwas, blickt wieder zu seinem Bruder. «Nein, Sie dürfen nicht mit ihm sprechen», sagt der Kontrolleur.

Der Sohn des Patrons betritt nun die Garage. Olivia und Christian nehmen ihn zur Seite und erklären, wer sie sind. Olivia kontrolliert seinen Ausweis und fragt: «Seit wann arbeiten Sie bei Ihrem Vater? Haben Sie einen Arbeitsvertrag?» Der junge Mann beantwortet die Fragen knapp und etwas schnippisch. Sobald die Kontrolleure die Befragung von Patron und Sohn beendet haben, diskutieren die beiden heftig in ihrer Muttersprache.

Nicht besonders beliebt

«Klar, wir sind nicht besonders beliebt, wenn wir vorbeikommen», erklärt Olivia später. Sie sei bei der Inspektion einer Küche einmal sogar mit einem Messer bedroht worden. Doch das sei ein Einzelfall, meistens seien die Leute zwar genervt, lenkten aber bald ein und kooperierten. «Wir sind speziell geschult, um auch in heiklen Situationen ruhig zu bleiben», sagt sie. «Eskaliert die Situation, gehen wir vom Platz und kommen zu einem späteren Zeitpunkt wieder, wenn nötig mit Polizei.»

Einige der Kontrollierten lügen. Sehr oft hörten die In­spektoren, jemand sei nur zum Schnuppern im Betrieb, sagt Olivia. Lügen müssten sie erkennen können. «Es braucht schon etwas Menschenkenntnis, um als Inspektorin zu arbeiten.» Christian stimmt dem zu. Er hat vorher als Polizist gear­beitet. «Das hilft mir, ­manche Situationen einzuschätzen.»

In der Garage hat sich die Lage entspannt. Der Patron bietet den Kontrolleuren Kaffee an, Sébastien lehnt höflich ab und gibt dem Mann verschiedene Dokumente. «Hier können Sie nachlesen, wo Sie Ihren Bruder anmelden müssen, wenn er bei Ihnen arbeiten will.»

Olivia erklärt später, man lege viel Wert auf Prävention, die Kontrolleure führen auch Schulungen durch. «Viele Leute wissen nicht, dass sie ihre AHV- und Pensionskassenbeiträge selbst einsehen und so überprüfen können, ob der Arbeitgeber diese bezahlt.»

Damit der Arbeiter in der Garage seines Bruders seine Situation klären kann, muss er sich nun bei der Fremdenpolizei melden. Er erkundigt sich, wie er das tun muss, und wirkt nun nicht mehr nervös. Zum Abschied lächelt er und gibt den Kontrolleuren die Hand.

Serie

Die Schwarzarbeit unter der Lupe

Der Kanton Freiburg ist daran, sein Gesetz über die Beschäftigung und den Arbeitsmarkt abzuändern, um besser gegen Schwarzarbeit vorgehen zu können. Ein Massnahmenplan soll diese Revision ergänzen. Auch die gemeinsame Kriminalpolitik der Staats­anwaltschaft und des Staatsrats soll der Schwarzarbeit mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Ziel sind unter anderem härtere Sanktionen. Die Inspektoren vom Arbeits­amt überprüfen bei ihren Kontrollen Betriebe aller Branchen ausser Baustellen. Dafür ist das Baustellen­inspektorat zuständig. Zahlen über das Ausmass der Schwarzarbeit gibt es kaum. In einer Artikelserie beleuchten die «Freiburger Nachrichten» verschiedene Facetten der Schwarzarbeit im Kanton Freiburg.

uh/nas