Wünnewil 01.04.2020

«Es gilt: In die Armbeuge lachen»

«Humor schafft Distanz zu den Widrigkeiten, die das Leben mit sich bringt. Mental Distancing, sozusagen», sagt Stephan Moser.
Einen Aprilscherz werden Sie in dieser Zeitung nicht finden. Der Redaktion war es wegen der Corona-Pandemie nicht ums Scherzen. Und trotzdem: Lachen tut in dieser widrigen Zeit gut. Das findet auch der Journalist und Humorist Stephan Moser aus Wünnewil.

Stephan Moser schreibt regelmässig für die Kolumne «Übrigens» der «Freiburger Nachrichten» und ist bekannt für seinen feinsinnigen Humor und seinen Sprachwitz. Er hat sich Gedanken zu Scherzen in Zeiten der Corona-Pandemie gemacht.

 

Heute ist der 1. April, der Tag der Scherze. Ist Ihnen in diesen schwierigen Zeiten der Corona-Krise noch nach Scherzen?

Stephan Moser: In Italien sterben so viele Menschen, dass die Armee die Särge abtransportieren muss. Und auch ich mache mir Sorgen um Risikopatienten in meinem Umfeld. Die Schulen sind zu, das Leben steht still. An die wirtschaftlichen Folgen darf man gar nicht denken. Das ist alles nicht lustig. Und dabei geht es uns noch gut – wir sind keine syrischen Flüchtlinge in einem griechischen Auffanglager, wo es nicht einmal fliessendes Wasser gibt, um sich die Hände zu waschen.

 

Also keine Witze mehr?

Doch. Trotz allem finde ich, dass man noch Witze machen darf, auch über Corona. Doch aufgepasst: Wer laut herauslacht, verteilt Tröpfchen in die Umgebung. Infektionsgefahr! Darum gilt: In die Armbeuge lachen. Und Abstand halten, denn Lachen ist hochgradig ansteckend.

 

Tut Humor in diesen seltsamen Zeiten sogar gut?

Unbedingt. Humor ist in schlechten Zeiten ein Ventil. Humor schafft Distanz zu den Widrigkeiten, die das Leben mit sich bringt. Mental Distancing, sozusagen. Und Abstandhalten ist derzeit ja Bürgerpflicht. Zu versuchen, über sich selber und die Situation zu lachen, hilft dabei, nicht alles so tragisch zu nehmen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Aber ich habe auch absolut Verständnis dafür, dass nicht allen zum Lachen zumute ist. Dem Pflegepersonal zum Beispiel, das jetzt bis zum Umfallen arbeitet.

Ist Lachen gesund?

Lachen stärkt das Immunsystem. «Rire, c’est bon pour la santé», das hat bereits der grosse Humorist und Nebenbei-Bundesrat Johann Schneider-Ammann gesagt. Eigentlich sollte zu Beginn jeder «Tagesschau» seine Ansprache zum Tag der Kranken gezeigt werden, ebenso die Bü-Bü-Bündnerfleisch-Szene von Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz. Das wäre eine kollektive Impfung gegen Trübsal und Depression. Wir haben zwar nicht genug Schutzmasken für das Pflegepersonal, aber genügend lustige Alt-Bundesräte. In Krisenzeiten muss man eben mit dem arbeiten, was man hat.

 

Brauchen wir Humor in Krisenzeiten mehr als sonst?

Ich denke schon. Humor hilft, Situationen zu meistern, die man sowieso nicht ändern kann. So sind derzeit auch die Coiffeurgeschäfte zu. Für die Coiffeure ist das bedrohlich, für die Kunden ärgerlich. Aber statt sich darüber zu ärgern, könnte man sich jetzt zum Beispiel in der Familie gegenseitig die Haare schneiden. Kommt es nicht gut, hat man immerhin einen Grund mehr, nicht aus dem Haus zu gehen. Und das Geld für den Haarschnitt überweist man trotzdem an die Coiffeuse. Selbst wenn wir es nicht wagen, wirklich zur Schere zu greifen, hat die Vorstellung, dass einem die Kinder eine Berset-Glatze rasieren könnten, etwas Entkrampfendes.

 

Wann wäre Corona-Humor nicht mehr akzeptabel?

Humor ist immer situationsbezogen. Es gibt diesen Witz: Was haben Pasta und Corona gemeinsam? Beides haben die Chinesen erfunden, und die Italiener verbreiten es in der ganzen Welt. Der ist bitterböse, ich musste aber trotzdem lachen. Wäre ich aber Italiener und meine Grossmutter läge an einer Beatmungsmaschine, fände ich ihn völlig deplatziert. Es kommt eben immer auf den Kontext an. Und Corona-Witze auf Kosten der Hamster gehen gar nicht. Die Viecher können nun wirklich nichts dafür, wenn das Toilettenpapier ausverkauft ist.

 

Kann ein Thema zu ernst sein, um darüber zu scherzen?

Nein, man kann prinzipiell über alles Scherze machen. Im Mittelalter gab es die Tradition, dass der Pfarrer an Ostern eine lustige Predigt hielt, teilweise mit sehr deftigen Witzen. Damit brachte er die Gläubigen zum Lachen – in der Kirche. Man lachte den Tod aus und sagte ihm so: Du kannst uns mal, nicht du hast das letzte Wort, sondern das Leben. Das finde ich sehr schön. Wer lacht, lebt. Und wer den Humor nicht verliert, hat noch Hoffnung. Und die können wir im Moment gut gebrauchen.

 

Die Corona-Pandemie können wir aber nicht weglachen.

Nein, das können wir nicht. Wir sind wohl auch alle immer wieder überfordert mit der jetzigen Situation. Schwierig auszuhalten ist die Ungewissheit, wie lange die Krise dauern wird. Und plötzlich verbringt man mehr Zeit mit der Familie, als einem lieb ist. Das schafft Spannungen und kann schwierig sein. Das muss man sich auch eingestehen. Man muss versuchen, dafür ein Ventil zu finden, beispielsweise indem man sich auf den Balkon stellt und laut «Füdle» in die Welt hinausschreit, oder auch das andere F-Wort. Das befreit ungemein und stärkt die Lunge. Ich schlage darum vor, dass heute, am 1.  April, alle um 13.30  Uhr auf den Balkonen stehen und «Füdle» schreien, als Schweizer Antwort auf die italienischen Balkongesänge. Machen Sie mit, der Bundesrat und die Schweiz zählen auf Sie.