Freiburg 19.09.2019

Er lauscht der Musik aus dem Stöckli

In vier Jahren hat sich Pierre-André Page unter der Bundeshauskuppel deutlich mehr Gehör verschafft.

Vor vier Jahren sicherte Pierre-André Page der Freiburger SVP einen zweiten Sitz im Nationalrat. Nun strebt er nach Höherem: Er will versuchen, der CVP oder der SP einen Ständeratssitz zu entreissen.

Am Anfang, da hat ihn der Fraktionschef schon mal ungeduldig gefragt: «Bist du fertig?» Pierre-André Page war ernüchtert: «Man hat mir nicht mal richtig zugehört.»

Das gehörte zu den «Lehrblätzen», die Page nach seiner Wahl in den Nationalrat 2015 erfahren musste. Wohl hatte er der Freiburger SVP nach langem Warten einen zweiten Sitz in der grossen Kammer gesichert, aber in Bern war der Landwirt aus Châtonnaye (Glanebezirk) noch niemand.

Das hat sich unterdessen geändert – spätestens seit Februar 2016, als Page von der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur in die prestigeträchtigere Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie wechselte. Der Freiburger SVP-Nationalrat nahm dort den Sitz von Guy Parmelin ein, der gerade zum Bundesrat gewählt worden war. Und in dieser Kommission ist Page der einzige französischsprachige SVPler. Infolgedessen tritt er seither auch deutlich öfter ans Rednerpult und kann für die Fraktion sprechen. Jetzt hört man ihm auch zu.

Page gehört der mit 74 Mitgliedern grössten Fraktion im Nationalrat an. Diese teilt sich die Ämter im Parlament so auf, dass die Mitgliedschaft in einer ständigen Kommission die Regel ist. Page, der bei Antritt des Nationalratsmandats für seinen Bauernhof in Châtonnaye einen Stellvertreter engagiert hatte, ist nun bereit für mehr. In einer zweiten Amtszeit würde er auch gerne in einer zweiten Kommission Einsitz nehmen, noch lieber aber würde er in den Ständerat wechseln. «Das würde ungefähr einem Pensum von 80 Prozent entsprechen. So könnte ich weiterhin auf meinem Bauernbetrieb tätig sein.»

Im Ständerat sei der Horizont grösser, man bearbeite mehr Dossiers, sei weniger auf einzelne Gebiete spezialisiert und vertrete in erster Linie die Interessen der Kantone.

«Als wählerstärkste Partei muss die SVP auch im Ständerat zulegen. Es braucht ihre Stimme», fordert Page. Die Partei stellt derzeit nur 6 der 46 Sitze im Stöckli. Alle SVP-Ständeräte stammen aus der Zentral- oder der Ostschweiz.

Andere scheiterten vor ihm

Ob ausgerechnet Pierre-André Page die Freiburger SVP in den Ständerat bringt, ist fraglich. Bereits vor vier Jahren war die Rechtspartei klar gescheitert. Erst mit Emanuel Waeber und im zweiten Wahlgang mit Jean-François Rime.

Page gibt sich aber nicht von vornherein geschlagen. «Die Ausgangslage ist anders», sagt er. Beispielsweise, weil sich dieses Mal zehn Kandidaten um die beiden Freiburger Ständeratssitze balgen. «Ein zweiter Wahlgang ist sehr wahrscheinlich», meint Page. «Wenn etwa Christian Levrat im ersten Wahlgang gewählt wird, ist für den zweiten Sitz vieles möglich.» So könnten gemäss Page die Wähler das Gefühl bekommen, ein dritter CVPler aus dem Sensebezirk in der Person von Beat Vonlanthen könne etwas gar viel sein, wenn Christine Bulliard und Bruno Boschung bereits in den Nationalrat gewählt sein sollten.

Mit Levrat und Vonlanthen würden zudem zwei Berufspolitiker den Kanton vertreten, betont Page. «Aber es braucht unbedingt Unternehmer, die beruflich engagiert sind.» So wie er als Meisterlandwirt. Dann wäre da noch das Gleichgewicht zwischen den beiden Sprachregionen sowie zwischen links und rechts, das die Freiburger Wähler seit dem Duo Schwaller/Berset immer wieder bestätigten.

«Das Gleichgewicht ist wichtig», betont Page. Doch für das sprachliche Gleichgewicht gelte es eben auch die Nationalratsvertretung zu beachten. Und betreffend das politische Gleichgewicht meint Pierre-André Page: «Beat Vonlanthen steht politisch nicht sehr rechts. Ich ordne ihn eher Mitte-links ein.» Page könnte sich vorstellen, sowohl mit Levrat als auch mit Vonlan­then im Ständerat zu sitzen. «Egal, mit wem: Ich kann mit beiden zusammenarbeiten.»

Nationalrat als Barometer

Gemäss dem SVP-Kandidaten wird das Resultat aus den Nationalratswahlen ein Barometer für einen allfälligen zweiten Wahlgang in den Ständerat sein. Wenn allerdings der Abstand zu den Erstplatzierten gross sein sollte, müsste man die Lage neu analysieren, so Page. Die Wähler hätten meist die Resultate aus ersten Wahlgängen bestätigt.

Pierre-André Page ist selber kein Mainstream-SVPler. Die Auswertung von Smartvote zeigt, dass er eher links der SVP-Fraktion steht. Dies sei vor vier Jahren der Fall gewesen, und das sei immer noch so, meint er.

«Bei Abstimmungen sollte die SVP-Fraktion geschlossen abstimmen», zeigt er sich überzeugt. «Nur so können wir unsere Stärken ausspielen. Und ich brauche die Fraktion auch für meine eigenen Vorstösse.»

Dennoch ist Page überzeugt, dass er seine Meinung in die wichtigen Dossiers einbringen kann, etwa in den Fraktions- und Kommissionssitzungen. Es gab Momente, in denen er auch im Plenum aus der Reihe tanzte. «Bei der Abstimmung zur Steuerreform habe ich Ja gestimmt, und zwar gegen die Mehrheit der Partei. Das hat mir zum Teil Vorwürfe eingebracht.»

Auch bei der Klimapolitik ist er nicht ganz zufrieden mit seiner Partei. «Ich glaube, die SVP hat nicht genügend kommuniziert, was wir schon alles für die Umwelt machen.» Für ihn als Landwirt ist der Klimawandel eine Realität: «Die Temperaturen steigen. Das sehe in an den Kulturen. Die Winter sind schneller zu Ende. Es braucht neue Pflanzen; da arbeiten wir eng mit Agroscope zusammen.» Er selber pflanze heute nicht mehr den gleichen Weizen an wie vor 40 Jahren.

Zum Thema Rahmenabkommen, bei dem die SVP eine ablehnende Haltung einnimmt, hat Pierre-André Page eine dezidierte Meinung: «Es braucht weitere Diskussionen für eine gute Lösung für die Schweiz. Einen grossen Teil der jetzigen Vorlage kann ich akzeptieren. Ein Drittel hingegen ist nicht akzeptabel. Da würden wir durch die Hintertür in die EU geraten.»

Tandempartner gefunden

Pierre-André Page sagt, er habe in seinen vier Jahren in Bern vieles gelernt. Den Einstieg erleichtert hat ihm Parteikollege Jean-François Rime, der sein Kontaktnetz zur Verfügung stellte und ihn mit vielen Personen bekannt machte. Mittlerweile hat Page selber viele Kontakte geknüpft. Er merkt auch, wie er häufiger von Vertretern der Bundesverwaltung und von Lobbyisten kontaktiert wird.

Auch die deutsche Sprache hat Page in Bundesbern besser kennengelernt: «Ich spreche eher schlecht Deutsch, aber ich verstehe es recht gut.» Wie er erzählt, trifft er sich regelmässig während der Session mit der Parteikollegin Sandra Sollberger aus dem Kanton Basel-Land, die selber besser Französisch lernen will. «Wir machen ein Tandem: Sie spricht bei unseren Treffen Französisch und ich Deutsch.»

Unterdessen kann Pierre-André Page in Bundesbern eine Reihe von Erfolgen verbuchen: «Ich habe zuletzt vier Vorstösse durchgebracht.» Es ging dabei um die Nutzung von Gebäuden ausserhalb der Bauzonen, um die Aufwertung des Status von pflegenden Angehörigen, um die Mehrwertsteuerbefreiung für kulturelle Vereine sowie um Smart Farming. Dort soll die 5G-Technologie eingesetzt werden, was wiederum den Einsatz schädlicher Pflanzenschutzmittel vermeiden helfen soll.

Ob Page nun im Nationalrat oder neu im Ständerat Politik betreiben wird: Die Arbeit werde weiter zunehmen, meint er. Schweren Herzens hat er deshalb mit der Blasmusik in Châtonnaye aufgehört. Seit kurzem ist er dafür Präsident der Freiburger Landwehr. Dort könne er die Zeit besser mit seiner Agenda abstimmen, meint er. Ein angenehmer Nebeneffekt ist, dass Page mehr öffentliche Auftritte hat, was seiner Ständeratskandidatur gewiss nicht schadet.

Bis Anfang Oktober porträtieren die FN die Ständeratskandidatinnen und -kandidaten der etablierten Freiburger Parteien.

Interessenbindungen

Chef der Landwehr und der Landi

Der 59-jährige Pierre-André Page ist Meisterlandwirt und führt einen eigenen Hof in Châtonnaye. Er ist im Verwaltungsrat der Vereinigung der Kantonalen Gebäudeversicherungen, präsidiert die Landwehr und die Landi Romont und ist im Vorstand von Pro Familia Freiburg. Der frühere Gemeinderat und Grossrat sitzt in der Nationalratskommission für Umwelt, Raumplanung und Energie, vorher war er in jener für Wissenschaft, Bildung und Kultur.

 

Klimacheck

Die Lebensmittel stammen vom eigenen Hof

Die FN machen mit den Kandidatinnen und Kandidaten einen Klimacheck.

Ab welcher Distanz wechseln Sie vom Velo auf das Auto?

Ab etwa einem Kilometer. Das Velo benutze ich nicht oft.

Wie heizen Sie Ihre Wohnung?

Mit Holz und Solarstrom.

 

Wie oft fliegen Sie pro Jahr? Wohin führte der letzte Flug?

Zwei oder drei Mal. Ende Juni war ich in Kenia.

Welche Produkte kaufen Sie lokal ein?

Vieles produziere ich selber. Die Milch kommt vom eigenen Hof, das Fleisch auch. Und das Gemüse aus unserem Garten.

 

Bei welchem elektrischen Gerät haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie es einschalten?

Bei keinem, da ich am Tag Strom von Solarzellen nutze.

 

Fragebogen

Hoffnung und lebenslanges Lernen

Der Schriftsteller Max Frisch ist ein Leben lang ein Fragender gewesen. Die Kandidatinnen und Kandidaten beantworten ausgewählte Fragen aus seinem Fragebogen von 1966.

 

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Man darf nie aufgeben. Ohne Hoffnung und Ambitionen ist man verloren.

Wie viele Arbeitskräfte gehören Ihnen?

Ich arbeite gerne im Team. Auch in Gruppen, die ich präsidiere.

Worauf könnten Sie eher verzichten:

a. auf Heimat

b. auf Vaterland

c. auf die Fremde?

Die Fremde. Auch wenn ich gerne reise.

 

Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden, oder meinen Sies noch? Angabe des Alters.

Man hat nie ausgelernt.

 

Sind Sie sich selber ein Freund?

Ja und nein. Ich stelle mich immer wieder infrage.