FREIBURG 08.10.2019

Eine «grüne Gabel» für gesünderes Essen

Das Label «Fourchette verte» für nachhaltige Ernährung an Kantinen, Schulen und Krippen feiert sein 25-jähriges Bestehen.

«Wir essen zu viel Fleisch, zu viel Salz und zu viel Zucker», sagte Bundesrat Alain Berset (SP) gestern in Freiburg. «Die Konsequenz: Es gibt immer mehr Übergewichtige und immer mehr Folgekrankheiten wie Diabetes oder Herzbeschwerden. Die Folgen von Übergewicht sind für 80 Prozent unserer Gesundheitskosten verantwortlich.»

Um dem entgegenzuwirken, wurde genau vor einem Vier­teljahrhundert der Verband «Fourchette verte» («grüne Gabel») Schweiz gegründet, der sich für gesunde, nachhaltige Ernährung in Kinderkrippen, Schulen und Betriebskantinen starkmacht (siehe blauer Kasten). Weil der Verband derzeit von der Freiburger Staatsrätin Anne-Claude Demierre (SP) präsidiert wird, ging die 25-Jahr-Feier der «grünen Gabel» in der Hochschule für Gesundheit der Saanestadt über die Bühne mit Alain Berset als Ehrengast.

Junge Menschen im Fokus

«Wenn es um gesündere Ernährung geht, ist Prävention zentral», so der Vorsteher des Departements des Inneren. «Und die kollektive Restauration spielt dabei eine sehr wichtige Rolle, denn in der Schweiz verpflegen sich rund eine Million Menschen täglich in einer Kantine, Schule oder Krippe.»

Es sei klar, dass gesunde, nachhaltige Ernährung bei der Gründung von «Fourchette verte» im Jahr 1994 noch nicht den gleichen Stellenwert wie heute hatte. Um so erfreulicher sei die bisherige Entwicklung mit schweizweit rund 1600 Betrieben, die das Label hätten. Zwei Drittel von ihnen würden unter 16-Jährige ansprechen. «Sie alle haben eine riesige Verantwortung», so der Bundesrat. Bei den Privatunternehmen müsse er indes leider feststellen, dass sich ausländische Firmen oft offener gegenüber dem Thema gesunde Ernährung zeigten als einheimische.

«Die Dosis macht das Gift aus»

Anne-Claude Demierre wies ihrerseits darauf hin, dass «vor einigen Jahrzehnten etwas Übergewicht noch als Zeichen guter Gesundheit angesehen wurde, während wir heute wissen, dass es einen klaren Risikofaktor darstellt». Umso verdankenswerter sei die Arbeit der «Fourchette verte»-Betriebe, die täglich rund 117 000 Mahlzeiten servieren.

Das Ganze sei aber auch ein gesellschaftliches Problem. Denn wenn allerorten in der Nähe von Schulen Fastfood-, Burger- und Kebab-Betriebe ihre Tore öffneten, sei die Versuchung für die Schulkantinen gross, ebenfalls Chicken-Nuggets und Pommes frites zu verkaufen, um ihre Kundschaft zu behalten. Dennoch sei gegen gelegentliches Essen solcher Mahlzeiten wenig einzuwenden. Demierre zitierte dazu den berühmten Schweizer Arzt Paracelsus: «Die Dosis macht das Gift aus.»

«Fähigkeit zur Innovation»

«In den letzten 25 Jahren hat sich das Label ‹Fourchette verte› immer wieder an neue Bedürfnisse angepasst», sagte der Direktor von Gesundheitsförderung Schweiz, Thomas Mattig. «Diese Fähigkeit zur Anpassung und Innovation ist heutzutage sehr wichtig, auch in Anbetracht der sich verändernden Ernährungsverhältnisse.»

Er sei aber optimistisch, dass das Label eines Tages in der gesamten Schweiz angeboten werde, so Mattig.

Zahlen und Fakten

Gegen 60 Betriebe im Kanton zertifiziert

Das Qualitäts- und Gesundheitslabel «Fourchette verte» wurde vor 25 Jahren auf Initiative des Kantons Genf ins Leben gerufen. Seit 20 Jahren arbeitet der Verband mit Gesundheitsförderung Schweiz zusammen. Zurzeit ist er in 17 Kantonen aktiv. Der Kanton Freiburg ist laut Staatsrätin Anne-Claude Demierre (SP), die den Verband seit zwei Jahren präsidiert, seit 18 Jahren Teil von «Fourchette verte». Gegen 60 Betriebe im Kanton seien zertifiziert. «Auch für die Kantonsregierung ist dieses Label sehr wichtig», so Demierre weiter. Denn es stehe für Prävention und sei auch Teil des Programms «Ich ernähre mich gesund und bewege mich ausreichend».Bundesrat (SP)

Geschichte

Gesundes Essen im Wandel der Epochen

Im Rahmen der Jubiläumsfeier von «Fourchette verte» thematisierte die Direktorin des Greyerzer Museums in Bulle, Isabelle Raboud-Schüle, die Geschichte der Ernährung im Wandel der Zeiten. Einen entscheidenden Einschnitt hätten dabei laut Raboud die Industrialisierung und die Verstädterung im 19.  Jahrhundert bewirkt: 1836 öffnete die schweizweit erste Teigwarenfabrik ihre Tore. Ab 1866 wurde Kondensmilch produziert, 1884 folgte Maggi mit seinen Suppen und Würzen, 1898 wurde die Zuckerfabrik Aarberg eröffnet. Die Schokoladeproduktion wurde indes laut Raboud erst im 20. Jahrhundert zum Thema. Sie wurde im Zuge des Ersten Weltkriegs populär, ebenso wie die ursprünglich von den Soldaten stammende Sitte, zum Frühstück Brot mit Butter und Konfitüre zu essen. Die Jahre zwischen 1920 und 1950 seien von starkem Nationalismus geprägt gewesen. So sei der Käse erst in jener Zeit zu einer eigentlichen Nationalspeise geworden. Die Jahre von 1950 bis 1975 hätten im Zuge der Hochkonjunktur eine weitere Welle der technischen Innovationen gebracht: so etwa den Kühlschrank in den Haushalten oder die agro-industrielle Produktion.

Von 1975 bis 2000 sei erstmals das Problem der Überernährung aufgetreten. Das 21.  Jahrhundert sei dadurch gekennzeichnet, dass Mahlzeiten überwiegend ausser Haus konsumiert würden.